Leben mit einem Mann ohne Eigenschaften

Sibylle Bergs neuer Roman „Der Mann schläft“ will nicht recht zu ihrem bisherigen Werk passen

Von Dietmar JacobsenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dietmar Jacobsen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Glückliche Paare hat es im bisherigen Werk der Sibylle Berg kaum gegeben. Und das, obwohl die meisten ihrer Bücher nicht eben arm an Personal sind. Das aber lebt und liebt, hofft und harrt, sehnt und bewegt sich in der Regel aneinander vorbei – jede Figur auf ihrer höchst eigenen, einsamen Lebensbahn. Berührungen arten zumeist in gegenseitige Verletzungen aus. Sich-nahe-Kommen bedeutet Katastrophe, Kollision und Absturz. Nur in dem ausdrücklich als „Märchen für alle“ annoncierten kleinen Text „Habe ich dir eigentlich schon erzählt …“ von 2006 gelingt es einmal zwei Menschen, einander festzuhalten und den Widrigkeiten des Lebens für eine Zeit zu trotzen. Aber Max und Anna sind jung, sehr jung. Und wohlweislich lässt sie die Autorin auf ihrem Weg in eine möglich scheinende gemeinsame Zukunft irgendwann allein, noch vor den wirklichen Enttäuschungen, die – der erfahrene Berg-Leser zweifelt daran nicht eine Sekunde – eines Tages einfach kommen müssen.

Und nun plötzlich dies: ein Beziehungs-, ja fast ein Liebesroman. Die Geschichte einer Ich-Erzählerin, der aus heiterem Himmel ein Mann in den Schoß fällt. Dieser trägt weder Vor- noch Nachnamen, ist nicht schön, aber auch nicht häßlich, entspricht kaum dem, „was man gemeinhin als Kleinod bezeichnete“, punktet aber unentwegt, indem er der einsamen Schreiberin von Gebrauchsanleitungen das Gefühl gibt, sie sei liebenswert – und verbringt mit ihr im Übrigen viel Zeit im Bett. Ja, da muss er erst einmal schlucken, der an den Berg’schen Fatalismus gewöhnte Leser. Aber nachdem er sich ein paar Seiten lang verwundert die Augen gerieben hat ob dieser scheinbar radikal neuen Sicht auf die Dinge des Lebens bei einer Autorin, die auf Misanthropie abonniert schien, erreichen ihn schon bald beruhigende Signale.

Denn gut geht auch die in „Der Mann schläft“ erzählte Geschichte nicht aus. Obwohl es auf einer der zwei Zeitebenen, die Sibylle Berg raffiniert aufeinander zulaufen lässt, bis die erinnerte Vergangenheit mit dem letzten Kapitel die erzählerische Gegenwart erreicht, ziemlich menschelt, wird nur allzu bald klar, dass das Abenteuer „Paarbeziehung“ zu dem Zeitpunkt, da es erzählerisch reanimiert wird, bereits wieder vorbei ist. Genauso schnell, wie die massige Gestalt, auf deren Bauch liegend sie sich so „behütet, warm, angstlos“ gefühlt hat, in das Leben der Erzählerin einbrach, verschwindet sie auch wieder daraus. Von einem Gang vor die Tür während eines gemeinsamen Asienurlaubs kehrt „der Mann“ nicht mehr zurück.

Vorher jedoch entwickelt sich fast so etwas wie eine ideale Zweierbeziehung. Fernab jeder pubertären Aufgeregtheit und auch nahezu jenseits aller hirnvernebelnden bloßen Sexualität treffen da zwei vom Leben bisher nicht eben mit Samthandschuhen angefasste Menschen aufeinander. Es scheint zu funktionieren, fast von allein, oft ohne Worte. Und leise amüsiert angesichts der mit verbalen Nichtigkeiten und hohlen Beziehungsritualen sich ringsum weiter abspielenden menschlichen Komödie unserer Tage, die die Erzählerin desto gelassener zu ertragen scheint, je enger sie sich in ihr spätes Glück einspinnt.

Bergs erstes Buch im Münchner Hanser Verlag – die letzten Texte der Autorin erschienen bei Kiepenheuer & Witsch – ist routiniert erzählt und hat eine seinem Thema adäquate Form gefunden. Dass es dennoch über weite Strecken nicht zu überzeugen vermag, könnte auch daran liegen, dass sein – keineswegs ironisch gespiegelter – Gegenstand es in die Nachbarschaft von Texten rückt, mit denen auf einem Regalbrett zu stehen eine Zumutung für seine Autorin darstellen dürfte. Liebe macht blind, sagt man. Im Falle von „Der Mann schläft“ tut sie ein Übriges: Sie entschärft eine Prosa, an der wir bisher immer gerade ihre kompromisslose Unversöhnlichkeit bewundert haben.

Die nämlich schlug all die Funken aus den Stoffen Sibylle Bergs, welche sie letztendlich zu einer ganz einmaligen – meistens wunderbar schlecht gelaunten – Stimme in der deutschen Gegenwartsliteratur gemacht haben. Nicht nur thematisch, auch stilistisch begab sie sich mit ihren aus vielen Einzelstimmen gewobenen Büchern stets auf neues Terrain – und prägte damit sicher auch Erwartungshaltungen, die ihr aktueller Roman nun nicht oder allenfalls partiell-episodisch einzulösen vermag. Was Wunder, dass man nicht eben traurig werden will über das Ende – verspricht es doch hoffentlich die baldige Rückkehr seiner Verfasserin zu ihren zornigen Wurzeln.

Titelbild

Sibylle Berg: Der Mann schläft. Roman.
Carl Hanser Verlag, München 2009.
309 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-13: 9783446233881

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