Der Zauber des Hedonismus

Über Leonard Cohens Lyrikband „Buch der Sehnsüchte“ und die Neuübersetzung seines Debütromans „Das Lieblingsspiel“

Von André SchwarzRSS-Newsfeed neuer Artikel von André Schwarz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Lange Zeit war es still geworden um den kanadischen Dichter und Sänger Leonard Cohen, ehe dieser im Jahr 2008 plötzlich ankündigte, nach 15 Jahren wieder auf Tour gehen zu wollen. Die Konzerte zeigten einen beinahe 75-Jährigen von einer erstaunlichen und bewundernswerten Energie und von einer Leidenschaft, die so gar nichts von den schwerfälligen, gekünstelten Jugendlichkeitsdarstellungen so manch anderer Musiker hatte. Unprätentiös, schnörkellos und dennoch gefühlvoll präsentierte er sich auf seiner Welttournee. Diese Kraft und diese feine Eleganz sind aber nicht nur dem Musiker, sondern auch dem Dichter Cohen zu eigen. Sein Gedichtband „Buch der Sehnsüchte“, 2006 als erste neue Veröffentlichung nach beinahe zwanzig Jahren erschienen, beschreibt ein Universum zwischen tiefer Ruhe und immer wieder durchbrechender Leidenschaft. Der Berliner Blumenbar Verlag brachte diesen Lyrikband – passend zur Tournee – im Jahr 2008 in einer schönen Übersetzung erstmals auf Deutsch heraus.

Viele der Gedichte, die während Cohens knapp fünfjährigem Aufenthalt im Zen-Kloster auf dem Mount Baldy entstanden, zeugen von dem Willen zur spirituellen Einkehr, von der Suche nach innerer Ruhe, jedoch ohne dabei in religiösen Kitsch abzurutschen – ganz im Gegenteil: „Es dauerte, bis ich endlich begriff / wie unbegabt ich bin / in spirituellen Dingen“ heißt es lakonisch in „Abschied von Mount Baldy“. Der Wunsch nach einer festen Ordnung wird immer wieder durchbrochen von den Sinnesfreuden. Die beiden unvereinbar scheinenden Welten der asketischen Klostergemeinschaft und der Versuchung sind sich so fern nicht, wie man glauben mag. Eigentlich sei sein spiritueller Meister Roshi eher eine Art Trinkkumpan, meinte Cohen einmal augenzwinkernd in einem Interview. Jener habe die Hoffnung längst aufgegeben, aus ihm einen jüdischen Zen-Mönch zu machen, und Cohen zitierte aus seinem Gedicht mit dem bezeichnenden Titel „When I drink“: „When I chow down with Roshi / and the Ballantine flows / the pine trees inch into my bosom / the great boring grey boulders / of Mt. Baldy“.

Sein Ruf als „Ladies’ Man“, mit dem er immer noch gerne und ausgiebig kokettiert, wird von ihm ironisch kommentiert: „Wegen ein paar Liedern, / in denen ich von ihrem Geheimnis sprach, / waren Frauen immer / außerordentlich nett zu mir, / bis in mein hohes Alter“ und weiter schreibt er: „Sie ziehen sich vor mir aus, / jede auf ihre Weise, / und sagen: /,Sieh mich an, Leonard, / sieh mich ein letztes Mal an. / Dann beugen sie sich übers Bett / und decken mich zu / wie ein Baby, das zittert.“

Doch das Geheimnis der Frauen treibt ihn dennoch immer wieder um, bisweilen zwar etwas angestrengt wie in dem auch auf dem Album „Ten New Songs“ (2001) enthaltenen „Tausend Küsse tief“, aber immer wieder in eher leisen und unaufgeregten Tönen, etwa in „Genug geliebt“ oder in den Gedichten, die seiner verstorbenen Mutter gewidmet sind. Die Liebe als Triebfeder, ein manchmal fröhlicher, manchmal melancholischer Hedonismus gegen die Widrigkeiten des Lebens, das sind die Hauptthemen, die Cohen in seinen Liedern wie in seinen Gedichten thematisiert. Als düsterer Selbstmordpoet wurde er oft von Leuten verkannt, die nie einen seiner Lyrikbände in der Hand gehabt haben. Es geht ihm nicht um die Düsternis der Melancholie, es geht ihm um die Liebe, die immer wieder neu entfacht wird: „Let’s sing another song, boys, / this one has grown old and bitter“, heißt es auf seinem 1971er Album „Songs Of Love And Hate“. Cohen trifft ebenso die ernsthaften Töne, fern von Liebe und Leidenschaft: „Ich bin zu alt / um mir die Namen / der neuen Killer zu merken. / […] Im Namen der alten / hohen Magie / lässt er Familien verbrennen / und Kinder verstümmeln. / […] Liebe Freunde / wir sind nur noch wenige, / zum Schweigen gebracht, / zitternd und bebend / verborgen im Blut“, heißt es in „Zu alt“. Das Gedicht „Puppen“ knüpft an frühere Thematisierungen der Shoah in seinem 1964 erschienenen Lyrikband „Flowers for Hitler“ an, von dem man hoffen darf, dass auch dieser bald wieder hierzulande aufgelegt wird – die einst bei Zweitausendeins erschienene Ausgabe ist seit über dreißig Jahren vergriffen.

Der Blumenbar Verlag hat neben dem „Buch der Sehnsüchte“ nun dankenswerterweise auch Cohens Debütroman „The Favourite Game“ (1963) in neuer Übersetzung von Gregor Hens ins Programm aufgenommen und somit einen Text wieder zugänglich gemacht (auch dieser war in der Zweitausendeins-Ausgabe aus dem Jahr 1974 enthalten), der zu den besten gehört, die Cohen je verfasst hat. Dem beinahe ein halbes Jahrhundert alten Buch merkt man seine Jahre kaum an, kein bisschen verstaubt wirkt diese autobiografisch gefärbte coming-of-age-Geschichte um Lawrence Breavman, dessen liebstes Spiel es zu sein scheint, flüchtige Beziehungen mit Frauen einzugehen, die ihm bereits nach kurzer Zeit nichts mehr bedeuten. Er ist ein Suchender – nach der Liebe und nach seinem Platz in der Welt. Der bis dahin in den Tag hineinlebende Sohn aus gutem Hause lernt erst nach und nach, die Gefühle anderer zu respektieren und mit ihnen umzugehen.

Daraus hätte man eine furchtbar kitschige Geschichte machen können, doch Cohen erzählt diese einigermaßen konventionelle Story mit einer respektablen Ernsthaftigkeit und ohne seine Figuren auszuliefern. Diese sind im Gegenteil überaus vielschichtig gezeichnet, glaubwürdig und über jegliche Trivialität erhaben – der Autor ist ein sehr genauer Beobachter der höheren Gesellschaftsschichten Montreals, aus denen er selbst stammt. Oft sind es die Nebensächlichkeiten, die kleinen Geschichten und Geschehnisse am Rande, die den Leser in den Bann ziehen, unterstützt von einem wohldosierten Drang zur Ironie, die sich aber nie in den Vordergrund spielt. Einen der zehn besten kanadischen Romane des 20. Jahrhunderts nannte der „Toronto Globe“ einst Cohens Debüt –Cohens Protagonisten, seine gekonnt gehandhabte Sprache und sein Gespür für Timing machen die Konventionalität der Geschichte auf jeden Fall mehr als wett.

Gregor Hens’ Übersetzung versetzt Cohens jugendlichen Helden sprachlich behutsam in die heutige Zeit, ohne allzu sehr in einen obskuren Jugendslang zu verfallen. Das ein oder andere Mal schießt Hens allerdings über das Ziel hinaus, in manchen Passagen wirkt seine Wahl etwas zu salopp. Hier fand Elisabeth Hannover-Drück, die für die erste Übersetzung ins Deutsche verantwortlich zeichnete, gelegentlich die passenderen Worte. Dennoch ist es zu einem nicht geringen Teil Hens’ Verdienst, dass Cohens Debüt auch heute seine Leser finden wird, wert ist es das Buch allemal. Man kann auch gespannt darauf sein, ob der Verlag den Mut hat, auch den ungleich sperrigeren Roman „Beautiful Losers“ neu übersetzt herauszubringen. Angekündigt war das Buch bereits einmal, man kann nur hoffen, dass diesem Versprechen auch Taten folgen werden.

Titelbild

Leonard Cohen: Buch der Sehnsüchte.
Übersetzt aus dem Englischen von Karl Bruckmaier, Ann Cotten, Wolfgang Farkas, Jens Friebe, Thomas Palzer, Sabine Reichel, Nicolai von Schweder-Schreiner, Carl Weissner, Wolf Wondratschek.
Blumenbar Verlag, München 2008.
236 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-13: 9783936738452

Weitere Informationen zum Buch

Titelbild

Leonard Cohen: Das Lieblingsspiel. Roman.
Übersetzt aus dem Englischen von Gregor Hens.
Blumenbar Verlag, München 2009.
318 Seiten, 19,90 EUR.
ISBN-13: 9783936738599

Weitere Informationen zum Buch





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