Warum suchten westdeutsche Bundesbürger Zuflucht in der DDR?

Bernd Stöver gibt darüber Auskunft

Von Ursula HomannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Ursula Homann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Geh doch nach drüben“ lautete eine beliebte Floskel zu Zeiten der deutschen Teilung, wenn Bundesbürger zu viel an ihrem Staat herumnörgelten. Aber wer wollte schon ernsthaft, aus heutiger Sicht, den ökonomisch stärkeren und politisch freien Westen gegen den von der SED diktatorisch verwalteten Arbeiter- und Bauernstaat eintauschen? Die Meisten wählten die umgekehrte Richtung. Jeder fünfte Bürger war bis 1961, teilweise unter Lebensgefahr, in den Westen geflüchtet – zunächst über Berlin, später „schwarz“ über die grüne Grenze. Zwischen der Gründung der DDR 1949 und der Öffnung der Mauer am 9. November 1989 sollen rund 4,9 Millionen Menschen der DDR den Rücken gekehrt haben, so dass es zum Schluss sogar hieß: „Der Letzte macht das Licht aus.“

Tatsache ist freilich auch, dass einige hunderttausend Personen allein in der Ära Ulbricht den umgekehrten Weg einschlugen und vom Westen in die DDR wechselten, und dass von 1949 bis 1989, also bis zur Öffnung der Grenzen, ungefähr 550.000 Personen aus unterschiedlichen Gründen in der DDR ein neues Leben suchten. Über diese „Grenzgänger“ liegt zwar ebenfalls viel Material vor, das indes bisher kaum ausgewertet wurde.

Bernd Stöver, – Jahrgang 1961, Professor an der Universität Potsdam – hat sich in seinem Buch „Zuflucht DDR. Spione und andere Übersiedler“ dankenswerterweise dieses lange vernachlässigten Themas angenommen, es gründlich recherchiert und kompetent dargestellt.

Natürlich fragt man sich zunächst, wenn man lediglich die Zahlen der westlichen Überläufer kennt: Wie kann man nur aus einem Land, in dem man sich frei bewegen und reden kann „wie einem der Schnabel gewachsen ist“, in ein Land ziehen, in dem man darauf gefasst sein muss, ständig überwacht und bespitzelt zu werden. Auch darüber gibt Stöver genaue Auskunft.

Tatsächlich besaß für etwa eine halbe Million Menschen aus der Bundesrepublik die DDR eine gewisse Anziehungskraft. Manche sahen in ihr ein „politisches Traumland“ oder glaubten, dass die Diktatur vorübergehend auf dem Weg zun Sozialismus notwendig sei. Eine Reihe dieser Übersiedler hatte allerdings auch unpolitische Motive. Einige nutzten die DDR als „Rettungsanker“ oder kamen in den Arbeiter- und Bauernstaat aus persönlichen und sozialen Gründen: Verwandte im Osten, schief gelaufene Karrieren im Westen. Andere wiederum nahmen um der Karriere willen Unfreiheit in Kauf oder versuchten, sich auf diese Weise dem Wehrdienst oder polizeilichen Strafen zu entziehen.

Unter den Übersiedlern findet man sogar prominente Namen, zum Beispiel den Dramatiker Heinar Kipphardt (Übersiedlung 1949), Peter Hacks (1955), die Schriftsteller Stefan Heym (1952) und Joachim Seyppel (1973), ferner den Liedermacher Wolf Biermann (1953), sowie den Naturwissenschaftler Robert Havemann (1950) und Oskar Brüsewitz (1954), „dessen Selbstverbrennung als Pfarrer“, schreibt Stöver, „1976 internationales Aufsehen erregte.“

Sogar Politiker wählten die DDR mitunter freiwillig als Wohnsitz, so der ehemalige stellvertretende niedersächsische Ministerpräsident Günther Gereke – er war 1946 nach Westdeutschland gekommen und einige Jahre später zurückgegangen, nachdem er mit allen, insbesondere mit Adenauer, zerstritten war –, außerdem bekannte Sportler wie der Rennfahrer Manfred von Brauchitsch (1954) und Journalisten wie Rudi Goguel (1952), der das Lied von den Moorsoldaten komponierte. Lothar Bisky, einst Chef der SED-Nachfolgepartei PDS und heute bei den „Linken“, war als 18-jähriger 1959 für Abitur und Studium aus Schleswig-Holstein übergesiedelt, wohin es ihn als Kind auf der Flucht aus Pommern verschlagen hatte.

Ralph Giordano hielt es dagegen nach seiner Übersiedlung im Jahr 1955 nur zwei Jahre in der DDR aus. Manche zogen nach „drüben“ aus für Außenstehende unerfindlichen Gründen, wie zum Beispiel der erste westdeutsche Verfassungsschutzchef Otto John. Er verschwand über Nacht 1954 und galt lange Zeit als entführt. Dabei hat er offensichtlich mehr oder weniger freiwillig knapp ein Jahr für den Osten gearbeitet und ist dann in den Westen zurückgekehrt. Die heutige Bundeskanzlerin Angela Merkel kam als Kind eines Pfarrers noch in ihrem Geburtsjahr 1954 in den Osten. Westdeutsche Kirchen hatten nämlich die Übersiedlung von Pfarrern in die DDR angeordnet.

Der Autor verhehlt nicht, dass jene, die freiwillig „rübergemacht“ haben, in der DDR oft vor dem Problem standen, als mögliche Stasileute oder als Menschen, die in der Freiheit mit dem Gesetz in Konflikt gekommen waren, angesehen zu werden. Der Westberliner Polizist Karl-Heinz Kurras, der durch seinen Schuss auf den Studenten Benno Ohnesorg traurige Berühmtheit erlangt hat, soll, wie erst kürzlich bekannt wurde, ein Stasi-Spitzel gewesen sein.

Die von Stöver herausgestellten prominenten Fälle sind durchaus aufschlussreich im Hinblick auf Motive und Wege der Übersiedler zwischen Bundesrepublik und DDR. Einige Lebensläufe sind geradezu abenteuerlich, manche auch grotesk, absurd oder sogar tragikomisch. In epischer Breite wird der berüchtigte Fall Günter Guillaume aufgerollt, wobei auch das Schicksal seines Sohnes Pierre eingehend beleuchtet wird. Die Verstrickungen der RAF-Terroristinnen Susanne Albrecht und Inge Viett kommen gleichfalls zur Sprache und weitere spektakuläre Fälle von Universitätsprofessoren, von auf die „schiefe Bahn“ geratenen Bundeswehroffizieren und jungen Idealisten. Daneben erzählt oder deutet der Autor an, wie weniger bekannte Neubürger in der DDR sich eingelebt haben oder den Stufenweg einer Ernüchterung durchliefen. Stöver befasst sich jedoch nicht nur mit einzelnen „Lebensgeschichten“ und den materiellen, kriminellen, familiären und politischen Fluchtmotiven, er analysiert auch historische Umstände, „Strukturen, Prozesse, Mentalitäten“ in Ost und West und macht auf spannende Weise ein Stück fast schon vergessener deutsch-deutscher Geschichte wieder lebendig.

Dafür hat er viele Quellen ausgewertet, die er hier genau belegt. Er rekapituliert die innere Geschichte des Kalten Krieges, wirft einen Blick auf die politisch-wirtschaftliche Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik und auf die von Anfang an mit erheblichen ökonomisch-politischen Problemen kämpfende DDR. Er untersucht Theorie und Praxis der beiden politischen Systeme, verfolgt minutiös deren politische und gesellschaftliche Entwicklungen und erzählt in aller Ausführlichkeit noch einmal die Geschichte der RAF.

Zudem darf nicht übersehen werden, dass man nach dem Zusammenbruch des „Dritten Reiches“, wie der Verfasser gleich zu Beginn seiner Ausführungen betont, in Deutschland, sowohl im Osten wie im Westen, vor der Frage stand, welches wohl die richtige Antwort auf das Scheitern der Nazi-Diktatur sei. „Westliche Demokratie oder sowjetische Volksdemokratie?“ Viele glaubten, auch jene, die von den Nazis verfolgt, inhaftiert, aus dem Exil zurückgekehrt oder in Deutsch land geblieben waren wie Victor Klemperer, dass man nach dem Ende der Rechten Diktatur „automatisch nach links gehen werde“.

Abschließend wird der Leser noch einmal durch ein breit angelegtes Resümee aus Stövers Recherchen und den daraus gewonnenen Erkenntnissen mit dem Inhalt seines Buches konfrontiert, so dass für ihn am Ende der Lektüre kaum noch eine Frage offen bleibt.

Titelbild

Bernd Stöver: Zuflucht DDR. Spione und andere Übersiedler.
Verlag C. H. Beck, München 2009.
384 Seiten, 24,90 EUR.
ISBN-13: 9783406591006

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