In ein anderes Grau

Wolfgang Welt beschreibt in "Doris hilft" ein weiteres mal sein Scheitern

Von Christian WerthschulteRSS-Newsfeed neuer Artikel von Christian Werthschulte

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der "größte Erzähler der Ruhrgebiets" steht auf dem Backcover von "Doris hilft". Es ist ein Superlativ, wie so vieles in der Region. Man rühmt sich mit der höchsten Theaterdichte, ist das spannendste Experimentierlabor der Republik und den Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft bewältigt man auch am zufriedenstellendsten.

Wie wenig diese ritualisierten Beschwörungen von Landschaftsverbänden und Marketingagenturen bei den Bewohnern des Ruhrgebiets ankommen, zeigt sich an den kleinen Bruchstellen. Wenn sich beispielsweise der Direktor des Dortmunder Konzerthauses darüber auslässt, wie wenig Besucher sein Haus aus Essen bekommt. Um die Ansammlung an Kleinstädten, deren Nahverkehr häufig an der Stadtgrenze Halt macht, zu einer "Metropole" zusammenzuschweißen, dafür bräuchte man wohl tatsächlich einen großen Erzähler. Aber Wolfgang Welt ist dafür der denkbar ungeeignetste. Denn das Ruhrgebiet von Wolfgang Welt ist nicht besonders weitläufig. Im Wesentlichen besteht es aus dem Bochum der frühen 1980er-Jahre, als sich so etwas wie eine kleine Szene rund um das Stadtmagazin "Marabo" bildete und Claus Peymann noch Intendant am Schauspielhaus war. Zu dieser Zeit lebt Welt in einer kleinen Mansarde, eingezwängt zwischen den Opel-Werken I und II in Bochum-Langendreer, wo er wohl auch dann noch zu Hause sein wird, wenn der Insolvenzverwalter Opel schon längst abgewickelt hat.

Und auch seine Bücher zeigen nicht die Welt der Malocher, der Energiekonzerne oder der hochqualifizierten Spezialisten für Logistik und Nanotechnik. Wolfgang Welt schreibt nicht zuerst über's Ruhrgebiet, sondern über sich selbst. Damit hatte er in den frühen 1980er-Jahren ein wenig Erfolg, brachte es zum Autor für ein paar Stadtmagazine und "Sounds", wenig später veröffentlichte er mit "Peggy Sue" einen ersten Roman im Konkret Literaturverlag, eine knapp 100 Seiten lange Erzählung über seine Zeit als Musikjournalist, sein Unglück mit den Frauen und einem ersten Satz, der den Autor fortan verfolgen sollte: "Etwa zwei Jahre nach unserer ersten Begegnung machte Sabine mir am Telefon Aussicht auf einen Fick, allerdings nicht mit ihr selber, sondern mit ihrer jüngeren Schwester."

"Spex" verriss das Buch und bezeichnete seinen Autor als "ganz normalen Biertrinker", der "die Hosen runterlässt". Was so falsch nicht ist. Welts Prosa scheint ihre Faszination in erster Linie aus ihrem Hang zum Bekenntnis zu ziehen und weist alle Qualitäten des ,echten' Ruhrgebietlers auf: manisch, doch trotzdem geradeaus und authentisch. Was dann auch zu seiner Rehabilitierung auf den Seiten des "Magazins für Popkultur" führte, wo der Roman bei seinem Re-Release 2006 gefeiert wurde, weil er der "drögen Jungswelt-Realität" des Musikjournalistendaseins Raum biete. Damit tat man nun Welt ein zweites Mal Unrecht. Denn wer Bochum-Langendreer jemals besucht hat, dem dürfte eines aufgefallen sein: Welts Leben hätte noch viel dröger sein können. Denn gleichzeitig ist es, wie alle Bücher Welts, die Geschichte einer unerfüllten Leidenschaft, für die Musik von Buddy Holly oder für die Literatur, mit der sich der Autor weitaus besser auskennt, als es seine Schauplätze - die wenigen Versammlungsorte einer links-alternativen Szene in Bochum - auf den ersten Blick verraten. Von Welts Wohnung sind es knapp zwanzig Busminuten zur Ruhr-Universität, dem Prototyp sozialdemokratischer Bildungspolitik. Dort besucht Welt vereinzelte Seminare in Germanistik und Philosophie, nur um an seiner psychischen Krankheit zu scheitern und letzten Endes im anderen Herzen des bildungsbürgerlichen Bochums zu reüssieren: als Nachtpförtner im Schauspielhaus.

Womit man dann auch bereits mitten in der Handlung von "Doris hilft" wäre, Welts mittlerweile viertem Roman wäre. Doris, soviel sei verraten, ist eine Arbeitskollegin Welts und ihre Hilfe ist rein kollegialer Natur. Welt hat mittlerweile seinen ersten Aufenthalt in der Psychiatrie hinter sich und die Arbeit an einem Nachfolgewerk zu "Peggy Sue" vor sich. Sein Erstling verkauft sich schlecht, Welt lebt eine langweilige Routine aus Aushilfsjobs und dem gelegentlichen Aufscheinen von Ruhm. Und er weiß über all dies nur zu gut Bescheid: "Ich hatte einfach keine Fantasie, ich konnte nur schreiben, was ich erlebt hatte."

Der Welt'sche Bekenntniszwang kennt nicht einmal die Grenzen des Ressentiments. Freitags geht der Autor nicht ins "Zwischenfall", seitdem sich dort die Gothicszene - "alles Teufelsanbeter" - trifft. Und auch die Schwulenparties im Bahnhof Langendreer müssen ohne ihn auskommen, weil "ich Angst um meinen Arsch hatte". Und als während einer Schicht als Nachtwächter einmal eine Scheibe eingeschmissen wird, wünscht sich Welt, die Verusacher sollten den Schaden eigenhändig reparieren, nur um kurz darauf über seine Reaktion zu sagen: "Spießer, schon klar." Welt präsentiert sich hier nicht als geläuterter, aber als selbstreflexiver Schriftsteller, der daran scheitert, dieser Reflexion eine eigene Form zu geben. So liest sich der Roman auch zu weiten Teilen wie das zeit- und ortlose Tagebuch eines Lebens, dessen Exklusivität nicht besonders neidisch macht. Mit ihrer Formel "die Wilhelmshöhe ist überall" haben die Bochumer Literaturwissenschaftler Thomas Hecken und Katja Peglow das Kollabieren von Person und Persona auf den Punkt gebracht: Wolfgang Welt bleibt der größte Erzähler seiner selbst, und diese Geschichte steht im Moment noch quer zur derjenigen des Ruhrgebiets, das sich als Kulturraum neu erfinden will. Beiden wünscht man, dass es so bleiben möge.


Titelbild

Wolfgang Welt: Doris hilft. Roman.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2009.
247 Seiten, 8,50 EUR.
ISBN-13: 9783518460511

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