David und Goliath

Robert Gernhardt mißt sich an Heine, Brecht, Goethe

Von Johannes MöllerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Johannes Möller

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

"Drei Siegel schützen des Pharao Grab" (Robert Gernhardt), drei Dichter bilden den Klappaltar. Der Blick auf den Vorderumschlag zeigt die beiden Altarbilder mit den Schattenrissen Heines und Goethes. Dreht man das wunderschöne Buch um, sieht man das Scharnier mit dem Namen Brecht. Brecht der Vermittler zwischen Heine und Goethe? Wohl kaum. Das Nachwort klärt auf und begründet die Scharnierstellung: Das Brechtjahr 1998 stand zwischen dem Heine- und dem Goethejahr. Außerdem hebt sich der Brecht gewidmete Mittelteil des Buchs deutlich von den beiden "Flügeln" ab. Die in Prosa gehaltenen Parabeln präsentieren im Klang und Duktus von Brechts "Me-ti. Buch der Wendungen" Kabinettstücke west-östlicher Dialektik: "O-Mei. Buch der Windungen" thematisiert in Dialogform die Auseinandersetzung von Ge-ga (Gernhardt) mit Brecht, dem Brechtjahr, dem Brechtpreis, ja dem gesamten Literaturbetrieb. Dazu werden die jüngst in den Feuilletons erhobenen Vorwürfe gegen Brecht förmlich referiert, um dann die Folie für Ge-gas kunstvolle Repliken, ironische Brechungen und satirisch überspitzte Sophismen zu bilden. Bei aller Komplexität des Vorhabens, im Brechtstil mit Brecht und den Brechtkritikern zu rechten, bleiben die konkreten Anlässe der Debatten und die Positionen, die Ge-ga Gernhardt in ihnen vertritt, doch immer sichtbar im Vordergrund.

In den beiden großen Gedichtzyklen, "Lied der Bücher oder Juni mit Heine" und "Würstchen im Schlafrock oder September mit Goethe" spielt die Form eine größere Rolle. Gernhardts Imitatio der Lyrik der beiden Besungenen hält sich stets die Optionen für Hommage und Parodie offen. Daß Gernhardt schon als Gymnasiast seinen Lehrern eigene Gedichte als Trakl verkauft hat und in jedem seiner Gedichtbände erneut seine Fähigkeit unter Beweis stellte, in fremden Tonfällen zu sprechen, wissen seine Leser längst: Nur der Novize also wird die Gedichte "unerwartet lustig" (Klappentext) finden. Andere könnten fragen: Wenn wir das alles schon kennen, hat es dann wirklich zusätzlichen Reiz, sich einen viele Seiten umfassenden Zyklus reinzuziehen, der im Stile eines einzigen Dichters (Heine), ja eines einzigen Gedichts (Goethes "Dornburg, September 1828") verfaßt ist?

Hat es, hat es. Die Begründungen dafür differieren, beginnen wir am Anfang. Da Gernhardt den Bogen über das gesamte lyrische Werk Heines spannt, stimmt er die unterschiedlichsten Heine-Tonfälle an: das formstrenge Sonett ("Fresko"), die Lied-Strophe ("Die Loreley"), die freien Rhythmen ("Die Nordsee"). Zum anderen variiert Gernhardt die Art, in der er inhaltlich mit dem vorhandenen Material umgeht. Oft rezensiert er regelrecht diejenigen Heine-Gedichte, auf die er gleichzeitig formal anspielt: Er übt etwa Kritik an allzu eingängigen, allzu schlichten Gedichten im "Buch der Lieder" und analysiert bilderreich und scharfsichtig Heines Sprache der frühen Sonette.

Einen anderen thematischen Strang knüpft Gernhardt, wenn er die zu geringe Bedeutung beklagt, die Heine bislang für ihn gespielt habe. Er lamentiert aber nicht, sondern nennt Ursachen ("Ich hatte mit achtzehn kein Liebchen hold") und Schuldige ("Das hat mit seinem Singen / Der Studienrat Kraus gemacht"). Gewissermaßen als Ausgleich dafür überhöht Gernhardt selbstironisch seine gegenwärtige Heine-Phase, dafür ein Beispiel: Heine schildert in "Die Nordsee", wie die Lektüre der Odyssee die Erscheinung Poseidons zur Folge hat. Bei Gernhardt ruft das Lesen eben dieses Gedichts quasi performativ Homer und Heine auf den Plan, "Arm in Arm" aus dem Himmel herabsteigend: Den Platz des besungenen Gottes haben der Dichter und sein weiterdichtender Leser eingenommen. Sehr viel handfester transponiert Gernhardt Heine in die Gegenwart, wenn er "Deutschland. Ein Wintermärchen" das "Gutdeutschland. Ein Sommernachtstraum" entgegenstellt. Damit offenbart er Heines Aktualität, ohne ihn wie viele von "Gutdeutschlands Kabarettisten all" gleich für die satirische Aufarbeitung der Tagespolitik zu instrumentalisieren.

Die Systematik, mit der sich Gernhardt dem späten Heine nähert, läßt sich als die Wiederbelebung der abgelebten Gattung des Lehrgedichts verstehen. Dies gelingt ausgerechnet durch Referenz auf eine Lehrgedicht-Parodie Heines: Unverstellt ernst berichtet Gernhardt von Heines Leiden in der Matratzengruft und der damit kontrastierenden Heiterkeit der hier entstandenen Gedichte. Er belegt die "herzerwärmend dreist[e]" Komik des Spätwerks, die sich nicht auf kalkulierten Galgenhumor kapriziert: "Heine bleibt dabei unfaßbar: / Spielt den Wachtmeister, den Kasper". Belegstellen aus Heines "Zur Teleologie" werden ausführlich, fast penibel wiedergegeben. Mit einem Zitat läßt Gernhardt Heine im "Omnibus (...) nach dem Tartarus" fahren - ein beklemmendes Bild dafür, daß trotz aller überhöhenden Kunst jeder für sich alleine stirbt. Doch mit Heines Tod ist Gernhardt noch nicht am Ende, in fünf weiteren Gedichten widmet er sich der Wirkungsgeschichte bis hin zum Heine-Jahr.

Sehr viel enger ist der zeitliche und der formale Rahmen des Goethe-Zyklus. Ein einziges Gedicht gibt den "aufreizenden Goethe-Sound" (Nachwort) vor, den Gernhardt, der immergleichen Strophenform folgend, in einem Vierzehn-Tage-Zyklus nachsingt. Die Eigendynamik der Entstehungsgeschichte, die im Nachwort perfekt dokumentiert ist, zieht den Leser rettungslos in ihren Bann. Goethes vorbildgebendes "Dornburg"-Gedicht bezieht seine Magie unter anderem aus der augenfälligen Morgen-Mittag-Abend-Symbolik. Etwa ein Drittel von Gernhardts Nachgesängen trägt schon in der Überschrift einen Hinweis auf die Tageszeit. Wiederholt beginnen die nach Tagen gegliederten Abschnitte mit der Schilderung eines dunstigen Morgens. Bewußt spielt Gernhardt mit der Geduld des Lesers, der spätestens beim dritten Mal glaubt, jetzt sei in dieser Hinsicht alles ausgereizt, um ihn dann mit einer ungewohnten Perspektive, einem unerhörten Vergleich, einer nie betretenen Meta-Ebene erneut zu überraschen damit zu widerlegen.

Reinhard Baumgart, der sich bei der Entstehung des Zyklus unschätzbare Verdienste erworben hat, spricht in der "Frankfurter Anthologie" (F.A.Z. vom 13.2.1999) von "Gedichtlein", die "nur wie Zwerge das riesige Original umwimmeln." Manche der Gedichte scheinen das wirklich zu tun: "Läßt auch er doch klüglich keine / Holde Süße ungekostet". Aber sie tun es nur, um im letzten Augenblick dem Riesen umso frecher eine Nase zu drehen: "Ob die Sonne sinkend westet / Ob sie auferstehend ostet." Der völlig überflüssige Einsatz der Tageszeiten-Metaphorik, ihre redundante Formulierung und die verquere Prädikat-Bildung parodieren das Vorbild nicht nur, sie decouvrieren es. Wenn hier ein Zwerg einem Riesen gegenübersteht, dann ein David einem Goliath. Baumgart begründet den Diminutiv auch noch damit, daß Goethes Gedichte drei-, Gernhardts nur zweistrophig seien, was letztere "kleiner, auch kleinlauter" mache. Doch bedeutet die Verknappung einer literarischen Form von jeher nichts anderes als ihre Steigerung. Auch das Epigramm ist keineswegs die kleinlauteste Ausdrucksform, und es wird von Petrons "Trimalchio" nicht dadurch vergrößert, daß er es auswalzt. Einigen kann man sich hingegen auf die anderen Eigenschaften, die Baumgart den Gedichten ebenfalls zuschreibt: Sie seien "geistreicher" und "pointierter".

Gernhardt bezeichnet "Würstchen im Schlafrock" im Nachwort als einen "ungewöhnlichen Versuch". Man sollte dem Zyklus mit ausgefallenen und experimentierfreudigen Ansätzen begegnen. Welches Eigenleben entwickelt das Personal des Zyklus, entwickeln namentlich die Holde, die Hündin Bella und der Versucher? Was passiert, wenn Tagebuchartiges ("Unvertrauter Schmerz") und Belehrendes ("Merke auf: In Gegensätzen / Sollst Du dich der Welt entfalten") in größter formaler Einheit aufeinandertreffen? Welche besondere Funktion erfüllt der Kontrast zwischen humanistisch aufgeladener Bildungssprache ("pindarisch") und der von Anglizismen durchsetzten Umgangssprache ("Fährt der lover in die Hölle")? Alles Fragen, die man den Germanisten kommender Generationen überlassen kann, aber nicht muß.
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Titelbild

Robert Gernhardt: Klappaltar. Drei Hommagen.
Gerd Haffmans bei Zweitausendeins, Zürich 1998.
96 Seiten, 15,20 EUR.
ISBN-10: 3251004042

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