Bargfeld Transfer

Friedhelm Rathjens Studien zu Arno Schmidt als Übersetzer und Transformator

Von Redaktion literaturkritik.de

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Arno Schmidt war ein Transtextit, er nahm Sprachstoff, bevorzugt in Textform, und transferierte ihn in neue Kontexte, bevorzugt seine eigenen Texte. Ende 1950 begann Schmidt, zu Broterwerbszwecken als Übersetzer zu arbeiten, nachdem er sich in den Jahren zuvor schon als Dolmetscher verdingt hatte. Aber das Übersetzen, das Transformieren von Texten, ihre Übertragung von der einen in die andere Sprache, von der einen in die andere Sphäre – dieses Übersetzen war für Schmidt niemals nur Broterwerb, sondern es war immer Kerntätigkeit seines Umgangs mit Sprache. Und nicht nur, wenn Arno Schmidt übersetzte, übersetzte er; jede Textproduktion bei Schmidt kann als Übersetzungsprozess begriffen werden, denn Schmidt war beileibe kein Autor, der bei null anfing und aus dem Nichts heraus Text schuf, sondern er ging immer von etwas aus, das schon vorhanden war und das er veränderte, verwandelte, transformierte, sich aneignete.

Die Aufsätze dieses Buches beschäftigen sich mit solchen Übersetzungs- und Transformationsprozessen bei Arno Schmidt. Oft geht es um Übersetzungen im engeren Sinne; freilich sind Übersetzungen als solche das Gegenteil von Verengung, sie sind vielmehr Erweiterungen dessen, was ursprünglich vorhanden war. Wer übersetzen will, muss über die Grenzen des Eigenen hinausblicken, muss sich im Fremden etwas suchen und einen Modus finden, in dem Fremdes und Eigenes fruchtbar zu mischen sind. Arno Schmidt hat solche Modi gefunden, wie die vorliegenden Studien zeigen.

Sie befassen sich also mit dezidierten Schmidt-Übersetzungen (hier geht es um Texte von Hammond Innes, R.G. Waldeck, Hassoldt Davis, James Joyce) und dem, was dabei gleichsam nebenbei für Schmidts eigenes Werk abfiel, aber auch mit Autoren, die Schmidt im engeren Sinne nicht übersetzte (Robert Louis Stevenson, Laurence Sterne, Flann O’Brien), deren von anderer Hand stammende Übersetzungen im Schmidt-Kontext freilich von Belang sind; außerdem wird ein Übersetzungskonzept der Post-Schmidt-Ära, nämlich das Migrationskonzept von Salman Rushdie, auf Schmidt angewandt, und es wird danach gefragt, ob und wie sich Schmidts Texte durch annotierendes Tun ins elektronische Zeitalter transferieren lassen.

 

 

Anmerkung der Redaktion: literaturkritik.de rezensiert grundsätzlich nicht die Bücher von regelmäßigen Mitarbeiter / innen der Zeitschrift sowie Angehörigen der Universität Marburg. Deren Publikationen können hier jedoch gesondert vorgestellt werden.

Titelbild

Friedhelm Rathjen: Bargfeld Transfer. Studien zu Arno Schmidt als Übersetzer und Transformator.
Edition ReJOYCE, Scheeßel 2010.
168 Seiten, 17,00 EUR.
ISBN-13: 9783000301636

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch