Die Subversion der Bedeutungen

Ralf Konersmanns Plädoyer für Bildhaftigkeit

Von Johan Frederik HartleRSS-Newsfeed neuer Artikel von Johan Frederik Hartle

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Es gibt zwei Sorten von Denksystemen: solche, die gebaut sind wie das Datenarchiv einer Verwaltungsbehörde, und solche, die einem Dschungel gleichen. Im ersten Typ werden saubere Terminologien verwaltet. Im anderen wuchern die Bedeutungen, bewegen sich immer an der Schnittstelle zur Poesie. Was dem einen die Begriffe, sind dem anderen die Metaphern. Ralf Konersmann ergreift Partei. Er denkt sich den Sozialcharakter des Philosophen als den des Verwaltungsbeamten. In den Dschungel hinaus getrieben zu werden sei ihm ein Gräuel. "Aus Neigung", so heißt es einmal, "verwenden Philosophen Begriffe, aus Not Metaphern." Konersmanns Historische Semantik versucht aus der Not eine Tugend zu machen.

Sein Anliegen lässt ihn verschiedene denkgeschichtliche Kristallisationspunkte in den Blick nehmen. Der Autor präsentiert dabei eine unterhaltsame Mixtur von Anekdoten, Bonmots und intellectual history. Insbesondere die Darstellung der französischen Enzyklopädisten ist hier relevant. Er erkennt in dieser letzten historischen Anstrengung einer umfassenden Kartographie des Wissens eine restriktive "Normierungstendenz". Zugleich akzentuiert er die Lebendigkeit und Ironie des Projekts und unterstreicht es als bewusste Politisierung des Wissens und der Strukturen wissenschaftlichen Denkens. Insbesondere zwei Absichten der Historischen Semantik werden daran deutlich. Einerseits tritt sie der Verfestigung philosophischer Begriffssysteme skeptisch entgegen. Sie weist die historische Kontingenz scheinbar monolithischer Begriffssysteme nach. Gegenüber jeder Zurüstung der philosophischen Öffentlichkeit, jedem philosophischen newspeak verhält sie sich subversiv. Andererseits betreibt auch die Historische Semantik Sprachpolitik, insofern sie um schöpferische Spielräume, Mehrdeutigkeit und Pluralität bemüht ist.

Konersmann weiß sich mit seinem Projekt in der Tradition der Metaphorologie Hans Blumenbergs und der poststrukturalistischen Diskursanalyse von Michel Foucault. Foucault klärt ihn über die politisch institutionellen Voraussetzungen der Verfestigung des Wissens und seiner Erhebung zur Wahrheit auf: Vor der Wahrheit ist Diskurs, in dem sich Konstellationen sozialer Macht verdichten. Jener Diskurs konstituiert die (Un-)Ordnung des kulturellen Textes, die Legitimität des Wissens ebenso wie die Möglichkeit der Subversion. Hans Blumenberg verhilft Konersmann zu einer Theorie der Metapher, der Bildsprache. Mit Blumenbergs Metaphorologie setzt auch Konersmanns Plädoyer für die Verschränkung von "Sehwelt und Begriffswelt" ein. In Abgrenzung von jenen Philosophen "denen der Leib der Sprache für sündhaft gilt", wie Theodor W. Adorno sagt, versucht Konersmann eine entbegrifflichte Bild-Sprache zu rehabilitieren. Er kann sich den Leib der Sprache jedoch nur als visuellen denken. Einen goût der Sprache, Onomatopoesie, spürende, empfindende, vernehmende Sprache vermag er nicht zu begründen.

Konersmann lässt die Allgegenwart des Optischen, massenmediale Bilderflut und die Verkümmerung der Nahsinne unberücksichtigt. Obgleich sie für ihn von mehr als nur mittelbarer Bedeutung wären, bleiben jene empirischen Befunde außerhalb seiner Kritikperspektive. Seine Bemühung um eine versinnlichte Vernunft, eine verbildlichte Sprache bleibt auf Augenhöhe mit der Tradition des philosophischen Rationalismus. Alle Versuche, das Gehör oder das Spüren zu rehabilitieren, wie sie im Gefolge Heideggers oder in der Historischen Anthropologie unternommen wurden, bleiben unerhört. Zu einer leiblich profanen "Vernunft, die von unten kommt", wie Ulrich Sonnemann formulierte, gelangt Konersmann nicht. Er möchte nur einen Blick in den leiblichen Dschungel werfen, der vor den Fenstern des philosophischen Diskurses liegt, aber sich nicht zu tief darin aufhalten.

Das diskursiv gefestigte kulturelle Archiv, die institutionalisierte Karteilandschaft, so könnte man noch aus anderem Grunde mutmaßen, ist Konersmann nicht unbequem. Seine Bestimmung der Philosophie als "institutionalisierte Problembewahrung" lässt das erahnen. Diese implizite Abgrenzung von der angelsächsischen Tradition des problem solving findet ihren einen Sinn in der Öffnung des semantischen Feldes. Insofern ist sie kritisch. Sie hat ihren anderen jedoch im Bewahren von materialen Problemen, die gelöst werden wollen. Insofern ist sie konservativ. Polemisch gelesen ist "institutionalisierte Problembewahrung" Bewahrung institutionalisierter Probleme. Eines dieser Probleme ist die selbstreferentielle akademische Philosophie. Durch die Hintertür kehrt Konersmann in eine umzäunte Philosophie zurück, mit deren Anderem, dem Dschungel, er einmal geliebäugelt hat.

Titelbild

Ralf Konersmann: Komödien des Geistes.
Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt 1999.
247 Seiten, 14,80 EUR.
ISBN-10: 3596144310

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