Einer von uns

In Bild und Ton: Hans Magnus Enzensberger

Von Daniel KrauseRSS-Newsfeed neuer Artikel von Daniel Krause

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Hans Magnus Enzensbergers achtzigster Geburtstag im November 2009 war Anlass für allerlei Huldigungen. Eine der schönsten – unter dem Titel „Keiner von uns“ – hat Florian Illies für die Titelseite der „Zeit“ verfasst: „Blickt man heute […] auf sein bisheriges Werk zurück, dann kann man nicht anders als: staunen. Staunen über seinen permanenten Wachzustand, seinen Tonfall der kalten Erregung, die Größe seines Erfahrungshungers, vor allem aber kann man nur staunen über seine Witterung für Themen. Enzensberger hat seit 50 Jahren immer wieder die richtigen Fragen an die deutsche Gesellschaft gestellt.“ Mit Blick auf die literarische Leistung darf man ergänzen: Er hat die richtigen Formen für solcherlei Fragen gewonnen, der Lyrik deutscher Sprache eine Helligkeit und Transparenz verliehen, die wenige, darunter Brecht und Heine, erzielten. Dichtung als Medium des Denkens ist keine Selbstverständlichkeit, wo Lyrik gattungspoetisch als Domäne des ‚Ausdrucks‘ und absoluter Metaphern aufgefasst wird.

Die Vielfalt der Gegenstände und Formen ist Enzensberger Alleinstellungsmerkmal unter den großen deutschen Autoren seiner Generation. Ihn festzulegen, zu identifizieren, will weder inhaltlich noch in der Ausdrucksform gelingen. („Ich bin kein Baum“ ist sein Wahlspruch seit Jahren.) Dies mag erklären, dass andere die Schulfibeln füllen und Nobelpreise einheimsen, mit monumentaleren, monolithischeren, übersichtlicheren Werken – darunter solche, die literarisch neben Enzensberger schwerlich bestehen können. Beim Blick auf die intellektuelle Szene unserer Tage kann in der Tat einige Wehmut aufkommen: Gewiss hat Deutschland öffentliche Intellektuelle, Denker und Dichter, denen sich einzumischen zum Herzensanliegen gerät. Einer, der Enzensberger dereinst beerben könnte, ist gleichwohl nicht auszumachen: Da gibt es Verdunkler, metaphysische Dampfplauderer, bekennende Reaktionäre, verbitterte Greise, Apologeten des Kleinbürgertums. Ein denkender Dichter, der freundlich, mit feinem, nicht bösartigem Lächeln, im Grunde ohne Eitelkeit, stets suchend, nicht wissend, der Zeit einen Spiegel vorhält, würde – wäre nicht er, Hans Magnus Enzensberger, unter uns – schmerzlich vermisst.

Die beiden Suhrkamp-DVDs mit üppigem Booklet, 2009 zu Enzensbergers Achtzigstem erschienen, bieten ein Dutzend Filmdokumente aus fünfzig Jahren: Zunächst ein halbes Dutzend rund zehnminütiger „TV-Dokumente“, darunter eine „Hessenschau“ des Jahres 1960, die Straßenszenen Nachkriegsfrankfurts mit Selbstbekundungen des dreißigjährigen Dichters mischt, weiters politische Einlassungen – zum Algerienkrieg (1961) und den Notstandsgesetzen (1967) – und literatur- wie gesellschaftskritische zur Gruppe 47 (1963), zum Medien- und Fernsehwesen (1971), schließlich zur Stellung des Intellektuellen in der Gesellschaft („Politische Brosamen“, 1982). Auch wird ein umfängliches Fernsehinterview mit Alexander Kluge geboten: „Ohne Rücksicht auf Verluste“. Es datiert vom Herbst 2009 und zieht eine Summe jüngerer literarischer Arbeiten, nicht ohne Rückschau zu halten auf früheres Wirken und Enzensbergers familiäre Herkunft.

Haupt- und Kernstück sind drei ‚abendfüllende‘ Filme, die ihr Entstehen, mehr oder minder vollständig, Hans Magnus Enzensberger verdanken. Am geringsten dürfte sein Anteil an Dagmar Knöpfels „Requiem für eine romantische Frau“ (1999) zu veranschlagen sein, einer halb fiktionalen Dramatisierung der bitteren Liaison Auguste Bußmanns mit Clemens Brentano. Am suggestivsten wirkt siew dort, wo die unheimliche Stille des vor-technologischen Zeitalters zum Echoraum innerer Zustände gerät. Dagmar Knöpfels unaufdringliche Regie und die Darstellungskunst einiger Schauspieler – zumal des ‚Brentano‘ Sylvester Groth – sind besonders zu würdigen. Hier zeichnet Enzensberger für das „Treatment“, den Kern des Drehbuchs, verantwortlich. Auch mag ihm zu danken sein, dass der sprachliche Gestus der ‚Kunstperiode‘ akkurat nachgeahmt wird, ohne dem heutigen Zuschauer peinlich künstlich zu scheinen.

Was „Durruti – Biographie einer Legende“ (1972) betrifft, hat Enzensberger „Buch, Regie und Produktion“ besorgt. Lange bevor ‚Zeitzeugen‘-Gespräche zur allerorten grassierenden Mode wurden, hat Enzensberger mit einigen der Weggefährten Buenaventura Durrutis dessen Leben und Wirken rekonstruiert. Seine Leistung ist umso höher einzuschätzen, als Dreharbeiten im Spanien des Generalissimus Franco vonnöten waren, der die Erinnerung an einstige Bürgerkriegsgegner, Anarchisten und andere ‚Linke‘, nach Kräften zu unterdrücken bemüht war.

Im Filmessai „Ich bin keiner von uns“ (2000) führt Ralf Zöller Regie. Das Drehbuch hat der Regisseur gemeinsam mit Enzensberger, seinem Protagonisten, entworfen. Es handelt sich um ein anspruchsvolles, in Teilen stark stilisiertes und hermetisches Stück Filmkunst, das wenig Ehrgeiz zeigt, sich einer breiten Öffentlichkeit zu erklären. Dennoch enthält es einen Kern dokumentarischer Fakten, zumal in Enzensbergers Gesprächen mit Gaston Salvatore, dem deutsch-chilenischen Autor und Gefährten aus studentenbewegten und späteren Tagen. Am rührendsten, im Wortsinn bewegendsten: Der siebzigjährige Enzensberger tanzt Salsa. Man ahnt, wie eng sein unverkrampfter, zugewandter Geist, samt des verbindlichen, von keiner Bitternis verzerrten Ausdrucks, mit solchem gelösten, biegsamen, salsa-durchwirkten Empfinden verbunden sein muss. Wer Salsa ‚so‘ tanzt, muss innerlich frei sein. Florian Illies warnt demnach zurecht: „Niemand soll je glauben, er habe Enzensberger dauerhaft auf seiner Seite. Immer wenn streng unterschieden wird zwischen Gut und Böse, dann kommt er aus der Deckung und ruft dazwischen: So einfach ist das nicht.“

Illies nennt seinen „Zeit“-Artikel „einen Dank“. In diesem Sinne dürfen wir, mehr demütig als überheblich, sagen: Hans Magnus Enzensberger ist einer von uns, weil wir ihn brauchen.

Kein Bild

Hans Magnus Enzensberger: Ich bin keiner von uns. Filme, Porträts, Interviews.
Zwei DVDs mit einem Booklet mit Materialien und Interviews.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2009.
29,90 EUR.
ISBN-13: 9783518135112

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