Schreibtischtäter

Rolf Düsterberg stellt biografische Studien über „Dichter für das Dritte Reich“ zusammen

Von Erhard JöstRSS-Newsfeed neuer Artikel von Erhard Jöst

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Im Jahr 1965 veröffentlichte Albrecht Schöne, Professor der deutschen Philologie an der Universität Göttingen, in der Kleinen Vandenhoeck-Reihe unter dem Titel „Über politische Lyrik im 20. Jahrhundert“ die erweiterte Fassung eines Vortrags, den er am 18.3.1965 in Hannover gehalten hatte. Er beschrieb anhand von Beispielen „die Verführungskraft der nationalsozialistischen Lieder und Gedichte“, analysierte das verwendete „Vokabular der Blut- und Bodenideologie“ und zeigte auf, wie „aus der vom dumpfen Rausch des kollektiven Sendungsbewußtseins erfaßten Masse, der vom magischen Zwang des Marschrhythmus gelenkten und von mystischen Identifikationsformeln umnebelten“, ein „Gehorsamsschwur“ auf den Führer emporstieg.

Die politischen Gedichte aus der Zeit des „Dritten Reichs“ werden als „schauerliche und lehrreiche Museumsstücke“ bezeichnet. Da Schöne hauptsächlich Gedichte von Gerhard Schumann (1911-1995) zitiert und interpretiert und auch zeitgenössische Äußerungen von Hermann Pongs in seine Ausführungen aufgenommen hatte, meldeten sich sowohl der Autor als auch der Germanistik-Professor mit erbosten Briefen zu Wort. Mit ihrer Zustimmung wurde der Neuauflage der Studie dieser aufschlussreiche Briefwechsel zwischen Schöne, Schumann und Pongs hinzugefügt.

Heftig wehrt sich der Dichter dagegen, als NS-Lyriker abgestempelt zu werden: Als er seine „Lieder vom Reich“ geschrieben habe, sei er schließlich erst 19 Jahre alt gewesen, argumentiert er, und er habe sich später gegen die Vereinnahmung durch die Nazis zur Wehr gesetzt, habe sich sogar ihre Feindschaft zugezogen, weil er ihnen als „christlich verseucht“ suspekt gewesen sei. Mit der Veröffentlichung bestimmter Gedichte habe er sogar seine „Existenz auf das Spiel“ gesetzt. Schönes Schrift gehört nach seiner „Überzeugung mehr dem Bereich der Propaganda als dem der Wissenschaft“ an. Seinen zweiten Brief an Schöne vom 7.7.1966 schließt Schumann mit den Worten: „Im Grunde halte ich es für gut, wenn die heutige und die kommende Generation, die sich für das Problem der politischen Dichtung im 20. Jahrhundert interessiert, es schwarz auf weiß lesen kann, was sich ein deutscher Universitätsprofessor der Germanistik einem deutschen Schriftsteller gegenüber im Jahr 1966 erlauben zu können glaubte.“

Leider traute sich die Literaturwissenschaft nach 1945 – von wenigen Ausnahmen abgesehen (Ernst Loewy, Joseph Wulf, Horst Denkler, Karl Prümm, Klaus Vondung) – lange Zeit nicht, sich mit den NS-Literaten und ihren verhängnisvollen Büchern auseinander zu setzen. Vielleicht fürchteten sie sich auch vor unqualifizierten Attacken von Seiten der betroffenen Autoren oder von der lange Zeit äußerst aktiven Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der ehemaligen Angehörigen der Waffen-SS (HIAG). Dabei hatte Loewy zurecht gefordert, das „literaturische Erbe“ des Nazi-Regimes im Literaturunterricht an den Schulen und im universitären Fachstudium an den Universitäten kritisch in den Blick zu nehmen.

Obwohl dies in den letzten Jahren geschehen ist, gibt es noch vieles zu erforschen. Wichtige Ansätze und Hinweise dazu bietet das von Rolf Düsterberg herausgegebene Buch „Dichter für das Dritte Reich“. Zu den zehn Nazi-Autoren, die Düsterberg zusammen mit acht seiner Schüler und dem Wirtschaftsjournalisten Marc-Wilhelm Kohfink in Porträts vorstellt, gehört auch Gerhard Schumann, dessen Werdegang Jan Bartels beschreibt.

Bartels versucht, ein „differenziertes Bild der kulturpolitischen und literarischen Tätigkeiten Schumanns“ zu zeichnen. Wie den zusammengestellten sozio-biografischen Daten zu entnehmen ist, trat Schumann 1930 in die NSDAP ein, wurde SA-Standartenführer, SS-Obersturmführer, Reichskultursenator und damit Mitglied in der Reichskulturkammer sowie Präsidialrat in der Reichsschrifttumskammer. Im Frühjahr 1942, als die militärische Situation für das Reich schwierig geworden war und die Nazis um so mehr in Führungspositionen „ideologiefeste Parteigenossen“ brauchten, wurde er zum Chefdramaturgen des Württembergischen Staatstheaters ernannt. 1943 schrieb er das als „Durchhaltedrama“ eingestufte Stück „Gudruns Tod“. Rechnet man noch die Preise hinzu – in den Jahren 1935 und 1936 wurden Schumann der Schwäbische Dichterpreis, der Lyrikpreis der Dame und der Nationale Buchpreis verliehen – dann ist klar, dass man Schumann zu den Nazi-Dichtern zählen muss, auch wenn er sich gegen diese Einordnung in der Nachkriegszeit heftig zur Wehr setzte und den Versuch unternahm, sich als Dissident zu inszenieren.

Es gelang ihm sogar mit diversen Tricks, die zunächst erfolgte Einstufung als „Minderbelasteter“ bei dem gegen ihn angestrengten Spruchkammerverfahren (zu dem er als Hauptschuldiger vorgeladen war) in einem zweiten Verfahren aufheben zu lassen. Nun hatte Schumann freie Bahn, um seine literarischen Tätigkeiten fortzusetzen: Er positionierte sich „im national-konservativen politischen Spektrum der Bundesrepublik, fügte sich nahtlos ein in den anti-kommunistischen Zeitgeist des Kalten Krieges“.

Schumann betätigte sich als Verleger, pflegte Kontakte zu seinen alten Gesinnungsgenossen und schrieb weiterhin politische Lyrik „für die neo-nazistische Deutsche Wochenzeitung“. Von einer „inneren Umkehr“ konnte demnach keine Rede sein. Die Anerkennung von bestimmter Seite blieb nicht aus: „Für sein ‚tapferes Bekennen zu Volk und Vaterland‘ erhielt Schumann 1981 die ‚Ulrich-von-Hutten-Medaille‘ des gleichnamigen Freundeskreises, zwei Jahre später schließlich nahm der Dichter auch den ‚Schillerpreis des deutschen Volkes‘ entgegen – wiederum verliehen vom rechtsextremen DKEG“ (= Deutsches Kulturwerk Europäischen Geistes, eine der NPD nahe stehende Organisation).

Neben dem „nationalen Sozialisten“ Gerhard Schumann werden folgende Schriftsteller in dem von Rolf Düsterberg herausgegebenen Band vorgestellt, die das Dritte Reich „herbeigesehnt, herbeigeschrieben, herbeiagitiert und schließlich […] etabliert und konsolidiert“ haben:

Hermann Burte – der Alemanne (1879-1960), von Kathrin Peters, Artur Dinter – der antisemitische Spiritist (1876-1948), von Uwe Hirschauer, Kurt Eggers – der intellektuelle Schläger (1905-1943), von Julia Liebich, Hanns Johst – der Literaturfunktionär und Saga-Dichter (1890-1978), von Rolf Düsterberg, Heinrich Lersch – der Arbeiterdichter (1889-1936), von Steffen Elbing, Eberhard Wolfgang Möller – der „nationale Amtsdichter“(1906-1972), von Marc-Wilhelm Kohfink, Hans Rehberg – der Preuße (1901-1963), von Sonja Gevers, Rainer Schlösser – der Dichter-Soldat (1899-1945), von Stefan Hüpping, Tüdel Weller – der Propagandadichter (1902-1970), von Janin Egbers.

Dem Buch sind Abbildungen der ausgewählten Dichter beigefügt. „Bei den zehn porträtierten Dichtern handelt es sich um eine eher willkürliche Zusammenstellung, die aus den besonderen Entstehungsbedingungen der Texte resultiert“, erläutert der Herausgeber. „Acht Beiträger sind junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die gegen Ende ihrer Studienzeit bei der Anfertigung ihrer wissenschaftlichen Abschlussarbeit von mir betreut worden sind und/oder an meinem Kolloquium Biografische Studien zum Verhältnis von Literatur und Ideologie im ‚Dritten Reich‘ teilgenommen haben, das ich seit dem Sommersemester 2006 regelmäßig an der Universität Osnabrück anbiete. Zweck des Kolloquiums ist es, Studierende in die Forschungspraxis einzubeziehen und eigene Projekte bearbeiten zu lassen. Sie befassen sich dabei jeweils mit einem völkischen oder/und vom NS-Regime geförderten Autor, zu dessen Werk und Person wenig oder so gut wie nichts Zusammenhängendes wissenschaftlich verlässlich bekannt ist. Denn die meisten Schriftsteller und ihre Texte werden von der einschlägigen Forschung weitgehend vernachlässigt – obgleich sie im Literatur- wie im politischen System des ‚Dritten Reiches‘ von einiger, im Einzelfall auch großer Bedeutung waren, was manchmal, wie der Fall Gerhard Schumanns zeigt, auch in der Bundesrepublik Deutschland eine langfristige Fortsetzung fand. Die vorliegenden Aufsätze sind also größtenteils das m.E. beachtliche Resultat erster eigenständiger Forschungsarbeit.“

Diese Einschätzung kann man bestätigen. Die Beiträge sind nicht nur spannend und informativ, sondern regen auch zu weiteren Nachforschungen und Auseinandersetzungen an. Alle Verfasser haben ihre Fakten sauber recherchiert und aufgearbeitet. Allerdings beschränken sich die Aufsätze größtenteils auf die Präsentation der Biografien der Dichter und zeigen auf, welche Karriere sie in der Nazi-Diktatur machen konnten. Ihre Veröffentlichungen werden zumeist lediglich erwähnt, nur ansatzweise gedeutet und zu wenig in die Darlegungen einbezogen. Trotzdem machen die Beiträge deutlich, wie seinerzeit durch die Literatur die Nazi-Ideologie veranschaulicht wurde. Hermann Burte kritisierte zum Beispiel mit seinem Bekenntnisroman „Wilfeber“ den angeblichen Werteverfall des deutschen Volkes und begrüßte die judenfeindliche Haltung seines Protagonisten. Artur Dinter baute seinen abstrusen Roman „Die Sünde wider das Blut“ auf die Rassenlehre auf. „Auf dem Humus derart absolut ernst gemeinter Auffassungen, die uns heute in ihrer Absurdität kaum überbietbar erscheinen, wuchs die Saat des Holocausts, der mit den Nürnberger Gesetzen von 1935 seinen juristischen Ausgang nahm“, stellt Uwe Hirschauer dazu fest. Hanns Johst stellte „dem rationalen Argument die gläubige Tat entgegen“ und propagierte „völkisches Denken“. Rolf Düsterberg bezeichnet Johsts Buch „Ruf des Reiches – Echo des Volkes!“ als „ein Musterbeispiel für die literarische Popularisierung der politischen wie militärischen Positionen, Ziele und Maßnahmen der nationalsozialistischen Führung“. Tüdel Weller feierte, wie Janin Egbers ausführt, den „Krieg als angenehme, ja willkommene Erfahrung im Leben eines jungen Soldaten“.

Geradezu erschreckend ist es nachzulesen, dass sich die „Entnazifizierung“ der Nazi-Dichter wie diejenige von Gerhard Schumann „im Resultat ausnahmslos nur als Groteske bezeichnen“ lässt. Artur Dinter, als „minderbelastet“ eingestuft, leugnete „bis zu seinem Tod […] jeden Zusammenhang zwischen seinen Schriften und den Verbrechen des Nazi-Regimes. Selbst Hanns Johst, Präsident der Reichsschriftumskammer und einer der einflussreichsten NS-Funktionäre, „war in drei Verfahren jeweils unterschiedlich eingestuft worden, bis das letzte Urteil schließlich (1955) aufgehoben und der Dichter damit rehabilitiert wurde“. Eberhard Wolfgang Möller wurde nicht nur als „entlastet“ eingestuft, sondern verstand es zudem, sich als „Widerstandskämpfer“ in Szene zu setzen.

Schockierend wirkt die Feststellung von Julia Liebich, wonach die Publikationen von Kurt Eggers bis in die Gegenwart fortwirken und dieser „Trommler der NS-Bewegung“ heute „der neo-nationalsozialistischen Jugend […] immer noch als Idol“ gilt. Als Beleg führt sie beispielsweise die Aussage von Siegfried Tittmann an, stellvertretender Bundesvorsitzender der Deutschen Volksunion (DVU), der Eggers als bedeutendsten deutschen Dichter neben Goethe und Schiller bezeichnet. Dabei sind die Taten, mit denen der fanatische Antisemit Eggers sich brüstete, an Abscheulichkeit kaum zu überbieten. Seine Werke, mit denen er das Soldatentum feiert, wollte er als „Kriegsrufe“ verstanden wissen.

Die Beiträge des Buchs „Dichter für das ‚Dritte Reich‘“ geben viele nützliche Hinweise und zahlreiche Anregungen zur weiteren Forschung. Die Dokumente liegen in verschiedenen Archiven, einige NS-Autoren haben gar ein eigenes Archiv erhalten. In Lörrach gibt es zum Beispiel seit 1960 die Hermann-Burte-Gesellschaft und seit 2000 in der Gemeinde Maulburg das Hermann-Burte-Archiv, das seinen nahezu gesamten Nachlass verwahrt. Da „eine hinreichende, historisch angemessene Auseinandersetzung mit Hermann Burtes Rolle im ‚Dritten Reich‘“ noch aussteht, sollten diese Möglichkeiten genutzt werden. Zurecht verweist Stefan Hüpping darauf hin, dass der „Reichsdramaturg“ des NS-Staates, Rainer Schlösser, „von der Forschung bisher weitgehend vernachlässigt“ wurde. Dies ist erstaunlich, waren doch „alle wichtigen Ereignisse des Theaterlebens im ‚Dritten Reich‘ mit seinem Namen verbunden“: Er „kontrollierte die Spielpläne sämtlicher Bühnen im Reichsgebiet und lancierte die ‚Gleichschaltung‘ und ‚Arisierung‘ kultureller Einrichtungen; als Präsident der Reichstheaterkammer verhängte er faktisch Berufsverbote über jüdische Schauspieler und Theaterangestellte.“

Das von Düsterberg herausgegebene Buch macht deutlich, wie wichtig und notwendig es ist, sich mit Schreibtischtätern der NS-Diktatur wissenschaftlich zu beschäftigen. Denn vor allem die Wirkungsmechanismen ihrer Propagandaliteratur müssen aufgezeigt werden, um sie auszuschalten. Es muss untersucht werden, wie es beispielsweise Eberhard Wolfgang Möller gelang, den Nationalsozialismus zu einer Glaubensbewegung zu stilisieren und ein Gemeinschaftserlebnis zu erzeugen, indem er NS-Feiern „einem festen Ritual mit pseudoreligiösen Anklängen“ unterlegte. Es gilt durch kritische Aufklärung zu verhindern, was sich dieser unverbesserliche Nazi-Dichter erhoffte, als er 1949 schrieb: „Auf jeden Fall wird man meinen Namen wieder bekränzen, wenn die Zeit gekommen ist.“

Titelbild

Rolf Düsterberg (Hg.): Dichter für das "Dritte Reich". Biografische Studien zum Verhältnis von Literatur und Ideologie.
Aisthesis Verlag, Bielefeld 2009.
336 Seiten, 29,90 EUR.
ISBN-13: 9783895287190

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