Starke Ideologiekritik

Kay Sokolowsky zeichnet nach, wer wie am „Feindbild Moslem“ pinselt

Von Markus JochRSS-Newsfeed neuer Artikel von Markus Joch

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Die Gefährlichkeit und die Macht des Antiislamismus besteht genau darin, dass seine Anhänger nicht nur lügen und halluzinieren. Es gibt Zwangsehen, Frauenverachtung, Schwulenhaß, ‚Ehrenmorde‘, es sind unter den Muslimen Verfassungsfeinde, Konspirateure, Antidemokraten und schrecklich viele Antisemiten. Die Lügen und Halluzinationen, die aus der berechtigten Furcht vor den Islamisten eine Ideologie machen, setzen ein, wenn ,die’ Muslime pauschal diffamiert werden.“

Kay Sokolowsky hält es nur mit dem Common Sense, wenn er in seinem neuen Buch eine klare Trennlinie zieht zwischen notwendiger Islamkritik, die inhumane und voraufklärerische Züge ächtet, und einem inakzeptablen Generalverdacht gegenüber den mehr als drei Millionen Muslimen in Deutschland. Und doch bewegt sich der Hamburger Kulturjournalist in vermintem Gelände. Denn die genannten Realanteile der Ideologie begünstigen nicht nur die flächendeckende Diffamierung von Zuwanderern. Sie sorgen auch dafür, dass, wer auf Differenzierungen besteht, sich schnell als allzu verständnisseliger Gutmensch oder gar Verharmloser des Islamismus beargwöhnt sieht. Gegenwind nicht nur aus dem rechtsextremen und bürgerlichen, sondern womöglich auch aus dem islamkritischen Teil des linken Lagers in Kauf genommen zu haben, spricht für den linken Autor.

Nun verbürgt Courage allein noch keine Qualität. Folgt man „Feindbild Moslem“, handelt es sich beim Islamhass um einen kulturalistisch gewandeten Rassismus, der die bundesrepublikanische Gesellschaft vergiftet, weil er seit 9/11 so prominente wie bedenkenlose Wortführer gefunden hat. Die Gretchenfrage lautet also, ob es Sokolowsky gelingt, seinen alarmierenden Befund zu plausibilisieren, ohne den Islamismus weichzuzeichnen.

Es gelingt weitestgehend furios, schon weil Teil eins und zwei ineinander greifen. Der eine analysiert Motive, Muster und mediale Entwicklung des anti-islamischen Diskurses, der andere, ein Block mit Interviews, gibt Stimmen Raum, die im Diskurs fehlen, führt dessen Verzerrungen damit praktisch vor. Lale Akgün etwa, eine türkischstämmige Bundestagsabgeordnete, würdigt im Gespräch die viel gescholtenen Multikulti-Anhänger: „Sie haben die fehlende Integrations- und Zuwanderungspolitik durch ihre Charity und durch ihre pädagogische Arbeit ersetzt.“ Wann las man solch einen Satz zuletzt im überregionalen Feuilleton? Und kam dort je, so wie hier, eine deutsche Politologin zu Wort, die Migranten bei Gängen zu den Ämtern begleitet? Ihr Fazit: Sobald in den Unterlagen „ein muslimischer Name steht, ist der Umgangston eine Katastrophe“. Schulabschlüsse und Qualifikationen einer Muslima sind „nicht in Ordnung oder bringen angeblich nichts. Die ihr zustehenden Rechte werden ihr konsequent verweigert. Keine Informationen, keine Beratung für den Arbeitsmarkt.“ Die Auskünfte aus der Nahsicht bestätigten die OSZE-Studie vom Oktober, der zufolge hochqualifizierte Migrantenkinder auf dem deutschen Arbeitsmarkt deutlich schlechtere Karten haben als die Konkurrenz. So viel zum Hirngespinst von Thilo Sarrazin und anderen, das Problem liege bei den Muslimen, denen es mehrheitlich an Integrationsbereitschaft, Ehrgeiz und Begabung (!) mangele.

Wichtiger freilich ist, dass Sokolowsky mit seiner noch vor den „Lettre“-Ausfällen erschienenen, insofern prophetischen Streitschrift im Vorhinein erklärt hat, wie Sarrazin eine Zustimmungsrate von 51 Prozent einfahren konnte.

Zur Normalitätsallergie der Medien, die von Fundamentalisten und Ehrenmördern viel lieber berichten „als von einem türkischen Bäcker, der seine Tochter aufs Gymnasium schickt und sich abends einen Raki genehmigt“, kommt die unrühmliche Rolle weiland linksliberaler Stimmen. Zum Beispiel des „Spiegel“, der in der Verfallsära Aust mit einer Serie tendenziöser bis hanebüchener Titelstories („Mekka Deutschland“) Stimmung und Kasse machte. Von Henryk M. Broder und leider auch Ralph Giordano, die sich in Sachen angeblicher Islamisierung der Bundesrepublik zu so diskussions- wie recherchescheuen Poltergeistern entwickelt haben. Es sind vor allem diese drei Größen, denen Sokolowsky etliche Übertreibungen, Verzeichnungen im sensiblen Detail, auch glatte Falschangaben nachweist – oft so polemisch wie die Attackierten, doch in einer Präzision, von der sie zu lernen hätten. (Ein Beispiel: der Umgang mit dem Karikaturenstreit; die betreffenden Seiten empfehlen sich als Kostprobe.)

Verheerend wirkt der kulturkämpferische Ton dieser drei, da sie, wie ihr Kritiker anerkennt, von hohen Verdiensten zehren. „Der Spiegel“ war einmal ein unentbehrliches Korrektiv der Staatsmacht, Broder nannte in den Achtzigern als erster linken Antisemitismus beim Namen, Giordano legte die braunen Wurzeln der deutschen Nachkriegsgesellschaft offen. Das so gewonnene Prestige ist auf die neuere, islamophobe Position übergegangen, hat deren Ausbreitung auch in der politischen Mitte befördert. Nur dass es mit der ,Mitte‘ so eine Sache ist: Die Rhetorik der Ex-Liberalen überschneidet sich mit der des rechtsextremen Internet-Forums „Politically Incorrect“ mittlerweile beträchtlich. Immer wenn Sokolowsky diese Überlappungen herausstellt, ist er einem Halbbruder im Geiste einen Schritt voraus. Auch Jörg Lau von der „Zeit“ pflegt sich, besonnen und honorig, der Muslimhatz entgegenzustemmen, doch könnte er, deutlicher als bislang, Ross und Reiter nennen.

Obwohl mitten drin im Getümmel, fixiert sich Sokolowsky nicht auf die Kräfteverschiebung im journalistischen Feld, sieht auch den Zusammenhang mit ökonomischen Veränderungen, die hysterisierenden Autoren entgegenkommen. Der Triumphzug des Neoliberalismus hat allenthalben zu einer sozialen Verunsicherung geführt, die für die Sündenbocksuche empfänglich macht. Wer sich ökonomisch ohnmächtig wähnt, aber politisch nicht wehren mag, kühlt sein Mütchen an Minderheiten: „Wenn die Zahl der Angsthaber steigt, haben die Angstmacher Konjunktur.“ Das ist nicht neu, aber wahr, auch wenn man sich stärkere soziale Abstufungen der Angstkategorie gewünscht hätte. Das zitierte Giordano-Wort von der „Unterschichten-Invasion“ zeigt zur Genüge, woher der Wind weht: Der muslimische Hartz-IV-Empfänger wird ungleich misstrauischer beäugt als der muslimische Arzt. Fremde sind um so fremder, je ärmer sie sind.

Etwas problematisch mutet Sokolowskys Umgang mit dem Terminus Islamfaschismus an. Wenn überhaupt, erwähnt er nur seinen fremdenfeindlichen Gebrauch. Das heißt zumindest zu insinuieren, es sei per se ein Propagandabegriff. Möglich ist aber auch eine reflektierte Verwendung, wie sie 2008 Russell A. Berman vorgeschlagen hat. Der US-Kulturwissenschaftler erklärt das Kompositum für legitim, da wir auch mit Wortbindungen wie hinduistischer Konservativismus oder christlicher Sozialismus arbeiteten. Sie bedeuteten nicht, alle Muslime seien Faschisten, alle Hindus konservativ, alle Christen Sozialisten und so weiter, sondern dass innerhalb religiös-kultureller Traditionen eine bestimmte politische Tendenz neben anderen existiert.

Der islamische Raum kennt neben einer liberalen und konservativen Tradition eine des exterminatorischen Antisemitismus, verkörpert etwa von Amin el-Husseini, dem ersten Palästinenserführer und SS-Kollaborateur, der überdies ,unislamische‘ – sprich tolerante – Landsleute einschüchtern und liquidieren ließ. Figuren wie er und seine Verehrer dürften den Titel Islamfaschisten doch wohl verdienen. Allerdings hat Sokolowsky – der letzte, den man über den Mufti belehren müsste – einen nachvollziehbaren, strategischen Grund, die Rede vom Islamfaschismus zu vermeiden. Hierzulande markiert sie nicht die Binnendifferenzen eines Kulturraums, sie dient dazu, ihn im Ganzen zu denunzieren und damit die Migranten gleich mit. So gehandhabt wird sie zum Teil des Problems.

Das Kleinreden interner Differenzen, betont der Analytiker, zählt zur Grundausstattung des anti-islamischen Diskurses. Er bagatellisiert den Unterschied zwischen Islam und Islamismus, wäre man sonst doch gezwungen, „die Ideologie der Islamisten nicht als zwangsläufige Folge der Koranlektüre, sondern als politischen Extremismus mit religiöser Verbrämung zu betrachten“. Er vernebelt „die Unterschiede zwischen den wenigen, die von einem Gottesstaat träumen, und den vielen, die Allah einen guten Mann sein lassen“ – als ob Muslimen der Glaube an den Allmächtigen in den Genen liege. Er phantasiert von der Islamisierung der Bundesrepublik, statt in Zuwanderung die Chance zur Europäisierung, mithin Säkularisierung von Muslimen zu erkennen. Indem er ,die islamische Kultur’ homogenisiert und ihre Veränderlichkeit bestreitet, codiert er den Fremdenhass um, macht ihn salonfähig. Von einer unverbesserlichen Kultur zu sprechen ermöglicht es, die Unvereinbarkeit des Deutschen und des Fremden glauben zu machen, ohne dass man verpönte Wörter wie ,Rasse‘ und ,Kümmeltürke‘ im Munde führen müsste. Sie sind entbehrlich geworden.

Das klingt nach gehobener Gemeinschaftskunde-Stunde, doch nur in der Zusammenfassung. Denn Sokolowsky begnügt sich nicht damit, Pauschalisierung und Essentialismus zu beanstanden, er benennt ihre absehbaren Folgen. „Ständig zu betonen, die kulturelle Differenz sei unüberbrückbar, wird schwerlich helfen, sie zu überwinden.“ Mehr noch, die aggressive Ablehnung von Muslimen fördert genau das, was sie beklagt, die Selbstabschottung der Minderheit und/oder ihr Abdriften in den Fundamentalismus (dem – muss man’s erwähnen? – durch nichts zu entschuldigenden). Es geht einfach um den Effekt einer self-fulfilling prophecy. Die Entwürdigung der Zuwanderer spielt den Hasspredigern in die Hände, das Geschwätz von der Islamisierung ist Musik in ihren Ohren.

Seinem Kontrahenten Matthias Küntzel, wie allen, die den Vergleich von Antisemitismus und -islamismus verdammen, hält Sokolowsky einleuchtend entgegen, dass auch letzterer der Wahnvorstellung von der Unterwanderung der Gesellschaft anhängt, auch er nachweislich mörderische Konsequenzen zeitigen kann. Brandanschläge auf Moscheen sprechen eine deutliche Sprache. Bestimmte Gemeinsamkeiten festzustellen heißt noch nicht, Juden- und Muslimhass auf eine Stufe zu stellen. Legitim ist ihr Vergleich, solange man die entscheidende Differenz im Auge behält: Der eine ist ein reines Wahngebilde, der andere eben nur zum Teil.

Was sollte uns hindern, das Verhältnis von antisemitischem und -islamischem Affekt wie Sokolowsky als Mischung von Unterschieden und Gemeinsamkeiten zu beschreiben? „Feindbild Moslem“, in „Konkret“ (10/2009) kontrovers aber sachlich diskutiert, vom „Spiegel“ beredt beschwiegen, ist der Test für die Gesprächsfähigkeit deutscher Linker und Liberaler, stilistisch über weite Strecken unschlagbar, die Quersumme aus Karl Kraus und Theodor W. Adorno auf der Höhe unserer Jahre.

Titelbild

Kay Sokolowsky: Feindbild Moslem.
Rotbuch Verlag, Berlin 2009.
255 Seiten, 16,90 EUR.
ISBN-13: 9783867890830

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