Ein Iraner aus dem Siegerland

Navid Kermani denkt über Deutschland und seine Muslime nach

Von Georg PatzerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Georg Patzer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der Islam ist: gewalttätig, frauenfeindlich, homophob. Und ein Muslim ist: ein Turbanträger mit Bart, um ihn herum Frauen mit Schleier oder wenigstens Kopftuch. Ist es wirklich so einfach? Auch Navid Kermani, habilitierter Orientalist und Publizist, sagt: "Ich bin Muslim." Und fährt fort: "Der Satz ist wahr, und zugleich blende ich damit tausend andere Dinge aus, die ich auch bin und die meiner Religionszugehörigkeit widersprechen können - ich schreibe zum Beispiel freizügige Bücher über die körperliche Liebe oder bejahe die Freiheit zur Homosexualität".

In seinem neuen Buch denkt Kermani über den Islam nach, über seine Heimat, über Deutschland und den Iran. Aber was ist Heimat? Wenn er in der Welt unterwegs ist, fühlt er sich zu Hause, wenn er Persisch hört. Trotzdem versucht er immer, deutsche Zeitungen zu lesen. Und wenn ihn jemand fragt, wie es Emigranten vor vielen Jahren häufig passierte, wann er denn wieder nach Hause zurückkehre, denkt er immer: "Zurück - das wäre in meinem Fall Siegen in Südwestfalen, und dorthin möchte ich nun wirklich nicht zurück." Dabei ist Kermani kein zerrissener Mensch, er findet es nur seltsam, dass man von anderen so eine Eindeutigkeit verlangt. Denn viele Moslems trinken Alkohol und sind schwulenfreundlich. Und auch umgekehrt: "Zu welch kuriosen Blüten ein derart christlich gedrehter Aufklärungsfuror führen kann, hat der baden-württembergische Muslimtest gezeigt, als ausgerechnet Christdemokraten die Freiheit zur Homosexualität als Erkennungsmerkmal der europäischen Kultur ausgaben."

Kurios ist das Stichwort. Denn schließlich ist jeder Mensch aus vielen Facetten zusammengesetzt, ihn über nur eine zu definieren, falsch. So ist ja auch Kermani nicht nur Moslem, sondern auch Fan des 1. FC Köln, Siegerländer, Vater von zwei Töchtern auf einer katholische Schule und vieles mehr. Kurios findet Kermani vor allem, dass wir nicht sehen, wie tolerant wir schon sind, wie begeistert wir neue Kulturen aufnehmen: "Manchmal stelle ich mir ein Deutschland vor, ein Köln, in dem keine Ausländer mehr leben oder auch nur keine Türken - das wäre nicht nur schrecklich, es wäre vor allem öde." Wer schon einmal in Dresden war, weiß, dass das stimmt.

Viele Aspekte streift Kermani in seinem neuen Buch, das eigentlich eine einzige Hymne auf die Toleranz ist, die in Deutschland ganz unbemerkt gewachsen ist. Natürlich gibt es noch viele Probleme, die Kermani nicht vergisst: die Distanzierung der evangelischen Kirche vom Islam, der Fall von Murat Kurnaz, der gegen jedes Recht am Einreisen gehindert wurde. "Wir" sind also auch Moslems, so wie "wir" Deutsche sind und Christen und Homosexuelle. "Wir" sind nicht nur Papst, sondern auch Kurnaz: "Wir" sind viel. Das ist Kermanis Schlussplädoyer in einem nachdenklichen, flotten und verblüffenden Buch.


Titelbild

Navid Kermani: Wer ist wir? Deutschland und seine Muslime.
Verlag C. H. Beck, München 2009.
174 Seiten, 16,90 EUR.
ISBN-13: 9783406577598

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