Die Lust zu schauen

Ein Ausstellungskatalog und „Der verbotene Blick auf die Nacktheit“

Von André SchwarzRSS-Newsfeed neuer Artikel von André Schwarz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wann ist ein Blick verboten? Wann wird er erwartet oder ist gar erwünscht? Der Grat zwischen diesen Abstufungen scheint schmal zu sein, so suggeriert es auch der von Beat Wismer und Sandra Badelt herausgegebene Katalog zur Ausstellung „Diana und Actaeon. Der verbotene Blick auf die Nacktheit“, die vom 25. Oktober 2008 bis zum 15. Februar 2009 im Düsseldorfer museum kunst palast stattfand.

Da finden sich – um ein markantes Beispiel herauszugreifen – Abbildungen wie Balthasar Burkhards Fotografie „L’Origine du monde“ (1988), seinerseits ein Zitat zu Gustave Courbets 1866 entstandenem gleichnamigen Gemälde, auf dem der Betrachter den nackten Torso einer Frau erkennt, die Vulva im Zentrum, die Brüste am oberen Bildrand, den Kopf sieht man nicht.

Wirft man hier einen „verbotenen Blick“ auf das weibliche Geschlechtsteil? Oder wird der Blick des Betrachters bewusst auf das Geschlecht gelenkt? Ist es also nicht eher ein exhibitionistischer Akt, den man hier sieht, und kein voyeuristischer, den man selbst ausführt? In Courbets Bild scheint die letztere Sichtweise im Gegensatz zu Burkhards Foto durchaus möglich zu sein, die Brüste der Frau sind teilweise durch ein Laken verdeckt, so dass man jenes Bild auch als heimliches Betrachten einer schlafenden Frau sehen kann. Diese Dimension fehlt der Fotografie – und auch so manch anderem Bild der Ausstellung. Mit Heimlichkeit haben Nobuyoshi Arakis Fotografien „Recent Photos, Room 301, Harada Building“ (1979) oder auch Annie Sprinkles berühmte Performance „Public Cervix Annoucement“ (1990) nichts zu tun.

So fragt man sich, warum diese Bilder überhaupt in eine Ausstellung übernommen werden, die sich die Geschichte von Diana und Actaeon als Aufhänger gewählt hat, die in Ovids „Metamorphosen“ eindrücklich beschrieben wird: Actaeon gerät nach der Jagd aus Versehen in eine Grotte und erblickt dort die badende Diana, die von ebenfalls nackten Nymphen umgeben ist. Beim Anblick Actaeons errötet diese und bespritzt den Mann mit Quellwasser, worauf er sich in einen Hirsch verwandelt, der von seinen Hunden grausam getötet wird. Der Mann wird für seinen Voyeurismus bestraft, die Scham der nackten Diana wandelt sich zur Rache.

Dieses Thema beschäftigt die Kunst seit Jahrhunderten – und im ersten, gelungenen Teil auch die Düsseldorfer Ausstellung: Die Entwicklung und die Darstellung des Diana-und-Actaeon-Mythos von der Antike an. Etwa auf Amphorenzeichnungen und Reliefs des 5. Jahrhundert vor Christus über die Malereien Tizians, Jan Brueghels oder Rembrandts bis hin zu überraschenden wie originellen Variationen des Hirschmotives von Pierre Klossowski („Monsieur de Max et Mademoiselle Glissant dans les rôles de Diane et Actéon“ 1990), Marcus Raetz („EVA“, 1970) oder Karen Knorr („The Stag’s Room (Diane)“, 2007). Einen zweiten Schwerpunkt legen die Ausstellungsmacher auf den Aspekt der Heimlichkeit. Hier führen die Bilder und Fotografien weg vom griechischen Mythos hin zu einer Art künstlerischen Geschichte des Voyeurismus, bleiben aber dem Postulat des „verbotenen Blicks“ treu. William Ettys Badende („Musidora: The Bather, ,At the Doubtful Breeze Alarmed‘“1846), die von einem verräterischen Windhauch alarmiert das Tuch schamvoll vors Geschlecht hält und sich hilfesuchend an eine Wurzel klammert, variert noch das Bademotiv. Jean-Baptiste-Philippe-Emile Bins „schlummernder Pan“ (1870) verkehrt die Geschlechterrollen, indem der schlafende nackte Mann von den Frauen betrachtet wir. Und auch Pierre Bonnards „L’homme et la femme“ hat in der durch eine spanische Wand getrennten Darstellung einer nackten Frau und eines nackten Mannes noch eine schamhaft-versteckte Komponente.

Bis dahin wirkt das Ganze durchdacht und beleuchtet alle Facetten des Mythos. Mit Eric Fischls „Bad Boy“ (1981) wird das Diana-und-Actaeon-Motiv aber vollständig verlassen. Das Bild, das sich auch unpassenderweise auf dem Umschlag findet, zeigt einen Jungen, der eine nackte Frau betrachtet. Eigentlich die klassische Voyeurspose, doch der Junge steht direkt vor dem Bett der Frau – und während sie mit sich selbst beschäftigt scheint, greift dieser heimlich in die Handtasche. Von diesem Bild an hat man den Eindruck, den Machern gehe es nur noch darum, mit Provokation Aufmerksamkeit zu erhaschen. War das Motiv des Voyeurs, der die Badende beziehungsweise Schlafende überrascht, noch ein Teil eines Spiels mit der Lust des Betrachters, so wandelt sich das in der bereitwilligen Darstellung des Nicht-Heimlichen zu einer Lust des Betrachtetwerden. Und was Fotografien bereitwillig gespreizter Beine mit Diana und Actaeon zu tun haben sollen, bleibt – wie schon gesagt – das Geheimnis der Ausstellungsmacher. Eines bringt es sicherlich – Aufmerksamkeit. Schade, dass man eine an sich sehr schön gemachte Ausstellung und den opulenten dazugehörigen Katalog damit auf eine Ebene der Beliebigkeit bringt, aber Sex verkauft sich nun mal eben am besten.

Titelbild

Beat Wismer / Sandra Badelt (Hg.): Diana und Actaeon. Der verbotene Blick auf die Nacktheit.
Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2008.
315 Seiten, 39,80 EUR.
ISBN-13: 9783775723572

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