Homosexualität als „völkische Angelegenheit“

Claudia Bruns’ Buch „Politik des Eros“ handelt von Hans Blüher und dem „Männerbund“ zwischen 1880 und 1934

Von Thomas NeumannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Thomas Neumann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der vorliegende Band bietet dem Leser einen Überblick über das Verhältnis von Politik und Männlichkeit um 1900. Exemplarisch wird dieses an der Person des Schriftstellers und Philosophen Hans Blüher (1888-1955) dargestellt. Im ersten Drittel gibt Bruns eine übersichtartige und einleitende Darstellung zur Geschichte des „Männerbundes“ und skizziert in den ersten Teilen den „Überbau“ für die Ausführungen zu Blüher. Dabei gelingt es, ein deutliches Bild einer neu „erfundenen“ Männerwelt zu zeichnen, die zwischen Wandervogel, Homosexualität und Selbstfindung ihre eigenen Rituale und Strukturen entwickelt hatte. In diese Metatheorie werden die verschiedenen Aspekte von Hans Blühers Biografie eingefügt und dadurch die im ersten Abschnitt skizzierten Entwicklungen erklärt.

Blüher war ein Sonderling. Er trat früh in die Wandervogelbewegung ein und avancierte durch sein Engagement zu einem der bekanntesten Vertreter der Bewegung vor dem Ersten Weltkrieg. Dabei war seine Auflehnung gegen die staatlichen und kirchlichen Institutionen von Tabubrüchen und Skandalen begeleitet und es sind letztendlich die Ausführungen Blühers zu den homosexuellen Aspekten in der Wandervogelbewegung, die den Einstieg zu seinem Konzept einer männerbündisch gestalteten Gesellschaft liefern. Seine vor dem Ersten Weltkrieg teilweise sozialistisch ausgerichteten Ideen wandelten sich nach 1918 zu einer dezidiert antirepublikanischen Gesinnung, die auch den faschistischen Ideologien nicht abgeneigt war. Allerdings wird dieser Entwicklung bis hin zum Nationalsozialismus im Buch nicht zum Ende verfolgt und damit die im Titel des Buches angekündigte Zeitraumbegrenzung der Untersuchung nicht ganz eingelöst. Neben Blüher werden nur noch einige Nebenfiguren betrachtet, etwa der Völkerkundler Heinrich Schurzt, Otto Amon oder Benedict Friedländer. Eine Geschichte der Männerbünde, wie sie etwa Helmut Blazek in seiner verdienstvollen Abhandlung „Männerbünde. Eine Geschichte von Faszination und Macht“ (2001) vorgelegt hat, kann man hier also nicht erwarten.

Bruhns schildert Blühers Konzeption einer neuen Gesellschaft, die keine mehrfache Rollendefinition erlaubt, sondern letztendlich auf Grundlage einer „weiberfreien Geselligkeit“ neue Energien entfalten möchte, heterosexuelle Elemente bekämpft und aus den vermeintlich gebündelten homosexuellen Energien den Kampf gegen die familiäre Privatsphäre aufnimmt. Darauf aufbauend wird eine geschlossene Männergesellschaft angestrebt und diese schließlich in den Dienst des Vaterlandes gestellt. Der Kampf gegen das Verbot der Homosexualität und deren Emanzipation wird ihm zu einer „völkischen Angelegenheit“. Womit auch die Annäherung an die konservativen nationalen und völkischen Gruppierungen angedeutet wird, denen er nach 1918 ideologisch nahe steht.

Letztendlich löst die gut lesbare Studie von Bruhns ihr im Titel gegebenes Versprechen, auch etwas über die Transformation des Männerbündischen in die nationalsozialistischen Modelle einer Männergesellschaft zu erfahren, nicht ein. Die Entwicklung nach 1918 wird nur marginal bearbeitet und es finden sich keine genaueren Hinweise auf Parallelen zu Gruppierungen wie etwa den Artamanen oder auf Aktivitäten von Alfred Bäumler. So entsteht der Eindruck, dass man mit ein wenig mehr Sorgfalt ein besseres Buch aus dieser hervorragenden Dissertation hätte machen können.

Titelbild

Claudia Bruns: Politik des Eros. Der Männerbund in Wissenschaft, Politik und Jugendkultur (1880-1934).
Böhlau Verlag, Köln 2007.
546 Seiten, 44,90 EUR.
ISBN-13: 9783412148065

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