Und abends ab in den Wacholder

Neues über und Bewährtes von Arno Schmidt

Von Stefan HöppnerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Stefan Höppner

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Arno Schmidt (1914-1979) war einer der großen Außenseiter der westdeutschen Nachkriegsliteratur. Einer, der sich dem Austausch mit Kollegen weitgehend verweigerte und sogar Einladungen zu Treffen der Gruppe 47 ausschlug. Dass er nie so recht en vogue war, hat einen Vorteil: nämlich, dass er nun auch nicht so gründlich vergessen ist wie viele seiner Zeitgenossen, die auf ihre Entdeckung durch Leser und Literaturwissenschaft erst noch warten müssen – oder, wie Heinrich Böll, nur noch als altbackene Gesinnungsliteraten gelten.

Im Gegenteil: seit der im März verstorbene Jörg Drews mit Gleichgesinnten 1972 das „Arno-Schmidt-Dechiffrier-Syndikat“ und kurz darauf die Zeitschrift „Bargfelder Bote“ ins Leben rief, gibt es eine rege Arno-Schmidt-Forschung und ebenso eine begeisterte Lesergemeinde. Dass sich die wissenschaftliche Rezeption lange fast ganz in diesem Umfeld abspielte, hatte aber auch Nachteile. Da Schmidts Texte oft bereits Anweisungen mitlieferten, wie sie zu lesen und zu interpretieren seien, blieb die Liebhaberforschung allzu oft in diesen Spuren hängen, statt die Erzählungen und Romane in einen weiteren Horizont zu stellen. „Selbstexplikation als Textstrategie“ hat Stefan Voigt das in seiner Dissertation zu Schmidts Spätwerk genannt. Nun gibt es spätestens seit den 1990er-Jahren eine ganze Reihe von Arbeiten, die mit allen Wassern der zeitgenössischen Literaturwissenschaft gewaschen sind und eben diesen weiteren Blick versuchen. Gerade weil sie sich außerhalb der engen „Gemeinde“ verorten, können sie auch auf empfindliche Lücken hinweisen, die die „Liebhaberforschung“ älterer Schule bisher nicht geschlossen hat.

Zu diesen Arbeiten neueren Typs gehört auch Christian Heins neues Buch über Schmidts Rezeption des amerikanischen Autors James Fenimore Cooper (1789-1850) – ein Thema, dem sich die Schmidt-Forschung bisher nur punktuell gewidmet hat. Auf den ersten Blick ist das überraschend, gehört Cooper doch zu den für Schmidt wichtigsten Autoren. Vom Debüt „Leviathan“ (1949) bis zum posthum veröffentlichten Fragment „Julia, oder die Gemälde“ (1983) fällt Coopers Name wieder und wieder, und fast immer zustimmend. Nicht zuletzt hat Schmidt vier von Coopers Romanen mit insgesamt mehreren tausend Seiten Umfang übersetzt, und dies freiwillig und nicht als ungeliebte „Brotarbeiten“, als die er die Mehrzahl seiner vielen Übertragungen abtat. Daran dürfte nicht zuletzt die verbreitete Rezeption von Cooper als „Jugendautor“ schuld sein. Heute kennt man in Deutschland, wenn überhaupt, nur noch seine „Lederstrumpf“-Romane, und auch die meist nur in verstümmelten Jugendbuch-Bearbeitungen. Dieses Schicksal teilen Coopers Texte mit Jonathan Swifts „Gulliver’s Travels“ und Daniel Defoes „Robinson Crusoe“, die meist in ebenso verfälschenden Versionen zirkulieren – was dazu führt, dass sein Werk in Deutschland fast völlig unbekannt ist und zumindest von Seiten der Germanistik nicht ernstgenommen wird. Dabei gehörte Cooper nicht nur zu den wichtigsten literarischen Chronisten der Geschichte der USA, sondern zu den Begründern einer eigenständigen amerikanischen Literatur überhaupt. Im Deutschland des 19. Jahrhunderts waren Coopers Romane beim erwachsenen Publikum äußerst populär und dienten sogar als Informationsquelle für potenzielle Auswanderer. (Wer will, kann dazu Einschlägiges in Preston Barbas Aufsatz „Cooper in Germany“ nachlesen, der bezeichnenderweise selbst schon wieder ein Jahrhundert alt ist.)

Christian Hein lehrt an der National Taiwan University deutsche Sprache und Kultur. Er ist zwar nicht der erste Forscher, der auf die Wichtigkeit Coopers für Schmidts Werk hinweist. Wohl aber ist er der erste, der das Thema auf breiterer Basis angeht. Viele Aspekte dieses Feldes werden hier überhaupt zum ersten Mal behandelt. Dabei betont Hein, dass Cooper für den Bargfelder Autor eine mehrfache Funktion hat. Es finden sich nicht nur zahlreiche Anspielungen und Motivübernahmen, Cooper spielt auch eine entscheidende Rolle für Schmidts Bild der USA und für sein eigenes Selbstverständnis als politischer Chronist der Adenauer-Ära. Um dieser thematischen Breite gerecht zu werden, legt Hein in seinem Buch eine Serie von fünf weitgehend eigenständigen Einzeluntersuchungen vor. Zunächst widmet sich Hein Schmidts Verhältnis zur literarischen Tradition und der Bedeutung Coopers für sein Selbstverständnis als Autor. Im zweiten Kapitel geht es um eine Einführung in Coopers Werk, vor allem anhand seiner Behandlung der puritanischen Religion und des christlichen Sektenwesens und deren Bedeutung für die radikal atheistische Haltung Schmidts. Kapitel Drei und Vier beschäftigen sich mit dem Auftreten typisch Cooper’scher Motive bei Schmidt sowie mit einer vergleichenden Untersuchung von Coopers Satire „The Monikins“ (1835) und Schmidts spätem Roman „Die Schule der Atheisten“ (1972) im Licht einer Auffassung des Karnevals, wie sie durch den russischen Literaturtheoretiker Michail Bachtin vertreten wurde.

Ein fünftes und letztes Kapitel dreht sich um die Bezugnahme von Schmidts Werken auf Cooper im Lichte neuerer Intertextualitätstheorien. Hier tritt Hein insbesondere dafür ein, Schmidts späte Übersetzungen von Coopers umfangreicher „Littlepage“-Trilogie (1976-1978) als „hybrides sprachliches Werk zu verstehen, daß gleichsam zwischen der englischen Prosa Coopers und der deutschen Übersetzung Schmidt [sic] steht“.

Schon dieser Überblick zeigt, dass Heins Ansatz in sich äußerst heterogen ist. Das gilt sowohl für die Gegenstände der Untersuchung wie auch für die auf sie angewandten Methoden. Der Vorteil dieser Herangehensweise ist, dass Hein tatsächlich viele neue Puzzlesteine zu Schmidts Cooper-Bild liefert: speziell die Bedeutung Coopers als Vorbild für Schmidts Selbstverständnis als Autor leuchtet ein. In der Mehrzahl der Fälle sind auch die herangezogenen Methoden ein Gewinn: Schmidts Selbstverständnis im Lichte von Walter Benjamins Theorie des modernen Autors zu lesen und die zahlreichen Anspielungen auf Cooper mit Gérard Genettes Ausführungen zur Intertextualität zu interpretieren, ist an den jeweiligen Stellen sinnvoll und führt zu wirklich neuen Einsichten. Leider führt ein derart in sich zersplitterter Ansatz aber auch zu deutlichen Mängeln. Die immense Bedeutung Coopers für Schmidts Bild der amerikanischen Kultur ist zwar eine Tatsache. In der frühen Erzählung „Seelandschaft mit Pocahontas“ etwa lässt Schmidt seinen Ich-Erzähler Joachim Baumann über Coopers Roman „Home as found“ (1838) sprechen, „wo er die Yankees so nackt geschildert hat, daß es heute noch stimmt […] wenn der aus dem Grabe könnte, was würde der Euch Hanswürschten erzählen!“

Dieser Aspekt wird bei Hein aber nur oberflächlich berührt. Das ist sehr schade, denn die amerikanische Gesellschaft und Literatur spielen für Schmidt eine zentrale Rolle – für den Autor und Übersetzer ebenso wie für den zutiefst pessimistischen Zeitgenossen des Kalten Krieges. Wie wichtig diese nationalen Stereotypen für das Verständnis von Schmidts Texten sind, hat zuletzt Iannis Goerlandt in seiner exzellenten Studie „Schulen der Allegorie“ (2008) gezeigt (siehe auch die dort in der Einleitung referierte Literatur). Dieser Aspekt wird bei Hein leider nicht gründlich durchdacht, nicht einmal die offensichtliche Diskrepanz – die USA der 1950er-Jahre anhand eines mehr als hundert Jahre alten Buches beurteilen zu wollen – wird zum Thema.

Ebenso wenig werden Phasen und zeitliche Schwerpunkte innerhalb von Schmidts Cooper-Rezeption deutlich. Tatsächlich stammt ein Großteil der literarischen Belege aus einer relativ kleinen Zahl von Texten, nämlich Erzählungen der frühen 1950er- und Romanen der 1970er-Jahre. Warum ist das so? Welche Entwicklung vollzieht sich in diesem Zeitraum? Wieso ist das essayistische Werk zu Cooper nur unvollständig berücksichtigt? Nicht einmal Schmidts Aufsatz „Satire und Mythos am Südpol“ (1955) wird zu Rate gezogen, obwohl er sich mit Coopers Roman „The Monikins“ beschäftigt, also mit genau jenem Roman, der einer von Heins zentralen Bezugspunkten ist. Das mag der Tatsache geschuldet sein, dass der Zugang zur entsprechenden Literatur in Taiwan nicht einfach ist. Andererseits hätte ein weiterer Zugriff auf die Bestände in deutschen Bibliotheken zumindest für die Druckfassung nicht geschadet, und zwar im Hinblick auf die Primär- und die Sekundärliteratur.

Auch in anderen Punkten sind Heins Studien problematisch, etwa im Hinblick auf das zentrale Motiv der Insel, auf das Hans Wollschläger bereits 1982 hingewiesen hat. Tatsächlich heißt schon Schmidts erste erhaltene Erzählung von 1937 „Die Insel“, und ebensolche kommen bis ins Spätwerk immer wieder als Schauplätze der Handlung oder als Wunschtraum der Erzählerfiguren vor. Hein behandelt dieses Motiv aber nicht nur für seine Textbeispiele unvollständig. Es wird auch nicht ersichtlich, warum Schmidt es gerade von Cooper übernommen haben soll. Seine Rezeption von Autoren wie Johann Gottlieb Schnabel, Edgar Allan Poe, Ludwig Holberg und der utopischen Literatur überhaupt dürfte hier weitaus wichtiger gewesen sein, zumal was die utopischen, gesellschaftskritischen Dimensionen des Motivs angeht. Vielmehr dürften beide Autoren in der gleichen Tradition der Inselutopie stehen, deren Anfang meist mit „Utopia“ (1516) aus der Feder von Thomas More angesetzt wird, den Hein hier sogar erwähnt.

In anderen Kapiteln ist der Ertrag fragwürdig: Natürlich kann man Coopers „Monikins“ und Schmidts „Schule der Atheisten“ mit Gewinn im Licht von Bachtins Romanpoetik lesen. Im Detail gelangt Hein dabei zwar zu vielen überzeugenden Einzelbefunden. Die Ergebnisse der beiden Textanalysen stehen aber unverbunden nebeneinander, ohne dass das Zwingende ihrer Verbindung deutlich würde. Zwar spielt die „Schule der Atheisten“ auf einen Text Coopers an („Oak Openings“), was sie etwa mit der frühen Erzählung „Seelandschaft mit Pocahontas“ teilt. Doch gerade Coopers „Monikins“ werden in der „Schule“ überhaupt nicht erwähnt. Insgesamt liefert Heins „literarische Wallfahrt“ zwar also ein sehr viel umfassenderes Bild von Schmidts Cooper-Rezeption als bisher. Insgesamt fehlt es ihr aber an methodischer Konsequenz und einem präzise formulierten Erkenntnisinteresse. So kann sie trotz viel versprechender Ansätze leider nicht einlösen, was sie sich vorgenommen hat.

Das Beste, was Sekundärliteratur tun kann, ist Lust auf die Lektüre der Originaltexte zu machen. Nachdem Schmidts Romane zeitweise fast ganz vergriffen waren, erscheinen sie heute in immer neuen Ausgaben. Besonders tut sich dabei der Suhrkamp Verlag hervor, der seit dem Ende des Haffmans Verlages vor einigen Jahren auch die Werkausgabe betreut. Zu den neuesten Veröffentlichungen gehört der Zyklus der „Stürenburg-Geschichten“, die jetzt in einem neuen Band der Insel-Bücherei vorliegen. Diese acht kurzen Erzählungen schrieb Schmidt Mitte der 1950er-Jahre, meist als „Brotarbeiten“ für diverse Zeitungen. Es handelt sich um schrullige bis abgründige Anekdoten aus dem Leben des Vermessungsrates a. D. Friedrich Stürenburg, die dieser in immer demselben kleinen Hörerkreis zum Besten gibt. Den Stoff der behaglich erzählten Miniaturen stibitzt Schmidt bei von ihm geschätzten Autoren wie Johann Gottfried Schnabel und Friedrich de la Motte-Fouqué, lässt sie in der Kunstform der Anekdote aber einen ganz neuen Glanz entfalten. Da Schmidt hier notgedrungen für ein breiteres Publikum als sonst schreibt, gehören die Geschichten zum Eingängigsten in seinem Repertoire, was sie wiederum zum geeigneten Einstieg für alle skeptischen (Noch-)Nicht-Schmidt-Leser macht. Zum ersten Mal gesammelt erschienen sie zwar schon 1966 in „Trommler beim Zaren“, aber der kleine Insel-Band in der gewohnt schmucken Ausstattung macht sie zur idealen Lektüre für einen entspannten Sommernachmittag.

Wer diesen Sommer mehr Zeit hat oder sich Literatur gern über das Ohr zuführt, für den bietet sich das neue Hörbuch „Kühe in Halbtrauer“ aus dem Haus Hoffmann und Campe an. Diese „ländlichen Erzählungen“, die Schmidt zwischen 1960 und 1963 in seinem Bargfelder Domizil schrieb, sind zwar arm an äußerer Handlung. Im wohl schönsten und dichtesten Text „Caliban über Setebos“ erzählt Schmidt den Orpheus-Mythos als Begegnung eines Schlagertexters mit seiner hässlich gewordenen Jugendliebe in einem unterweltartigen Gasthaus in der Lüneburger Heide. Mit James Joyce und Sigmund Freud als Leitsternen erreicht Schmidts Prosa hier einen Gipfel an Virtuosität, Vieldeutigkeit und Humor, bevor sie sich in den endlosen Weiten von „Zettel’s Traum“ verliert und erst in den folgenden Romanen der 1970er-Jahre wieder zur großen Form aufläuft. Jan Philipp Reemtsma, Bernd Rauschenbach und Joachim Kersten lesen in gewohnt souveräner Qualität, der man die jahrelange Vertrautheit mit Schmidts Eigenheiten positiv anmerkt. Wieder einmal zeigt sich hier, dass sich ein Teil der Fremdheit, die die Texte im Schriftbild aufgrund von Schmidts unorthodoxer Orthografie auszeichnet, im Hören auflöst. So lässt es sich in der Augusthitze aushalten: auf dem Rücken liegen und bei heruntergelassenen Jalousien den „Kühen in Halbtrauer“ lauschen. Und abends ab in den Wacholder.

Titelbild

Arno Schmidt: Kühe in Halbtrauer. 10 CDs. Gelesen von Joachim Kersten, Bernd Rauschenbach und Jan Philipp Reemtsma.
Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2009.
49,95 EUR.
ISBN-13: 9783455306446

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

Titelbild

Christian Hein: Literarische Wallfahrt gen Cooperstown. Zur Funktion James Fenimore Coopers und seiner Schriften im Werk Arno Schmidts.
Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2009.
333 Seiten, 49,80 EUR.
ISBN-13: 9783826040139

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch

Titelbild

Arno Schmidt: Stürenburg-Geschichten.
Hrsg. Thomas Kluge.
Insel Verlag, Frankfurt a. M. 2009.
60 Seiten, 12,80 EUR.
ISBN-13: 9783458193135

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch