Kein Entkommen

Ein Briefwechsel zwischen Gudrun Ensslin und Bernward Vesper erinnert an ein Leben vor dem Scheitern

Von H.-Georg LützenkirchenRSS-Newsfeed neuer Artikel von H.-Georg Lützenkirchen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Dein[en] Dezember-Brief“, schrieb Bernward Vesper im Januar 1969 an Gudrun Ensslin, „[…] hab ich erst bitter beantwortet, dann in die schwarze Mappe gelegt, wo alle Deine Briefe sind (mit dem makraben Titel: Notstandsgesetze von deiner Hand).“ Die benannte schwarze Mappe geriet nach Vespers Freitod im Jahre 1971 über Umwege in den Besitz von Felix Ensslin, dem Sohn Bernward Vespers und Gudrun Ensslins. Felix Ensslin gab schließlich die Genehmigung, den Inhalt der Mappe zu veröffentlichen. Im Wesentlichen handelt es sich um den Briefwechsel zwischen Bernward Vesper und Gudrun Ensslin, von Januar 1968 bis Juni 1969. Diesen Briefwechsel, ergänzt um einige zum Themenkreis dieser Jahre passende Dokumente, umfasst der vorliegende Taschenbuchband.

Die Beziehung zwischen Gudrun Ensslin und Bernward Vesper, die 1962 in Tübingen begonnen hatte, war 1968 gescheitert. In Berlin hatte Gudrun Ensslin bei verschiedenen Protestaktionen im Sommer 1967 Andreas Baader kennen gelernt. Seinetwegen hatte sie Bernward Vesper im Januar 1968 verlassen. Hier setzt nun der Briefwechsel mit einem Brief Gudrun Ensslins ein, in dem sie ihm knapp-kühle „facts“ mitteilt, „weil Du’s Dir gewünscht hast.“ Das ‚neue‘ Leben seiner ehemaligen Partnerin macht Vesper sehr zu schaffen. Durch alle seine Briefe zieht sich ein tiefer Schmerz über den Verlust, verbunden mit einem zuweilen verzweifelt anmutenden Bemühen, den Schmerz zu rationalisieren, um über diesen ‚Umweg‘ wieder Halt zu finden.

Die Dinge ändern sich, als in der Nacht vom 2. auf den 3. April 1968 in zwei Frankfurter Kaufhäusern Sprengsätze explodieren. Bereits am 4. April nahm die Polizei die Verursacher fest: Gudrun Ensslin, Andreas Baader, Horst Söhnlein und Thorwald Proll kamen in Untersuchungshaft. Schon im ersten Brief, den Gudrun Ensslin bereits am 6.4. aus der Haftanstalt schreibt, klingt das den gesamten Briefwechsel dominierende Thema an: was wird mit Felix, dem gemeinsamen Sohn? Den im Mai des Vorjahres geborenen Jungen hatte Gudrun Ensslin nach ihrer Trennung von Vesper zunächst mitgenommen, ihn dann aber zu Bekannten in Obhut gegeben.

Nach ihrer Verhaftung war der Junge nach einigem Hin und Her, von dem die Briefe berichten, nun wieder zu seinem Vater gekommen. Für Vesper eine ambivalente Sache: das Kind war einerseits ein Symbol seiner nach wie vor bestehenden Zuneigung zu Gudrun Ensslin, zugleich spürte er aber auch, das er mit der Alleinerziehung des Kindes überfordert sein könnte. Zudem war da noch die grundsätzliche Frage, wie ein Kind zu erziehen sei. Ohne dass dies – wie auch anderes grundsätzlich Politisches oder Ideologisches – in den Briefen ausgeführt wird, klingt doch immer wieder Vespers Bemühen an, das Kind vor jener Art der „autoritären Verbotserziehung“ zu bewahren, die er selber erfuhr. Der mühsame und schmerzhafte Prozess der eigenen Befreiung aus der Beeinflussung durch den Vater, den 1962 verstorbenen Nazi-Dichter Will Vesper, wie er ihn bald eindrucksvoll in „Die Reise“ beschreiben sollte, die Angst dem Zwangssystem seiner eigenen Erziehung am Ende doch nicht entkommen zu können, belastete auch den Umgang mit dem eigenen Kind. Hinzu kamen handfeste existentielle Sorgen. Zwar gelang es kurzzeitig, die publizistischen Projekte auf eine sichere geldwerte Grundlage zu setzen, doch als diese Grundlagen sich zerschlugen, fehlte wieder eine langfristige Solidität. Aus der Haft formulierte Gudrun Ensslin zuweilen verklausuliert auch diese Sorgen.

Trotzdem wuchs im Verlauf des Jahres 1968 die Bindung des Vaters an seinen Sohn. Rührend sind zuweilen die Berichte über die Entwicklung des Kindes, die Gudrun Ensslin auch immer wieder einfordert. Zugleich wird in ihren Briefen der Schmerz über die Trennung von ihrem Kind spürbar, wenn sie ihre Briefe ausdrücklich mit „Gudrun und die MAMA“ beendet.

Die Briefe machen deutlich, wie in der Verantwortung für das Kind beide sich politisch verstehende Elternteile doch das Persönliche nicht ‚aufheben‘ konnten in einer neuen befreiten Form des Lebens, die als Teil einer anderen, ,besseren’ Gesellschaft anzustreben sein sollte. Die ‚gesellschaftliche Realität‘ bestand auf ihrem Recht, wie der grotesk anmutende Streit um die formale Erklärung zum Sorgerrecht zeigt. Während Gudrun Ensslin aus der Haft zuweilen ostentativ darauf hinweist, wie wenig ihr derartige Erklärungen bedeuten, beharrt Vesper auf eben dieser einen Erklärung. Unmerklich sind über diese Formalie beide in einen ‚klassischen‘ Machtkampf um das Kind verstrickt.

Der Briefwechsel endet markant und abrupt. „Also bitte“, schreibt Vesper in seinem letzten Brief, „– beschränkst Du Dich künftig auf das, was eine neutrale Beziehung umfasst?“ und weiter: „ist es denkbar, daß Du Dich um Deine Angelegenheiten kümmerst und mich (und diejenigen, mit denen ich zusammen sein will und zusammen bin) ihrem Leben überläßt?“ Gudrun Ensslin antwortet am 11. Juni 1969: „Gerne.“

Das Weitere ist bekannt: Am 15. Mai 1971 nahm Vesper sich in Hamburg das Leben. Gudrun Ensslin wurde am 7. Juni 1972 in Hamburg festgenommen. Fünf Jahre später, am 18. Oktober 1977, erhängte sie sich in ihrer Zelle in der Haftanstalt Stuttgart-Stammheim.

Titelbild

Gudrun Ensslin / Bernward Vesper: Notstandsgesetze von Deiner Hand. Briefe 1968/69.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2009.
290 Seiten, 12,00 EUR.
ISBN-13: 9783518125861

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