Vom Leben gezeichnet

Ein Text + Kritik-Sonderband widmet sich den Spielarten des Comics

Von Stefan HöppnerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Stefan Höppner

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Lange fristete der Comic in Deutschland ein Schattendasein – ganz im Unterschied etwa zu Frankreich und Belgien, wo Asterix, Tintin und ihre Nachfolger im Reich der Bande dessinée (BD) praktisch zur Nationalkultur gehören. Dabei litt das Medium hierzulande unter der immer noch strikten Trennung zwischen so genannter E- und U-Kultur und wurde pauschal als trivial abgetan – was ungefähr so überzeugend ist, wie Goethe abzulehnen, weil Hedwig Courts-Mahler ebenfalls Romane geschrieben hat. Vertieft wurde das durch eine große Kampagne gegen „Schmutz und Schund“ in der Adenauer-Ära und eine epigonale Adorno/Horkheimer-Rezeption, die Comics gern als entfremdete „Massenzeichenware“ (Wiltrud Ulrike Drechsel) abstempelte. Zwar gibt es seit langem verdienstvolle Institutionen wie die Gesellschaft für Comicforschung (Comfor), der Mainstream der Literaturwissenschaft ist – nach zaghaften Anfängen in den 1970er- und 1980er-Jahren – erst in den letzten Jahren wieder auf das Phänomen aufmerksam geworden.

Dafür gibt es zwei gute Gründe: Da wäre zum einen die zunehmende Öffnung der Philologien hin zur Medienwissenschaft und das damit verbundene Interesse an Fragen der Intermedialität. Zum anderen hat sich der Comic selbst stark verändert, seit Will Eisner 1978 den Begriff der „Graphic Novel“ einführte. Damit ebnete er nicht nur den Weg für längere, komplexere Erzählungen (die es natürlich avant la lettre bereits gab, man denke etwa an die „Corto Maltese“-Comics des Italieners Hugo Pratt), sondern formulierte auch den Anspruch, sich auf ästhetischer Augenhöhe mit dem zeitgenössischen Roman zu bewegen. Dass das keine leeren Worte sind, zeigen mehr und mehr Veröffentlichungen auf höchstem Niveau, wie etwa Art Spiegelmans Klassiker „Maus“ (1986/1991), „Persepolis“ von Marjane Satrapi (2003), „The Arrival“ (2006) von Shaun Tan oder Line Hovens „Liebe schaut weg“ (2007). Dies sollte natürlich eine Herausforderung für eine Disziplin sein, die sich von jeher mit erzählenden Kunstwerken beschäftigt – die Literaturwissenschaft.

Ein deutlicher Beleg für die gestiegene Wertschätzung ist der neue Sonderband der altehrwürdigen Zeitschrift „Text + Kritik“, den Heinz Ludwig Arnold gemeinsam mit Andreas C. Knigge, einem der besten Kenner der Materie, herausgibt. In gewisser Hinsicht geht es dem Buch darum, ein Publikum germanistischer Fachforscher in die Welt des Comics einzuführen. Das zeigen die Eingangsbeiträge von Knigge beziehungsweise Urs Hangartner, die in zwangsläufig verkürzter Form in die Geschichte des Mediums respektive seine Beziehung zur Literatur einführen. Als erster Einstieg ins Thema sind sie brauchbar, wer sich auf dem Gebiet aber genauer umtun will, sollte den Literaturhinweisen nachgehen.

Der Großteil des Bandes besteht aus Einzelstudien zu den Klassikern unter den Comiczeichnern und -Szenaristen Neben Carl Barks und Hugo Pratt zählen dazu bekannte Größen wie Jacques Tardi, Alan Moore (unter anderem „Watchmen“), Pierre Christin (unter anderem „Valerian & Veronique“), aber auch unbekanntere Zeichner wie David B. und der Argentinier Alberto Breccia. Nicht fehlen darf natürlich auch nicht die aus Japan stammende Kunst des Manga, die auch auf dem deutschen Comicmarkt immer weiter an Einfluss gewinnt. Jens R. Nielsen gelingt mit seinem Artikel hier eine erstaunliche Gratwanderung, indem er sowohl die spezielle Bildersprache des Manga als auch dessen kulturelle Prägung durch die Erfahrung von Hiroshima und Nagasaki darzustellen versteht. Abgerundet wird der Band durch einen Beitrag über die beiden, fast unbekannten Comicbände des großen argentinischen Autors Julio Cortázar (bekannt etwa durch den Roman „Rayuela / Himmel und Hölle“, 1963), ein Interview mit dem Verleger Dirk Rehm und einen abschließenden Artikel über den Comic im Comic. Eine wirklich gelungene Mischung, die gleichermaßen von etablierten Comicforschern wie Dietrich Grünewald und Andreas Platthaus wie von jungen Nachwuchswissenschaftlern getragen wird.

Schade, dass zwei Aspekte ein wenig unterbelichtet bleiben. Zum einen fehlen Artikel über deutsche Comickünstler, was gerade in einer germanistischen Zeitschrift überrascht. Es mag sein, dass die international maßgeblichen Größen der graphic novel oder des roman BD im englisch- und französischsprachigen Raum tätig sind, aber geeignete Objekte gäbe es auch vor Ort: zum Beispiel Gerhard Seyfried und Walter Moers, die sowohl als Comiczeichner wie als Romanciers Erfolge feiern; Autoren der mittleren Generation wie Volker Reiche, das Duo Katz & Goldt oder der viel zu früh verstorbene Bernd Pfarr mit seinen stilbildenden „Dulle“- und „Sondermann“-Strips; und schließlich jüngere Künstler wie Martin Tom Dieck, Anke Feuchtenberger, Mawil oder eben Line Hoven. Etwas unverständlich ist für eine literaturwissenschaftliche Zeitschrift auch, dass die Beziehung zwischen Literatur und Comics unter dem Strich reichlich kurz kommt. Sowohl unter narratologischen Gesichtspunkten als auch im Hinblick auf Medienwechsel – der Comicumsetzung literarischer Werke oder der Repräsentation von Comics in literarischen Texten – hätte es nahe gelegen, beide viel stärker zueinander in Beziehung zu setzen.

Glatt gelogen ist der zentrale Satz des Klappentextes: „Dieser Band widmet sich erstmals umfassend der Frage, wie der Comic mit Bildern erzählt.“ Das lösen die meisten Studien gerade nicht ein, jedenfalls nicht, wenn damit eine regelrechte Erzählanalyse des Comics gemeint ist. Zudem gibt es solche Arbeiten längst, vom Sammelband „Ästhetik des Comic“ (herausgegeben von Michael Hein und Ole Frahm, 2002) bis hin zu Arbeiten wie „Comic-Analyse“ (2008) von Jakob F. Dittmar und „Wie Comics erzählen“ von Martin Schüwer (2008). Ungeschlagen auf diesem Feld sind aber die beiden Klassiker, auf die sich auch ein Großteil der neueren Forschungsliteratur bezieht, „Comics and Sequential Art“ von Will Eisner, das zuerst 1985 erschien, und vor allem „Understanding Comics“ (1993, deutsch 2001 als „Comics richtig lesen“) von Scott McCloud, das eine anspruchsvolle und überzeugende Theorie des Mediums bietet, und das wiederum selbst in Comicform.

Wenn diese Aspekte auch anderswo besser abgedeckt sind, ist „Comics, Mangas, Graphic Novels“ doch ein gelungenes Buch, gerade für interessierte Neulinge ein lesenswerter Einstieg in die Welt der Zeichnungen auf hohem Niveau. Und vielleicht ein Anstoß für die nächste Generation der Comicforschung?

Titelbild

Heinz Ludwig Arnold / Andreas C. Knigge (Hg.): Comics, Mangas, graphic novels.
edition text & kritik, München 2009.
272 Seiten, 29,00 EUR.
ISBN-13: 9783883779959

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