Konstantin - der Fels, auf dem unser Europa gebaut ist?

Paul Veyne schreibt über den "Aufstieg einer Sekte zur Weltmacht"

Von Ute EisingerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Ute Eisinger

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Paul Veyne ist ein bekannter französischer Althistoriker, der sich gemäß der poststrukturalistischen linken Schule der Sozialwissenschaften mit den Gesellschaften und Institutionen der Griechen und Römer beschäftigt hat, unter anderem vor allem mit der Frage, woher die Neigung des Menschen zu Kulten, Religionen und Sekten rühre. Sein Essay über den Übertritt des heidnischen Imperators Konstantin zum Christentum ist nun in Buchform erschienen. Wer sich über die Hintergründe und Folgen der Christlichwerdung des Abendlands Kenntnis verschaffen will, dem ist damit nicht gedient. Besser ist es, zu Arnulf Zitelmanns "Geschichte der Christen", einem Sachbuch für die Jugend, zu greifen gegriffen oder sogar die - recht oberflächliche - P.M.-Fernsehdoku anzuschauen.

Veynes Essay liefert nämlich kaum Zahlen und Fakten. Dafür schwadroniert der Autor umständlich herum. Letztlich sei die Persönlichkeit des Konstantin, zu der wir im Buch aber nichts erfahren können, für diesen bedeutenden Schritt verantwortlich. Das "Christentum" und die "Kirche" fasst der Autor, der sich stolz einen Atheisten nennt, als "Meisterwerke" auf, ohne in den entsprechenden Kapiteln zu erläutern, was ihn zu dieser Feststellung gebracht haben mag.

Der Essay mag vielleicht Fachkollegen dazu ermuntern, bisherige Lehrmeinungen zu lockern und anders als üblich zu denken; für Laien ist das Buch nicht sachlich genug, als dass sich etwas daraus etwas lernen ließe; noch ist es konzise provokativ genug, um jemand auf Zusammenhänge neugierig zu machen.

Wer einen klugen Essay über die Geburt des Abendlands aus dem Geiste der Antike lesen möchte, sollte eher zu Joseph Brodskys Aufsatz "Flucht nach Byzanz" greifen. Veynes Buch "Als unsere Welt christlich wurde" lässt im Titel mehr erwarten als es bietet, nämlich nur den Gedanken, dass wir es dem rechten Mann (Konstantin) zur rechten Zeit (im vierten Jahrhundert) am rechten Ort (in Byzanz respektive Konstantinopel) zu verdanken haben, dass wir heute Europäer seien.


Titelbild

Paul Veyne: Als unsere Welt christlich wurde. Aufstieg einer Sekte zur Weltmacht.
Übersetzt aus dem Französischen von Matthias Grässlin.
Verlag C. H. Beck, München 2008.
222 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-13: 9783406570643

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