Wer schießt aus Liebe?

Gerichtsreportagen von Gabriele Tergit

Von Anke HeimbergRSS-Newsfeed neuer Artikel von Anke Heimberg

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Gerichtsquatschereien" nannte Gabriele Tergit geringschätzig ihre in den zwanziger Jahren entstandenen Berliner Gerichtsreportagen "Jugendsünden", deren Wiederauflage alternde Schriftsteller ihrer Meinung nach vermeiden sollten. Außerdem seien die doch sowieso schon alle im "Käsebier" enthalten. Der Idee des Literaturwissenschaftlers Jens Brüning, Tergits journalistischen Arbeiten erneut zugänglich zu machen, verweigerte sich die Autorin zu Lebzeiten standhaft. Ihre Nachlaßverwalter Kurt Maschler und Fritz Hallendal hingegen unterstützten Brünings Unterfangen, so dass nach mühsamen Recherchearbeiten 1984 eine erste Auswahl ihrer Prozessberichte und Feuilletons, die "Blüten der Zwanziger Jahre" erscheinen konnten; 1994 - zum 100. Geburtstag der Schriftstellerin - folgten die Sammel-Editionen "Atem einer anderen Welt. Berliner Reportagen" sowie 1996 die im Exil entstandenen Palästina-Berichte und -Porträts "Im Schnellzug nach Haifa". Die nun vorliegende Textsammlung "Wer schießt aus Liebe?" vereint ausschließlich die Gerichtsreportagen Gabriele Tergits mit Schwerpunkt auf ihren goldenen Anfängen beim "Berliner Börsen-Courier", "Berliner Tageblatt" und der "Weltbühne" und steht am Beginn einer Neuausgabe ihres Gesamtwerks.

Die ersten journalistischen Versuche Gabriele Tergits reichen weit zurück: Bereits 1915 verfaßte die damals 21-jährige auf Anregung der bekannten Frauenrechtlerin Gertrud Bäumer ihren ersten Artikel mit dem Titel "Frauendienstjahr und Berufsbildung" für den "Zeitgeist", einer Beilage des renommierten "Berliner Tageblatts". Trotz des Anfangserfolgs erkannte Gabriele Tergit, dass ihre unzulängliche Ausbildung - sie hatte nach dem Lyzeum die Soziale Frauenschule Alice Salomons besucht und anschließend in Kinderhorten und auf dem Arbeitsamt gearbeitet - für eine journalistische Laufbahn, wie sie sie anstrebte, nicht ausreichen würde. Nach dem ersten Weltkrieg holte sie als Externe ihr Abitur nach, studierte von 1919 bis 1923 Geschichte, Philosophie und Soziologie in München, Heidelberg, Berlin und Frankfurt am Main und promovierte 1925. Während ihrer Studienjahre begann Gabriele Tergit Feuilletons für die "Vossische Zeitung" und das "Berliner Tageblatt" zu schreiben; erste Gerichtsreportagen für den "Berliner Börsen-Courier" entstanden. In dieser Zeit legte sich die Autorin, die mit bürgerlichem Namen Elise Hirschmann hieß, auch ihr Pseudonym zu: Gabriele war bereits im Backfischalter ihr bevorzugter Spitzname. Der zweite Teil des Pseudonyms geht auf ihre Studienzeit in Heidelberg zurück, wo sie die durch Gitter fein säuberlich eingezäumten Rasenflächen des Heidelberger Schlossparks zur Erfindung des Nachnamens Tergit veranlasst haben sollen. Ihren Gerichtsreportagen verdankte Gabriele Tergit schließlich die Festanstellung in der Redaktion des "Berliner Tageblatts", dem sie von 1925 bis zu ihrer Verfolgung durch die Nationalsozialisten monatlich mindestens neun Gerichtsfälle ablieferte. In den späten Zwanzigern arbeitete sie gelegentlich auch als Gerichtreporterin für Carl von Ossietzkys "Weltbühne". In ihren "Erinnerungen" charakterisierte Tergit diese Zeit als "die sieben fetten Jahre", während derer sie mit ihren sozialkritischen Feuilletons, kleinen Glossen, Reiseberichten und eben den Gerichtsreportagen bald zu den prominentesten JournalistInnen der Weimarer Republik zählte. Die vorliegende Sammel-Edition zeigt, dass sich nur wenige ihrer Gerichtsreportagen den großen publicityträchtigen, aus heutiger Sicht bereits legendären Fällen der wilden Zwanziger widmeten. Artikel wie zum Beispiel "Der Prozeß der Fleißerin", bei dem sich die Dramatikerin und Brecht-Freundin Marieluise Fleißer Anfang 1931 gegen die verbalen Schmähungen des Ingolstädter Bürgermeisters gegen ihre Person und ihr Stück "Pioniere aus Ingolstadt" zur Wehr gesetzt hatte, blieben eher die Ausnahme. Es waren weniger die sensationellen Gerichtsprozesse oder spektakulären Kriminalfälle, die Gabriele Tergit interessierten, ihre Aufmerksamkeit galt vielmehr den alltäglichen Vergehen wie Heiratsschwindel, Hochstapelei, Wucher: "Zuletzt aber stand in der Anklagebank wieder einmal unser aller Ärger, das Sommerrestaurant in Berlins Umgebung, in dem einem die Frühlingsstimmung respektive des Herbstes Gold tüchtig in das Schnitzel mit Bratkartoffeln, den grünen Aal oder die Kanne Kaffee eingerechnet werden. Diesmal handelt es sich um die Unschuld in Person, um acht Zwanzigstel abgekochte Milch zum weniger unschuldigen Preis von 60 Pfennig." oder Eifersuchtsdelikten: "Ist man sechs Jahre ein Bewohner von Moabit und hat man vieler Menschen Schicksal gesehen, so macht man eine erschütternde Beobachtung. Männer schießen aus Liebe zwischen siebzehn und dreiundzwanzig, Frauen schießen zwischen fünfunddreißig und fünfzig." Und natürlich den 'kleinen' Leute, die die Straftaten begingen, "Berliner Existenzen", wie Gabriele Tergit sie nannte: morphinabhängige Handelsvertreter, gescheiterte Tänzerinnen, betrügerische Barmixer oder glücklose Künstlerinnen. Tergit beobachtete und beschrieb die Menschen, die ihr vor Gericht begegneten sehr genau: Ironisch, witzig, manchmal mit einem Schuss Berliner Schnauze, aber niemals herablassend fing sie deren Leben ein, in dem sich immer auch ein Stück Berliner Zeitgeschichte widerspiegelte: "Sie steht vor Gericht. [...] Grete, die Tochter eines Handwerkers aus einem thüringischen Landstädtchen. Sie besuchte eine Haushaltungsschule, wurde ein arbeitsames Wirtschaftsfräulein, bis eines Tages ihr Talent entdeckt wurde aus allerhand Buntem Puppen zu machen, die ihr ein großer Kunstgewerbler abnahm. Es war der Sommer 1921. Die Stadt dampfte vor Spannungen. Da läßt sie sich herauswehen aus ihrer bürgerlichen Stellung, herunter in die Portiersloge, ein Hehlernest, wo sie unterschlüpft, hinaus auf den Bayerischen Platz." Vor die Gerichte Berlins kam Ende der Weimarer Republik, was andere im Glanz und Glamour der 'goldenen' Jahre nicht oder noch nicht wahrnehmen wollten - die andere Seite Berlins: die Folgen von Abtreibungselend, Arbeitslosigkeit und Armut, schließlich auch das Erstarken der Braunen. Gabriele Tergit schrieb früh und stetig gegen rassistische Tendenzen ("Der Überfall auf die Chinesen"), gegen die politische Radikalisierung und Polarisierung der Gesellschaft in Linke und Rechte ("Montag und Donnerstag Überfall", "Kommunisten vor Gericht", "Atmosphäre des Bürgerkriegs"), vor allem aber gegen die Nazis an: Kritisch berichtete sie über die Prozesse gegen "Völkische 'Helden'" und gegen die Fememörder. Sie hat auch im Berliner Gericht dabeigesessen, als Adolf Hitler Anfang 1932 wegen eines Pressevergehens vorgeladen war ("Wilhelm der Dritte erscheint in Moabit"). In ihren "Erinnerungen" schrieb sie später: "Ich habe vierzig Jahre lang über diesen Prozeß nachgedacht, gedacht, was ich schon während des Prozesses dachte. Hitler und Goebbels saßen mir drei bis vier Meter gegenüber. Wenn ich einen Revolver besessen und sie erschossen hätte, hätte ich fünfzig Millionen Menschen vor einem frühzeitigen Tod gerettet." Ausschnitte ihrer Reportagen und Feuilletons hat Gabriele Tergit auch in ihrem 1931 erschienenen Erfolgsroman "Käsebier erobert den Kurfürstendamm" verarbeitet, der im Berliner Presse- und Verlagsmilieu angesiedelt ist. Tergits Roman erzählt die Geschichte des populären Volkssängers Georg Käsebier, der kurzzeitig von den Medien zum Star am Kurfürstendamm erhoben wird, um dann wieder in die Anonymität zurückzuversinken. Ein Schicksal, das der fiktionale Held Käsebier mit den HeldInnen der realen (Gerichts-)Welt leider nur allzu oft teilte, und das die Untergangsjahre der ausklingenden Weimarer Republik kennzeichnete. Auch Gabriele Tergits Erfolg als vielversprechende Nachwuchsschriftstellerin fand ein abruptes Ende: Die neuen Machthaber hatten ihre kritischen Berichte und Kommentare aufmerksam gelesen und revanchierten sich Anfang März 1933 mit einem Überfall der SA auf ihre Berliner Wohnung. Tergit floh sofort in die Tschechoslowakei, 1934 emigrierte sie gemeinsam mit Mann und Kind nach Palästina. Ab 1938 lebte sie mit ihrer Familie in London. Im Exil betätigte sich Gabriele Tergit weiterhin journalistisch bei verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften wie dem "Prager Tageblatt", der "Deutschen Zeitung Bohemia", dem "Neuen Tagebuch" und den "Association of Jewish Refugees-Informations". In den Nachkriegsjahren arbeitete Gabriele Tergit für kurze Zeit auch wieder als Gerichtsreporterin in Deutschland - für den "Berliner Tagesspiegel", später auch für die Münchener "Neue Zeitung". Die Berichte über den Prozess gegen Veit Harlan, den Regisseur des NS-Propagandafilms "Jud Süß", im Jahr 1949 gehören zu Tergits letzten Gerichtsreportagen. "Da ist zuerst das Nichtnachdenken darüber, was mit den Juden passierte", schrieb sie in ihrem hier wieder abgedruckten Artikel "Zum Harlan-Prozess". Enttäuscht von der deutschen Nachkriegsgesellschaft, die nicht bereit war, sich mit ihrer Täterschaft an den Nazi-Greueln der jüngsten Vergangenheit auseinanderzusetzen, sich ganz im Gegenteil eifrig an den Aufbau machte, zog sich Gabriele Tergit aus der Gerichtsberichterstattung zurück.

Nahezu unbeachtet vom deutschen Lesepublikum erschien 1951 ihr zweiter und letzter Roman "Effingers", die Geschichte einer jüdischen Familie in Berlin von 1872 bis 1942. In den folgenden Jahren widmete sich Gabriele Tergit vor allem kulturgeschichtlichen Darstellungen ("Büchlein vom Bett", "Kleine Kulturgeschichte der Blumen", "Das Tulpenbüchlein") und ihrer Arbeit als Sekretärin des PEN-Zentums deutschsprachiger Autoren im Ausland. Gabriele Tergit durfte noch eine kurze Zeit des späten Ruhms miterleben: Im Zuge der sich etablierenden Frauenforschung und der Wiederentdeckung exilierter SchriftstellerInnen wurden ihre beiden Berlin-Romane Ende der 70-er Jahre neu aufgelegt. 1982 starb Gabriele Tergit hochbetagt in London.

Mit dem von Jens Brüning herausgegebenen Sammelband "Wer schießt aus Liebe?" liegen nun endlich und - im Gegensatz zu den vorausgegangenen Textsammlungen - chronologisch geordnet sowie den einzelnen Presseorganen zuordenbar die Gerichtsreportagen Gabriele Tergits vor: Schlüsseltexte zum Verständnis sowohl der sozialen Gemengelage der Weimarer Republik als auch der Romanautorin Gabriele Tergit. Übrigens: Erst vor kurzem fand Brüning im Londoner Nachlass Gabriele Tergits doch noch einen Brief, aus dem hervorgehen soll, dass die Autorin wohl auch selbst an eine Sammel-Edition ihrer journalistischen Arbeiten aus den 20-er Jahren gedacht hatte.

Titelbild

Jens Brüning (Hg.) / Gabriele Tergit: Wer schießt aus Liebe? Gerichtsreportagen.
Das Neue Berlin Verlag, Berlin 1999.
207 Seiten, 12,70 EUR.
ISBN-10: 3360008995

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