Das große Abrichten

Ein Klassiker des Kadettenromans und der ungarischen Literatur wird wiederentdeckt: Géza Ottliks „Die Schule an der Grenze“

Von Oliver PfohlmannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Oliver Pfohlmann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Was ihn als Kind bewog, Zögling einer Militärschule zu werden, vergaß Robert Musil nie: „Ich wollte hin, weil ich lange Hosen tragen wollte“, heißt es lapidar in seinen späten Tagebüchern. Ein unter behütet aufwachsenden Knaben dieser Epoche offenbar verbreiteter Wunsch. Auch Medve in Géza Ottliks endlich wiederentdecktem, häufig mit Musils „Törless“ verglichenem Kadettenroman erhofft sich bei seiner Ankunft in der „Schule an der Grenze“ vor allem eins – endlich lange Beinkleider.

Der ungarische Autor Ottlik, der selbst die Militärschule in Köszeg nahe der österreichischen Grenze absolvierte, lässt Medve und sechs weitere Zehnjährige aus wohlhabenden Budapester Familien im Herbst 1923 in eine namenlose Militär-Unterrealschule eintreten. Die Köpfe kahl geschoren, in schwarze Waffenröcke gesteckt und noch die ahnungslosen Ratschläge der Eltern im Ohr, senkt sich schon am Tag ihrer Ankunft „undurchdringlicher Nebel“ über sie, wie Benedek Bóth, Ottliks Ich-Erzähler, mehr als drei Jahrzehnte später schreibt.

Die Donaumonarchie ist längst Geschichte, aber so wie im Speisesaal noch immer ein lebensgroßes Jugendporträt des Kaisers hängt, so gelten in der Militärschule auch die ‚bewährten‘ Erziehungsmethoden weiter. Das genretypische Räderwerk aus Demütigung und Drill, Überwachung und Strafe, in dem sich die neuen Zöglinge übergangslos wiederfinden, wird von Ottlik eindrucksvoll in Gang gesetzt. Mit seiner präzisen Schilderung des Militärschulalltags erinnert der 1959 erschienene Roman streckenweise mehr an die autobiografischen „Kadettenjahre“ des Soziologen Leopold von Wiese als an bekannte Schulromane wie Hermann Hesses „Unterm Rad“ oder Hermann Ungars „Die Klasse“. Das reicht von der Beschreibung kollektiver Bestrafungsaktionen oder ritualhaft vollzogener Duelle bis hin zur bizarren Sklavensprache, mit der sich die Zöglinge untereinander verständigen, einem Argot aus obszönen Flüchen und vieldeutigen Kehlkopf- und Lippenlauten.

Mit einem „Elema“, „Hmp“ oder „Ühum“ lässt es sich eben sogar dann kommunizieren, wenn man beim Exerzieren oder Marschieren den Blicken der beiden Unteroffiziere, Bognár und Schulze, ausgesetzt ist. Diese sind für das „große Abrichten“, die „Vergatterung“ der Eleven zuständig („Im Grunde genommen kannten wir nur zwei Arten von Tagen: den Schulzetag und den Bognártag“). Mit ihren mehr gebellten als gesprochenen Befehlen („Htz!“, „Herstellt!“) versetzen sie die Zöglinge in einen Dauerzustand aus Angst und Alarmbereitschaft, nebenbei leben sie ihre soziopathischen Neigungen aus. „Die Vorschriften waren darauf abgestellt, dass keiner je ganz unschuldig sein konnte“, heißt es einmal kafkaesk.

Ist einer zu langsam wie der ewige Träumer Medve, muss das ganze Bataillon seinetwegen Extra-Schindereien erleiden – ein effizientes gruppenpsychologisches Mittel, die Zöglinge sich gegenseitig disziplinieren zu lassen. „Schon wieder dieses Arschloch von Medve“, denkt Ottliks Ich-Erzähler schon bald nach ihrer Ankunft, kurz darauf verpasst er dem Kameraden den ersten Tritt. „Mit unseren großzügig verteilten, ungemein nuancierten Tritten konnten wir vieles mitteilen. Ihre Botschaften in Worte zu fassen, ist allerdings schier unmöglich.“

Schlimmer noch als das Unteroffiziergespann, vor dessen Nahen die Zöglinge einander mit einem sich lauffeuerartig verbreitenden „Zick-zick-zick“ warnen, ist die Terrorherrschaft einiger älterer Zöglinge. Die Merényi-Clique plündert, mobbt und bestraft ihre Kameraden nach Belieben; wer ihre Taten anzeigt, wird zum Ausgestoßenen oder wie der Zögling Öttevényi als Nestbeschmutzer von der Schule verwiesen. Überhaupt ist die Hackordnung unter den Schülern nur an der Spitze (Merényi) und an der Basis (die Neuen) stabil, dazwischen herrscht permanent Unsicherheit und Angst.

Manche lernen die Gesetze dieser Welt schneller als andere. Ottliks Ich-Erzähler muss zwar so manches einstecken, gehört aber eher zu den Cleveren. Mehr als drei Jahrzehnte später vermacht ihm sein alter Freund Medve posthum seine Erinnerungen an die gemeinsame Schulzeit mit dem vieldeutigen Hinweis, er könne damit machen, was er wolle. Benedek Bóth, den 1957 im Lukács-Bad gemeinsam mit einem weiteren ehemaligen Zögling, die Frage beschäftigt, wie sie so geworden seien, wie sie sind, nimmt Medve beim Wort. Und korrigiert und ergänzt, man könnte auch sagen verfälscht, immer hemmungsloser Medves Erinnerungen, überschreibt mit seinem kühlen Zynismus die etwas schwülstigen Selbststilisierungen Medves.

Ottliks Roman, allen Grundsätzen des sozialistischen Realismus abhold, hat deshalb zwei Erzähler, die verschiedener nicht sein könnten: den sensiblen Medve, der von einer vollkommenen Verständigung mit seinen Mitmenschen träumt. Und den etwas besserwisserischen, kalt beobachtenden Bóth, der sich geschickt an seine Umgebung anzupassen versteht und die „alles verstehende, alles verzeihende Weisheit“ feiert, die ihn die Schulzeit gelehrt habe.

Die konfliktträchtige doppelte Erzählperspektive, die noch dadurch verkompliziert wird, dass der ältere Bóth mehr und mehr hinter seinem jungen, erlebenden Ich zurücktritt, hat Folgen vor allem für die Handlung. Nur vage chronologisch, ähnelt ihr Gang dem einer Wendeltreppe, mit Vorausdeutungen, Rückblicken und Richtigstellungen, bedeutsame Szenen werden mehrfach aus verschiedenen Perspektiven erzählt. Aufregender als der manchmal etwas langatmige Plot ist die innere Entwicklung der beiden Protagonisten/Erzähler: Während sich Medve nach einem gescheiterten Fluchtversuch zum furchtlosen Rebellen mausert, wird aus Bóth ein klassischer Mitläufer.

„Ganz am Anfang war es noch peinlich, in den Sachen eines fremden, nicht anwesenden Menschen herumzuwühlen. Andererseits aber war es mir sehr wichtig, von Merényi mitgenommen zu werden. Und hatte man sich einmal über dieses Unbehagen hinweggesetzt, kam es kaum mehr wieder. Man sah ein, dass Merényi und seine Freunde recht hatten, genauer gesagt: dass wir recht hatten.“ Bezeichnend, dass Bóth, als das Terrorsystem der Merényi-Clique von einem Tag auf den anderen zusammenbricht, statt Erleichterung nur Angst verspürt, er könnte nun ebenfalls von der Schule fliegen.

„Die Schule an der Grenze“ nur wenige Jahre nach dem Volksaufstand erschienen, ist ein Roman über die Abgründe in Freundschaften ebenso wie über Freiheit: „Freiheit war für uns keine hochtönende, abstrakte Idee, sondern der ursprüngliche Sinngehalt des Wortes: eigene Entscheidung unter vielfältigen Möglichkeiten, Abnehmen der Sklaverei, des Zwanges und der Verbote.“ Kein Wunder daher, dass der Roman des 1990 verstorbenen Autors in Zeiten der Diktatur zum Kultbuch avancierte; heute beruft sich eine ganze Generation ungarischer Autoren auf ihn: Neben Péter Esterházy, der ein kluges Nachwort zur Neuausgabe in der Anderen Bibliothek beisteuerte, auch Peter Nádas und Miklós Mészöly. Bóths Affirmation seiner Abrichtung weist freilich ebenso auf Imre Kertész’ „Roman eines Schicksallosen“ voraus.

Titelbild

Géza Ottlik: Die Schule an der Grenze. Roman.
Übersetzt aus dem Ungarischen von Charlotte Ujlaky.
Eichborn Verlag, Frankfurt a. M. 2009.
525 Seiten, 32,00 EUR.
ISBN-13: 9783821862217

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