Wollstonecrafts unerledigtes Dilemma

Ute Gerhards kurze Geschichte des Feminismus

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die Rede von den verschiedenen Wellen der Frauenbewegung ist seit geraumer Zeit in aller FeministInnen Munde. Weniger verbreitet dürfte allerdings die Kenntnis des Ursprungs dieser Metapher sein. Die irische Frauenrechtlerin Frances Power Cobbe hat sie geprägt und zwar bereits ganz zu Beginn der Epoche, die heute gemeinhin als Erste Welle der Frauenbewegung verstanden wird. 1884 verglich sie die Emanzipationsbestrebungen ihrer Geschlechtsgenossinnen mit einer „einströmende[n] Flut“, die „in verschiedenen Wellen“ auftritt, von denen jede „dem gleichen Gesetz“ gehorcht und „ihr[en] Teil dazu bei[trägt], die übrigen mitzureißen“.

Nachzulesen ist das Zitat in einem kleinen Bändchen von Ute Gerhard über die Historie von „Frauenbewegung und Feminismus“ seit 1789. Dies ist natürlich kein zufällig gewähltes Datum. Denn es handelt sich bekanntlich um das Jahr der französischen Revolution. Nicht, dass die Autorin meinte, diese habe die Frauenbewegung in Gang gesetzt, indem sich die Brüderlichkeit propagierenden Revolutionäre auch für die Emanzipation des weiblichen Hälfte der Bevölkerung stark gemacht hätten. Nein, ganz im Gegenteil. Die Scharfrichter der Revolution neigten vielmehr dazu, die Feministinnen ihrer Zeit auf die Guillotine zu führen, wie etwa die berühmte Olympe de Gouges, die von der Autorin ebenso angemessen gewürdigt wird wie ihre nicht weniger prominente englische Zeit- und Gesinnungsgenossin Mary Wollstonecraft. Doch nicht nur die noch heute in feministischen Kreisen wohlbekannten Heroinen und Vorkämpferinnen der Frauenemanzipation werden von Gerhard vorgestellt, sondern auch weithin vergessene Feministinnen wie etwa die ebenfalls im 18. Jahrhundert lebende Etta Palm d’Aelders, „eine gebildete und schillernde Frau holländischer Herkunft“, die als „die erste Frau [gilt], die öffentlich zugunsten von Frauen das Wort ergriff.“

Mit der Nennung der drei aus diversen europäischen Ländern stammenden Frauenrechtlerinnen wird bereits deutlich, dass sich Gerhard nicht darauf beschränkt, die Geschichte der deutschen Frauenbewegung nachzuzeichnen. Doch schaut sie nicht nur über den nationalstaatlichen Tellerrand ins europäische Umland hinaus. Auch die feministischen Mitstreiterinnen in Übersee liegen nicht jenseits ihres Gesichtskreises.

Bevor die Autorin ihren Brunnen in die Tiefe der feministischen Geschichte zu graben beginnt, bietet sie den Lesenden eine im Ganzen nachvollziehbare Deutung der beiden titelstiftenden Begriffe ihres Buches. Dabei führt sie aus, dass der Ausdruck „Feminismus“ in den „1880er Jahren von französischen Frauenrechtlerinnen aufgebracht“ worden sei, „und zwar von Hubertine Auclert“, die den Begriff „als politische Leitidee gegen den ihrer Meinung nach vorherrschenden ‚Maskulinismus´ der Dritten Republik in Frankreich eingeführt“ habe. Datierung und Zuordnung sind allerdings nicht unbestritten. Frigga Haugs unsägliches „Kritisch-historische[s] Wörterbuch des Feminismus“ etwa spricht den Ursprung Charles Fourier zu. Das populärgehaltene „Weiberlexikon“ meint hingegen, Fourier habe den Begriff nur „popularisiert“. Tatsächlich sei er schon 1793 im Prozess gegen Olympe de Gouges „gebraucht“ worden. Auch das „Metzler Lexikon Gender Studies“ ist überzeugt, dass der Ausdruck „fälschlicherweise auf Charles Fouriers ‚Théorie des Quatre Mouvements et des Destinées Générales´(1808) zurückgeführt“ wird, will sich allerdings selbst nicht auf einen Entstehungszeitpunkt festlegen und erklärt, der „Ursprung“ des Ausdrucks sei „bis heute ungeklärt.“ So wird es wohl sein. Der Rezensent ist der Begriffsgeschichte des Ausdrucks zwar nicht weiter nachgegangen, möchte aber doch anmerken, dass Friedrich Nietzsche bereits 1881 in der „Morgenröthe“ bekannte, ein „Feind“ des „ganzen europäischen Feminismus“ zu sein, also zu Beginn des Jahrzehnts, in dem Aclert der Autorin zufolge den Begriff geprägt hat. Im weiteren Verlauf ihres Buches schreibt allerdings auch Gerhard nur noch vorsichtiger davon, die französische Frauenrechtlerin habe den Begriff Feminismus „populär gemacht“.

Das Anliegen von Gerhards Buch ist es, die „unterschiedliche[n] Ansätze und politische[n] Theorien“ sowie die „verschiedensten Richtungen, politische und soziale Bewegungen von Frauen“ seit dem 18. Jahrhundert mitsamt „ihren Ausrichtungen und ‚Wellen´ vor[zu]stell[en] und [zu] diskutier[en]“. Für ein schmales Bändchen von gerade mal 120 Seiten Umfang ist das allerdings ein recht umfangreiches Programm. Gelegentlich gerät der Autorin denn auch das eine oder andere allzu dicht gedrängt. Zumal man von der Zielgruppe einer solchen Einführung nicht unbedingt erwarten kann, dass ihr Ausdrücke, wie „das ‚Gassensitzen´“ oder „Katzenmusiken“ geläufig sind. Und auch die „List der Lysistrata“ könnte in einem solchen Einführungsband erläutert werden.

Gerhard unterteilt ihr Buch anhand der „politischen Wendepunkte“ des Darstellungszeitraums in einzelne größere Abschnitte. Der Französischen Revolution folgt ein Kapitel über die „Freiheitsbewegungen um die 1848er Revolution“, in dem sie etwa auf Flora Tristans Werk „Die Arbeiterunion“ rekurriert, das schon fünf Jahre vor dem „Kommunistischen Manifest“ eine „sozialistische Gesellschaftstheorie“ entwerfe und „das Recht auf Arbeit, gerade auch für Frauen“, fordere. Neben dieser und anderen politisierenden und theoretisierenden Frühfeministinnen nennt Gerhard mit Luise Mühlbach, Ida Hahn-Hahn, Luise Aston und Fanny Lewald auch einige Literatinnen der Zeit. Dies allerdings ohne tieferes Verständnis für deren Werk oder überhaupt das Wesen von Literatur, wie etwa deutlich wird, wenn sie konstatiert, „[n]eben Tendenzromanen“ sei „die Poesie ein verstecktes Ausdrucksmittel [gewesen], mit dem sich auch Frauen zu Wort meldeten.“ Natürlich erwähnt Gerhard auch Luise Otto, die zwar ebenfalls als Verfasserin literarischer Werke hervortrat, aber vor allem als Herausgeberin der „Frauen-Zeitung“ bekannt wurde.

„Die hohe Zeit der Frauenbewegungen“ entwickelte sich vor und um 1900. In dem ihr gewidmeten Kapitel lobt Gerhard den Sozialisten August Bebel geradezu über den grünen Klee, habe er doch nicht nur „dem Antifeminismus der Arbeiterbewegung den theoretischen Boden entzogen“, sondern auch „alles verfügbare Material über die Frau als Geschlechtswesen, über Ehe, Sexualität und Prostitution sowie die Erwerbs- und Rechtsstellung der Frau zusammen[getragen]“. Eine etwas merkwürdige Formulierung, die zunächst zu dem wahrhaft allumfassenden Ausdruck „alles“ greift, um sich sofort durch das einschränkende „verfügbare“ gegen jegliche Einwände zu immunisieren. Was Bebel nicht berücksichtigte, war (ihm) eben nicht verfügbar. Oder sollte am Ende gar gemeint sein, er habe all das Material zusammengetragen, das seither verfügbar ist?

Gegenüber dem Lobgesang auf den Autor des seinerzeit überaus erfolgreichen Buches „Die Frau und der Sozialismus“ wird seine Zeitgenossin, die herausragende Feministin Hedwig Dohm, geradezu sträflich vernachlässigt. Ins Auge fällt zudem Gerhards Hinweis, dass die scharfzüngige Streiterin für die Frauenrechte verheiratet war und fünf Kinder hatte, während sie über Bebels Familienstand und -verhältnisse Stillschweigen bewahrt. Mit derlei wird – wie unwillentlich auch immer – die alte patriarchalische Ideologie fortgeschrieben, Frauen, nicht aber Männer seien für Familie und Kinder zuständig.

Ausführlicher als Dohm wendet sich die Autorin der führenden Feministin des gemäßigten Flügels der bürgerlichen Frauenbewegung Helene Lange und ihrem „Gegenpart auf der Seite der proletarischen Frauenbewegung“ Clara Zetkin zu. Auch die Kontroversen zwischen dem „Bund Deutscher Frauenvereine“ und den Sozialistinnen werden für das schmale Bändchen recht detailliert gewürdigt. Zwar moniert Gerhard, dass der Bund „von Beginn an mit einem Konstruktionsfehler behaftet“ gewesen sei, da er „die sozialdemokratisch orientierten Arbeiterinnenvereine ausgeschlossen bzw. gar nicht erst zur Kooperation eingeladen“ hatte, doch verschweigt sie auch nicht, dass Zetkin die „grundsätzliche Unvereinbarkeit beider Bewegungen“ ihrerseits nicht weniger betonte. Auf dem „Internationalen Kongress für Frauenwerke und Frauenbestrebungen“, auf dem Zetkin, wie sie selbst sagte, „nicht als Teilnehmerin“ sondern als „Gegnerin“ auftrat, kam es schließlich zu einer „grundsätzlichen Kontroverse“ zwischen der Marxistin und der radikalen Feministin Anita Augspurg.

Überhaupt bietet Gerhard eine konzise Darstellung der „wichtigsten Streitpunkte, Niederlagen und Errungenschaften der Frauenbewegung“ um und nach 1900, wobei auch die Position der eine Neue Ethik propagierenden „Mitbegründerin des ‚Bundes für Mutterschutz´“ Helene Stöcker angemessen gewürdigt wird. Ganz am Rande werden sogar auch einmal Bertha Pappenheim und der von ihr gegründete „Jüdische Frauenbund“ erwähnt.

Gerhard beschließt das Kapitel mit einer Darstellung der Frauenbewegung(en) zur Zeit des Ersten Weltkriegs, in dem die zuvor „so empathisch verkündete internationale Frauensolidarität“ zerbrach. „[N]ur eine Minderheit in der bürgerlichen als auch in der proletarischen Frauenbewegung“ habe diese „Bewährungsprobe“ bestanden. Während Gerhard in diesem Zusammenhang darauf hinweist, dass Rosa Luxemburg, die mit Frauenbewegung und Feminismus nun wahrhaftig nichts im Sinn hatte, zu den „Kriegsgegnerinnen“ zählte, findet sie das unermüdliche Friedensengagement der ausgewiesenen Feministinnen Lida Gustava Heymann und Anita Augspurg während des Ersten Weltkriegs keiner Erwähnung wert. Die beiden führenden Feministinnen des radikalen Flügels der bürgerlichen Frauenbewegung hätten erst während der Weimarer Republik „die Schwerpunkte ihrer Arbeit auf die internationale Friedensarbeit“ verlegt, meint die Autorin. Überhaupt unterschätzt Gerhard die Bedeutung dieser beiden Feministinnen, sind ihr die „Radikale[n]“ doch nicht mehr als ein, wenn auch „wichtiges Korrektiv“ der Frauenbewegung. Überbetont wird hingegen immer wieder die sogenannte ‚proletarische Frauenbewegung`, womit Frauen gemeint sind, die sich nicht in der Frauen- sondern vielmehr in der Arbeiterbewegung organisierten und sich dort mit der Frauenfrage als einem, wie sie meinten, ,Nebenwiderspruch des Kapitalismus' befassten, sich ansonsten aber die Erfüllung ihrer Hoffnungen auf eine Emanzipation der Frau vom – mit, wie sie glaubten, gesetzmäßiger Notwendigkeit – früher oder später heraufziehenden kommunistischen Zeitalter versprachen.

Das Folgekapitel „Zwischen und nach den Weltkriegen. 1919 bis 1949“ konzentriert sich unter anderem auf Gertrud Bäumer, die zum Ende der 1920er-Jahre „auf der internationalen Bühne“ die „Hauptrolle“ inne gehabt. Unter Bezugnahme auf Bäumers „Bemühen, Deutschland wieder zu Glanz und Größe zu verhelfen“, bescheinigt Gerhard der führenden Figur des gemäßigten Flügels der bürgerlichen Frauenbewegung, dass sie diese Rolle „gekonnt“ gespielt habe. Dass Bäumer dem Nationalsozialismus indifferent gegenüber gestanden habe, ist allerdings eine allzu nachsichtige Interpretation. Eher ist da schon mit Barbara Holland-Cunz von einer „erschreckende[n] Nähe zum nationalsozialistischen Weltbild“ zu reden.

Das eher ereignis- als ideengeschichtlich gehaltene abschließende Kapitel befasst sich mit der „‚neue[n]` Frauenbewegung“ und hebt mit der fraglos zutreffenden Feststellung an, die „Wirtschaftswunderjahre“ seien hinsichtlich der Stellung der Frau „restaurativ und repressiv“ gewesen. Auch dass sich die Neue Frauenbewegung anders als ihre Vorläuferin um 1900 „ausdrücklich als Basisbewegung, die eine Stellvertreterpolitik, erst recht ‚Führerinnen´, strikt ablehnte“, verstand, trifft sicher zu. Entgegen Gerhards Befund hat sie dessen ungeachtet jedoch sehr wohl Organisationen und Vereine gegründet und zwar sowohl auf lokaler Ebene wie auch bundesweit. Man denke nur an all die Frauenhäuser und die „Notrufe für vergewaltigte FrauenLesben und Mädchen“. Und auch Vereine wie „Wildwasser“ und „Terre des Femmes“ dürften ohne die Neue Frauenbewegung kaum entstanden sein, nennt Gerhard doch selbst „Gewalt gegen Frauen“ als „zentrales Thema“ der Bewegung.

Heute wehren sich „junge Frauen“ Gerhard zufolge „[i]m Wissen um die Probleme der Geschlechterdifferenz und die in der Frauenbewegung geführten Diskurse“ gegen frauenfeindliche Gewalt sowie gegen die noch immer virulenten Weiblichkeitsstereotype und die „strukturelle[n] Barrieren, die sich inzwischen als ‚gläserne Decken´ tarnen“. Hierzu nutzten sie sowohl die neuen Medien wie auch „neue Aktionsformen und kulturelle Praktiken“, wobei die Autorin vor allem an die „Kunst- und Musikszenen“ denkt. Dabei könnten und dürften sie die „Errungenschaften“ früher Generationen von Feministinnen jedoch nicht einfach übernehmen, sondern müssten sie sich „neu aneigne[n] und auch veränder[n] und auf neue Weise mit den Bedürfnissen, Interessen und Utopien der Frauen von heute verb[i]nden.“ Das ist im Ganzen sicher richtig, nur übersieht Gerhard, dass das Konzept der Utopie selbst schon gestrig und obsolet ist.

Und noch ein weiter Kritikpunkt ist anzusprechen: Die Autorin neigt dazu, die Gleichstellungsbestrebungen von oben, die sich etwa in den durch die von den Vereinten Nationen seit 1975 organisierten Weltfrauenkonferenzen oder in der 1979 von der UN-Generalversammlung verabschiedeten „Konvention über die Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau“ manifestieren, zu überschätzen, wenn nicht gar zu idealisieren.

Eine Bemerkung Gerhards zu Beginn des Buches schlägt den Bogen von den Anfängen des Kampfes um die Frauenemanzipation zu gegenwärtigen feministischen Auseinandersetzungen. Schon Wollstonecraft und ihre zeitgenössischen Kampfgefährtinnen hätten sich mit „ein[em] Dilemma oder ein[em] Widerspruch“ herumgeschlagen, „der den neuzeitlichen Feminismus bis heute begleitet“, nämlich „die Schwierigkeit, für die Gleichheit mit dem Mann zu streiten und doch nicht Mann sein zu wollen, oder anders gesagt, das Dilemma, die Zwänge und Zumutungen traditioneller Geschlechterrollen abzulehnen, jedoch Frausein, Mütterlichkeit, d.h. weibliche Erfahrungen und Orientierungen, trotzdem zum Ausgangspunkt für eine emanzipatorische Politik und gleiches Staatsbürgerrechte zu machen.“ Daher könne man die „Erzählungen über die Geschlechterfrage“ ungeachtet aller „verschiedenen Phasen, Etiketten und ‚langen Wellen´“ als eine „Epoche“ fassen, die vermutlich immer noch nicht beendet sei“. Als „demokratisches Projekt“ sei der Feminismus also „noch immer nicht erledigt“.

Titelbild

Ute Gerhard: Frauenbewegung und Feminismus. Eine Geschichte seit 1789.
Verlag C. H. Beck, München 2009.
128 Seiten, 8,95 EUR.
ISBN-13: 9783406562631

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