Kampf gegen die Gewöhnlichkeit

Über Max Frischs frühe Erzählung „Antwort aus der Stille“

Von Sarah PogodaRSS-Newsfeed neuer Artikel von Sarah Pogoda

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

1937 erschien in der Deutschen Verlagsanstalt Stuttgart/Berlin eine „Erzählung aus den Bergen“, die „Antwort aus der Stille“. Es handelte sich um die zweite Veröffentlichung des 26-jährigen Schriftstellers Max Frisch. Frisch erzählt in diesem Text von einer Lebenskrise und begründet damit ein Thema, das sein ganzes folgendes literarisches Schaffen bestimmen wird.

Der frisch verlobte, bald 30-jährige, promovierte Lehrer und Leutnant Balz Leuthold flieht vor zukünftiger Ehe und drohender bürgerlicher Biografie in die Berge. Dort erhofft er, eine Antwort auf seine Sinnfragen zu finden und damit Friede mit sich selbst und seinen Zweifeln. Ihn plagt die Angst vor der Gewöhnlichkeit, vor dem durchschnittlichen und konventionellen Lebenslauf eines verheirateten und wohlsituierten Schweizer Lehrers. Er fürchtet nichts mehr, als sein Leben an die Gewöhnlichkeit zu verscherbeln, denn er weiß, „daß es kein Wiedergutmachen gibt, wenn man sein Leben verpfuscht hat, kein Zurückgreifen in vergangene Zeit, kein Nachholen und Verbessern, keine Gnade; er weiß es wie noch nie, daß alles endgültig ist, was man tut oder nicht tut, jeder Irrtum und jedes Versäumnis, und daß auch dieses Dasitzen niemals wieder nachzuholen ist, und daß es immer weitergeht, unaufhaltsam, auch wenn man nicht weiß, wozu man sich rühren soll.“ Und doch: „Irgendwas muß man doch tun!“

Leuthold nun beschließt sich zu rühren, sein Leben mit einer einsamen Tat zu einem Schicksal zu potenzieren, indem er unter Lebensgefahr den bislang unbezwungenen Nordgrat des Gebirges besteigt. Bevor er sich aber zum endgültigen Aufstieg durchringt, wird er in seiner alpinen Herberge von der jungen Dänin Irene gerührt. Bei ihr findet er kurzzeitig Frieden, meint er, tiefe Liebe und Verbundenheit in der zwanglosen und zeitlich aufs kürzeste begrenzten Begegnung zu erfahren. Das sich hier abzeichnende Frauenbild – dem Weib ist Reflexion fremd und geht ganz in den Umständen des Hier und Jetzt auf, so dass es vor jedem männlichen Leiden gefeit ist – ist noch hanebüchener als das ohnehin nicht unkomplizierte des älteren Frisch.

Der Kampf gegen die Gewöhnlichkeit löst Frisch hier in einer äußerst gewöhnlichen Sprache und ebenso gewöhnlichen Bilderwelten auf. So ist der bisher unbezwungene Berggipfel ein populäres Motiv der Zeit. Willy Beck, Kurt und Georg Löwinger hatten 1934 ihren Versuch, die Eiger Nordwand zu besteigen, wegen eines Sturzes abbrechen müssen, und 1936 hatte ein weiterer Versuch vier Todesopfer gefordert. Die Bergbesteigung unter Lebensgefahr war damit ein alles andere als außergewöhnliches Sujet.

Ohnehin ist bereits die Anlage der Erzählung konventionell, handelt es sich doch um kaum mehr als eine frühe Midlifecrisis eines zum bürgerlichen Leben Bestimmten, der die innere Leere nicht überwinden kann. Dieser erwartet sich vom Nordgrat eine Entscheidung: den eigenen Tod oder die Überwindung der Gewöhnlichkeitskrise. Und in der Tat, Leuthold überlebt, verliert wohl einen Arm, aber hat seine Antwort gewonnen. Es ist die ernüchternde und doch versöhnliche Einsicht, dass keine Existenz je gewöhnlich sein kann, wird sie nicht als gewöhnlich empfunden. Und so schließt die Erzählung mit Leutholds Erkenntnis, „[d]aß es ein unsagbar ernstes Glück ist, leben zu dürfen, und daß man wohl nirgends die Leere sein kann, wo dies Gefühl auch nur wirklich errungen worden ist, dies Gefühl der Gnade und des Dankes.“

Sprache lässt dem Menschen nur zwei Optionen übrig: Er sagt ein Wort, einen Satz oder er sagt sie nicht. Max Frisch hat im Laufe seines Lebens und seines literarischen Werkes diese dualistische Optionalität immer besser auslegen können. Doch 1937, ganz zu Beginn seiner bewussten Arbeit mit Wörtern und Sätzen, hat Frisch noch zu häufig Wörter und Sätze zu Text werden lassen, die besser ungeschrieben geblieben wären. Natürlich ahnt ein Frisch-Leser, welches Lebensgefühl der Autor hier mit seinen Worten eigentlich vermitteln wollte, doch er liest in diesen Worten dennoch nur Phrasen.

„Man freut sich seiner Muskeln, man freut sich, dass man gehen kann, man freut sich des Lichtes, das sich in unseren dunklen Augen spiegelt, man freut sich seiner Haut und seiner Nerven, die uns so vieles spüren lassen, man freut sich und weiß mit jedem Atemzug, dass alles, was ist, eine Gnade ist“, wird es Jahre später, ja eine Lebensform (der des Architekten) später, in Max Frischs Tagebüchern heißen. Auch diese Formulierungen dürften nicht weniger problematisch erscheinen. Allerdings relativiert die textliche Umgebung im Falle der Tagebücher einiges. Anders verhält es sich in die „Antwort aus der Stille“. Denn den zitierten Schlussworten der Erzählung gehen 138 Seiten Sätze vorweg, die eine unleugbare Tendenz zum Kitsch aufweisen und in manchem eindeutigen Fall wohl besser nicht gesagt worden wären.

Übel kann man dem Autor Frisch seinen frühen Text dennoch nicht nehmen, ist der doch mit den zahlreichen Werken der späteren Schaffensphase völlig in Vergessenheit geraten. Die Vertuschung seiner ,Jugendsünde‘ wäre Frisch übrigens beinahe auch editorisch gelungen. Denn Frisch verhinderte die Aufnahme der „Antwort aus der Stille“ in die Ausgabe seiner Gesammelten Werke (1976), anlässlich seines 60. Geburtstags, ja im Abschlussband von 1986 findet die „Antwort aus der Stille“ noch nicht einmal Eingang in die biografische Zeittafel. Dieser erste editorische Verdrängungsfall geschah sicher auch im Hinblick darauf, dass der vermeintliche Berg- und Heimatroman in der Stimmung der 1970er-Jahre nur hätte missverständlich rezipiert werden können. Das wiederholte Verschweigen des Titels in den 1980er-Jahren jedoch lässt vermuten, dass der sprachlich und stilistisch längst zur Meisterschaft gereifte Frisch den sprachlichen Kitsch seiner literarischen Adoleszenz als peinlich und deshalb ärgerlich empfand.

In der heutigen Rückschau machen die misslungene Erzählung sowie Frischs späte Verleugnungsversuche Autor und Werk nur noch menschlicher als sie ohnehin schon erscheinen. Doch selbst solche sentimentalen Regungen helfen dem Leser nicht über die Unlustgefühle hinweg, die er während der anstrengenden Lektüre der Erzählung empfindet.

Sicher, Philologen dürfen Peter von Matt dankbar sein, der ihnen nun nach über siebzig Jahren einen Text zugänglich macht, der ihnen eine erweiterte Perspektive auf die schriftstellerische und poetische Biografie Max Frischs ermöglicht. Das von Matt verfasste erhellende Nachwort rückt die Erzählung ins rechte Licht. Die hier offerierten Informationen und Kontextualisierungen lassen eine pauschale Verurteilung der Erzählung als Berg- und Heimatliteratur nicht mehr zu. Das hätte der Text, trotz seiner offensichtlichen Mängel und Anfängerfehler, sicher auch nicht verdient.

Titelbild

Max Frisch: Antwort aus der Stille. Eine Erzählung aus den Bergen.
Mit einem Nachwort von Peter von Matt.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2009.
172 Seiten, 18,80 EUR.
ISBN-13: 9783518421284

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