Die Liebe ist tot, es lebe der Sex

Sven Hillenkamp reitet auf der Zeitgeistwelle, auch wenn er durchaus etwas zu sagen hat

Von Stefan NeuhausRSS-Newsfeed neuer Artikel von Stefan Neuhaus

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

 

Wir leben in einer neurotischen und sexuell pervertierten Gesellschaft – zu dieser Diagnose zu kommen ist eigentlich nicht schwierig, aber sie wird noch selten genug gestellt. Depressionen sind die Volkskrankheit Nummer Eins, persönliche Beziehungen haben eine immer kürzere Halbwertszeit, Werbung und Massenmedien suggerieren die unendliche Verfügbarkeit von Liebe und Sex. Das Internet mit seinen Angeboten von Partnersuche bis zur Pornografie hat für einen neuen Beschleunigungsschub gesorgt. Was heute an öffentlich ausgestellter Erotik üblich ist, wäre vor einem halben Jahrhundert ein Skandal gewesen.

Der freiberufliche Autor und Journalist Sven Hillenkamp hat sich des Themas angenommen und ein dickes Buch darüber geschrieben, es handelt sich nicht um eine Studie, sondern um ein Pamphlet. Hillenkamp nennt seine Vorrede „Die große Übertreibung“, er will durch Überzeichnung die skizzierten Probleme noch deutlicher herausarbeiten. Das ist in Ordnung und nicht das Problem des Buches, das einige treffende Beobachtungen und gescheite Gedanken enthält. Allerdings trägt die Substanz nicht über 300 Seiten – das Buch ist außerordentlich geschwätzig und ähnelt manchmal eher einer Predigt als einer kulturkritischen Streitschrift.

Die Grundthese lautet: Die Liebe stirbt, die unendliche Freiheit der Partnerwahl reißt sie mit in den Tod. Die Freiheit in westlichen Gesellschaften von traditionellen, seit 1968 als ‚bürgerlich‘ diskreditierten Normen (zu diesem zeitgeschichtlichen Hintergrund fehlen leider Hinweise, wie zu allen anderen sozialgeschichtlichen Hintergründen auch) ist so groß geworden, dass sich niemand mehr für einen anderen Menschen entscheiden kann, ohne den Verlust anderer möglicher Beziehungen gleich mitzudenken. Und da die mediale Umwelt die unendliche Verfügbarkeit von – vor allem – Sexualpartnern suggeriert, kommt es nur noch zu immer kurzfristiger werdenden ‚Beziehungen‘ ohne echte Tiefe. Die ist nach einem häufigen Partnerwechsel ohnehin nicht mehr möglich, denn je mehr ‚Erfahrungen‘ man gesammelt hat, desto schwieriger wird die Begrenzung auf den einen, möglicherweise lebenslänglichen Partner. Hillenkamps Diagnose wird aber nicht so gestellt, sondern mit viel Pathos und Wiederholungen regelrecht inszeniert, in absurdesten Formulierungen wie: „Viele Menschen gehen nackt durch die Straßen.“ Wer das Substrat haben will, dem reicht eigentlich die Lektüre des ersten Kapitels, „Geschichten und Visionen“.

Um zu zeigen, dass Hillenkamp dennoch manchmal den Nagel auf den Kopf trifft, folgt nun eine Blütenlese. Mehr Zusammenhang gibt es auch im Buch nicht und weniger schiefe Metaphern sind Mangelware. Nicht zufällig sind, bis auf das letzte, alle Beispiele aus dem erwähnten ersten Kapitel: „Die Menschen, von denen in diesem Buch erzählt wird, haben viele Erinnerungen. Sie haben schon früh eine sexuelle und eine Liebesbiographie. Sie sind in jungen Jahren Greise.“ – „Auch Menschen, die ihren Laptop nicht dabei haben, haben ihre Erinnerungen. Sie haben eine drahtlose Verbindung zu ihrem Gedächtnis.“ – „Die Menschen müssen sich überwinden, mit einem Anderen zusammenzubleiben, sich mit einem Anderen zu bescheiden, es mit einem Anderen auszuhalten. Aber sie wollen sich nicht mehr überwinden. Denn sie sind freie Menschen.“ – „Das Zwangssystem der Freiheit ist zwar allen Zwangssystemen der Unfreiheit vorzuziehen. Doch es taugt ebenfalls dazu, Menschen ins Unglück zu treiben.“

Zweifellos hat Hillenkamp recht, dass der weitgehende Wegfall verbindlicher Normen und Werte in der postmodernen Gesellschaft zu Orientierungslosigkeit geführt hat und dass die Probleme, auf die er abzielt, vielerorts zu beobachten sind. Bekannte Soziologen wie Ulrich Beck oder Zygmunt Bauman haben den gesellschaftlichen Wandel in vielen Büchern kritisch beschrieben, von ihnen ist bei Hillenkamp aber keine Rede. Auch sind seine Beispiele so gewählt, dass kein Verständnis für die Alltäglichkeit des Problems aufkommt. Eine Frau, die in 15 Jahren mit 120 Männern schläft, weil sie auf der Suche nach dem Richtigen ist, ist doch wohl die Ausnahme und nicht die Regel und schon gar nicht dazu angetan, daraus ein allgemein verbindliches „Gesetz“ der heutigen Gesellschaft, wie es Hillenkamp meint, konstruieren zu können.

Dass heute viele im „Wartesaal der Liebe“ sitzen, sich die Zeit mit Sex vertreiben und dass häufiger Partnerwechsel dazu führt, dass es wenig gibt, was man dann noch mit einem anderen Menschen exklusiv teilen kann, das hat schon Niklas Luhmann in seinem Buch „Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimität“ viel kürzer und trotzdem viel treffender beschrieben. Wer also etwas darüber erfahren will, wie es zu der heute zweifellos beklagenswerten Situation gekommen ist, der lese Luhmann oder das neue Buch von Manfred Prisching: „Das Selbst. Die Maske. Der Bluff. Über die Inszenierung der eigenen Person“ von 2009, in dem in verständlicher Sprache und dennoch mit gebotener Präzision der ganze gesellschaftliche Kontext aufgespannt wird, aus dem heraus die kritisierte Liebesunfähigkeit erklärbar wird. Diese beiden Bücher sind Hillenkamps an sich berechtigter, aber wenig fundierter und moralinsaurer Geschwätzigkeit eindeutig vorzuziehen. Bei ihm liegt, um eine seiner merkwürdigen Metaphern zu verwenden, das zeitdiagnostische Potential „vergraben unter dem Flussgeschiebe“ unendlich redundanter Formulierungen.

Titelbild

Sven Hillenkamp: Das Ende der Liebe. Gefühle im Zeitalter unendlicher Freiheit.
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2009.
312 Seiten, 22,90 EUR.
ISBN-13: 9783608946086

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