Michi Neunmalklug erklärt die Evolution

Mit einem "Buch für kleine und große Besserwisser" pöbeln Michael Schmidt-Salomon und Helge Nyncke wieder einmal gegen Gott und die religiöse Welt

Von Willem WarneckeRSS-Newsfeed neuer Artikel von Willem Warnecke

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Gläubige Menschen sind dumm. Und sie erzählen dumme Geschichten. Insbesondere über einen Gott, den es nicht gibt. Schlicht peinlich ist solch völlig bescheuerter Unsinn! Schließlich hätte ein Gott, der meint, sein Werk sei gut, riesige Tomaten auf den Augen: Einen so doofen Gott, der die Welt absichtlich so gemacht hätte wie sie ist - den kann es gar nicht geben! Und wenn religiöse Menschen einmal nachdächten, würden sie das vielleicht auch erkennen.

So - in authentischer Wortwahl! - der Tenor des Bilderbuches, das Michael Schmidt-Salomon, Initiator und Vorstandssprecher der "Giordano Bruno Stiftung", zusammen mit Illustrator Helge Nyncke gerade veröffentlicht hat. Die Stiftung verfolgt das Ziel, "die Grundzüge eines naturalistischen Weltbildes sowie einer säkularen, evolutionär-humanistischen Ethik zu entwickeln und einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen". Dafür wendet sie sich etwa "in aller Entschiedenheit gegen die religiöse Fundierung von Bildung und Erziehung".

Diese Entschiedenheit wird im Buch durch die Protagonistin "Susi Neunmalklug" demonstriert: "Und ihr Name ist keine Übertreibung! Denn Susi ist nicht nur neunmal, sie ist zehnmal, ja vielleicht sogar hundertmal klüger als alle anderen!" Die Frage, inwieweit nun Name, Charakterisierung und geschildertes Verhalten geeignet sind, Susi zu einer Sympathieträgerin zu machen, mag jeder für sich beantworten. Jedenfalls bringt sie ihren Religionslehrer, der den ebenfalls sprechenden Namen "Hempelmann" trägt, kräftig zum Schwitzen, als der ihrer Klasse von der biblischen Schöpfung berichten will: Susi doziert nämlich daraufhin über Evolution. Die Auseinandersetzung mit dem dummen Lehrer ist für das Mädchen, das "in etwa so schlau wie Supermann stark ist", natürlich ein Leichtes - bald bringt er "nur noch hilfloses Stammeln hervor". Dieser Ausgang des Konflikts überrascht schon deshalb nicht, weil Hempelmann seine Dummheit, Susi hingegen ihre Gewitztheit von Nyncke wortwörtlich ins Gesicht gezeichnet wurde. Wie schon die vorherige Schmidt-Salomon/Nyncke-Koproduktion "Wo bitte geht's zu Gott? fragte das kleine Ferkel. Ein Buch für alle, die sich nichts vormachen lassen", kommt auch das neue Werk nicht über solch stupid-brachiale Polemik hinaus.

Ist das wirklich die für Kinder angemessene - oder gar: erforderliche - Form von "Argumentation"? Stellen diese verbalen und grafischen Entgleisungen wirklich jene "zeitgemäße Aufklärung" dar, der sich die Stiftung verschrieben hat? (Religions-)Kritik erschöpft sich schließlich nicht einfach in Schmähung. Und anstatt dass man dem eigenen Programm gemäß "die aktuellen Erkenntnisse von Wissenschaft und Philosophie miteinander verknüpft und die traditionellen Gräben zwischen Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften überwindet", reduzieren die Stiftungsmitglieder andere Disziplinen gerne auf die Naturwissenschaften, streben sozusagen nur eine imperialistische Befriedung an. Die Frage "Was ist Gott?" etwa beantwortet Schmidt-Salomon streng biologistisch eindimensional: "Ein imaginäres Alphamännchen, von Primatenhirnen erdacht und genutzt, um die eigene Position innerhalb der Säugetierhierarchie von Homo sapiens aufzubessern." Seiner Aufforderung "Entzaubern wir die Welt - und die Hierarchien werden fallen" kann daher wohl kaum versöhnliche Wirkung zugeschrieben werden. Mit der an ihn gerichteten Kritik macht er es sich dabei leicht - indem er sie als vornehmlich weltanschaulich motiviert "entlarvt": Sie komme einerseits von Vertretern der religiösen Rechten, andererseits von Anhängern der "dogmatischen Linken".

Vorsicht und Bescheidenheit lasse man also bei Einwänden walten: Der bekennende Besserwisser Schmidt-Salomon ist schließlich offensichtlich Experte in Sachen Klugheit. Zusammen mit Nyncke brachte er 2008 die "Geschichte vom frechen Hund" heraus, die den Untertitel trägt: "Warum es klug ist, freundlich zu sein". Zudem ist seine Homepage ein Fundus geistreicher Aphorismen; der promovierte Philosoph belehrt jeden Besucher gerne, dass es beispielsweise besser sei, "Marx, Nietzsche oder Bakunin zu lesen, als Dieter Bohlen zu hören oder Verona Feldbusch in den Ausschnitt zu starren." Doch während er mit Bakunin der "Lust der Zerstörung" frönt und wie Nietzsche mit dem Hammer argumentiert, könnte es vielleicht nicht schaden, wenn er sich fragte, ob seine verunglimpfende Insolenz nicht alles andere als freundlich - und somit der eigenen Argumentation folgend nicht klug ist.

Fehlgeleitet ist das neunmalkluge Gezeter ohnehin. Und zwar insofern, als es ja ausdrücklich nicht der politischen Meinungsbildung, sondern der Wissenvermittlung dienen soll. Mit Wissen allein lässt sich religiöser Glaube allerdings nicht wirksam angreifen: Der vormalige Joseph Kardinal Ratzinger tat im Gespräch mit Jürgen Habermas dessen gesamte Argumentation letztendlich nonchalant mit dem Verweis ab, dass Vernunft überbewertet werde. Das mag vielen nicht gefallen, es kann jedoch in keiner Weise "verboten" werden. Eine Verpflichtung auf einen rein auf Ratio bezogenen Gesprächsrahmen kann ferner nicht durch naturwissenschaftliche Belege erzwungen werden.

Aber haben sich Andersdenkende - und das sind nicht einmal unbedingt Gläubige - die generelle Aburteilung wirklich gefallen zu lassen? Es handelt sich immerhin nicht um ein salomonisches, sondern nur ein schmidt-salomonisches Urteil! Es muss doch wohl statthaft sein können, etwa den jüngsten Versuch der Stiftung, wieder einmal Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, für schlicht lächerlich zu halten: Am Aschermittwoch startete sie eine Kampagne, um den bundeseinheitlich geltenden Feiertag "Christi Himmelfahrt" zum "Evolutionstag" umzuwidmen und so "den enormen Erkenntnisgewinn, der mit der Entwicklung der Evolutionstheorie verbunden war und ist, in stärkerem Maße gesellschaftlich zu verankern".

Also ein anderer Kult - aber dennoch ein Kult. Zudem ist die Idee nicht einmal originell, denn Versuche, einen "Kult der Vernunft" einzuführen, gab es spätestens zur Zeit der Französischen Revolution. Das Scheitern dieser Versuche liegt vielleicht in der Sache selbst begründet - die vermutlich nicht besonders vernünftig ist: So wie die Stiftung anstrebt, Religion durch Evolutionismus ablösen zu lassen, wird nur der Götze Gott gegen den Götzen Darwin ersetzt. Meet the new boss - same as the old boss. Zu sehen ist das sehr gut etwa im zur Unterstützung der Kampagne bei "youtube" eingestellten Darwin-Rap, bei dem Darwin die Stelle Gottes im Michelangelo-Fresko "Die Erschaffung Adams" einnimmt. Deswegen oder weil etwa nach "Charlie Beaglefahrt" ja auch ein "Gravitationstag" und ein "Tag der chemischen Bindung" anstünde, mag man dem allen entgegenhalten, dass am Aschermittwoch eigentlich die Narretei erst einmal ein Ende haben soll.


Titelbild

Michael Schmidt-Salomon / Helge Nyncke: Susi Neunmalklug erklärt die Evolution. Ein Buch für kleine und große Besserwisser.
Alibri Verlag, Aschaffenburg 2009.
47 Seiten, 13,00 EUR.
ISBN-13: 9783865690531

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David Kern: Ich lese nun schon seit einigen Jahren regelmäßig die Monatsausgaben von literaturkritik.de, bin dabei aber noch niemals in den zweifelhaften Genuss gekommen, einen derart undifferenzierten und voreingenommenen Artikel wie jenen von ...





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