Neuronotizen und Wortmoleküle

Durs Grünbeins japanische Reisetagebücher "Lob des Taifuns"

Von Iris HermannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Iris Hermann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Mehrmals schon hat Durs Grünbein Japan besucht. Bei jeder seiner Reisen hat der Lyriker seine Eindrücke in Reisetagebüchern aufnotiert: Gewählt hat er dafür die Form des Haikus, jenes, an eine lange japanische Tradition anknüpfende Kurzgedicht von zumeist siebzehn Silben. Es erscheint ihm geeignet, "etwas festhalten zu können, das im Moment seines Erscheinens einen packenden Eindruck gemacht hatte und doch nur flüchtig aufscheinen konnte", so formuliert es Grünbein selbst im Nachwort dieses Bandes, in dem seine japanischen Reisetagebücher nun gesammelt vorliegen.. Man ist dankbar, dass den meisten Haikus ein Kommentar folgt, manche wären ansonsten für Nichtjapankenner schwer nachvollziehbar. Hat man allerdings von Europa aus eine solche Reise schon einmal unternommen, gibt es einige Aha-Erlebnisse für diejenigen, die Ähnliches schon beobachtet haben.

Die hier vorgelegten Haikus nehmen im Werk Grünbeins eine Sonderstellung ein: Sie erscheinen doch weit entfernt von den filigranen Gedankengebilden des übrigen Werkes, betreffen sie nun die Gedichte oder auch die klugen Essays. Sie unterscheiden sich zudem nicht nur dadurch, dass sie in ihrer Kürze einen anderen formalen Eindruck vermitteln, sondern vor allem darin, dass sie sich gar nicht scheuen, Banales mitzuteilen und auch im dazugehörigen oder mitunter auch fehlenden Kommentar diese einfachen Aperçus nicht tiefer begründen: "Taxis im Regen. / Die Fahrer schlafen. Dann schreckt / Ein Kunde sie auf."

Grünbeins Haikus wären aber nicht die Grünbeins, wenn sich in ihnen nicht auch etliche Geistesblitze fänden. So sind sie zu lesen als "Gefühlssouvenirs", "Neuronotizen" oder auch als "Wortmoleküle", wie Grünbein selbst anlässlich einer Lesung seiner Haikus im Tokyoter Goetheinstitut im November 2008 anmerkte. In ihnen scheint eine Spannung auf, die diese Haikus gerade in ihrer Kürze kaum auszuhalten vermögen: eine Spannung zwischen Tradition und Moderne, zwischen Formstrenge und Freiheit von der Form, zwischen kunstvollem Wortspiel und vitaler Lebensbejahung. Yûji Nawata hat die Gedichte ins Japanische übersetzt. Es macht den Reiz dieser zweisprachigen Ausgabe aus, dass sie immer nach den deutschen Haikus abgedruckt sind. Sie sorgen so für eine nicht unerhebliche Fremdheitserfahrung der Lesenden.

In seinem überaus lesenswerten Nachwort verdeutlicht Nawata, dass er Durs Grünbein trotz aller modernen Anklänge eher als Traditionalist sieht und ihn entsprechend übersetzt hat. So kommen in seiner Übersetzung Worte vor, die das heutige Japanisch nicht mehr kennt, die aber auf älteste japanische Gedichttraditionen zurückgehen. Ob das den mitunter recht derb formulierenden Gedichten Grünbeins gerecht wird, vermögen nur Japanologen zu entscheiden. Deutlich wird aber, dass Nawata die Haikus möglichst wortgetreu übersetzen wollte und sie deshalb auch nicht in das klassische Haikukorsett der 5 / 5 / 7 Silben zwängt, zumal sich auch Grünbein selbst an dieses Schema nicht hält.

Was den Lesenden hier letztlich begegnet, sind Momentaufnahmen eines Flaneurs, dem man seinen vertrauten europäischen Kontext entzogen hat und in Japans Großstädten mit einer erhöhten Aufmerksamkeit umhergeht. Dort bleibt er ein Flaneur im Sinne Charles Baudelaires, aber die Eindrücke, die er schildert, sind so schnell wechselnd wie die, die man in einer Megacity wie Tokyo gewinnt, wenn man sich dort bewegt. Auffällig an ihnen ist der selbstreflexive Gestus und an ihm wiederum die selbstironische Note. Grünbein beobachtet sich selbst beim Beobachten, darin gleicht er vielleicht sogar Franz Kafka in seinen Tagebüchern. Was er dabei beobachtet, ist für ihn nicht immer schmeichelhaft: "Wohin willst du denn Kopf? / He, was treibt ihr da Füße? / Wir baden, du Arsch."

Die Haikus gewinnen ihren Reiz auch aus ihrer Synästhesie, sie evozieren zumeist gleichzeitig Reize für Auge und Ohr. Nicht zuletzt fällt auf, dass sie oft in drei Versen notiert sind, was in Japan nicht vorkommt. Grünbein hat sich aber bewusst die Freiheit genommen, deutsche Haikus zu schreiben, die die japanische Tradition zwar berühren, sich aber zugleich von ihr auch kräftig abstoßen. Was so entsteht, sind poetische Spielereien, von denen viele geglückt sind, manche womöglich auch schnell wieder vergessen werden können, eines aber deutlich zeigen: die durch nichts festzuhaltende Augenblickshaftigkeit des Beobachteten, sein Gemahnen an die Vergänglichkeit des vorbeihastenden Lebens.


Titelbild

Durs Grünbein: Lob des Taifuns. Reisetagebücher in Haikus.
Mit Übertragungen ins Japanische und einem Nachwort von Yûji Nawata.
Insel Verlag, Frankfurt a. M. 2008.
135 Seiten, 13,80 EUR.
ISBN-13: 9783458193081

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