Jenseits der Literatur

Martin Walsers Roman „Jenseits der Liebe“

Von Marcel Reich-RanickiRSS-Newsfeed neuer Artikel von Marcel Reich-Ranicki

Ein belangloser, ein schlechter, ein miserabler Roman. Es lohnt sich nicht, auch nur ein Kapitel, auch nur eine einzige Seite dieses Buches zu lesen. Lohnt es sich, darüber zu schreiben? Ja, aber bloß deshalb, weil der Roman von Martin Walser stammt, einem Autor also, der einst, um 1960, als eine der größten Hoffnungen der deutschen Nachkriegsliteratur galt – und dies keineswegs zu Unrecht.

Schon in Walsers frühen Büchern, in jenen Romanen „Ehen in Philippsburg“ (1957) und „Halbzeit“ (1960), denen er seinen Ruf verdankt, machte sich eine eigentümliche Mischung aus Vitalität und Sterilität bemerkbar. Man meinte, diesem temperamentvollen und sympathischen Schriftsteller, von dem es mitunter gescheite und jedenfalls anregende Aufsätze zu lesen gab, werde es mit der Zeit gelingen, seine Schwächen zu überwinden. Es kam umgekehrt: die Vitalität ließ nach, die Sterilität wurde unerträglich. Die einst erstaunliche Beredsamkeit verwandelte sich in pure Geschwätzigkeit. Walser konnte die Worte nicht mehr halten.

Der Anblick bereitete Pein. Aber noch in einem so mißratenen Buch wie dem Roman „Das Einhorn“ (1966) konnte man hier und da witzige Reflexionen, hübsche Arabesken und geschickt formulierte Impressionen finden. Was danach kam, wurde zwar weiterhin beachtet, doch im Grunde nur deshalb, weil es von Walser war. Seinen endgültigen Tiefpunkt – so schien es – hatte er mit einem kümmerlich-törichten und inzwischen längst vergessenen Büchlein „Fiction“ (1970) erreicht.

Damals, um 1970, schöpfte Walser, verärgert über Literaturkritiker, Intendanten und Theaterrezensenten, recht plötzlich neue Hoffnungen: Er wandte sich, die Mode vieler bundesdeutscher Intellektueller flink und graziös mitmachend, dem Kommunismus zu. Wenn es mit dem Dichten nicht weitergehen will, ist hierzulande die Barrikade des Klassenkampfes ein attraktiver und meist auch gemütlicher Aufenthaltsort, auf jeden Fall aber eine dekorative Kulisse.

Natürlich gibt es in der Bundesrepublik und in anderen westlichen Ländern deutschsprachige Schriftsteller, für die der Kommunismus eine ernste, eine große Sache ist. Aber für Walser, den unermüdlichen Spieler, den liebenswürdigen Wort- und Windmacher, den Jongleur, Showmaster und in der Tat begnadeten Unterhaltungskünstler vom Dritten Programm? Reden wir nicht darüber…

Wie auch immer: Walsers Aufsätze erschienen nun im „Kürbiskern“ und ähnlichen Organen, er absolvierte die übliche Reise in die Sowjetunion und erklärte dann im Deutschen Fernsehen, sie sei ein feines Land. Der Kulturbetrieb quittierte diese Entwicklung mit Wohlwollen: endlich hatte man einen renommierten Schriftsteller, der die Erlösung der ausgebeuteten Massen vom Joch des Kapitalismus mit charmanter Eloquenz zu verkünden wußte. An fanatischen Bannerträgern fehlt es in diesem Lande nie, doch ein heiterer Plauderer mit der roten Fahne in der Hand – das hatte und hat Seltenheitswert. So wurde Martin Walser zum geistreichen Bajazzo der revolutionären Linken in der Bundesrepublik Deutschland.

Aber seinen literarischen Produkten konnte das alles nicht helfen. Die Romane „Die Gallistl’sche Krankheit“ (1972) und „Der Sturz“ (1973) sind nicht eine Spur besser als „Fiction“, sein „Sauspiel“ (1975) ist so fatal, wie es schon sein „Kinderspiel“ (1970) war.

Inzwischen ist Walser, wie man hört, von der DKP, der er übrigens nie beigetreten war, wieder eindeutig abgerückt. Manche seiner Freunde werden diesen Umstand zufrieden begrüßen, für den Literaturkritiker ist er jedoch belanglos. Denn Walsers politische Wandlungen haben nach wie vor keinen Einfluß auf die Qualität seiner Epik oder Dramatik. Das zeigt auch der neue Roman „Jenseits der Liebe“.

Drei Personen stehen im Mittelpunkt der leicht überschaubaren, weil simplen Handlung: ein etwa fünfzigjähriger Angestellter namens Horn (wieder ist es ein Handelsvertreter wie dereinst Walsers Anselm Kristlein), dessen jüngerer Kollege namens Liszt und der Chef der beiden, der Inhaber der Firma.

Wahrscheinlich sollen die Namen begriffsstutzigen Walser-Lesern auf die Sprünge helfen. So ist Horn einer, der sich die Hörner abgelaufen hat und dem das Leben (in der kapitalistischen Bundesrepublik) in jeder Hinsicht die Hörner aufsetzt. Liszt ist, versteht sich, ein listiger Mensch. Und der Firmeninhaber? Das ist eigentlich eine überflüssige Frage, denn wie Firmeninhaber sind, das weiß doch jedermann: es sind Ausbeuter und Blutsauger. Und wenn sie, wie in diesem Roman, mit ihren Angestellten freundlich und rücksichtsvoll reden, dann sind sie doppelt gefährlich, weil sie ihre wahren Absichten tarnen.

Die Charaktere der beiden Angestellten, die freilich nur sehr vage sichtbar werden – es war nie Walsers Sache, lebendige Gestalten zu zeichnen –, sind ohne Skrupel direkt aus ihrem Alter abgeleitet. Folglich ist der Jüngere energisch, ehrgeizig und tüchtig. Er will um jeden Preis Karriere machen und muß deshalb den Kollegen Horn verdrängen. Dieser ist wie die meisten Fünfzigjährigen in der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft ein Opfer des grausamen Konkurrenzkampfes, also müde, abgetakelt, resigniert und verzweifelt. Da er ein Organ hat, das in der westdeutschen Gesellschaft das Leben eher erschwert, nämlich ein Herz, scheitert er im Beruf. Und da er „der typische Verlierer“ ist, muß er auch als Ehemann und Vater scheitern. In seiner sexuellen Potenz ist er, dem literarischen Klischee gemäß, ebenfalls wenig leistungsfähig. Der Angestellte Horn neigt zur Onanie, doch auch hier operiert er eher glücklos.

Indes muß man zugeben, daß sich Walser viel Mühe gibt, um den Lesern das Innenleben seines Helden zu verdeutlichen: „Auch daß er sich verachtete, war ihm recht. Endlich Harmonie. Sowas hatte er noch nie gehabt. Im Einklang mit sich selbst. Ein Miesling verachtet sich. Eine beschissene Existenz stinkt sich.“ Und noch ein Zitat, das zugleich mit dem Thema auch den Stil des Buches veranschaulicht: „Da aber reicht sich, sagte er, der über und über Beschissene endlich die Hand und führt sich langsam, aber unaufhaltsam aus der Scheiße hinaus.“

Vor Jahren konnte man sich darüber Gedanken machen, ob die Sprache das Instrument Walsers sei oder Walser lediglich ein Medium der Sprache. Heute sind solche Überlegungen gegenstandslos. Von seiner einst rühmlichen Empfänglichkeit für Töne und Zwischentöne ist buchstäblich nichts geblieben. Die Sprache verweigert sich ihm, seine Diktion ist jetzt saft- und kraftlos: in dieser Asche gibt es keinen Funken mehr. Wenn Walser den Geruch in einem Zugabteil kennzeichnen will, schreibt er: „Es riecht wie in einer Sakristei, in der man Unterwäsche in Schweineschmalz gebraten hat.“

Gewiß, schon in der „Halbzeit“ und erst recht im „Einhorn“ war Walsers Land leblos: es glich einer Wüste, doch immerhin mit Oasen. Hier sucht man vergeblich nach einer Oase und findet überall nur Sand und Müll. Es ist unvorstellbar, daß das Lektorat des Suhrkamp Verlags ein solches Manuskript, wäre es von einem unbekannten Autor eingereicht worden, akzeptiert hätte. Es gab Zeiten, da hat sich der S. Fischer Verlag nicht gescheut, sogar einem Gerhart Hauptmann eine mißratene Arbeit zurückzuschicken. Wie schlecht muß ein Stück von Walser sein, damit es kein Theater in der Bundesrepublik aufführt, wie schlecht ein Walser-Manuskript, damit der Suhrkamp Verlag es ablehnt?

Jetzt, da der Roman „Jenseits der Liebe“ doch erschienen ist, wird er wahrscheinlich nicht ganz erfolglos bleiben. Die Buchhändler haben, vom prominenten Namen verführt, wohl reichlich geordert und müssen zusehen, wie sie die Exemplare wieder loswerden. Rezensenten, die sich für „progressiv“ halten, werden das Buch ausgiebig loben, denn Walser gilt ja als furchtloser Linker. Aber diese Prosa – das sei mit Entschiedenheit gesagt – ist weder links noch rechts. Sie ist nur langweilig.

Martin Walser, den wir für einen der besten Erzähler seiner Generation gehalten haben, trieb viele Jahre mit seinem Talent Schindluder. Er hat es fast ruiniert und ist nun erneut an einem Tiefpunkt seiner Laufbahn angelangt. Doch gibt es Tiefpunkte, die sich als Wendepunkte erweisen. Hinter diesen Worten verbirgt sich keine Voraussage, wohl aber, das soll nicht verheimlicht werden, immer noch eine Hoffnung.

Anmerkung der Redaktion: Dieser Text erschien in der F.A.Z. vom 27. März 1976. Wir danken Marcel Reich-Ranicki für die Genehmigung zur Nachpublikation.





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