Poetik des ökonomischen Menschen

Metamorphosen des Subjekts in der Moderne

Von Joseph Vogl

I.

Die Neuzeit hat nicht nur den Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Ineffizienz mit sich gebracht, sondern auch einen Agenten, dem man all das verdankt und der den Titel eines 'ökonomischen Menschen' erhielt. Dabei ist jene neue Zeit - bis heute - keineswegs einfallslos geblieben und hat mit wechselnder Ernsthaftigkeit versucht, immer wieder besondere, andere und vor allem 'neue' Menschen zu erfinden. Als sei das Menschein sich selbst nicht genug, hat es nach prägnanteren Formaten Ausschau gehalten und Prädikate entworfen, die je nach Konjunktur für diesen oder jenen Einsatzbereich ausgesucht wurden. So hat man - mehr oder weniger ergiebig - mit einem klassischen oder humanistischen, mit einem proletarischen oder sowjetischen, mit einem soldatischen oder faschistischen Menschen experimentiert. Oder man war unzufrieden mit allem und hat, wie seit der Wende zum 20. Jahrhundert, gegen die alten und auslaufenden Modelle schlicht den neuen Menschen überhaupt in Aussicht gestellt. Die Versuchsreihe wird heute noch fortgesetzt und führt in ein ungesichertes Terrain. Von allen Seiten sieht sich nämlich die Spezies weiterhin bedrängt und zu besserer Haltbarkeit aufgerufen, zu einer Menschen-Form, die vielleicht an Maschinen und Cyborgs, vielleicht an einem veredelten Genmaterial Maß nehmen soll.

Die Geschichte dieser Homunkuli und ihrer Labors ist noch nicht wirklich geschrieben, sie würde aber wenigstens einen kleinen und vorläufigen Bescheid geben: dass nämlich das "noch nicht festgestellte Tier" (Friedrich Nietzsche), das in seinen Möglichkeiten unausgeschöpfte Tier zu einigen gestalterischen Fantasien angeregt hat. Und dass angesichts dieser ontologischen Unbestimmtheit unter allen Varianten und Exemplaren, unter all den Konstruktionen und Fehlkonstruktionen einzig der ökonomische Mensch überlebte. Einzig er, so scheint es, hat sich seit einigen Jahrhunderten und bis auf weiteres in diversen Operationsfeldern bewährt. Er funktioniert in der Alltagswelt und in der Theorie, daheim wie in der Ferne, in konkreten Lebenslagen ebenso wie in komplexen Systemen und ist darum wohl zum erfolgreichsten abendländischen Kultur- und Exportartikel geworden. Man mag seine zaghaften Anfänge auf eine gewisse Unruhe am Ende des Mittelalters datieren. Man mag erste Spuren von ihm in den Kontoren oberitalienischer Kaufleute der Renaissance finden. Seine Urszene mag in den 'freihandelnden' Subjekten der Aufklärung liegen oder in den Lehr- und Handbüchern der politischen Ökonomie, oder klarer noch: in einem expansiven Unternehmergeist, der - nach Joseph Schumpeter - mit schöpferischer Zerstörung die Welt kolonialisiert haben soll. Wo immer man seine Anfänge entdecken mag, wie und wo immer auch verschiedene Herkünfte zu einer klaren und erkennbaren Gestalt zusammengefunden haben - der ökonomische Mensch hat nicht nur eine lange und ertragreiche Geschichte, er hat einen Gutteil von dieser Geschichte auch selbst gestaltet.

Wahrscheinlich muss man angesichts dieser langen Dauer und angesichts dieser Unverwüstlichkeit wenigstens zweierlei festhalten. Denn einerseits scheint man einig darüber zu sein, dass der Erfolg des ökonomischen Menschen nicht zuletzt daher rührt, dass er wie eine kleine Insel der Rationalität in einer unübersichtlichen, zufälligen und eigentlich unvernünftigen Welt operiert. Wie eines seiner strahlendsten Beispiele, der auf seine Insel verschlagene Robinson Crusoe, weiß er, dass die Ordnung der Welt weder gegeben noch unmöglich ist, sondern hergestellt werden muss. Der ökonomische Mensch ist ein Spezialist der Anfänge und Situationen, und er ist es deshalb, weil er die Dinge der Welt nicht nach wahr und falsch, gut und böse, gerecht und ungerecht sortiert, sondern nach den Kriterien von Gewinn und Verlust verfährt. Bis heute hat ihm die ökonomische Theorie das attestiert: Es gäbe keinen ökonomischen Menschen, böte die Realität nicht eine Gelegenheit, die Vielfalt ihrer Erscheinungen und Signale geschäftsmäßig und nach dem Muster von Nutzen und Nachteil zu organisieren. Andererseits aber konnte der ökonomische Mensch über die Jahrhunderte hinweg die Gegenwart nur deshalb erreichen, weil er sich als äußerst wandelbar, anpassungsfähig und somit reformbereit erwiesen hat. Er lieferte ein theoretisches und ein praktisches Passepartout, das leichter und unkomplizierter mit einer Reihe von anderen anthropologischen Substraten, aber auch mit wechselnden politischen und sozialen Auftragslagen kombinierbar war und ist. Er hat sich demnach mit einem religiösen Menschenschlag ebenso vertragen wie mit einem profanen oder gottlosen; mit einem asketischen wie mit einem ausschweifenden; mit einem liberalen wie mit einem autoritären, mit einem exzentrischen ebenso wie mit einem, den man schlicht bourgeois nennen mag. Der ökonomische Mensch und sein Merkmalskatalog haben nur wenige und sehr vorhersehbare Immunreaktionen ausgelöst und beweisen jedenfalls - soviel lässt sich sagen - ein hohes Maß an Vereinbarkeit, an Kompossibilität und Kombinierfähigkeit.

Der ökonomische Mensch ist also ein durch und durch innerhistorisches Wesen, hat einmal begonnen, unterliegt Veränderungen und wird vielleicht auch einmal an sein Ende gelangen. Er ist jedenfalls erst im Laufe der Zeit zu einem Modellmenschen geworden, zu einem Menschen schlechthin, dem man die Ausgestaltung der Welt weitgehend überlässt. Er wurde hervorgebracht durch Institutionen und Medien, durch Wissensformen und Fiktionen, durch bestimmte Funktionsideen und konkrete Anforderungen - und er lässt sich selbst als ein Medium begreifen, dessen Funktionsweise Systeme, eben ökonomische und soziale Systeme produziert. Wenn also im Folgenden von einer 'Poetik des ökonomischen Menschen' die Rede sein soll, so ist genau das gemeint: Dieser ökonomischen Menschen wird von der Seite seiner Verfertigung her betrachtet, von der Seite der poiesis. Er wird als Subjekt und als Objekt kultureller Praktiken begriffen, all das verbunden mit der Frage danach, wie er zu einem hegemonialen Typ, zu einem vorherrschenden Menschenschlag und Maßstab werden konnte. Und das rührt an die Seite seiner Geschichtlichkeit, seiner Zeitlichkeit - als Leitfaden einer Epoche, die vor 500 Jahren begann und heute, wenn nicht an ihr Ende, so an eine spezifische Grenze oder Schwelle geraten ist. Es soll also im Folgenden um einige Herkunftslinien und Abwandlungen des ökonomischen Menschen gehen.

II.

Zunächst - und das wäre eine erste These oder Überlegung hierzu - scheint das Ereignis des ökonomischen Menschen mit einer Ereignishaftigkeit verknüpft, die erst in der frühen Neuzeit eine gewisse Kontur gewann. Man könnte hier auch von einer Emanzipation des Zufalls oder des Zufälligen sprechen, von einer Isolierung der Kontingenz. Über lange Zeit hinweg war der Zufall, tyche, ein äußerst problematisches Ereignis, ein ontologischer, epistemologischer und ästhetischer Ausnahmefall: ein Ereignis, das an den Grenzen der Vernunft angesiedelt war, vom Wirken höherer Mächte zeugte und sich mit dem Lauf des Schicksals verbündete, eine Art Ereignissturm, der wie eine Prüfung hereinbrach, gemeistert werden musste oder einen schlicht scheitern ließ. Er hatte die Gestalt der Fortuna angenommen - das Rad der Lose des Lebens, das mit seiner Launenhaftigkeit an die Nichtigkeit der hiesigen Welt erinnerte.

Seit der Neuzeit allerdings lässt sich nicht nur eine Säkularisierung des Zufalls verzeichnen; er ist zu einer innerweltlichen Kategorie nicht zuletzt deswegen geworden, weil man ihm mit einem besonderen Management begegnete, mit einer systematischen Verarbeitungsweise. Einen berühmten Hinweis auf dieses Management hat jener Kaufmann von Venedig gegeben, der am Anfang von William Shakespeares Stück das bloße Walten des Zufalls und des Glücks von der Verwaltung zufälliger Ereignisse unterschied. Glaubt mir nicht, so sagt dieser melancholische Kaufmann, mein Geschäft hänge vom bloßen Glück ab: "Mein Kaufgut ist nicht Einem Schiff vertraut, / Noch einem Ort; noch hängt mein ganz Vermögen / Am Glücke dieses gegenwärt'gen Jahrs: / Deswegen macht mich mein Handel nicht traurig." Dieses kaufmännische Subjekt, das von zuhause aus seine Handelsflotte überblickt, erweist sich als raffinierter Abenteurer gerade dadurch, dass es dem Abenteuer sein Abenteuerliches nimmt. Und es tut dies im Vertrauen auf einige Techniken, die eine gewisse Neuheit in der Renaissance beanspruchen können und einen ersten wichtigen Beitrag zur Formatierung des ökonomischen Menschen lieferten.

Zunächst lässt sich hier vermerken, wie sich das Regellose, Schicksalhafte oder Gefährliche des Zufalls in ein bloßes Risiko umgewandelt hat. Die Geschichte der neuzeitlichen Seefahrt hat nämlich aus dem italienischen "risco", also dem, "was aufreißt", eine Klippe gemacht, an der ein Schiff scheitern kann. Aus dieser Klippe aber schließlich jenes Risiko, dem die Waren auf hoher See ausgesetzt sind. Wenn also Shakespeares Kaufmann keine Schicksalsschläge mehr, sondern nur noch Risiken kennt, so deshalb, weil er auf mehrere Schiffe zugleich, auf gegenwärtige wie auf künftige Ereignisse setzt und sich somit auf versicherten Wegen bewegt. Die Geschichte dieses Kaufmanns ist mit einer Geschichte von Versicherungen verknüpft, mit der Geschichte jener frühen Seeversicherungen, deren System eben darin besteht, dass man mögliche Gefahren mit anderen möglichen Gefahren verrechnet und damit in kalkulierbare Posten bannt. Das kaufmännische Subjekt setzt nicht auf Glück oder Unglück, Bestehen oder Vergehen (das war die Sache der Ritter), sondern auf ein System von Ereignissen; und was immer auch passieren mag, kann mit all dem, was sonst passiert und passieren wird, ab- und ausgeglichen werden. Der Blick auf die negativen Folgen von Taten und Handlungen wird gewissermaßen produktiv.

Für dieses Ereignis-Kalkül ist allerdings - das wäre ein weiterer Aspekt - auch eine bestimmte Beobachtungsform nötig, ein Medium, dessen erste Spuren man bis ins 13. Jahrhundert verfolgen kann und das wesentlich zum Betriebssystem gehört, mit dem der ökonomische Mensch zu funktionieren beginnt. Damit ist natürlich die Technik oder Methode der Buchführung gemeint, das System der doppelten Buchhaltung. Diese Technik, die sich zuerst in oberitalienischen Handelsstädten verbreitete, lässt sich nicht nur als Kolonisierung der Welt mit schriftlichen Mitteln, sondern auch als besondere und folgenreiche Selbsttechnik begreifen. Sie zeichnet sich - kurz gesagt - durch vier Elemente aus, die in einem der ersten gedruckten Traktate zur Buchführung von 1494 versammelt sind, in Luca Paciolis 1494 erschienener "Abhandlung über die Buchhaltung".

Das betrifft erstens eine Totalerfassung von Ereignissen. Denn am Beginn eines jeden Geschäfts, bei der Eröffnung der Geschäftsbücher steht ein Verzeichnis oder Inventar, das alle Vorfälle und Dinge restlos aufschreibt: von vorhandenen Geldsummen, Immobilien, Waren und Gerät bis hin zu Hausrat, Kleidern, Tüchern und Bettzeug. Was nicht im Buch steht, ist nicht in der Welt. Das Sein der Dinge ist nicht von ihrem Aufgeschrieben-Sein zu trennen - mit dieser Setzung beginnt die ökonomische Operation.

Zweitens garantiert die Buchführung eine fortlaufende Aufzeichnung, sie operiert auf der Achse der Zeit. Mit den Geschäftsbüchern wird ein geschäftliches Tagebuch geführt, das den Geschäftsverkehr am Leitfaden aller eintreffenden Begebenheiten kontrolliert und sehr bald als schriftliche Disziplin der kontinuierlichen Selbstüberprüfung fortgesetzt wird - nicht von ungefähr hat man im Rechnungswesen eine der Quellen des modernen Tagebuchführens erkennen wollen. Jeder Tag ist gewissermaßen Bilanz- und Gerichtstag und wird gemustert nach seinem Ertrag.

Drittens liefert die Buchführung eine selektive Wahrnehmung von Ereignissen. Der Kaufmann hantiert nämlich im Grunde mit drei verschiedenen Büchern, die eine zunehmende Filterung der Vorfälle leisten: mit einem Memorial, das alle Vorgänge von Stunde zu Stunde, von Tag zu Tag gleichsam erzählerisch festhält; mit einem Journal, das diese chronologische Ordnung in einzelne Posten, Transaktionen und Zahlungen übersetzt, und schließlich mit dem Hauptbuch, die einzelnen Konten nach Gewinn und Verlust dokumentiert. Die Ereignisse der Welt beziehungsweise Geschäftswelt werden hier mit einem Blick überschaubar gemacht und in eine "schöne Ordnung" gebracht, wie François Véron de Forbonnais 1758 über die italienische Buchführung schrieb, in eine Ordnung schließlich, die alles Geschehen auf den Nenner von Zahlungen bringt.

Viertens liefert die doppelte Buchführung einen vernetzten Ereigniszusammenhang. Im Hauptbuch sind nämlich nicht nur alle Ereignisse nach einzelnen Konten für Sachen, Personen und Vorgänge aufgelistet; sie erscheinen überdies auf doppelte Weise, nach Soll und Haben, Debit und Kredit, also an- und abwesend zugleich - ein Ort der Vernetzung also, der mit dem Zusammenhang aller Verhältnisse auch die Qualität dieser Verhältnisse sichtbar macht. Dinge und Personen werden hier unter dem Aspekt ihres Verkehrs, der Zirkulation, des Austauschs und der Interdependenz notiert. In dieser Welt geht nichts verloren: Jeder verschwindende Posten taucht anderswo ins Gebiet des Seienden zurück.

Für das neuzeitliche Kaufmannssubjekt gilt also: Im Anfang war das Konto, am Anfang stand eine systematische Anschreibung und Filterung von Ereignissen; und damit sind zugleich einige Praktiken verknüpft, denen neuzeitliche Subjekte den Standard ihrer Selbst- und Weltorganisation verdanken. Wenn sich nämlich ein Subjekt durch eine Position definiert, auf der ein Akteur konsequent von der Theorie zur Praxis übergeht, so liefert eben die kaufmännische Technik eine äußerst effiziente Methode für diesen Übergang, für diesen passage à l'acte. Mit der Buchführung lösen sich nämlich das Geschäft, die Handlungen im weitesten Sinn von den lebenden Individuen, das Geschäft wird autonom. Die Ausfahrten und Bewegungen des Individuums trennen sich nun von den Ausfahrten und Bewegungen des Subjekts; die Buchführung ermöglicht - wie beim Kaufmann von Venedig - Reisen auf dem Papier. Der Kaufmann fährt in die Ferne und bleibt zugleich zuhause, in seinem Kontor, in seinem Büro, über seine Bücher gebeugt: eine wichtige Form, die Ferne als Nahverhältnis zu adressieren. Zugleich aber ist dieses Kaufmannssubjekt ein schlafloses Subjekt, unruhig und stets wachsam. Luca Pacioli hat den Kaufmann darum als Wesen mit hundert Augen beschrieben oder mit einem "Hahn" verglichen, der - wie es heißt - "unter den Tieren das wachsamste ist und im Winter wie im Sommer seine Nachtwachen hält und niemals dabei ruht". Schließlich und nicht zuletzt ist damit auch ein Bilanz-Subjekt begründet worden, ein Subjekt der kontinuierlichen Selbstkontrolle und der Jahresabrechnungen, ein Subjekt, das sich damit einen innerweltlichen Lebenslauf verpasst. Von nun an beginnen Lebensläufe die Form von Karrieren anzunehmen, in denen Erfolgsereignisse zu Erfolgsereignissen führen und die Lebenszeit selbst sich am Leitfaden des Ertrags kapitalisiert. Dieser frühe ökonomische Mensch navigiert also methodisch ausgerüstet in einer Zufallswelt und sucht darin seine profane Entfaltung. Das ergibt einen Zusammenhang von Buchhaltung und Erzählung, der von nun an konkrete Biografien ebenso wie literarische Muster bestimmen wird.

III.

In der Neuzeit fängt nicht nur die Erde um die Sonne zu laufen an, sondern auch das Geld um die Erde, und dieser Umlauf koinzidiert mit einer weiteren Revolution, einer moralischen. Und das wäre ein zweiter Angelpunkt des ökonomischen Menschen: Er bringt eine Umwälzung in Sachen Moral und Ethik mit sich, und zwar in der Theorie ebenso wie in der Praxis. Man kann in diesem Zusammenhang darauf verweisen, dass sich Adam Smith, einer der Gründungsväter der Nationalökonomie, vor allem als Moralphilosoph begriff und dass sein "Wealth of Nations", der "Wohlstand der Nationen" von 1776, als zweiter Teil eines Kurses über Sittenlehre erschien. Vor allem aber wird der Blick darauf gelenkt, wie sich seit dem 17. Jahrhundert eine zunehmend kritische Beobachtung dessen verzeichnen lässt, was man den 'wirklichen Menschen' nannte.

Wesentlich scheint dabei folgendes zu sein: Seit dem Barock sind sich Naturrechtslehrer und Moralphilosophen weitgehend einig darüber, dass der Mensch nicht mehr einfach als zoon politikon begriffen werden kann, als politisches Tier, das direkt und umstandslos zu einem Leben in der Gesellschaft bestimmt sei. Vielmehr erweist sich der Mensch im Unterschied zu meisten anderen Wesen als dysfunktional, nicht fürs Soziale gemacht. Er ist zu einem unangenehmen Zeitgenossen für Seinesgleichen geworden - und eine umfangreiche Literatur über Konzepte wie "Selbstliebe" oder "Selbsterhaltung" belegt, dass man hier, beim Menschen, allenfalls von einer "ungeselligen Geselligkeit" oder von einem "Volk von Teufeln" sprechen muss, wie Immanuel Kant das in diversen Schriften getan hat. Man kann Überlegungen dieser Art als das Entstehen einer politischen Anthropologie begreifen, vielleicht als das Entstehen von Anthropologie überhaupt; vor allem aber als einen wesentlichen Schritt zur Erfassung und zur Realisierung des ökonomischen Menschen. Der 'wirkliche' Mensch, wie er seit der Aufklärung ins Auge gefasst wird, befindet sich jedenfalls in einem "verdorbenen Zustande", wie der Naturrechtler Samuel von Pufendorf 1673 bemerkte, er ist ein "von mannigfaltigen schlimmen Begierden erfülltes Geschöpf". Was ist das Besondere an diesen Überlegungen? Wie unterscheidet sich dieser ebenso wirkliche wie verdorbene Mensch vom älteren Sündenwesen der christlichen Theologie?

Zunächst muss man wohl festhalten, dass dieser Mensch, wie er etwa seit dem 17. Jahrhundert beschrieben wird, zwar seinen Begierden folgt, dass er von Appetit und Aversion, von Anziehung und Abstoßung bewegt wird, dass er also seinem Bau nach aus sozialen Defiziten und Dysfunktionen besteht. Das ist aber nicht alles. Denn bei genauer Beobachtung kann man feststellen, dass er umgekehrt gerade deshalb eine gesellschaftliche Ordnung überhaupt ermöglicht, eine Ordnung, die vielleicht besser als alle anderen funktioniert. Das meint die berühmte Formel "private vices - publick benefits", private Laster - öffentliches Wohl. Sie stammt aus dem moralphilosophischen Buch "Die Bienenfabel" von Bernard Mandeville vom Anfang des 18. Jahrhunderts, hat seitdem eine gewisse Konjunktur erlebt und ruft ein weitreichendes Sozialtheorem auf den Plan. Natürlich ist der Mensch - so heißt es auch bei Mandeville - von Affekten, Begierden und Leidenschaften beherrscht; darunter sogar ehemalige Todsünden wie superbia, avaritia, invidia, luxuria, also Hochmut, Geiz, Neid und Ausschweifung, die das Herz der Menschen entflammen.

Allerdings, so geht Mandevilles Argument weiter, sind eigentlich nicht die maßvollen Neigungen, sondern gerade die maßlosen wirklich erfinderisch, listig und produktiv - und mehr noch, es lässt sich erkennen, dass all diese verschiedenen Leidenschaften sich wechselseitig aufrufen und in Bewegung halten, dass sie sich schließlich gegenseitig balancieren und kompensieren. So hält etwa der Geiz des einen die Verschwendung des anderen in Schach, und beide zusammen tragen mitsamt ihren Kniffen und Listen zum Wohl aller bei. Das ist der Fluchtpunkt des Arguments: Was bei den einzelnen lasterhaft, irregulär und verwerflich erscheint, ergibt im ganzen Zusammenhang eine dynamische und stimmige Ordnung. Ein guter Politiker, so erklärt Mandeville, darf nur mit dem Schlimmsten im Menschen kalkulieren - er geht nicht von Tugenden und mittleren Qualitäten aus, sondern vom Extremfall der ungezügelten Leidenschaften und betrachtet sie wie eine Reagenz in ihrer Mischung, in ihrer Wirkung aufeinander - wie sie "richtig miteinander vermengt, sich gegenseitig aufheben und für die entsprechenden Gesamtheiten, denen sie angehören, als vorteilhaft erweisen". Was im Einzelnen ungenießbar bleibt, wirkt wohltuend im Zusammenhang - und das scheint keine belanglose Feststellung zu sein. Der neuzeitliche Mensch kommt nicht bloß als rationales, sondern als besonders leidenschaftliches Subjekt auf die Welt und kann noch die alten christlichen Todsünden zu neuen Aktivposten verwandeln.

Gerade weil er asozial ist, wird also der Mensch als Faktor sozialer Ordnung verbucht; gerade mit seiner Unzuverlässigkeit wird er als zuverlässige, kalkulierbare Größe integriert. Wie ist das möglich? Durch welchen Mechanismus kann aus einem anomischen Wesen Gesetzmäßigkeit produziert werden? Auch hier koinzidiert die Antwort, die englische Empiristen, französische Moralisten und deutsche Sozialtechniker geben, in einem wesentlichen Punkt. Der Fluchtpunkt all dieser passionellen Dynamiken liegt, so heißt es, in einer Mechanik der Interessen. Im Kern aller Aktionen und Passionen, im Kern aller Begierden und Neigungen steckt zuletzt ein nicht weiter reduzierbares Element, das man seit dem 17. Jahrhundert "Interesse" oder "Eigeninteresse" nennt. Es soll hier auf die Geschichte des Interessenbegriffs nicht weiter eingegangen werden, der wahrscheinlich von der Staatsräson, vom Begriff des Staatsinteresses in die Sozialtheorie übergegangen ist. Sehr allgemein aber lassen sich wenigstens folgende Aspekte festhalten, mit denen das Interesse einen theoretischen und praktischen Angelpunkt für den neuzeitlichen Menschenverkehr ergibt.

Zunächst wäre das Interesse ein letztes und unauflösliches Verhaltensatom. Was einer will oder begehrt, wohin ihn die Neigung oder Leidenschaft treibt - in jedem mehr oder weniger bewussten Entscheidungsprozess arbeitet eine Logik der Bevorzugung, an deren Ende stets das Bessere für einen selbst steht. Selbst die schlimmsten Begierden, die hitzigsten Leidenschaften werden durch ein Spurenelement von Eigeninteresse geklärt, das die Wahl des Angenehmeren, des weniger Schmerzvollen dirigiert. Damit zeigt sich das Interesse zugleich als Form eines Willens, der nicht über Askese, Selbstbeherrschung und Zügelung, sondern umgekehrt durch Selbstbehauptung funktioniert. Das Interesse kennt eben den Selbstverzicht nicht. Es fungiert daher als ein prinzipienloses Prinzip. Es verwirklicht sich in konkreten Situationen, angesichts konkreter Alternativen, es kennt kein allgemeines (moralisches) Gesetz und reagiert auf die Zufälligkeit der Weltereignisse. Das Subjekt des Interesses ist darum alles andere als ein Moral-Subjekt, ein Gesetzes-Subjekt, es akzeptiert keine Verneinung. Aber mehr noch: Wer aus Interesse handelt, kommt zwangsläufig zum Handel und Austausch mit anderen, er kommuniziert mit seinen Neigungen und bringt damit überhaupt soziale Gesetzmäßigkeit hervor. Im Interesse begegnen sich die Neigungen und Leidenschaften aller Akteure, und wo sie ihren Interessen folgen, offenbart sich ein soziales Naturgesetz: Wie die Körper der Natur dem Gesetz der Gravitation unterliegen, so wird die Gesellschaft vom Bewegungsgesetz der Interessen bestimmt. Der französische Moralphilosoph Claude Adrien Helvetius hat das 1758 so formuliert: "Wenn das physikalische Universum dem Gesetz der Bewegung unterworfen ist, so folgt das moralische Universum dem Gesetz des Interesses."

Nimmt man all das zusammen, so kann man wohl die Gestalt einer moralischen Revolution ausmachen. Der Mensch, der sich im 17. und 18. Jahrhundert formiert, kennt keinen Sündenfall, er ist weder gut noch böse, weder sündhaft noch rein, weder teuflisch noch engelhaft, sondern funktional und dysfunktional zugleich. Er ist dysfunktional, weil er sich nur widerstrebend in die Gesellschaft fügt. Und er ist funktional, weil sich gerade aus diesem Widerstreben der gesetzmäßige und berechenbare Zusammenhang aller mit allen ergibt. Das ist das Gesetz der Gesellschaft, das diese besser als alle anderen moralischen oder juridischen Gesetze regiert.

IV.

Seit dem 17. Jahrhundert also schlägt im Innern des Menschen ein Herz voller Begierden, alle Begierden und Leidenschaften aber verkleiden nur ein nacktes und unreduzierbares Element, das die Qualität des Interesses besitzt. Das prägt die Dynamik des sozialen Verkehrs, treibt aus der Regellosigkeit die Regel, aus der Gesetzlosigkeit die Gesetzmäßigkeit hervor. Und das wird zugleich zum Motiv, das den neuen ökonomischen Menschen in Bewegung setzt. Durch die Mechanik von Leidenschaften und Interessen wird das Soziale erst produziert, dadurch entsteht ein systemischer und systematischer Zusammenhang. Damit wird schließlich ein Verkehrssystem privilegiert, das sich Ökonomie, Markt, Wirtschaftssystem nennt. Wenn sich seit dem 17. Jahrhundert eine Reflexion über Märkte und Wirtschaftssysteme konkretisiert, so betrifft das nicht nur ein Verhältnis von Preisen, Waren und Zahlungen, sondern ein Spielfeld, auf dem das Gesetz der Interessen regiert, mithin das Substrat des ökonomischen Menschen. Dieses Substrat ist also ganz unmittelbar ein Medium, durch das sich eine Elementarform des Sozialen herstellt: ein Medium also, das Regungen mit Handlungen und Handlungen mit Kommunikationen verknüpft. Das führt zur letzten Frage in diesem Zusammenhang: Was macht die Effizienz dieses Menschen aus? Wie genau bewegt er sich in diesen Systemen? Was macht ihn so zukunftsfähig? Dazu lässt sich wenigstens dreierlei bemerken.

Erstens: Der neue, interessegeleitete Mensch bewegt sich gerade deshalb so sicher, elegant und zuverlässig in der unübersichtlichen Welt, weil er selbst eigentlich blind und beschränkt bleibt und keinerlei Übersicht anstrebt. Wer seinen Neigungen und Interessen folgt, beharrt auf der Beschränktheit seiner Neigungen und Interessen, und mehr noch: er sieht ganz konsequent von der Restwelt ab und unterstellt bestenfalls, dass alle anderen mit ihm diese Beschränktheit teilen und Leidenschaften in Interessen, Interessen in Vorteile verwandeln. Seine Rationalität ist rational nur, weil sie lokal bleibt.

Zweitens: Dieser ökonomische Mensch wäre demnach Subjekt eines beschränkten Wissens, überblickt die Abfolge von Ursachen und Wirkungen nicht, produziert selbst Effekte, die er nicht kennt, nicht beabsichtigt und die seinem begrenzten Überblick entgehen. Gerade diese unbeabsichtigten Effekte aber, hervorkommend aus Interessen und selbstsüchtigen Neigungen, wenden sich ungewollt zum Wohl des Ganzen. Und hierfür steht ein Begriff ein, der spätestens seit Adam Smith notorisch geworden ist - das ist der Begriff der "unsichtbaren Hand". Die berühmte Stelle aus dem "Wohlstand der Nationen" von 1776 lautet: "Tatsächlich fördert er [der ökonomische Agent] in der Regel nicht bewusst das Allgemeinwohl, noch weiß er, wie hoch der eigene Beitrag ist. Wenn er es vorzieht, die nationale Wirtschaft anstatt die ausländische zu unterstützen, denkt er eigentlich nur an die eigene Sicherheit, und wenn er dadurch die Erwerbstätigkeit so fördert, dass ihr Ertrag den höchsten Wert erzielen kann, strebt er lediglich nach eigenem Gewinn. Und er wird in diesem wie auch in vielen anderen Fällen von einer unsichtbaren Hand geleitet, um einen Zweck zu fördern, den zu erfüllen er in keiner Weise beabsichtigt hat. Auch für das Land selbst ist es keineswegs immer das schlechteste, dass der einzelne ein solches Ziel nicht bewusst anstrebt, ja, gerade dadurch, dass er das eigene Interesse verfolgt, fördert er häufig das der Gesellschaft nachhaltiger, als wenn er wirklich beabsichtigt, es zu tun. Alle, die jemals vorgaben, ihre Geschäfte dienten dem Wohl des Allgemeinen, haben meines Wissens niemals etwas Gutes getan."

Hier ist man wohl bei einer der wichtigsten Urszenen des ökonomischen Menschen angelangt: Er ist zuverlässig durch Beschränktheit, sozial durch mangelnde Sozialität. Vor allem aber regiert er sich selbst und andere am besten, wenn man ihn nicht regiert. Nichts - und das wird eines der Leitmotive des späteren Liberalismus sein - ist schädlicher als eine Regierung, die das Gute will, und viel eher gilt hier ein mephistophelisches Programm, der Verweis nämlich auf eine Macht, die stets das Böse will und ungewollt das Gute, das Beste für alle tut. Die bürgerliche Gesellschaft, die sich hier als Milieu um den ökonomischen Menschen herum bildet, wird durch Intransparenz, durch ein Prinzip der Unsichtbarkeit regiert. Es gibt keinen guten politischen Akteur, der mit Überblick und Einsicht das allgemeine Gute wollen und tun kann. Das würde es bedeuten, wenn man sagen wollte: Der ökonomische Mensch ist Subjekt seiner Interessen, aber Medium der bürgerlichen Gesellschaft.

Allerdings kommt ein Drittes und Letztes hinzu. Denn dieser ökonomische Mensch ist nicht nur einer, dem das Ganze, die Übersicht über das Ganze abgeht. Er funktioniert vielmehr nur, insofern ihm stets etwas ganz Grundlegendes fehlt. Man hat es hier mit der Entdeckung eines produktiven Mangels zu tun, man entdeckt, spätestens gegen Ende des 18. Jahrhunderts, die Produktivität von Mangel, Fehl und Knappheit. Dabei kann daran erinnern, dass jener Begriff der "unsichtbaren Hand" bei Adam Smith schon in einer früheren Version präsentiert wird, nämlich im ersten Band seines Versuchs über Moralphilosophie, in der "Theorie der ethischen Gefühle" von 1759. Es mag, so etwa schreibt Smith hier, der "stolze und gefühllose Grundherr" den Blick über seine weiten Felder schweifen lassen und in seiner Fantasie die gesamte Ernte verzehren, ohne dabei einen Gedanken an die "Bedürfnisse seiner Brüder" zu verschwenden. Das "Fassungsvermögen seines Magens" aber "steht in keinem Verhältnis zu der maßlosen Größe seiner Begierden" und wirkt nun wie eine physische beziehungsweise physiologische Grenze. So kommt es, dass er den Rest des Ertrags verteilen muss und gerade mit seinem Verlangen nach einem Mehr an "Luxus", "Kram und Tand" die Bedürfnisse der anderen stillt. Trotz oder gerade wegen ihrer "natürlichen Selbstsucht und Habgier" teilen also die Reichen ihren Reichtum den Armen mit, und wörtlich heißt es: "Von einer unsichtbaren Hand werden sie dahin geführt, beinahe die gleiche Verteilung der zum Leben notwendigen Güter zu verwirklichen, die zustandegekommen wäre, wenn die Erde zu gleichen Teilen unter all ihre Bewohner verteilt worden wäre; und so fördern sie, ohne es zu beabsichtigen, ja ohne es zu wissen, das Interesse der Gesellschaft und gewähren die Mittel zur Vermehrung der Gattung."

Auch hier also betreibt der Motor der blinden, egoistischen Strebungen das allgemeine Wohl. Mehr noch aber wird hier ein stets ungestilltes Begehren eingeführt, das mit einer gewissen Grenzenlosigkeit über alle Bedürfnisse und Befriedigungen, über das Fassungsvermögen des leiblichen Behälters hinausführt. Karl Marx wird das später einmal die "abstrakte Genusssucht" des Kapitalisten nennen, dessen Akkumulation von Geld und Kapital sich mit keinem konkreten Bedürfnis abgleichen lässt. Und das ist eine wesentliche Komponente des ökonomischen Menschen. Spätestens seit Ende des 18. Jahrhunderts werden ökonomische Subjekte durch eine Einverseelung des Mangels produziert, als Automaten des Begehrens sind sie zu Artisten des Mangels geworden, die notwendig wollen (müssen), was sie nicht bekommen. Wie Johann Wolfgang Goethes Faust ist dieser ökonomische Mensch nun ein Typ, der in der Fülle das Fehlen verspürt, im Mangel die Bedingung seines Wünschens erfährt und schließlich die Kunst des Verfehlens beherrscht, nämlich im unendlichen Streben endliche Güter zu wollen. Das wäre die Wunschmaschine des ökonomischen Menschen, der mit selbstsüchtigen Neigungen, ungewollten Effekten, beschränktem Wissen und schließlich mit einem grenzenlosen, ungestillten Begehren will, was er nicht kann, und tut, was er nicht will. Oder (um es mit Goethe und Niklas Luhmann zu sagen): "Wer immer strebend sich bemüht, den können wir besteuern."

V.

Der ökonomische Mensch taucht also in der Neuzeit als Spezialist zweier Milieus auf, die einerseits durch die Zufälligkeit einer zufälligen Welt, andererseits durch den Strom seiner Begierden, Leidenschaften und Interessen gegeben sind. In ihm verbinden sich Annahmen über die Weltlage mit anthropologischen Unterstellungen und führen zu einer nachhaltigen Umwälzung im moralischen Haushalt wie in der Ökonomie des Menschenverkehrs. Das bedeutet erstens, dass dieser neuzeitliche ökonomische Mensch nicht als nur als rationales, sondern als passionelles Subjekt die Bühne betritt und seine Leidenschaft bestenfalls über eine Mechanik der Interessen reguliert. Zweitens ist er das blinde Subjekt eines beschränkten Wissens. Gerade in seiner Blindheit produziert er - ungewollt - die Harmonie des sozialen Verkehrs. Drittens ist er darum auch ein Staatsfeind im besonderen Sinn. Für ihn widerstrebt die Einrichtung eines guten Systems (von Gesetzen, Institutionen et cetera) der guten Einrichtung von Systemhaftigkeit überhaupt. Viertens aber verschlägt diese Feindschaft nicht, dass mit dem ökonomischen Menschen zugleich ein besonders gut regierbares Exemplar verwirklicht wurde. Die Prioritäten von Ökonomie und Markt schafften ein Milieu, in dem sich die Begierden und Interessen des ökonomischen Menschen selbst regieren, sich steuern, balancieren und kompensieren. Das Gesetz, das hier Ordnung stiftet, ist den einzelnen Agenten nicht äußerlich; es entspringt ihrem selbstsüchtigen Herzen und regiert besser und effektiver als jeder Regent: als unsichtbare Hand. Der ökonomische Mensch - das wird seine immer wiederholte Forderung sein - benötigt den weisen Gesetzgeber wie den umsichtigen Politiker nicht. Die bürgerliche Gesellschaft, die durch ihn im 18. Jahrhundert hervorgebracht wird, überlässt sich einer Dynamik, in der die einzelnen Akteure unbeständig und indefinit, insgesamt aber vorhersehbar und berechenbar sind und sich darum als Fälle von Gesetzmäßigkeiten diesseits von Rechtssätzen und moralischen Gesetzen verhalten. Seit dem 18. Jahrhundert ist also der Markt nicht irgendein Schauplatz, sondern Ort von sozialer Ordnung schlechthin: ein Katalysator, der Leidenschaften in Interessen, egoistische Interessen aber in einen harmonischen Zusammenhang transformiert. Schließlich und letztens hat dieser ökonomische Mensch auch einen besonderen, innerweltlichen Lebenslauf. Er wird im Nichtwissen klug, mit beschränktem Bewusstsein befördert und durch seinen engen Horizont vorangebracht. Man kann Ähnliches übrigens im Schema des deutschen Bildungsromans erkennen: Auch Wilhelm Meister ist ja gerade durch beschränktes Wissen und ungewollte Effekte, also durch eine unsichtbare und höhere Hand an den richtigen Ort gebracht worden.

Von hier aus, von dieser Situation gegen Ende des 18. Jahrhunderts ließe sich nun das weitere Geschick des ökonomischen Menschen seit dem 19. Jahrhundert verfolgen: wie er etwa über die Konzepte von Energie und Arbeit mit Phänomenen des Verschleißes, der Ermüdung und Erschöpfung konfrontiert wird; wie für ihn - und für das Wirtschaftssystem überhaupt - etwa Krisen und Krisenhaftigkeit zu notwendigen und kathartischen Episoden der Selbstklärung werden. Vor allem aber bestimmen nun die Gesetzmäßigkeiten des Markts die Maßverhältnisse des Menschenverkehrs. Schon die Nationalökonomie hat die Rationalität des ökonomischen Wissens dort ausgemacht, wo das ökonomische System als die Wirklichkeit von Systemen, der ökonomische Mensch als die Wirklichkeit des Menschen und eine ökonomische Gesellschaft als das Reale des Sozialen funktioniert. Es hat sich damit eine Bewegung vollzogen, in der sich die Begrenzung einer ökonomischen Wissenschaft im 19. Jahrhundert mit der Universalisierung ihrer Kategorien verknüpft. Gerade der partikulare Charakter - des Wirtschaftssystems, des Markts - macht es möglich, dass sich das ökonomische Wissen als 'Basis' anderer Wissensformen definiert: "Während die Volkswirtschaft nur die materiellen Güter zum Gegenstand zu haben schien", schrieb Jean Baptiste Say 1828, "umfasst sie in Wirklichkeit das gesamte Gesellschaftssystem, denn alles, was die Gesellschaft angeht, betrifft auch sie." Und für die verschiedenen Liberalismen des 20. Jahrhunderts und insbesondere für das, was man seit Mitte 20. Jahrhunderts Neoliberalismus nennt, sind der Markt und seine Gesetze nicht mehr bloß ein Teilsystem der Gesellschaft, das neben anderen - etwa der Politik, dem Recht, der Kunst und so weiter - operiert. Ihr Programm besteht vielmehr darin, Marktgesetze auf nicht-marktförmige Bereiche auszudehnen; und sie folgen damit der Idee, dass nur durch diese Ausweitung sich eine optimale Regierbarkeit moderner Gesellschaften garantieren lässt. Die verschiedenen Liberalismen lassen sich, wie Michel Foucault bemerkte, als eine Regierungskunst verstehen, die nicht direkt auf die Individuen zugreift, sondern viel eher jene Milieus erzeugt, in denen die älteren Formen der Unterwerfung und Disziplinierung obsolet werden. Hat die Disziplinarmacht früher überall Mikro-Gerichte installiert, so geht es nun darum, Mikro-Märkte über das soziale Feld hinweg zu verstreuen. Ökonomisches Regieren begreift den ökonomischen Menschen als eminent regierbaren, zielt auf eine Art effizienter und dauerhafter Selbstbeschäftigung, in der der Wettbewerb und seine Abwandlungen das Dickicht der sozialen Beziehungen klärt und durchdringt.

Damit ist allerdings eine zweifache Verwandlung des ökonomischen Menschen verknüpft. Denn einerseits wird nun der homo oeconomicus de-anthropologisiert, er wird aus seiner anthropologischen Fassung - die ihn im 18. und 19. Jahrhundert bestimmte - herausgetrieben. Die neuere ökonomische Theorie begreift das Substrat des ökonomischen Menschen nicht mehr als plastische Gestalt mit Begierden, Neigungen und Interessen, sondern als eine bloße Abstraktion, als Fiktion oder als Modell, dessen Entscheidungsspiel für die Abklärung bestimmter Situationen und Problemlagen eingesetzt wird. Der ökonomische Mensch fungiert damit als eine Art theoretische Sonde, als Testverfahren, mit dem etwa die Funktionstüchtigkeit von Institutionen, von Organisationen, von Kommunikationsformen erprobt und überprüft werden. Er ist von einem mehr oder weniger realen Wesen zu einer heuristischen Figur geworden, zu einem reinen Rollen-Konstrukt, mit dem man von Fall zu Fall situationsabhängige Entscheidungsprozesse analysiert. Andererseits aber tritt umgekehrt der unökonomische Restmensch, der 'ganze Mensch' als neuer Produktivfaktor auf den Plan. Mit einem jüngsten Innovationsschub ist man auf ungehobene Ressourcen gestoßen und verlangt von der neueren Ökonomie, dass sie die Grenzen des Ökonomischen selbst überschreite und die Kapitalien der Alltagswelt, der Lebenswelt, der Beziehungswelt erschließe. Von der Ökonomie wird eine Art 'Vitalpolitik' verlangt, die die Individuen ganzheitlich, von morgens bis abends, als Familienwesen und Zeugungsanstalten, als liebende und träumende, als gesunde und kranke in Rechnung stellt. Die Ökonomie, oder besser: der Kapitalismus, muss stets neu verwirklicht werden und ist gewissermaßen mitfühlend, seelenvoll, sinngebend geworden, lässt sich jedenfalls nicht mehr mit einem rationalistischen Gewinnkalkül allein verwechseln. Was seit den 1960er-Jahren 'Humankapital' heißt, ist von einer Expansion dieser Art motiviert, von dieser Totalerfassung des menschlichen Materials: von der erblichen Ausstattung bis zu den erworbenen skills oder Kompetenzen, von Gesundheitsrisiken bis zum Beziehungskapital, von heimlichen Neigungen bis zu den diversen kreativen Vermögen. Ökonomen und Nobelpreisträger wie Gary S. Becker haben darum an einen "ökonomischen Imperialismus" appelliert, der seine besondere Effizienz über die Schwächung funktionaler Differenzierung gewinnt. Das Soziale ist nun das Ökonomische selbst. Haushalte werden als kleine Fabriken, Individuen als Mikro-Unternehmen definiert, und eine neoliberale Regierungskunst entfaltet sich dort, wo man die ökonomischen Akteure nicht bloß als Arbeitende, Tauschende, Produzierende und Konsumierende adressiert, sondern eben als Blaupausen 'ganzer Menschen', mit all ihren Fähigkeiten, Fertigkeiten, Einbildungen und Wünschen.

All das ist mit einem neuen Management verbunden, das sich auf die Schwächung oder Liquidierung älterer symbolischer Grenzen spezialisiert. Organisationsstrukturen werden verflüssigt, Arbeitsverhältnisse nach dem Muster einer "any time / any place economy" remodelliert, und die tätigen Individuen finden sich als Arbeitsnomaden in einer Grauzone zwischen Häuslichkeit und Büro, Beruf und Privatheit, persönlichen und professionellen Verhältnissen eingestellt. Die Schlagworte von Management und Ökonomik bieten einen Überblick, wie sich Wirklichkeit programmieren, das heißt realisieren lässt: Lebenslanges Lernen, Flexibilität und die Herrschaft des Kurzfristigen verlangen die Auflösung stabiler Identitäten und reservieren die Zukunft für ein wolkiges, stets wandelbares Ich. Wer die Ratgeberliteratur für Lohnempfänger aufschlägt, wird dementsprechend über das Ende beruflicher Routinen, über das Ende erwartbarer Lebenswege und Karrieren belehrt. Der ältere Auftrag, Lebensläufe als Selbstwerdungsprozesse zu verwirklichen, weicht der Aufgabe, sich mit einer Kunst des Anderswerdens zu arrangieren. Der Identitätszwang ist dem Zwang zum Nicht-Identischen gewichen.

Die Produktion der sogenannten Patchwork-Identitäten ist damit zu einem ökonomischen Auftrag geworden, es werden neue Subjekte mit weichem Kern und unscharfen Rändern geboren. Sie finden ihren Halt weder im Leben noch im Geschäft, sondern vor allem im neuen Markt der Fiktionen. Das mag die Stunde der Literatur sein, die sich stets als besonderes Sozialisationsspiel begriffen hat. Vor allem aber ist es die Zeit und die Konjunktur von Fantasy. Neuere Handbücher über Unternehmens- und Arbeitskultur lassen daran keinen Zweifel: Die neoliberale Ökonomie ist einerseits auf wasserlösliche Subjekte, andererseits auf mythische Muster angewiesen, die die Aktionsbereitschaft der Akteure durch die Vorgabe esoterischer Missionen garantieren. Schon in den 1980er-Jahren haben Alfred Herrhausen und Gertrud Höhler gruppendynamische Selbsterfahrungen für Bankleute verordnet; und wo ältere Rollen- und Karrieremodelle nicht mehr greifen, rät man zu archaischen Typen, die nun die Geschäftswelt bevölkern: ein Krieger oder Ritter etwa, der von Abenteuer zu Abenteuer loszieht, ein Schamane, der Wundertätiges bewirkt, ein Heiland, der immer in größter Not interveniert, ein Zauberer, der stets weisen Rat bereit hält und so weiter. So sehr die neue Ökonomie ein Empowerment der Individuen verlangt, so sehr können eben die Avatare aus der Fantasy-Industrie jene geschäftsmäßige Ich-Schwäche kompensieren, durch die Verwandlung des alten self-made-man in ein neues man-made-self. Das ist wahrscheinlich der jüngste Stand des ökonomischen Menschen, der zugleich eine neue Subjektivierungsweise programmiert. Wie immer das im Büro funktionieren mag: Die Bewirtschaftung des Sozialen ruft offenbar esoterische Fantasien auf den Plan, in denen sich die Lebensläufe ebenso verzaubern wie das, was 'Gesellschaft' einmal war. Das prägt die gegenwärtige Ästhetik der Existenz, die man auch "self-fashoning" nennt. Man erlebt hiermit Archaismen in aktueller Funktion. Die Gesetze von Fantasy haben die Ausstattung des Subjekts und seiner diversen Rollen übernommen.

Der Begriff einer 'neuen Ökonomie' hat hier in der Tat eine Grenze oder Schwelle markiert. Hat nämlich der ökonomische Mensch einmal als Medium die bürgerliche Gesellschaft und ihre Differenzierungen hervorgebracht, so kommt eben diese Gesellschaft mit seinen jüngsten Metamorphosen an ihr Ende. Das neue Exemplar funktioniert ökonomisch nur, sofern es die Unterscheidung des Ökonomischen nicht trifft und sich als Implosionsagentur positioniert: wo eben Liebe und Passion und Wissenschaft und Recht und Gesundheit und Geschmack nicht nicht Kapitalien sind. Vielleicht ist die andere, technische Seite dieser Mutation jene Veränderung, mit der der Supercode des Gelds durch den Hypercode digitaler Information abgelöst und partikularisiert wurde. Wer zahlt, zahlt auf den Märkten immer noch mit Geld - er bezahlt aber Geld immer schon mit Information. Im Informationssystem, in seinen technischen und symbolischen Bedingungen, erreicht die Ökonomie nicht nur ihre äußersten, bislang unüberschreitbaren Grenzen. Sie ruft damit auch die Figur jenes ganzen oder generellen Menschen auf, der sich Humankapital nennt. Das ist die Vergangenheit des Mediums, des älteren homo eoconomicus: Er räumt den Platz für eine neue Menschen-Variation, die ökonomisch gerade dadurch operiert, dass sie sich selbst, ihre Subjektivität, ihre Spiritualität produziert.

Literatur

Ewald, François: Der Vorsorgestaat. Frankfurt/M. 1993.

Foucault, Michel: Geschichte der Gouvernementalität II. Die Geburt der Biopolitik. Vorlesungen am Collège de France 1978-1979. Frankfurt/M. 2004.

Hirschman, Albert O.: Leidenschaften und Interessen. Politische Begründungen des Kapitalismus vor seinem Sieg. Frankfurt/M. 1980.

Luhmann, Niklas: Gesellschaftsstruktur und Semantik. Studien zur Wissenssoziologie der modernen Gesellschaft. Bd. 3. Frankfurt/M. 1989,

Rabinbach, Anson: The Human Motor. Energy, Fatigue and the Origins of Modernity. Berkeley u.a. 1990.

Sennett, Richard: Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus. Berlin 1998.

Sloterdijk, Peter: Im Weltinnenraum des Kapitals. Für eine philosophische Theorie der Globalisierung. Frankfurt/M. 2005

Wolf, Burkhardt: Die Sorge des Souveräns. Eine Diskursgeschichte des Opfers. Zürich / Berlin 2004.

Anmerkung der Redaktion: Joseph Vogl, Professor für Literatur- und Kulturwissenschaft / Medien an der Humboldt-Universität zu Berlin, veröffentlichte 2002 seine Habilitationsschrift "Kalkül und Leidenschaft. Poetik des ökonomischen Menschen". Die 3. Auflage erschien 2008 (Zürich und Berlin: diaphanes). Der Beitrag knüpft an dieses Buch an. Er erschien zuerst in der "Zeitschrift für Germanistik" (NF XVII/3, 2007, S. 547-560) und weiterhin in: Dirk Hempel / Christine Künzel (Hg.), "Denn wovon lebt der Mensch?" Literatur und Wirtschaft, Frankfurt/M. 2009, S. 19-36. Wir danken dem Autor für die Genehmigung zur Publikation einer geringfügig gekürzten und modifizierten Fassung.






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