Zurück zur „Mutter aller Dinge“!

Hans-Joachim Friedrich führt uns mit „Der Ungrund der Freiheit im Denken von Böhme, Schelling und Heidegger“ in tiefste Tiefen

Von Franz SiepeRSS-Newsfeed neuer Artikel von Franz Siepe

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Reihe „Schellingiana“ des Verlags Frommann-Holzboog hat sich das lobenswerte Ziel gesetzt, die Kenntnis der Schelling’schen Philosophie und deren Erforschung zu fördern. Als Band 24 dieser Reihe erscheint nun das vorliegende Buch, verfasst von Hans-Joachim Friedrich, der auch als Herausgeber zweier Bände der Martin-Heidegger-Gesamtausgabe (bei Vittorio Klostermann) fungiert.

Ein überaus bemerkenswertes Werk: Es hebt recht still mit einem gediegenen Thema von klassizistischer Strenge an („Gehört die Freiheitsabhandlung Schellings zum deutschen Idealismus?“), gibt sich im Mittelteil profunden Spekulationen und philosophiegeschichtlichen Textinterpretationen über das Sein, das Nichts, den Ungrund/Urgrund/Abgrund des Vor-aller-Zeit-und-Existenz-Seins sowie über die wahre, undogmatisch verstandene Freiheit hin, um am Ende ein vitalistisch-anarchistisches Furioso zu intonieren: Hegel als Postulator des im Staat zu sich selbst gekommenen vernünftigen Weltgeistes sei „für die Katastrophen des 20. Jahrhunderts mit verantwortlich zu machen“. Dahingegen verspreche „die Flucht vor allem Wirklichen und allem Wirklich-Gewordenen“, also das Sich-hinein-Wagen in den „tiefsten, allertiefsten Grund […] zu den Müttern“ à la Goethe im „Faust II“ diejenige Freiheit, die wir wirklich meinen und wahrhaftig wollen sollten. Um es mit dem Autor auf eine griffige Formel zu bringen: „Die Mütter schenken Leben. Und der Leviathan frißt es auf.“

Freilich sind das keine ganz neuen Töne; doch umgeht Friedrich die seit Bachofen glimmende und immer wieder auflodernde Debatte ums „Mutterrecht“ mit frappierender Souveränität. Lediglich in einer Fußnote wird Bachofen genannt, und zwar in einem Zitat aus Hans-Georg Gadamers „Wahrheit und Methode“, wo es im Hinblick auf die romantizistische Kritik am positivistischen Erkenntnisideal des 19. Jahrhunderts heißt: „Man denke etwa an das Problem der antiken Mythologie, das im Geiste Schellings von Walter F. Otto, Karl Kerényi u. a. erneuert wurde. Selbst ein so abstruser, der Monomanie seiner Intuitionen verfallener Forscher wie J. J. Bachofen, dessen Ideen modernen Ersatzreligionen Vorschub leisteten (über Alfred Schuler und Ludwig Klages haben sie z. B. auf Stefan George eingewirkt), fand nun [um 1920] erneute wissenschaftliche Beachtung.“ Ebenfalls keine Erwähnung findet bei Friedrich die für die Jahre unmittelbar vor der Etablierung der braunen Ideologie so aufschlussreiche Kontroverse zwischen Alfred Baeumler und Thomas Mann, der in seiner „Pariser Rechenschaft“ von 1926 für „die Humanität von morgen“ und gegen das „große Zurück in den mystisch-historisch-romantischen Mutterschoß“ votierte.

Wohl aber wehrt sich Friedrich energisch gegen das Etikett „Ersatzreligion“, indem er – unter Berufung auf Schelling selbst – auf seiten Gadamers und anderer Parteigänger des Vater-Geistes eine tiefsitzende, in maskulinem Hochmut gründende Aversion gegen den Mutter-Ungrund wähnt: „Am Ende ist es doch nur die Demuth der Materie, die ihnen so anstößig ist. […] Ich zweifle nach vielen Gründen nicht, daß in der organischen Natur das weibliche Geschlecht vor dem männlichen da ist“.

Die „Materie“ ist in „platonisch-gnostischer Tradition“, in welche Friedrich den „deutschen Vorsokratiker“ Jakob Böhme wie auch seinen Schelling ansiedelt, die „unsichtbare Mutter aller Dinge“, der dunkle „Schoß alles Werdenden“. Man mag derartige Gedanken schwärmerisch finden. Allerdings urteilte selbst der von Friedrich gar nicht geschätzte Hegel in den „Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie“ über das mystische Opus Jakob Böhmes, auf das die Rede vom Ungrund/Urgrund/Abgrund Gottes und des Seins zurückgeht: „Ihn als Schwärmer zu qualifizieren, heißt weiter nichts. Denn wenn man will, kann man jeden Philosophen so qualifizieren, selbst den Epikur und Bacon; denn sie selbst haben dafür gehalten, daß der Mensch noch in etwas anderem seine Wahrheit habe als im Essen und Trinken und in dem verständigen täglichen Leben des Holzhackens, Schneiderns, Handelns oder sonstiger Stands- und Amtsgeschäfte.“

Nun ist aber dem Heidegger-Fachmann Friedrich im Kern an einer kritischen Revision der Schelling-Lektüre des Autors von „Sein und Zeit“ gelegen; genauer an der Beantwortung der Frage, ob dieser Schellings „Philosophische Untersuchungen über das Wesen der menschlichen Freiheit“ und dessen Diktum „Wollen ist Urseyn“ richtig verstanden hat. Überzeugend legt Friedrich dar, dass dies nicht der Fall ist; denn nicht im Wollen (Gottes), sondern in der ursprünglichen Unterscheidung von Grund und Existenz (Gottes) liegt laut Schelling der Anfang aller Anfänge beschlossen; und damit auch der tiefste, uranfängliche Grund der Freiheit des Menschen, das Gute oder das Böse wollen zu können: „Gott hat in sich einen innern Grund seiner Existenz, der […] ihm als Existierendem vorangeht“.

Dieses kosmologische Theologem, wonach Gott als der Ursache und dem Grund allen Seins und Daseins wiederum der Grund seiner eigenen Existenz „vorangeht“, ist das Skandalon, das Schelling schon bei seinen Zeitgenossen, insbesondere bei Friedrich Heinrich Jacobi, in Verruf und Atheismusverdacht brachte.

Zu allem Überfluss hatte Schelling mit einiger spekulativer Konsequenz die traditionelle theologisch-metaphysische „Goldene Kette Homers“, die alles Niedere aus dem Höheren emanieren ließ, quasinaturalistisch umgedreht und selbst das Höchste, den lebendigen Schöpfergott, dem Prinzip des Werdens unterstellt. Arthur O. Lovejoy hebt in seinem hierzu grundlegenden Buch „Die große Kette der Wesen“ die Bedeutung der Schelling’schen Freiheitsabhandlung für das moderne Denken hervor: „So hat sich hier zuletzt die Platonische Auffassung des Universums in ihr Gegenteil verkehrt. Nicht nur ist die einstmals abgeschlossene und unwandelbare Kette des Seins in eine Kette des Werdens verwandelt worden, in der alle wahrhaft möglichen Dinge zwar nach wie vor als eine nach oben strebende Stufenfolge verwirklicht werden sollen, aber nur als eine unermeßlich lange und langsame Entfaltung in der Zeit […]. Der Prozeß der Welterschaffung beginnt nicht mehr am höchsten Punkt, sondern ganz unten, bei jenen ultime potenze (wie Dante sie nennt), die nach früherer Ansicht die äußerste Grenze der unendlichen Schöpferkraft markiert hatten.“

Dass die kirchenamtliche Lehre noch in unseren Tagen ein Tabu über die Frage verhängt, welcher „Urgrund“ war, bevor Gott die Welt aus dem Nichts schuf, belegt Hans-Joachim Friedrich anhand einer Äußerung Papst Johannes Pauls II. anlässlich einer vatikanischen Konferenz über Kosmologie im Jahr 1981, die besagt, es „spreche nichts dagegen, daß wir uns mit der Entwicklung des Universums nach dem Urknall beschäftigen, wir sollten aber nicht den Versuch unternehmen, den Urknall selbst zu erforschen, denn er sei der Augenblick der Schöpfung und damit das Werk Gottes.“

Angesichts der porösen Logik dieses päpstlichen Verdikts sieht sich Friedrich verständlicherweise zu der Frage gedrängt, warum denn eigentlich „dieser Augenblick nicht erforscht werden soll: deshalb, weil er ‚das Werk Gottes‘ ist, oder nicht vielmehr deshalb, weil er als ‚Augenblick der Schöpfung‘ einen Zustand voraussetzt, in dem das Universum und mit ihm sein eigentlicher ‚Grund‘ noch nicht waren?“ Friedrich wirft ein: „Solange solche Fragen nicht einmal gestellt werden dürfen, bleibt der Schöpfungsbegriff absurd und widersinnig.“

Es ist das Verdienst Friedrichs, die philosophiegeschichtliche Bedeutsamkeit der Frage nach dem Sein vor allem Sein und vor aller Zeit im Zusammenhang mit der Frage nach der menschlichen Freiheit erneut ins Bewusstsein zu rücken. In erster Linie sollen wohl Leser angesprochen werden, die mit den Schriften Böhmes, Schellings und Heideggers nicht ganz unvertraut sind und daher im Dickicht der zuweilen mystisch-esoterisch durchtränkten Begrifflichkeit ihren Weg finden.

Unbestreitbar ist Friedrichs Abhandlung, aufgefasst als fundierter problemgeschichtlicher Beitrag zu einer Metaphorologie der „Tiefe“, von hohem Wert. „Vom Abgrund nemlich haben wir angefangen“, lesen wir bei Hölderlin – und verstehen das nun vielleicht etwas besser, gewissermaßen tiefer als zuvor.

Titelbild

Hans-Joachim Friedrich: Der Ungrund der Freiheit im Denken von Böhme, Schelling und Heidegger.
Frommann-Holzboog Verlag, Stuttgart 2009.
270 Seiten, 82,00 EUR.
ISBN-13: 9783772824968

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