Wie arbeitet der Lyrikwart?

Gottfried Benn wird verbessert

Von Robert Gernhardt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Vielleicht sollte man doch noch einmal nach dem Handwerk fragen?" fragt Harald Hartung im prächtigen Sonderheft des "Merkur", das auf zwei Säulen ruht: "Lyrik. Über Lyrik". An die "ehrwürdigen Metaphern Verseschmied, Verseschmieden" erinnert er und daran, daß T. S. Eliot "The Waste Land", "Haupt- und Bravourstück der lyrischen Avantgarde", jemandem gewidmet hatte, der dem Poeten kürzend und präzisierend zur Hand gegangen war: "For Ezra Pound, il miglior fabbro".

Das spielt, wir erinnern uns, auf Dante an und bedeutet, übersetzen wir´s mal frei: "dem besten Handwerker", und es ist dieser Brückenschlag über gut siebenhundert Jahre, der mir Mut und Lust macht, ihn bis in die Gegenwart der Hartungschen Frage zu verlängern, allerdings ohne deren Einschränkung. Nicht vielleicht, natürlich muß mal wieder nach dem Handwerk des Dichters gefragt, ja es sollte regelrecht eingeklagt werden - schließlich sind Gedichte Menschenwerk, und da zählt nun mal nicht das gut Gemeinte, sondern das gut Gemachte. Wer aber befindet in Sachen Gedicht über gut, passabel und schlecht gearbeitet? Eine Lyrikhandwerkskammer gibt es nicht, also bleibt es selbsternannten Lyrikwarten überlassen, nicht nur die Wirkung eines Gedichts zu referieren, sondern es auch als Werkstück zu kritisieren, zumal dann, wenn der Dichter sein Gedicht nach erkennbaren Regeln gebaut hat, also auch Regelerfüllung und Regelverstoß gelobt werden können beziehungsweise gerügt werden müssen. Klingt alles ein wenig abgehoben und theoretisch? Dann folgen Sie mir bitte auf den Boden der Tatsachen und erleben Sie einen Lyrikwart bei der Arbeit. Gerade schaut er auf die Uhr, und da kommt auch schon der zu diesem Termin angesagte Dichter, Sie kennen ihn alle - herzlich willkommen, Dr. Benn!

Warum ich Sie zu mir gebeten habe? Nun, neulich las ich mal wieder Ihre späten Gedichte, vor allem jene, die Sie 1955 in Ihrem letzten Gedichtband "Aprèslude" versammelt haben - eine beeindruckende Ernte! Reimloses neben Gereimten, Zynisches - "dumm sein und Arbeit haben: Das ist das Glück" - neben überraschend Anrührendem wie "Menschen getroffen", ein reimloses Hohelied der Sanftmut und zugleich ein mutiges Gedicht, da das Preislied erfahrungsgemäß ungleich riskanter ist als der Schmähgesang.

Den Beweis dafür liefern Sie selber in einem anderen Gedicht dieser Sammlung, das sich "Kommt" - nennt und ebenfalls ganz schön mutig ist. Aber ist es auch schön?

Kommt, reden wir zusammen

Wer redet, ist nicht tot,

es züngeln doch die Flammen

schon sehr um unsere Not.

Der Anfang - ein Gedicht! Hell wie eine Fanfare, einprägsam wie ein Sprichwort - wunderbar! Demgegenüber bleiben die Flammen, die da um "unsere Not" züngeln, leider etwas dunkel: Einerseits sind es ja die Flammen selber, die normalerweise eine Notsituation heraufbeschwören, andererseits züngeln sie um die Not und könnten diese daher auch in Asche verwandeln, also beseitigen - was eigentlich ist gemeint? Aber lesen wir weiter:

Kommt, sagen wir: die Blauen,

kommt, sagen wir: das Rot,

wir hören, lauschen, schauen

wer redet, ist nicht tot.

Eine Strophe, die ich ebenfalls mit gemischten Gefühlen lese. Einerseits begrüße ich es, daß die suggestive Zeile "Wer redet, ist nicht tot" erneut auftaucht und so etwas wie ein Refrain zu werden verspricht. Lobenswert auch die Wiederholung des auffordernden "Kommt" - doch was sich zwischen Auftakt und Schlußzeile abspielt, kann nicht wirklich Ihr Ernst sein. Wie schon die erste Strophe ist auch diese kreuzweis gereimt, und es ist, fürchte ich, der Zwang, auf "tot" zu reimen, der jenen merkwürdigen Dialog in Gang setzt, der "die Blauen" gegen "das Rot" ausspielt: Wer so redet, mag zwar noch nicht ganz tot sein, etwas blöd ist er ohne Frage. Aber weiter im Text:

Allein in deiner Wüste,

in deinem Gobigraun -

du einsamst, keine Büste,

kein Zwiespruch, keine Fraun,

ich unterbreche, um dreierlei zu konstatieren: Der Refrain fehlt. Statt des lyrischen Wir tritt unvermittelt ein lyrisches Du auf den Plan. Wo eben noch Flammen gezüngelt haben, ist dieses Du nun von einer Landschaft umgeben, die sich durch den Mangel an Brennbarem auszeichnet, von Wüste. Aber weiter im Text:

und schon so nah den Klippen,

du kennst dein schwaches Boot -

kommt, öffnet doch die Lippen,

wer redet, ist nicht tot.

Refrain und "Kommt" sind wieder da - mehr kann ich der Schlußstrophe beim besten Willen nicht abgewinnen. Eben litt das Du noch einsamst in der Wüste, da sitzt es schon - gottlob ohne Büste - im schwachen Boot und hat mit Wassermassen zu kämpfen. Lebensgefahr - doch seltsamerweise wird nicht das Du zum Reden aufgefordert, sondern das reaktivierte Wir. Sitzt dies, soeben noch von Flammen bedroht, etwa ebenfalls im Kahn?

Tja, Herr Benn - hier muß der Lyrikwart zu radikalen Eingriffen raten, um den rettenswerten Kern von den krausen Wucherungen zu befreien. Das bedeutet im Klartext: Beibehaltung des Kreuzreims, des Refrains, des "Kommt". Verzicht auf Feuer- und Wüstenmetaphorik und Beschränkung auf ein Bild, das Wasser. Streichung der dritten Strophe inklusive des einsamsten Herrn, der sich dort nach "Büste" sehnt - offenbar der eigenen -, nach "Zwiesprache" - offenbar weil "Zwiegespräch" nicht ins Metrum gepaßt hätte - und nach Fraun - offenbar ein Scheich.

Wie das Ergebnis der Operation aussehen könnte? Hier der Vorschlag Ihres Lyrikwarts:

Kommt, reden wir zusammen

Wer redet, ist nicht tot.

Kommt, laßt uns den verdammen,

der uns mit Schweigen droht.

Kommt zu dem Fluß der Rede.

Das Wort sei unser Boot.

Als Sprache dien´ uns jede:

Wer redet, ist nicht tot.

Kommt! Schon so nah den Klippen

des Schweigens tut eins not:

Das Öffnen eurer Lippen.

Wer redet, ist nicht tot.

Sie schweigen, Herr Benn? Kommt, reden wir zusammen! Oder möchten Sie meinen Vorschlag noch einmal überschlafen?

Titelbild

Gottfried Benn: Gedichte. In der Fassung der Erstdrucke. Mit einer Einführung hrsg. von Bruno Hillebrand.
Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a. M. 1996.
688 Seiten, 15,30 EUR.
ISBN-10: 3596252318

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