Heilig haltet die Ekstasen

Thomas Meineckes neuer Roman "Jungfrau"

Von Stefan HöppnerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Stefan Höppner

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Was ist nur mit Thomas Meinecke passiert? Eigentlich gilt er als Autor, dem buchstäblich nichts heilig ist. Spätestens seit seinem Durchbruch "Tomboy" (1998), dem großen Pop-Roman über Gender Studies und die Konstruiertheit der Geschlechter, schreibt er gegen jede Form von Essenzialismus an. Seine Romane, sagt man, sind eigentlich schon mal keine. Sondern an der Literaturtheorie des Poststrukturalismus geschulte Rhizome, Palimpseste. In ihnen ist niemand von vornherein etwas, sondern Identität wird stets neu definiert und ausgehandelt. Was ist ein Mann? Eine Frau? Wie etwa soll man einen Mann nennen, der in einer weiblichen Rolle lebt und sich dann in Männerkleidung kostümiert? Welche Hautfarbe hat Mariah Carey? Was war noch mal Detroit House? Das ist so die Art von Fragen, um die es in Meineckes Romanen geht, die wiederum zu großen Teilen aus Zitaten und intertextuellen Verweisen bestehen. Das dabei entstehende Geflecht ist heterogen, aber keineswegs beliebig. Das Murmeln der Diskurse ordnet sich jeweils um einen thematischen Kern an - was in "Tomboy" die Kategorie des Geschlechtes (im Sinne von "Gender") ist, ist in "Hellblau"(2001) etwa jene der ethnischen Identität.

Man kann also von einem erprobten Verfahren sprechen, das auch aus Büchern wie "The Church of John F. Kennedy" (1996) und "Musik" (2004) faszinierende Texte generiert hat. Dabei ist die Literatur nur eines der Felder, auf denen Meinecke sich tummelt. Daneben ist er auch als DJ und Musiker tätig. Schon seit Anfang der 80er Jahre veröffentlicht seine Band F.S.K. in unregelmäßigen Abständen Alben. Dass Meinecke auch noch einer der witzigsten und kreativsten Songtexter hierzulande ist, zeigt die 2007 erschienene Sammlung "Lob der Kybernetik".

Nun also der neue Roman "Jungfrau", im Zentrum steht der Komplex der Religion, genauer: eine Engführung von Katholizismus, Jazz und Sexualität. "Kann das gutgehen?" fragt sich der ungläubige Rezensent. Hängt Meinecke mit einem Mal der so genannten Rückkehr der Religionen an, die spätestens mit der Wahl Joseph Ratzingers zum Papst zum Modethema geworden ist und die seit Hape Kerkeling auch die Buchcharts heimsucht? Bereut hier jemand seinen Relativismus und konvertiert, um endlich wesentlich zu werden?

Nein, so extrem ist es nicht gekommen. Meinecke, der sich dem Katholizismus bereits in seinem Dramolett "Ratzinger-Funktion" (2006) stellte, konfrontiert hier keineswegs postmoderne Beliebigkeit mit vermeintlichen religiösen "Gewissheiten". Stattdessen baut er nach wie vor seine komplexen Netzwerke, in denen queeres Kino aus dem Warhol-Umfeld ebenso mühelos Platz findet wie die vergessene deutsche Jazz-Pianistin Jutta Hipp; in denen Clemens Brentano und Jean Paul so selbstverständlich zum Inventar gehören wie die Visionen der Mystikerin Adrienne von Speyr.

Meineckes Kunst liegt darin, Verbindungen zu ziehen und sie zum Leuchten zu bringen - was oft gerade aufgrund ihrer scheinbaren Abseitigkeit gelingt. Das ist, wie immer, große Kunst. Allenfalls wird man feststellen, dass sich Meinecke dennoch mit dem Katholizismus einen Komplex in den Text holt, bei dem Überzeugungen auf dem Spiel stehen, neben denen die Bewertung entlegener 12-Inches und Warhol-Filme vergleichsweise bedeutungslos erscheint. Aus dieser Reibung zieht der Roman seine Energie. Durch die Einbindung ins Meinecke'sche Diskursnetz wird einerseits die religiöse Komponente in andere, der Religion ferne Kontexte verpflanzt. Andererseits werden die nicht-religiösen Momente in dieser Engführung aufgeladen.

Was dabei herauskommt, swingt einfach. Meinecke nimmt sein Thema übrigens durchaus ernst. "Jungfrau" ist kein "Da Vinci Code" für Diskursanalytiker. Hier wird nichts "schonungslos enthüllt". Im Gegenteil, das feine Gespinst von Verweisen wird durch immer neue Verbindungen in der Schwebe gehalten und gewinnt eben dadurch seine abenteuerliche, reizvolle Leichtigkeit.

Natürlich gibt es auch bei Meinecke Romanfiguren. In ihrer Mehrzahl sind sie jedoch - wie immer - nur dazu da, Texte zu lesen, Filme zu sehen, Musik zu hören und dann darüber zu diskutieren. Ob dann jemand Jeanine Waterstradt, Gustave Becher oder Concordia Werkmeister heißt, ist völlig sekundär. Aber halt: In "Jungfrau" gibt es eine, genauer, zwei Ausnahmen - ein Paar gibt es, für das die erwähnten Themenkomplexe existenzielle Bedeutung haben. Lothar Lothar, ehemals Student der Theaterwissenschaften, ist zum Theologiestudium gewechselt und hat ein Gelübde der sexuellen Enthaltsamkeit abgelegt. Gerade in dieser Situation begegnet er der Jazz-Pianistin Mary Lou Mackay. Beide verlieben sich ineinander. Ihre langsame, asymptotische Annäherung wird parallel zu Beziehungen aus der Geschichte der katholischen Kirche erzählt, die sich ebenfalls zwischen den Polen der irdischen Anziehung und der mystischen Erfahrung bewegen - von Abelard und Heloise bis zu Paul Claudels Drama "Der seidene Schuh". Die Erwartung der Leserin richtet sich daher immer stärker darauf, ob auch Lothar und Mary Lou einen Weg finden werden, der sexuelle und religiöse Ekstase zusammenführen kann. Und tatsächlich präsentiert Meinecke uns am Ende dieses gelungenen Romans eine ganz und gar stimmige Lösung.

Was das Schreibverfahren angeht, ist "Jungfrau" also ein typischer Meinecke-Roman. Wer die Vorgänger mag, wird auch diesen mit Genuss lesen. Aber dies ist nicht nur ein weiterer Roman Meineckes, sondern sein bisher vielleicht sogar stimmigster und bester. Wer allerdings nur die eine Wahrheit seiner Religion gelten lassen will, oder doch lieber einen knackigen Vatikan-Thriller mit klassischer Figurenpsychologie liest, den wird Meineckes "Jungfrau" nicht erleuchten.


Titelbild

Thomas Meinecke: Jungfrau. Roman.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2008.
346 Seiten, 19,80 EUR.
ISBN-13: 9783518420317

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