Soziologen reden Tacheles

Günter Dux und Stephan Lessenich geben der Soziologie ihr politisches Profil zurück

Von Christoph Henning

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Soziologen sind dafür bekannt, ihren Jargon zuweilen bewusst auf Unverständlichkeit zu trimmen – böswillige Beobachter meinen, dies verdecke nur, dass sie in Wirklichkeit gar keine Fragestellung hätten. Um so begrüßenswerter ist es, dass zwei bekannte Vertreter der Zunft nun in gut lesbarer Form ihre Gedanken zum Um- beziehungsweise Abbau des Sozialstaates pointiert haben, der spätestens seit den Hartz-Reformen auch in Deutschland massiv die Lebensverhältnisse vieler Menschen umkrempelt.

Die beiden vorliegenden Bücher haben neben dem Thema auch den Stil gemeinsam: Die Autoren müssen sich nicht mehr beweisen, daher können sie hier auf einen unleserlichen Theorie-Stil verzichten, ohne unwissenschaftlich zu werden. Einig sind sich die Bücher darin, dass die Sozialreformen der letzten Jahrzehnte angesichts der Folgen für viele Betroffene problematisch sind. Indem sie aus dem Lager der Soziologie Kritik artikulieren, versuchen sie zugleich, dieser Wissenschaft das politische Profil wiederzugeben, von dem sie so lange gezehrt hat – beide Bücher wollen der Soziologie ihr öffentliches Gesicht, ihre intellektuelle „credibility“ auch jenseits des Fachklüngels zurückerobern.

Das macht sie auch für breitere Leserschichten interessant. Das Ergebnis ist gelungen, auf so ein Buch wie das von Stephan Lessenich, das die Fachdiskussion auf knapp 133 Seiten verdichtet, hat man gewartet. Das nicht ganz so knappe Buch von Günter Dux dagegen ist eher durch Altersweisheit und politische Ungeduld motiviert. Es ist weniger Abbild der gegenwärtigen Fachdebatte als Quintessenz des eigenen Denkens.

Dux hat eine deutliche These: Der – nebenbei als „gattungsgeschichtliche“ Errungenschaft eingeordnete – Sozialstaat sei heute „gescheitert“. Aufgrund der Deutungshoheit neoliberaler Ökonomen sei er zurechtgestutzt worden auf reine „Armenfürsorge“, welche Arbeitslosen nur das Überleben, aber keine Integration in die Gesellschaft mehr sichere. Die Unterschicht wachse, und das bei steigendem gesellschaftlichen Reichtum. Dieser Befund wird deutlich bewertet: Dux sieht darin ein Versagen der Politik, denn es sei eine Forderung der Gerechtigkeit, Menschen, die der Markt aus systemischen Gründen nicht integrieren könne (und das seien nicht wenige), durch politische „Gestaltung“ kompensatorisch zu integrieren. Werde dies versäumt, komme es zum massiven Ausschluss von Menschen, und dies sei ungerecht. Diese These hat eine Reihe von Beweislasten. Dux muss erstens beantworten, warum es zu der breiten Exklusion kommt; zweitens, worauf der Anspruch auf kompensatorischen Ausgleich basiert; drittens, warum dies heute versäumt wird; und viertens, wie eine Veränderung aussehen könnte. Diese Beweise versucht das Buch zu erbringen – es gelingt nicht in jedem Fall.

Dux beantwortet die erste Frage nach Exklusion mit dem Markt: Dieser sei für die Gesellschaft grundlegend, da er die Handlungen der Einzelnen überhaupt erst einmal verknüpfe. Nur durch den Markt gebe es also Gesellschaft, gleichwohl könne der Markt nicht alle Menschen integrieren. Da es ihm um Erwirtschaftung von Profit gehe, würden Menschen regelmäßig freigesetzt oder gar nicht erst vom (Arbeits-)Markt aufgenommen. Für die zweite Frage, warum das zu ändern sei, lehnt Dux „normative“ Antworten aus der Philosophie ab, er bestimmt Gerechtigkeit „nur“ als Integration, als Möglichkeit zur Teilhabe an den „Sinnvorgaben“ der Gesellschaft. Doch die Frage bleibt: Warum soll diese Inklusion für alle ermöglicht werden, wenn es der Markt nicht kann? Hier gibt der Autor verschiedene Antworten: Einerseits würden Forderungen nach Gerechtigkeit erst virulent, wenn kollektive Akteure ihre Interessen politisch verfolgten (daher beschreibt er die Entstehung von Bürgertum und Proletariat als Träger von Gerechtigkeitsforderungen). Andererseits entstünden solche Forderungen genealogisch als Ergebnis einer bestimmten Stufe des Bewusstseins (ein reflexives „Bewusstsein der Konstruktivität der Konstruktivität“). Beides muss nicht miteinander einhergehen. Die Gegenwartsdiagnose lautet denn auch, dass es momentan keine kollektiven Akteure gebe, die sich für Gerechtigkeit einsetzen – wohl darum muss die Soziologie („das Bewusstsein“) an ihre Stelle treten (das erinnert an die Junghegelianer). Letztlich greift Dux dazu auf philosophische Argumente zurück, etwa auf Helmuth Plessner, der Sinnfragen für anthropologisch unabweisbar hält. Doch folgt daraus schon, dass allen Menschen die materiellen Mittel für ein sinnvolles Leben zustehen? Der Autor hält dies für selbstevident – und lässt daher unbestimmt, welcher „Sinn“ gemeint ist und wie er sich in „unabweisbare“ materielle Forderungen übersetzt.

Die dritte Frage, warum Gerechtigkeit bisher nicht verwirklicht wurde, beantwortet Dux mit der Hegemonie der neoliberalen Ökonomie. Da diese eine Politik der Gerechtigkeit blockiere, unterzieht er sie einer Ideologiekritik: Eine Theorie, die keine Gerechtigkeit kenne, dürfe nicht Politik gestalten. Allerdings kritisiert Dux nicht die Theorie selbst, sondern nur ihre Ausweitung auf das Ganze der Gesellschaft. Diese Lücke der Theoriekritik zieht sich bis in die politischen Folgerungen. Die vierte Frage nämlich, was aus alldem praktisch folgen soll, beantwortet Dux mit einer widersprüchlichen Formel: Da der Markt keine gerechten Strukturen schaffe, sei es Aufgabe der Politik, für ausgleichende Gerechtigkeit zu sorgen. Dabei dürfe sie allerdings die „Autonomie des ökonomischen Systems“ nicht antasten. Das ist nun eine Quadratur des Zirkels – wie soll Politik ökonomische Ungerechtigkeiten ausgleichen, ohne in ökonomische Prozesse einzugreifen? Hierfür müsste man ökonomische Spielräume aufzeigen, doch genau das tut Dux zu wenig, da er die „neoliberale Theorie“ nicht inhaltlich, sondern nur für ihren übergroßen Einfluss kritisiert (sie werde als „Heilslehre“ verstanden). Wenn Dux dann das Grundeinkommen als Lösungsmöglichkeit diskutiert (er schlägt eine Höhe von 1200 Euro vor), zeigt sich, dass eine Sicherung der „Autonomie der Lebensführung des Subjekts gegen die Logik des ökonomischen Systems“ durchaus in die Ökonomie eingreifen müsste, denn nötig dafür ist „Umverteilung von oben nach unten“. Gerade das Verhältnis von Politik und Ökonomie wird also nicht vollends geklärt – was auch der systemtheoretischen Anlage geschuldet ist. Die Stärke des Buches liegt eher in der historischen Kontextualisierung der Gerechtigkeitsforderung und ihrer epistemologischen Begründung durch das Interesse an einem „gedeihenden Leben“: Wenn die „Gestaltungshoheit“ einer dem Leben verpflichteten Politik einmal erkannt sei, könne man sie nicht einfach nicht nutzen.

Es fällt auf, wie nahe beide Autoren mit der Wendung der Theorie zur Kritik einem Klassiker der Sozialtheorie kommen, von dem sie sich textoffiziell vehement abgrenzen: Bei Dux kehren bis in die Formulierung („Logik des Kapitals“, Widerspruch, letzte Instanz et cetera) Wendungen des Marxismus wieder, und auch Lessenich belebt mit der sozialpolitischen Zurichtung der Arbeitskraft für die jeweiligen Erfordernisse des Kapitalismus ein marxistisches Thema. Man kann die Autoren nur ermuntern, den Mut zum unbequemen Statement künftig auf eine offensivere Verwendung Marx’scher Theorieelemente auszudehnen.

Lessenichs Buch unterscheidet sich in vielen Details von Dux – es startet ja als Überblick über die soziologische Sozialstaatsliteratur –, nicht aber in der Ausrichtung: Auch er will die Soziologie aus ihrer „bloß affirmativen Neigung“ herausholen und wieder zu einem politischen Akteur machen. Sie soll Kritik artikulieren und in die Zukunft weisen. Auch Lessenich öffnet sich daher gegenüber Sinnfragen, auch er sieht den Sozialstaat prekär zwischen den Logiken kapitalistischer Wirtschaft und demokratischer Politik eingeklemmt. Doch aus seiner an Michel Foucault geschulten Optik geht es der Sozialpolitik nicht nur um eine Integration in die (alte) Arbeitsgesellschaft. Er sieht in ihr vielmehr einen Mechanismus der „sozialen Relationierung“: Subjekte, kollektive Akteure (bis hin zur „Gesellschaft“) und die Beziehungen zwischen ihnen werden in der Sozialpolitik mitgeformt. Daher ist eine Reform der Sozialpolitik zugleich als „Neuerfindung des Sozialen“ zu begreifen (und der Name „Neoliberalismus“ verfehlt, da er nur eine Verschiebung zwischen gleichbleibenden Akteuren suggeriert). Lessenich will also neben dem Überblick über die alten Debatten, die er souverän zusammenfasst, die Gestalt der neuen Subjekte („der bewegte Mensch“), der neuen Gesellschaft („Aktivgesellschaft“) und ihrer neuen Interaktionsmodi umreißen (etwa die „Unternehmerisierung“ – eine Regierungsform, die „die Menschen zur Eigenaktivität im Interesse der gesellschaftlichen Gemeinschaft anhält“).

Die Diagnosen sind im Wesentlichen bekannt, wurden aber selten so prägnant gefasst wie hier: Das neue, dem „flexiblen Kapitalismus“ angepasste Menschenbild, über das die neue Sozialpolitik läuft, ist nicht mehr das des Arbeitnehmers und passiven Konsumenten, der im Falle der Arbeitslosigkeit Ausgleichsansprüche hat, sondern des eigenverantwortlichen Unternehmers seiner selbst. Sozialpolitik muss folglich Anreize neu setzen („fördern und fordern“) und so das richtige Denken erzeugen, im Notfall durch zwangsbewehrte Erziehung zur Arbeitsfähigkeit. Im Ergebnis verändere sich auch der Charakter der Sozialhilfe: Sie sei keineswegs mehr ein Recht des Individuums auf Unterstützung durch die Gemeinschaft (wie Dux noch voraussetzt), sondern werde nun als Investition der Gemeinschaft in das Individuum begriffen. Eine solche kann natürlich konditioniert, das heißt mit Auflagen verbunden und im Extremfall auch versagt werden.

Dass sich durch diese Politik die Arbeitslosigkeit kaum verringert und die Lage der Betroffenen in finanzieller Hinsicht vielmehr verschlimmert hat, weiß auch Lessenich. Er verweigert sich aber eindimensionalen Krisendiagnosen, wie er sie vor allem im marxistischen Spektrum verortet. Er macht nicht nur auf Schattenseiten des alten Sozialstaats aufmerksam (etwa die „Normalisierung“), sondern will gerade in den „diskursiven Überschüssen“ der neuen Sozialität ein Potential zur Sozialkritik entdecken. Es gehe darum, den eigentlich republikanischen Gedanken des „aktivgesellschaftlichen Gebraucht-Werdens“ der Einzelnen kritisch anzueignen („Flexibilität nicht zum Fetisch […] werden zu lassen“). Eigenverantwortung könne ja politisch durchaus entgegen den „neosozialen“ Regierungs-Imperativen gewandt werden, selbst wenn dies nur als kollektive Anstrengung Erfolg verspreche. In der Tat: Warum soll verordnete Selbstbestimmung sich immer im Rahmen des Verordneten halten? An dieser Stelle belässt es Lessenich allerdings bei Andeutungen, man darf gespannt sein auf mehr (ein Sammelband mit Klaus Dörre und Hartmut Rosa ist schon angekündigt). Es ist jedenfalls bei Lessenich wie bei Dux zu beobachten, dass ihr Versuch, die Soziologie wieder kritisch zu wenden, sich normativen und philosophischen Fragen öffnet. Nicht nur, aber auch deswegen sei beiden Werken eine Empfehlung ausgesprochen.

Titelbild

Stephan Lessenich: Die Neuerfindung des Sozialen. Der Sozialstaat im flexiblen Kapitalismus.
Transcript Verlag, Bielefeld 2008.
172 Seiten, 18,80 EUR.
ISBN-13: 9783899427462

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

Titelbild

Günter Dux: Warum denn Gerechtigkeit. Die Logik des Kapitals. Die Politik im Widerstreit mit der Ökonomie.
Velbrück Wissenschaft, Weilerswist 2008.
360 Seiten, 39,90 EUR.
ISBN-13: 9783938808405

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