Sag es „derridisch“, aber sag es auch „derridant“

Über Ron Winklers Gedichtband „Frenetische Stille“

Von Andreas HuttRSS-Newsfeed neuer Artikel von Andreas Hutt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wenn man Worte so aneinanderreiht, dass sie nicht das ergeben, was man landläufig als Sinn begreift, dann heben sie sich in ihrer Bedeutung gegenseitig auf. Es entsteht vielleicht etwas, dass man als eine Art Stille betrachten kann. Ist das Wortmaterial, mit dem diese Form von Stille erzeugt wird, ausgefallen, laut, vielleicht sogar schrill, dann kann man wohl von einer „Frenetischen Stille“ sprechen.

Ron Winkler ist mit seinem gleichnamigen Gedichtband endgültig in der Postmoderne angelangt. Es geht ihm nicht mehr darum, Realität mit Hilfe eines technisch-wissenschaftlichen Vokabulars zu beschreiben und dadurch zu brechen, wie dies noch in „vereinzelt Passanten“ oder „Fragmentierte Gewässer“ der Fall war. Es geht darum, Sprache zu dekonstruieren und neu zueinander in Beziehung zu setzen („laut Statistik waren wir vorgesehen. ich formatierte / ein Lächeln und du, du, was sah dein Elektroplan vor?“ – „place to beast“ oder „wir hatten Diät miteinander. demnach / Organe / und „Kabbala-Wasser.“ – „draußen. ein Märchen“). Häufig arbeitet Ron Winkler mit Neologismen wie „Punkpraktikanten“, „Heideggerkeit“ oder „Endvierzigerjesusfüße“, Tautologien („inwiefern Sprache eine Vorschau auf Sprache sein konnte“ – „vereinzelt Pulp Fiction“ oder „das Wasser war so klar, wie Wasser, das klar ist“ – „kaltes klares Nordmeer“) oder belebt alte rhetorische Figuren wie Variatio und Correctio („als uns selbst. als unser Selbst. als selbst uns“ – „Fächer: von den Jahren der Reise an einem einzigen Tag“ oder „hatten sprechen wollen. sprechen können. hätten sprechen dürfen“ – „die ideale Welt“). Immer wieder gelingen ihm Formulierungen, die von beeindruckender Eleganz sind („das endlose Pi der Sonne“ – und später dann Paraboläpfel am Atem oder „junge Chagalls mit Blicken wie wirklich pathetische Ausnahmezustände“ – „Arabesken“). So entsteht ein lyrischer Parforceritt, der den Leser von einem sprachlichen Höhepunkt zum anderen führt.

Bei aller Innovation ist im gesamten Band der Humor des Autors spürbar. Wahrscheinlich könnte man mit Ron Winklers Gedichten eine Halle voller junger, universitär angehauchter Poetry-Slam-Fans in Begeisterung versetzen. Gerade deshalb stellt sich die Frage, ob seine Gedichte durch den Verzicht auf Welthaltigkeit nicht einfach nur eine Form sprachgewandter Unterhaltung sind und ob das auf die Dauer nicht ein bisschen wenig ist? Ein wenig wehmütig denkt man an Zeiten zurück, als Autoren noch klar erkennbare inhaltliche Positionen – auch im Gedicht – vertreten haben.

Wenn man sich klarmacht, dass „Frenetische Stille“ den Zerfall einer auf Inhalt zielenden Verwendung von Sprache dokumentiert, dann erscheint es nur folgerichtig, dass der Band auch in Bezug auf seinen inneren Zusammenhang divergent erscheint. Manche Gedichte wirken stilistisch so, als seien sie direkt im Anschluss an „Fragmentierte Gewässer“ entstanden („Abendspaziergang“ oder das ästhetisch ansprechende Eingangsgedicht „Fächer: von den Jahren der Reise an einem einzigen Tag“). Viele Texte – vor allen Dingen im Eingangskapitel „Die Satzzeichen der Stewards“ – arbeiten mit der Wiederholung eines sprachlichen Versatzstückes, was rhythmisierende Effekte mit sich bringt („wir liebten“ – „zu Besuch bei Citoyens; „gestern/heute“ – „Licht“ und viele mehr). Andere greifen sich einen Begriff heraus (etwa „Metropolen“ oder „Schönheit“), setzen ihn immer wieder in neue sprachliche Bezüge und klopfen ihn so auf neue Bedeutungsebenen ab. Wieder andere wirken von Daniel Falb beeinflusst („nachts fahren die Schulbusse als Dalai-Lama-Anstalten / über die Erosionskappen der drei Berge“ – „geh weg, Heimat“).

Dennoch hätte man sich eine klarere Konzeption des Bandes gewünscht, wie noch in „vereinzelt Passanten“ und „Fragmentierte Gewässer.“ Durch den Verzicht auf eine einheitliche Form ist Ron Winkler zwar ein guter Gedichtband, aber nicht der ganz große Wurf gelungen, der das Projekt der Dichtung auf eindeutige Weise fortgeschrieben hätte. Was für den Leser bleibt, sind Gedichte, die sich kunsttheoretisch auf der Höhe der Zeit befinden, die aufgrund ihrer Sprachgewalt Spaß machen und vielleicht neue Leserschichten erschließen, die zu akzeptieren bereit sind, dass Dichtung heute nicht immer im kognitiven Sinne verstanden werden kann: „alles liegt vor uns, und uns vor, unscharf genau“ („nach den Erlkönigen“).

Titelbild

Ron Winkler: Frenetische Stille. Gedichte.
Berlin Verlag, Berlin 2010.
96 Seiten, 16,90 EUR.
ISBN-13: 9783827009203

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