Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer

Über John Grays Buch „Politik der Apokalypse“

Von Eckart LöhrRSS-Newsfeed neuer Artikel von Eckart Löhr

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wer glaubt, das im Klett-Cotta Verlag erschienene Buch „Politik der Apokalypse“ des Autors John Gray mit dem Untertitel „Wie Religion die Welt in die Krise stürzt“ wäre lediglich eine weitere antireligiöse Streitschrift, die versucht Religion als das Böse per se darzustellen, irrt. Der englische Originaltitel des Buches, „Black Mass. Apocalyptic Religion and the Death of Utopia“, ist dem Inhalt und der Aussage deutlich angemessener, doch leider hat sich der Verlag wohl aus verkaufsstrategischen Gründen für diesen reichlich plakativen Titel entschieden.

John Gray, ehemals Professor für Europäische Ideengeschichte an der London School of Economics, geht es nicht darum, Religion in toto zu verurteilen, sondern lediglich um eine Kritik an religiösen Einflüssen in der Politik, beziehungsweise in politische Entscheidungen.

Der Autor zeigt zunächst, dass ein Merkmal aller Religionen, aber insbesondere des Christentums, der Glaube an ein der Geschichte immanentes Ziel, Teleologie genannt, ist. Dieses Ziel besteht in nichts weniger als der Erlösung der Menschheit. In Anlehnung an den Glauben, Jesus werde auf die Erde zurückkehren, um sein tausendjähriges Reich zu errichten, spricht Gray in diesem Zusammenhang auch von Millenarismus. Eine spezifische Besonderheit des Christentums dabei ist es, diese eschatologisch-apokalyptische Anschauung zu einer innerweltlichen gemacht zu haben. Dazu kommt der auf die Puritaner zurückgehende Glaube, der Mensch könne das Anbrechen einer vollkommenen neuen Welt durch sein Bemühen beschleunigen. Gipfelpunkt dieser Entwicklung stellt die Französische Revolution dar, die wie alle Revolutionen der Geschichte, laut Gray, quasireligiöse Bewegungen waren. „Allein schon die Vorstellung von der Revolution als einem Ereignis, das den Lauf der Geschichte verändert, ist im Kern religiös. Moderne Revolutionen und revolutionäre Bewegungen sind Fortsetzungen der Religion mit anderen Mitteln.“

Dass diese Revolution im Terror der Jakobiner unterging ist für den Autor nur die logische Konsequenz aus dem Bemühen, den Menschen zu verbessern, beziehungsweise zu vervollkommnen. Dieser Glaube an eine Zukunft ohne Ungerechtigkeit und Konflikte, den Gray utopistisch nennt, ist somit die Quelle allen Übels, da für den Autor Utopien stets die „Wunschträume kollektiver Erlösung und Alpträume des Erwachens“ sind.

Das ist natürlich auch eine Abrechnung mit der Aufklärung, die zum einen das dualistische Weltbild – die Geschichte als Kampf zwischen Licht und Finsternis – nicht überwunden hat und zum anderen davon ausgeht, dass die Gesellschaft einst ein Ganzes bildete, das sich irgendwann in der Zukunft wieder herstellen lässt. Eine Annahme übrigens, die einige Vertreter der Aufklärung mit den Romantikern gemeinsam hat – man denke hier nur stellvertretend an Novalis’ Aufsatz „Die Christenheit oder Europa“ – und die sich ebenfalls bei den Nationalsozialisten wieder findet.

Grays zentrales Anliegen ist es demnach zu zeigen, „dass die politischen Ideologien der letzten 200 Jahre […] von einem Mythos der innergeschichtlichen Erlösung getragen waren, der das fragwürdigste Geschenk des Christentums an die Menschheit ist und die im Glauben an diesen Mythos gründende Gewalt […] gleichsam ein Geburtsfehler des Abendlands darstellt.“

Diese These untermauert der Autor durch zahlreiche historische Beispiele, um sich schließlich – besonders im letzten Drittel des Buches – der zeitgenössischen Politik zu nähern.

Unter den Überschriften „Der Utopismus greift auf den politischen Mainstream über, Die Amerikanisierung der Apokalypse“ und „Bewaffnete Missionare“ zeigt Gray in sehr nüchterner und faktenorientierter Sprache, wie das apokalyptische Denken Einzug in die englische und vor allem in die amerikanische Politik gehalten hat. Genau dieser Teil ist – wenn auch stellenweise durch die Anhäufung vieler Details ein wenig ermüdend – der lesenswerteste, da er den ganzen Zynismus und die Verlogenheit zeigt, mit der insbesondere der Irak-Krieg gerechtfertigt wurde, indem man Saddam Hussein als das Böse schlechthin darzustellen versuchte. Der Autor bezeichnet den Einmarsch in den Irak – den er als „ein durch und durch säkulares Land, der einzige Staat am Golf, dessen Rechtssystem nicht der islamischen Scharia, sondern westlichen Prinzipien folgte und dem Islamismus mit erbitterter Feindschaft gegenüberstand“, bezeichnet – klar als imperialistischen Akt, denn „der Sturz des irakischen Despoten war […]nicht nur ein Versuch der USA, sich die Hegemonie im Nahen Osten zu sichern, sondern der Beginn einer neuen Form des Imperialismus, die sich auf liberale Menschenrechtsprinzipien beruft.“

Die Abrechnung mit der Bush-Administration im Speziellen ist dabei zugleich eine Abrechnung mit dem Neoliberalismus im Allgemeinen. Der Autor zeigt, dass auch die neoliberale Anschauung in Wahrheit auf einer teleologischen Deutung der Geschichte gründet und somit – was ein sehr interessanter Aspekt ist – eine enge Verwandtschaft zum Marxismus erkennen lässt. Darüber hinaus legt er dar, dass der von den Neoliberalen gepriesene freie Markt nicht einfach so existiert, sondern das Ergebnis gezielter Gestaltungsmaßnahmen ist und somit das am meisten benötigt, was er am liebsten bekämpft: den starken Staat.

Auch Grays Bemerkungen zum Islam, beziehungsweise zum islamistischen Terror offenbaren neue Einsichten in diesen Themenkomplex, etwa wenn der Autor schreibt, „dass der radikale Islamismus, wie andere politische Religionen der Moderne, eine Mischung aus apokalyptischen Mythen und utopistischen Hoffnungen ist und somit ein unverkennbar westliches Phänomen.“

Der Schluss des Buches ist ein leidenschaftliches Plädoyer für den politischen Realismus und Gray beruft sich hier nicht zuletzt auf den italienischen Politiker und Philosophen Niccolò Machiavelli. Das mag manchen erstaunen, da dieser Name heute in erster Linie – allerdings nur zum Teil gerechtfertigt – mit skrupelloser Machtpolitik in Verbindung gebracht wird.

So ist für Gray „der politische Realismus die einzige Form, über Tyrannei und Freiheit oder über Krieg und Frieden nachzudenken, bei der man sicher sein kann, dass sie nicht in einem Glaubenssystem gründet, und die einzige ethisch ernstzunehmende Denkweise, auch wenn sie im Ruf steht, amoralisch zu sein.“

Erstaunlich ist in diesem Zusammenhang, dass der Name des englischen Philosophen Karl Popper nicht fällt, der sich ebenfalls vehement für eine realistische Politik der kleinen Schritte ausgesprochen hat und teleologisch geprägte Philosophien vom Schlage Karl Marx und Gottfried Wilhelm Friedrich Hegel, die er als falsche Propheten bezeichnet, ablehnte.

Mit seinem abschließendem Aufruf zur Anerkennung der religiösen Vielfalt und seiner Absage an alle Versuche, eine monolithische säkulare Weltgesellschaft zu errichten, macht der Autor klar, dass es ihm – wie eingangs erwähnt – nicht um die Verurteilung der Religionen geht und damit steht er himmelhoch über all den populistischen religionskritischen oder religionsfeindlichen Schriften, die den Markt seit geraumer Zeit überschwemmen.

Ein kritischer Punkt dieses Buches sollte aber nicht verschwiegen werden. Wenn Gray sich am Ende für Gentechnik und Kernenergie ausspricht, um das Überleben der stetig größer werdenden Menschheit zu gewährleisten, offenbart sich an dieser Stelle die Grenzen des realistischen Denkens, das schnell ins Reaktionäre abgleiten kann.

Was immer sich zu Recht gegen utopistisches Denken und die damit verbundene Politik einwenden lässt, so muss man sagen, dass das Entwerfen von Utopien eine Eigenschaft des Menschen darstellt, die ihn von allen anderen Lebewesen unterscheidet. So wenig der Mensch ohne seine Träume leben kann, so wenig kann es die Politik. Ohne zumindest einen Hauch von Utopie würde sie auf der Stelle treten und das ewig Gleiche lediglich modifizieren.

Vielleicht ist es gerade die Auseinandersetzung zwischen Utopie und Realismus, die den ewigen Motor der Geschichte darstellt. Dann aber kann es realistisch betrachtet nur darum gehen, das utopistische Denken als Ideengeber zu akzeptieren, ihm aber gleichzeitig seine engen Grenzen aufzuzeigen, was die praktische Umsetzung dieses Denkens betrifft.

Titelbild

John Gray / Trude Trunk: Politik der Apokalypse. Wie Religion die Welt in die Krise stürzt.
Übersetzt aus dem Englischen von Christoph Trunk.
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2009.
363 Seiten, 22,90 EUR.
ISBN-13: 9783608941142

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