Unschuld der Erinnerung?

Ein Sammelband zu Komplikationen des Luftkriegs-Gedenkens

Von Daniel KrauseRSS-Newsfeed neuer Artikel von Daniel Krause

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der Luftkrieg ist ein heikles Thema, bis heute. Wortmeldungen wirken allzu leicht skandalisierend, Unterlassungen ebenfalls. Dies geschieht ohne böswillige Absicht – Jörg Friedrichs „Der Brand“ – oder mit vollem Bedacht und Kalkül, wenn interessierte Kreise im sächsischen Landtag im Schutze parlamentarischer Immunität der Luftangriffe auf Dresden als eines „Bomben-Holocausts“ gedenken.

Als zehnter Band der unter Norbert Freis Jenenser Auspizien erscheinenden „Beiträge zur Geschichte des 20. Jahrhunderts“ ist „Luftkrieg. Erinnerungen in Deutschland und Europa“ herausgebracht worden. Drei junge Historiker: Jörg Arnold, Dietmar Süß und Malte Thießen zeichnen verantwortlich. Auch steuern sie ein Vorwort zur „europäischen Erinnerungsgeschichte des Luftkriegs“ bei. Arnold und Thießen sind darüber hinaus mit eigenen Aufsätzen vertreten („,Nagasaki‘ in der DDR. Magdeburg und das Gedenken an den 16. Januar 1945“ und „Der ‚Feuersturm‘ im kommunikativen Gedächtnis“).

Der Band versucht, besagte Untiefen und Abgründe des Erinnerns von vorneherein zu umschiffen, indem eine gesamt-europäische Sichtweise kreiert wird. So bietet der Umschlag drei Fotographien von überaus unterschiedlicher Provenienz: Das Denkmal Arthur Harris’ (Oberbefehlshaber des Bomber Command) in London, Ossip Zadkines Plastik ‚De verwoeste Stad‘ in Rotterdam und ein Mahnmal für Opfer des Luftkriegs in Hamburg. Die Textbeiträge, siebzehn an der Zahl, sind zu drei Gruppen geordnet: „Europäische“, „westdeutsche“, „ostdeutsche Erinnerungen“ sowie „Medien, Motive und Felder der Erinnerung“. Die ersten drei Überschriften sind akkurat und wohlverständlich formuliert. Der vierte und letzte tendiert zum Jargon. Er könnte ebenso passend ‚Varia‘ oder ‚Vermischtes‘ lauten, denn zwischen Dresden-Gedichten Durs Grünbeins und deutschen ‚Trümmerfrau‘-Mythen wird äußerst Disparates – durchweg kompetent – verhandelt.

Die meisten Aufsätze beziehen sich auf einzelne Städte oder Regionen, darunter notorisch einschlägige Fälle wie Rotterdam (Christoph Strupp), Guernica (Stefanie Schüler-Springorum), Dresden (Thomas Fache), Nürnberg (Neil Gregor) oder Pforzheim (Christian Groh), schließlich die ‚Battle of Britain‘ (Mark Connelly, Stefan Goebel), aber auch solche Fälle, die im Kontext des Luftkriegs selten zur Sprache kommen, etwa Rom (Maddalena Carli), Wien (Katrin Hammerstein) und jene Regionen, die in der französischen Wirrsal von Widerstand und/oder Kollaboration Ziel alliierter Luftangriffe wurden (Michael Schmiedel). Die Vorteile eines auf Einzelfälle sich richtenden Verfahrens liegen deutlich zu Tage: Sämtliche Fallstudien sind empirisch solide gestützt und tragen dem Einzelfall Rechnung. Verallgemeinerungen und Pauschalurteile werden vermieden. Die Unterschiedlichkeit der Erinnerungsweisen – selbst innerhalb Deutschlands – wird nicht bloß behauptet, sondern bewiesen. Wie nebenbei wird starke Evidenz geboten, dass der Luftkrieg auf deutscher Seite durchaus kein Tabuthema war, wie gelegentlich suggeriert wird – dies weder in der Belletristik noch im öffentlichen Gespräch. Interesseloses, ‚unschuldiges‘ Erinnern war freilich – auch dies wird augenfällig – nirgendwo möglich. Stets spielen politische Absichten und (manchmal unbewusste) Voreingenommenheiten ins Gedenken hinein: Erinnerung ist Politik und mit unvermeidlichen moralischen Komplikationen behaftet.

Die Vielfalt der Beiträge kann im gegebenen Rahmen nicht dargestellt werden. Stellvertretend sei ein verblüffendes, wiewohl bezeichnendes, Fundstück alpiner ‚Gedenkkultur‘ angeführt: Wolfgang Schüssel, seinerzeit österreichischer Kanzler, führt im ‚Gedenkjahr‘ 2005 die Luftangriffe auf Wien mit dem Tsunami der Weihnachtstage 2004 zusammen – als seien sie über reine Unschuldslämmer niedergegangen, gleich einer Naturkatastrophe. Wenn zum Überfluss hoch dotierte Installationen im öffentlichen Raum Wiens des Bombardements der Stadt am 12. März 1945 gedenken und des 12. März 1938 höchstens am Rande Erwähnung getan wird, mithin die Mär vom ‚erstem Opfer des Nationalsozialismus‘ dreist fortgeschrieben wird, spätestens dann stellt sich Befremden ein.

Die exoterische, auf Verständlichkeit auch für den Laien bestehende Sprachgestalt vieler Beiträge ist charakteristisch für Norbert Freis‘ ‚Jenenser Schule‘ und deren Umkreis. Wenn Einwände gegen „Luftkrieg. Erinnerungen in Deutschland und Europa“ möglich sind, so wäre zu fragen, ob nicht dem ersten Opfer des Weltkriegs und seiner Luftangriffe: Polen ein eigener Beitrag zu widmen wäre.

Titelbild

Jörg Arnold / Dietmar Süß / Malte Thießen (Hg.): Luftkrieg. Erinnerungen in Deutschland und Europa.
Wallstein Verlag, Göttingen 2009.
374 Seiten, 34,90 EUR.
ISBN-13: 9783835305410

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