Diskurse des Begehrens

Zwei Bücher von Robert Muchembled und Franz X. Eder versprechen eine „Geschichte der Sexualität“

Von André SchwarzRSS-Newsfeed neuer Artikel von André Schwarz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Liest man Robert Muchembleds „Die Verwandlung der Lust. Eine Geschichte der abendländischen Sexualität“, denkt man gleich an Wilhelm Bölsches 1909 erschienenes Buch „Das Liebesleben in der Natur“. Ähnlich wie Bölsche neigt Muchembled zu blumigem Formulierungen und bisweilen schwülstig daherkommenden Beschreibungen. Da stehen „Türen der Sinnlichkeit weit offen“, wird „unter Schmerzen […] Sinnenlust erfahren“, viel bestraft und verdammt – und in das „Buch Europas“ werden mittels „glühende[r] Stempel“ „zarte, fast unsichtbare Wasserzeichen“ geprägt. Von da aus ist es zu in Liebe zueinander entbrennenden Schildkrötenpaaren – wie bei Bölsche – nicht mehr weit.

Der renommierte französische Historiker holt mit seiner im Plauderton daherkommenden Sittengeschichte der Sexualität der letzen fünfhundert Jahre weit aus, doch sonderlich lehrreich ist das alles nicht. Muchembled beschränkt sich in seiner Untersuchung darauf, die Entwicklung in Frankreich und England zu vergleichen, hier wäre eine breitere historische Materialbasis angebracht gewesen und hätte sicherlich so manche Behauptung untermauern können, die so unbelegt bleibt. Zudem ist die Hauptthese des Autors, dass nämlich die Sublimierung der Lust ein „versteckter Motor“ für die kulturelle Entwicklung der westlichen Welt darstelle, so bahnbrechend nun auch nicht mehr, das hatte Sigmund Freud bereits in „Das Unbehagen in der Kultur“ (1930) postuliert.

Von einem gehobenen wissenschaftlichen Anspruch ist Muchembled, trotz einiger treffender und zur näheren Beschäftigung anregender Fragestellungen, gerade im letzen Kapitel zur Sexualität in der Gegenwart, weit entfernt. Wer eine profunde Alternative dazu sucht, ist gut beraten, sich Franz X. Eders jüngst in zweiter, erweiterter Auflage erschienenes Buch „Kultur der Begierde. Eine Geschichte der Sexualität“ zuzulegen. Die besondere Qualität dieses Buches liegt darin, dass der Autor – anders als Muchembled – zwar sieht, dass es gewisse Konstanten in der Wahrnehmung von Sexualität gibt, diese Vorstellungen und Bewertungen aber selbst in ständiger Bewegung sind. Zwar beschränkt sich Eder auf den deutschsprachigen Raum, doch wirkt sein Buch – nicht nur aufgrund einer geschickten Schwerpunktsetzung, die alle wesentlichen Diskurse über Sexualität abdeckt – jederzeit stimmig und zeugt von eingehender Beschäftigung mit diesem Themenkomplex.

Ungemein lesenswert sind seine Untersuchungen über die sexuelle Begierde in vermeintlich sozial randständigen Gruppen, etwa in der bäuerlichen Schicht oder in der Arbeiterschaft, die – wie Eder zurecht anmerkt – lange Zeit von den bürgerlichen Vorurteilen geprägt waren: Der Arbeiter lässt seinem Sexualtrieb freien Lauf, seine in elenden Verhältnissen aufwachsenden Kinder sind frühreif und kennen keine Lustunterdrückung. Dieses Klischee, in der „Josefine Mutzenbacher“ Felix Saltens parodistisch literarisiert, wird auch schon mal gerne aufstrebenden sozialen Bewegungen zum Vorwurf gemacht. Einen weiteren Schwerpunkt legt Eder auf den Onanie-Diskurs, der mehr als zwei Jahrhunderte Forschung wie Öffentlichkeit zur Sorge um das Knochenmark antrieb. Die abstrusesten Theorien und Methoden wurden ausgebreitet, dieses vorgeblich die ganze Menschheit bedrohende Übel auszurotten. Und auch hier verfällt der Autor nicht der Versuchung, diesen Diskurs als bloßes Kuriosum darzustellen. Akribisch und sachlich zeigt Eder hier, dass gerade der Onanie-Diskurs ein Beispiel für die verschiedensten Kontexte ist, in denen eine Ausprägung der Sexualität mit jeweils anderer Zielrichtung betrachtet werden kann.

Ausführlich beschäftigt sich Eder auch mit jener „Politisierung“ und der „Medizinierung“ der Sexualität in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, die schließlich im „Volkskörper“-Gedanken der Nationalsozialisten und deren Regulierung der Sexualität gipfelten. Die sogenannte „sexuelle Revolution“ der 1960er-Jahre sieht der Autor skeptisch. Sachlich und gut argumentiert führt er an, dass die Betonung der sexuellen Erfüllung des Individuums sowie die Sexualisierung der Gesellschaft neue Probleme mit sich zu bringen droht. Es bestehe, so Eder, „die Pflicht zum technischen und emotional gelingenden Sex“, der Leistungsgedanke hat auch hier unaufhaltsam Einzug gefunden. Das Ausbleiben dieser normierten, erfüllten Sexualität wird für den Einzelnen zum Problem, das therapiert werden muss, um der von der Öffentlichkeit geforderten Vorgabe zu entsprechen.

Abgeschlossen wird Eders „Kultur der Begierde“ von einem fünfzig Seiten umfassenden Literaturverzeichnis, das nahezu jede greifbare Quelle zum Thema berücksichtigt und einem umfangreichen Sachregister, so dass das Buch auch als Nachschlagewerk und Bibliografie brauchbar ist.

Titelbild

Robert Muchembled: Die Verwandlung der Lust. Eine Geschichte der abendländischen Sexualität.
Übersetzt aus dem Französischen von Ursel Schäfer.
Deutsche Verlags-Anstalt, München 2008.
383 Seiten, 24,95 EUR.
ISBN-13: 9783421042125

Weitere Informationen zum Buch

Titelbild

Franz X. Eder: Kultur der Begierde. Eine Geschichte der Sexualität. 2. aktualisierte und überarbeitete Auflage.
Verlag C. H. Beck, München 2009.
393 Seiten, 16,95 EUR.
ISBN-13: 9783406577383

Weitere Informationen zum Buch





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