"Durch und durch poetologisch fokussierte Gedichte"

Katrin Jordan sucht Kohärenz und Kalkül in Goethes Sonetten

Von Evi ZemanekRSS-Newsfeed neuer Artikel von Evi Zemanek

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Johann Wolfgang Goethes exponierte Platzierung seiner Sonette in der Ausgabe letzter Hand versteht Katrin Jordan als Indiz für die besondere Beziehung zur Gattung und wundert sich daher über die auffallend wenigen theoretischen Äußerungen des Dichters zum Sonett. Mit zentraler Berücksichtigung der strukturellen Anlage und der poetologischen Aussagekraft untersucht sie erstmals derart detailliert die gesamte Sonettproduktion Goethes. Während sich die Forschung zumeist auf die Sammlung "Sonette" konzentriert, hatte bislang nur Hans J. Schlütter alle Sonette behandelt. Deren thematische und funktionale Heterogenität stellt eine Herausforderung für Jordans Versuch dar, sie als kohärentes Korpus zu lesen und ihre Vernetzungen aufzudecken. Ferner soll, so Jordan, die Kompatibilität zweier zur Entstehungszeit der Sonette virulenter Konzepte, der Goethe'schen Erlebnisdichtung und eines spezifischen historischen Sonett-Verständnisses geprüft werden. Dies führt unweigerlich zur Frage, ob Goethe im Sonett eine adäquate Gattung für sein lyrisches Programm und seine Kommunikationsabsicht gefunden hat und inwiefern er dabei Gattungsvorgaben akzeptiert oder modifiziert.

Die einleitenden Kapitel reflektieren die Stellung des Sonetts zur Goethezeit mit Blick auf die vor allem Gottfried August Bürger zu verdankenden Neuetablierung der Sonettpraxis, August Wilhelm Schlegels Sonettkonzeption und die romantische Sonettistik mitsamt dem so genannten ,Sonettkrieg'. Die Darstellung ist bewusst knapp gehalten, da diesbezüglich auf gute Arbeiten (etwa von Fechner und Borgstedt) verwiesen werden kann. Darauf folgt eine Synopse vorrangig deutscher Forschung zum Sonett. Vollends überwunden werden müsse der "hartnäckige Konservatismus", gemeint ist die Betrachtung von Goethes Sonetten mit dem Maßstab eines normativen Gattungskonzepts, das seit Schlegel bis Anfang der 1990er-Jahre dominant war. In einem klugen Überblick referiert Jordan die gattungstheoretischen Positionen von Heinrich Welti, Walter Mönch, Johannes R. Becher, Hugo Friedrich, Hinz Mitlacher, Wolfgang Kayser, Hans-Jürgen Schlütter, Clive Scott, Dirk Schindelbeck, Alfred Behrmann, Peter Weinmann Erika Greber und Thomas Borgstedt. Problematisch ist für Jordan ein restriktiv-normatives Gattungskonzept vor allem deshalb, weil es viele Sonettvarianten ausschließt. Anschlussfähig ist für sie daher Grebers Ansatz, der die Gattungs-Invariante gerade nicht in einer festen Form, sondern in seiner Varianz begreift. Auch Grebers Überlegungen zu intertextuell-kombinatorischen Komponenten erachtet die Verfasserin als besonders fruchtbar für die Analyse von Goethes Sonetten.

Jordan legt also ihrer Studie ein aus der neueren Forschung gewonnenes, ,flexibles, kommunikativ orientiertes' Gattungskonzept zugrunde, wobei sie sich auf Borgstedts Begriff der "Gattungstopik" stützt. Ihr Fokus auf die "manieristisch-topisch-intertextuell-kombinatorische Komponente" ist verbunden mit dem Versuch, "eine typische Affinität des Sonetts zu rhetorischen Strategien der ars inveniendi zu zeigen". Die Analyse der 25 Sonette Goethes interessiert sich für die Inter- und Intratextualität, einschließlich intermedialer und interdiskursiver Referenzen.

Die Reihenfolge der Gedichte innerhalb der Studie folgt großenteils derjenigen, die Goethe durch seine Publikationsstrategie vorgegeben hat. Außerdem sind die Sonette nach ihrer funktionalen Ausrichtung zu Gruppen zusammengefasst, nämlich "Polemische Sonette", "Sonette im Drama", "Das Sonett über das Sonett" als eigenständiges Phänomen, "Widmungssonette" sowie innerhalb der als solche von Goethe vorgegebenen Sammlung "Sonette": "Brief-Sonette" und "Dialog-Sonette". Angesichts dieses Spektrums interessiert sich Jordan für die spezifische Inszenierung der Gattung bei Goethe.

Mit diesen theoretischen Vorüberlegungen baut die Verfasserin aber im Leser auch eine bestimmte Erwartungshaltung gegenüber Goethes Sonetten auf. Gemäß aktuellem Forschungsstand geht sie davon aus, dass das Sonett seine Konstruktionsprinzipien mehr als andere lyrische Gattungen exponiere, es sich also durch gesteigerte Artifizialität und Selbstreflexivität auszeichnet, weshalb Jordan mit Greber von einer manieristischen Prägung spricht. Des Weiteren betont sie die ausgeprägte Diskursivität und Dialogizität. Die behauptete Rhetorikaffinität steht allerdings in einem Spannungsverhältnis zu der zur Entstehungszeit prävalenten Genieästhetik. Indem Goethe, der die produktive Einbildungskraft als Ursprung von Dichtung proklamierte, Sonette schreibt, konfrontiert er zwei gegensätzliche Dichtungskonzeptionen miteinander. Jordan interessiert, inwiefern Goethes Sonette dies selbst reflektieren.

Die Untersuchung der Sammlung "Sonette" kann sich auf einige gute Forschungsbeiträge stützen, wobei Jordan hauptsächlich Gerhard von Graevenitz folgt, der sie als programmatische "Wendung der Lyrik zur Allegorie" liest. Jordan problematisiert, dass die Sonette innerhalb der Sammlung aufgrund ihrer thematischen Heterogenität von anderen oft als bloße ,Erlebnislyrik' gelesen werden. Wohlüberlegt verzichtet sie auf die Bezeichnung als Zyklus und referiert verschiedentlich begründete inhaltlich-stilistische Gruppierungen innerhalb der Sammlung.

Eine Zusammenschau der Untersuchungsergebnisse muss fast zwangsläufig der Reihenfolge der Einzeltextanalysen folgen, da diese, aufeinander aufbauend, Entwicklungslinien sichtbar machen wollen. Goethes "Polemische Sonette", die als Gelegenheitsgedichte Gegner im Literaturbetrieb kritisieren, aber vom Autor nie zur Veröffentlichung vorgesehen waren, beeindrucken nicht durch ihre poetische Qualität. Für Jordan sind sie dennoch interessant, weil sie als Schweifsonette ebenso wie durch ihren Inhalt das Spektrum von Goethes Sonetten erweitern und die Rhetorikaffinität nachweisen. Außerdem sind sie ein erstes Zeugnis poetologischer Positionierung, denn Goethe ergreift darin schon durch die Wahl der Gedichtform Partei für die Romantiker. Die Thematisierung der Romantik setzt er mit der dramatischen Inszenierung zweier Sonette ("Natur und Kunst", "Eugenies Sonett") fort, wobei er formal den Vorstellungen der Romantiker folgt. Da Goethe "Eugenies Sonett" sowohl im Drama als auch selbständig publizierte, kann Jordan daran die unterschiedlichen Rezeptionsweisen zeigen: Isoliert betrachtet ein nicht besonders aussagekräftiges topisches Gelegenheitsgedicht - an dem sich deshalb der Sonettkrieg entfachte -, gewinne es durch die Integration ins Drama an poetologischer Aussagekraft und dramaturgischer Bedeutung. Anhand dieses Gedichts erprobe Goethe das Potenzial der Sonettform für den Gefühlsausdruck.

Ohne sich selbst festzulegen, referiert Jordan konkurrierende Lesarten von "Natur und Kunst", das letztlich meist als "Versöhnung Goethes mit der früher verschmähten Sonettform" gelesen und damit als zweites "Sonett über das Sonett" mit "Das Sonett" assoziiert wird. Auch Letzteres versteht Jordan nicht, wie es in der Forschung häufig geschah, als entschiedene Absage Goethes an das Sonett, sondern sie betont den ludistischen Impetus, sieht darin eine spielerische Auseinandersetzung mit der stereotypen Gattungskritik, begründbar durch Berücksichtigung der Entstehungssituation und den Verweis auf die Widersprüchlichkeit einer Absage an eine Form, die perfekt in derselben formuliert ist.

Auch die Sammlung "Sonette" wird einer poetologischen Lektüre unterzogen. Beim ersten Gedicht, "Mächtiges Überraschen", erfolgt dies vor dem Hintergrund seines wichtigsten Prätexts, "Mahomets Gesang", einer pindarisierenden Ode, adäquate Ausdrucksform des Genies. Auf diese Weise profiliert Jordan die poetologische Neuorientierung. Trotz einer Vielzahl von Prätext-Referenzen plädiert sie schließlich dafür, das Sonett (ebenso wie die folgenden) aufgrund seiner intratextuellen Verknüpfung mit den anderen Sonetten der Sammlung stets im Zusammenhang derselben zu interpretieren. Aus dieser Perspektive stehe das darauffolgende Sonett "Freundliches Begegnen" an einer Schlüsselstelle hinsichtlich des Rollenverständnisses des Dichters und seiner Beziehung zur Tradition. Jordan untersucht als dominanten werkinternen Prätext die "Zueignung", als werkexternen Petrarcas "Solo et pensoso", um durch deren Analyse die poetologische Implikation des Sonetts lesbar zu machen, nämlich eine "Distanzierung von bestimmten Aspekten der Genie-Ästhetik, insbesondere vom Autonomie-Konzept", zu Gunsten einer "dialogisch strukturierten Erkenntnisfindung mittels Kommunikation mit verschiedenen tradierten Figuren und Kontexten" und damit auch eine "Annäherung an zuvor abgelehnte, rhetorisch geprägte Formen und Verfahren".

Sonette ohne werkinterne Bezüge auf programmatische Gedichte interessieren Jordan weniger, die Leser der Arbeit aber umso mehr, wenn die Verfasserin intensiver auf dasjenige Sonett eingeht, das eigentlich von Interesse ist. Wie ertragreich dies ist, zeigt die Besprechung von "Kurz und gut", das natürlich auch als Auseinandersetzung mit der Tradition verstanden wird. Es könnte langweilig werden, wenn Goethe nicht in jedem Gedicht seine Haltung geringfügig modifizieren würde, indem er unterschiedliche Stereotypen der Sonett-Diskussion fokussiert. Hier schildert er die Funktionalisierung der Liebe für die Dichtung und hinterfragt den künstlerischen Wert der petrarkistisch-topischen Liebesklage, die ihm zwar gelingt, aber als unreflektierte imitatio für ihn eine unbefriedigende Lösung darstellt. In "Das Mädchen spricht" verändert er also das petrarkistische Modell durch Individualisierung des Mädchens und dessen Einsatz als Sprecherin nach Art von Rollenlyrik. Die Individualisierung legt nahe, nach dem biografischen Hintergrund zu fragen und den Text im Sinne von Erlebnislyrik zu interpretieren - ein Ansatz, dem sich die ersten drei Sonette verweigert haben. Demnach wird das Gedicht gern auf eine Begegnung von Goethe und Bettina von Arnim zurückgeführt. Aufgrund der werkexternen Intertextualität warnt Jordan jedoch vor einer rein biografistischen Interpretation. In "Wachstum", das ebenso zur lebensgeschichtlichen Interpretation einlädt - diesmal bei Identifikation des Mädchens mit Minna Herzlieb -, fordere Goethe selbst zur kritischen Reflexion über diese Möglichkeit auf, während er diese aber durch die doppelte Referenz auf die mittelalterliche Minnedichtung und die petrarkistische Tradition einschränke. Eine besondere Bedeutung innerhalb der Sammlung und der petrarkistischen Tradition habe das Sonett "Reisezehrung", in dem der überlebenswichtige Blickkontakt mit der Angebeten fokussiert wird, dank der ,Pointe' im letzten Vers, die Jordan mit der Lösung eines Rätsels vergleicht: Sie besteht in des Sprechers Erkenntnis seiner Unabhängigkeit, da er die Liebe autonom memorieren und sublimieren kann. In der Reflexion des Sprechers über seine Beziehung zur Außenwelt sieht Jordan die thematische Anknüpfung an andere Sonette. "Abschied" knüpfe sowohl an die "Reisezehrung" als auch an "Das Mädchen spricht" an, zum einen wegen seines resümierenden Charakters, zum anderen weil erneut mitunter Briefe Bettina von Arnims Prätexte sind. Das Gedicht "inszeniert nun auf unübersehbare Weise, dass die Inspiration für das Gedicht nicht unmittelbar einem Erlebnis entspringt, sondern einem anderen Text".

Anders verhält es sich wiederum im Fall der drei "Brief-Sonette", obwohl sie ebenfalls auf Briefe von Bettina von Arnim referieren. Dem ersten weist Jordan eine Sonderstellung in der Sammlung zu, weil es die Verschiebung von der Mündlichkeit zur Schriftlichkeit einleite. Anknüpfungspunkt zu den vorangehenden Sonetten ist die artikulierte Reaktion auf einen Kontaktverlust zur geliebten Person, wobei nun die Entfernung durch Briefe überbrückt wird. Indem das erste Gedicht "Reichweite und Potenzial des geschriebenen Wortes" thematisiert, trägt es zur Programmatik der Sammlung bei. Im zweiten rücken die "Materialität des Vermittlungsprozesses" und die "Funktion des Wortes jenseits der Übertragung von Informationen" in den Fokus. Der Sprecherin wird ein typisch weibliches, also geschlechtsspezifisches Drängen auf Kommunikation zugeschrieben, bei der es vorrangig um Kontakterhaltung geht. Innerhalb der Sammlung basiere die Einheit der Gruppe in einem "kohärenten Bezug zu einer lebensgeschichtlich belegten Verbindung Goethes, ohne dass dieser noch im Gedicht selbst wieder unterlaufen wird". Weisen die Gedichte auch weniger rhetorisch-konzeptionelle Merkmale auf als die anderen Sonette der Sammlung, so besitzen sie dank der Brief-Zitate doch eine besondere Dialogizität, welche die "Bedingungen, Funktionen und Wirkungen von Kommunikation" reflektiert. Plausibel ist Jordans Lesart von "Christgeschenk" als erbetene Antwort auf die Brief-Sonette sowie ihr Verständnis des ,Süßen' als Mehrfachreferenz: auf beigegebene Süßigkeiten, auf den dolce stil nuovo sowie auf die Rhetorik als Mittel zur Evokation von Affekten. Auf diese Weise übe der Sprecher erneut Kritik an der Rhetorik bei gleichzeitigem versierten Einsatz ihrer Verfahren.

Eine neue, selbstironische "Leichtigkeit und Unernsthaftigkeit Goethes im Umgang mit dem umstrittenen Vierzehnzeiler" stellt Jordan anhand von "Nemesis" fest, das mit den anderen ,Sonetten über das Sonett' assoziiert wird. Das Unrecht, das hierin von der Rachegöttin vergolten werden soll, ist die einstige Sonett-Verachtung des Sprechers. Bestraft wird der Verächter ironischerweise mit den typischen Leiden der Petrarkisten, Sonettenwut und Liebesraserei, so dass letztlich sogar eine Begeisterung für die Form spürbar wird. Einen spürbaren Entwicklungsschritt oder gar weiteren Wendepunkt sieht Jordan auch in "Warnung", denn es sei "die erste Umsetzung des bis dato Reflektierten: Durch die Gestaltung [...] als unmittelbar gesellschaftsorientierten, ludistischen Wettbewerbsbeitrag setzt Goethe hier performativ die gattungstypische Rhetorikaffinität des Sonetts und den von Konventionalität und selbstreflexiver Auseinandersetzung mit diesem geprägten Charakter der Gattung in Szene".

Die darauf folgenden "Dialog-Sonette" ("Die Zweifelnden - Die Liebenden", "Mädchen - Dichter") setzen ihrerseits die schon in anderen Sonetten latente Mehrstimmigkeit und Dialogizität performativ um. Hinsichtlich der von den Sprechern artikulierten poetologischen Positionen ist Jordan bisweilen ratlos, weil die widersprüchlich Argumentation ihren Versuch untergräbt, in der Stimmenvielfalt Goethes eine eigene Position zu eruieren. Auch dem Gedicht "Mädchen - Dichter" kann Jordan, abgesehen von der Erkenntnis, dass Goethe das Sonett vor allem als "wirkungsorientierte und rhetorikaffine Gattung" verstehe, keine vollends kohärente Interpretation abgewinnen. Sie hält jedoch fest, dass in beiden Sonetten "Fragen nach Diskontinuität und Pluralität" verhandelt werden. Schwer zu beurteilen bleibt letztlich auch "Epoche", das trotz massivem Petrarca-Bezug zur biografischen Deutung auffordert. Goethe versucht, Petrarca mit seiner Liebe zu Minna Herzlieb zu überbieten, scheitert dann aber im Übereifer sprachlich im letzten ,holprigen' Terzett, wie schon im vorangehenden Sonett antizipiert. Jordan folgert daraus, dass die Sonette nicht nur inhaltlich experimentell sind.

Das letzte Sonett der Sammlung, "Charade", ist ein sprachspielerisches Rätsel, das im Kontext eines Charade-Wettstreits auf Minna Herzlieb entstand. Goethes verspätete Publikation verweist auf den lebensgeschichtlichen Hintergrund, der jedoch durch die Traditionsbezüge und den Wettstreit unterlaufen wird. Jordan zeigt, dass die Lösung beziehungsweise erfolgreiche Interpretation beides verlangt: Kenntnis des extraliterarischen sowie des inter- und intratextuellen Kontexts. Eine genaue sprachkombinatorische Betrachtung führt zur Entdeckung einer zweiten Lösung (ein Verdienst von v. Graevenitz), weshalb dieses letzte Sonett laut Jordan - wie es zu erwarten war - als Sprachspiel auf der Basis von Rekombination am entschiedensten mit der Genie-Ästhetik bricht. Daher kann Jordan urteilen, dass es einen adäquate Abschluss der Sammlung darstellt und zeigen, wie kalkuliert Goethes Sonettdichtung ist.

Die (drei) zuletzt verfassten "Widmungssonette" werden von Jordan als wohlgeplanter "Abschluss des sonettistischen Werkes" angesehen, weshalb sie nicht, wie sonst oft in der Forschung, aus einer gattungsorientierten Betrachtung ausgeschlossen werden, obwohl sie Goethe nicht unter der Rubrik ,Lyrik' und nicht einmal als Gruppe publizierte. Jordan versucht auch hier, die intertextuelle Verknüpfung mit den anderen Sonetten nachzuweisen, etwa durch die Thematisierung der problematischen Verbalisierung von Gefühlen. Anhand des ersten Sonetts zeigt Jordan die poetologische Reflexivität des Gedichts in seiner Kombination von Elementen der Kasualdichtung mit petrarkistischen Topoi, als hätten dies nicht schon Andere getan, zum Beispiel Tasso. Zu nachdrücklich sucht sie in den Widmungssonetten nach selbstreflexiv-sonettistischen Topoi, "die die Bedeutung einer gattungstheoretischen Lektüre stets präsent halten". Goethes Publikationsstrategie interpretiert sie als Versuch der Aufwertung der seinerzeit inflationären Kasualpoesie.

Diese Synopse zeigt sowohl die einheitsstiftenden Momente der Sammlung "Sonette" als auch den übergreifenden Zusammenhang aller Sonette Goethes, wie es Jordan erfolgreich herauszuarbeiten versteht. Die einleitend vorweggenommene Neigung des Sonetts zu manieristisch-kombinatorischen Verfahren beobachtet sie im gesamten sonettistischen Werk. Wichtigste Gemeinsamkeit aller Sonette sei die (Selbst-)reflexion der Form durch Hinterfragen der Tradition und zeitgenössischer Tendenzen, um "das Potenzial der Gattung für eine adäquate, eigene Sonettdichtung" auszuloten. Als weitere strukturelle und inhaltliche Charakteristika notiert sie die "Spannung zwischen Kontinuität und Diskontinuität bzw. Homo- und Heterogenität", "die Problematik von Natur und Kunst bzw. von Leben/Liebe und Dichtung" und "die Frage nach Potential, Reichweite, Funktionalisierung und Konstruiertheit von Dichtung sowie generell von Kommunikation und Sprache".

Ein anspruchsvolles Schlusskapitel fokussiert schließlich drei Aspekte: Diskontinuität (im Sinne eines bewussten Brechens der Kontinuität und einer Spannungserzeugung durch Heterogenität), Kommunikation und Multiperspektivik. Darin sieht Jordan eine spezifische Modernität, aufgrund derer sich die Sonette von der anderen Lyrik Goethes unterscheiden. Gerade durch die Heterogenität und die Brüche schaffe sich Goethe "Freiräume für alternative Dichtungsmodelle und Schreibverfahren". Ihr Fazit lautet also, diese Sonette seien "durch und durch poetologisch fokussierte Gedichte", in denen nicht etwa ein Dichtungsmodell durch ein anderes ersetzt, sondern verschiedene Alternativen durchgespielt werden.

Zwar überzeugen nicht alle Einzeltextanalysen gleichermaßen von Kalkül und Kohärenz der Goetheschen Sonettistik, doch beeindruckt die Versammlung werkinterner und -externer Referenzen sowie die Hinweise auf Ironie und Dialogizität, concettistische Pointen und ludistische Sprachspielereien. Sie münden in schöne Interpretationen - insbesondere zu den unbekannteren Sonetten -, die prinzipiell an der Interpretierbarkeit des Textes festhalten. Gleichwohl bietet Jordan mit Bezugnahme auf die bisherige Forschung oft mehrere Interpretationsvarianten gleichberechtigt nebeneinander an, ohne eine zu privilegieren; vielmehr versucht sie, diese versöhnend zu synthetisieren. Die Argumentation bewegt sich nicht zuletzt deshalb auf so hohem theoretischen Niveau, weil sie auf anspruchsvolle neuere Sonett-Theorieangebote zurückgreifen und sie geschickt auf Goethes Gedichte anwenden kann. Zugute kommt der Studie außerdem Jordans beachtliche Eloquenz und ihr stimmiges, klares Vorgehen. Sie versteht es, das Vorurteil zu entkräften, dass Goethes Sonette deshalb vergleichsweise wenig Beachtung finden, weil sie eben nicht zum Besten zählen, was er gedichtet hat.


Titelbild

Katrin Jordan: "Ihr liebt und schreibt Sonette! Weh der Grille!". Die Sonette Johann Wolfgang von Goethes.
Königshausen & Neumann, Würzburg 2008.
332 Seiten, 48,00 EUR.
ISBN-13: 9783826038617

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