Polylog in statu nascendi

Margul-Sperbers „Die Buche“

Von Martin A. Hainz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Bukowina und Czernowitz sind fast schon topoi des Multikulturellen, das sich im Werk Paul Celans wie in jenem Rose Ausländers findet. Gebildet hat sich dieses in den Fremdheitserfahrungen aber auch der dennoch möglichen Kommunikation – und woraus ließen sich diese Qualitäten besser erkennen als aus den Texten, die in den Polylog mit den berühmten Werken Celans und Ausländers traten? Worin auch ließe sich die Eigenart besser erkennen, als in einer Anthologie, die eine Innenansicht ist, also den Polylog in statu nascendi zeigt, nicht als fixiertes Vermeintlich-Ganzes?

Eben dies liegt nun mit Alfred Margul-Sperbers Anthologie „Die Buche“ vor, einem Projekt, das der Dichter Ende der 1930er-Jahre in Angriff nahm. Er stammte aus Storozynetz in der Bukowina und wurde rasch zum Doyen, der seinen Kollegen geradezu väterlich Publikationsmöglichkeiten vermittelte, wobei ihn etwa von der von ihm unterstützten Rose Ausländer nur drei Jahre trennten. Dieser umsichtige Förderer seiner Zeitgenossen, den man den guten Riesen nannte, stellte eine Auswahl von Texten zusammen, von der lange nur wenig bekannt war, nämlich, wer in etwa die Autoren seien, und, dass es einige Konvolute gebe – und die nun die von Peter Motzan, George Gutu und Stefan Sienerth sorgfältig editiert wurde, mit einem einleitenden Editionsbericht, der unter anderem auch die Fragilität von Nachlässen jener Tage erahnen lässt, um schließlich zu einer Rekonstruktion dessen zu gelangen, was Margul-Sperber gewollt haben mag – eine Anthologie, die diese Literaturlandschaft zeitnah und sensibel porträtiert.

Dabei sei nicht in Abrede gestellt, dass es bereits Anthologien zu jener Landschaft gibt, etwa jene von Amy Colin, worin jedoch die Innenansicht, die hier endlich gegeben ist, in einer unstimmigen Kompromisslösung quasi simuliert wurde. Oder jene glänzende Zusammenstellung von Klaus Werner, der reflektiert das, was bleiben würde, herauspräparierte und darin eine Ergänzung zum nun präsentierten Band darstellte, die in ihrer liebevollen und kenntnisreichen Weise von bleibendem Wert ist. Hier hat man als Bilanz das, was sich nun auch als Genese und Zwischenbefund darstellt.

Die neue Anthologie ist dabei der Umweg, den es aber jedenfalls auch braucht. Umwege und ihre Zeit braucht es, das Lesen ist eine Nobilitierung von Zeit – oder mit Woody Allens ironischer Überspitzung: „Ich habe einmal einen Kurs in Schnell-Lesen gemacht und Krieg und Frieden in zwanzig Minuten gelesen. Es spielt in Russland.“

Hier also hat man in aller Breite eine Auswahl dessen, was Czernowitz und die Bukowina waren, ehe spätestens mit dem Nationalsozialismus dies alles vernichtet wurde, endete oder sich in Enklaven wie Düsseldorf zerbrochen fortzuführen suchte. Man hat hier auch ein Statement, „ein Signal künstlerischer Produktivität […] gegen die Verfemung durch die Nationalsozialisten“, wie die Herausgeber schreiben, ein Buch also, das verzweifelt gegen das Ende ankämpft, das seinen Autoren und ihrer Lebens- und Arbeitswelt droht. Eine „Forderung in letzter Stunde“ nennt es Margul-Sperber selbst, darin resignativ und revolutionär. Dabei ist das Grundprogramm zugleich gerade nicht Statement, vielmehr wirkt es gemäß Margul-Sperbers Poetik apolitisch, zumindest vordergründig, ein verhaltenes Ermöglichen, wiewohl er beispielsweise an Albert Silbermann „dessen geistvolle[n] Polemiken“ doch schätzte.

Wer sind die Dichter, die Margul-Sperber als Repräsentanten wählte? Rose Ausländer ist zunächst am stärksten darin präsent, bis zu 30 Gedichte wollte der Herausgeber aufnehmen, doch auch weniger bekannte Dichter bekommen eine Stimme, so Salome Mischel mit bis zu 22 Texten. Beide würdigt Margul-Sperber als in der „Frauendichtung“ seiner Zeit maßgeblich. Moses Rosenkranz, der kein Unbekannter ist, wird mit 24 Gedichten vertreten sein; noch nicht vorgesehen ist zunächst die Aufnahme von Texten des jungen Paul Celan, der erst in der Zusammenstellung B1 vorkommt, dann aber mit 17 Gedichten, während nunmehr die Auswahl aus Ausländers Texten auf ein Drittel gekürzt wurde. Aus diesen Versionen lassen Gutu, Motzan und Sienerth erstehen, was damals nicht sein durfte und konnte, gerahmt mit Margul-Sperbers „Der unsichtbare Chor“, einem Aufsatz, der die Anliegen expliziert, welche zu jener Dichtung und ihrer Kompilation gehören.

Die Auswahl im Geiste Margul-Sperbers ist dabei ein Querschnitt durch die Lyrik jener Region, eine Lyrik, die Formkunst auf hohem Niveau ist, wenngleich erst später Ausländer und noch mehr Celan die Lyrik neu definieren sollten. Die Texte, die hier sich finden, sind dabei Spiegel ihrer Zeit und von Margul-Sperbers Poetik, also konservativ in ihrer Gestalt. Dies aber ist nur prima vista der Fall, insofern die Lyriker, die hier vertreten sind, mit jener Formsprache umgehen, und zwar ironisch oder qua Zuspitzung diese in Frage stellend oder transzendierend – es ist ein „fremd und nahes Leuchten“. Dies glückt teils durch Metaphern wie der berühmten „schwarze[n] Milch“, welche sich in Ausländers Frühwerk findet, teils durch die unvermittelt angesprochenen Sujets – sind „Ghettosonette“ anderen Sonetten noch zu vergleichen? –, teils schließlich durch die behutsame Ausweitung dessen, was die Form zu sein schien. Andererseits sind manche Gedichte zwar in freiem Vers gehalten, doch stellt sich, wenn „Regen“ „stundenlang / durch meine Seele“ „geht“, worauf das Schlusswort „Melancholie“ lautet, doch die Frage, ob das modern sei. Modern im besten Sinne ist dagegen eine „alkäische Strophe“ Benjamin Fuchs’, der unter diesem Titel vom Vergessen schreibt – „stäubender Aschenrest, / klingt euer Name wenigen Wissenden“. Auch Celan dichtet hier im konventionellen Reim, um ihn indes zu befragen – berühmt ja sein Vers: „Und duldest du Mutter, wie einst, ach, daheim, / den leisen, den deutschen, den schmerzlichen Reim?“

Diese Lyrik, so zeigt sich an solchen Versen, ist bedeutend – und dies noch in der Antizipation ihres Vergehens wie jenem derer, die sie kannten, lasen und schrieben. Es wäre sehr zu wünschen, dass Fuchs dennoch irrt, gerade durch die Qualität seiner Poesie wie derjenigen, die sich neben ihm hier finden. Dieses Buch sollte dazu beitragen, es ist ihm zu wünschen – den Verwaltern dieses Vermächtnisses aber darüber hinaus zu danken.

Titelbild

Die Buche. Eine Anthologie deutschsprachiger Judendichtung aus der Bukowina.
Zusammengestellt von Alfred Margul-Sperber, Herausgegeben von George Gutu, Peter Motzan und Stefan Sienerth.
Rimbaud Verlagsgesellschaft, München 2009.
469 Seiten, 28,50 EUR.
ISBN-13: 9783890865164

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