Einfach mal die Klappe halten

Benjamin von Stuckrad-Barres „Auch Deutsche unter den Opfern“ ist schon wieder kein Roman. Warum das egal ist

Von Martin SpießRSS-Newsfeed neuer Artikel von Martin Spieß

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Eigentlich wartet man ja auf einen neuen Roman. Auf eine Geschichte, so ehrlich, witzig und berührend wie „Soloalbum“. Zwölf Jahre sehnsüchtelt man nun schon, hoffend, dass Benjamin von Stuckrad-Barre sich literarisch zurückmeldet. Was er bisher nicht getan hat. Allerdings ist das kein Grund zum Verzweifeln. Denn die Wartezeit kann man sich ja mit seinen journalistischen Büchern – wie etwa „Auch Deutsche unter den Opfern“ – vertreiben.

Diesen – und genauer gesagt dem vorliegenden – aber täte man Unrecht, würde man es auf die Funktion als Pausenzwieback reduzieren. Denn es bewegt sich derselbe Benjamin von Stuckrad-Barre, der der Welt „Soloalbum“ geschenkt hat, durch die Zeilen der Reportagen, Porträts und Kolumnen, die in dem Band zusammengefasst sind: Immer ist der ihm eigene, so schnoddrig hingeschlenzte, gleichzeitig immer aber wohldurchdachte, komponierte Ton zu hören. Der Autor geht mit Til Schweiger in „Keinohrhasen“, unterhält sich mit Alexander Kluge über den Mauerfall, schreibt über Platten von Marius Müller-Westernhagen und Herbert Grönemeyer, über „Stark wie zwei“ von Udo Lindenberg und unsagbar zauberisch über seine monatlichen Plattenkäufe oder spaziert mit Hans Magnus Enzensberger durch Wahlkampfveranstaltungen.

Umgangssprachlich und zur selben Zeit elaboriert formuliert, so könnte man seinen eigentümlichen Stil vielleicht nennen – wenn es nur nicht so fürchterlich klänge. Vielleicht trifft es „unbeschreiblich“ am besten. Stuckrad-Barre, so könnte man sagen, kann man einfach nicht gerecht werden. Obwohl das einer dieser unerlaubten und peinlichen Kunstgriffe ist. Denn wem die Worte fehlen, der tut gut daran, die Klappe zu halten. Wer aber trotz Sprachlosigkeit munter und in fehlender Eloquenz drauf los schnattert, um eben diese Tatsache auszuformulieren, dem sollte der Stift abgenommen, respektive der Mund zugeklebt.

Aber man kann eben sehr viel über Stuckrad-Barres Stil schreiben, ihm der zauberhaften Neologismen wegen sogar einen Orden an die Brust heften wollen. Wegen der Liebe zur Musik, die einen aus seinen Zeilen anspricht, mit ihm bei runtergelassenem Verdeck und aufgedrehtem Radio durch den Sommer fahren wollen (und sich kurz nach diesem Wunsch ärgern, dass man, wie er, keinen Führerschein hat). Man kann seine Genauigkeit und Beobachtungsgabe loben, die sich in seinen Texten in umso lebendigeren Szenen äußert, seine cojones, auch mal häufiger sehr explizit zu sagen, dass jemand in seinen Augen „scheiße“ ist.

Am Ende ist bei Benjamin von Stuckrad-Barre also der Kunstgriff des einfach-mal-die-Klappe-halten erlaubt. Nicht, weil man es – sein Schreiben – nicht besser (be-)schreiben kann. Sondern weil man umso mehr genießt, je weniger man etwas in Worte zu kleiden müssen glaubt. Einen Sonnenuntergang sollte man auch still genießen. Jedes Wort über Meer, Sonne, Strand, Brise und die Liebste ist da zu viel. Hier, bei „Auch Deutsche unter den Opfern“, nicht. Hier sitzt jedes Wort. Kein neuer Roman? Och, Du. Hab´ schon Schlimmeres erlebt.

Titelbild

Benjamin von Stuckrad-Barre: Auch Deutsche unter den Opfern.
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010.
333 Seiten, 14,95 EUR.
ISBN-13: 9783462042245

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