This Land is Ourland, That Land is Herland

Eine Femmage zum 150. Geburtstag der US-amerikanischen Autorin Charlotte Perkins Gilman

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Über etliche Jahrhunderte hinweg vermutete man Utopia auf einer fernen, in den Weiten unerforschter Ozeane liegenden Insel. Bis sich dann zu Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts herausstellte, dass es vielmehr auf einem Hochplateau in den unzugänglichen Hochgebirgen Südamerikas liegt. Und auch in so manch anderer Hinsicht irrten Thomas Morus und seine Gefolgsmänner. So gibt es in der idealen Gesellschaft weder Sklaven noch – Männer. Und vermutlich eben darum heißt sie tatsächlich auch gar nicht Utopia, sondern Herland.

Dass sie gerade zu Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts entdeckt wurde, ist kein Zufall, bedurfte es doch der Erfindung des Flugzeugs, um überhaupt auf das bis dahin unerreichbare Plateau gelangen zu können. Entdeckt wurde Herland schließlich von drei jungen Amerikanern. Auf die Reise aber hat sie anno 1915 ein Frau geschickt: Charlotte Perkins Gilman. Nicht nur die Gesellschaft, sondern auch das Buch, in dem sie von ihr erzählt, trägt den, wie man wohl sagen darf, stolzen Namen „Herland“.

Die drei Männer, die es in die, utopische Frauengesellschaft verschlägt, stehen prototypisch für bestimmte Männlichkeiten. Da wäre zunächst der Techniker Terry O. Nicholson, begütert genug, um die Reise des Trios finanzieren zu können. Vor allem aber ist er „ein durch und durch ein ‚männlicher‘ Mann“, der davon ausgeht, „daß gutaussehende Frauen tatkräftig hofiert sein wollten und die biederen nicht der Beachtung wert waren“. Ganz anders Jeff Margrave, von Beruf Arzt und ein „zarte Seele“, weshalb er sich zudem der Poesie verschrieben hat. Er „idealisiert Frauen im besten südländischen Stil“ und versieht sie mit „rosaroten Heiligenscheinen“. Vervollständigt wird die Gruppe durch Vandyck Jennings, den Ich-Erzähler des Buches, von dem auch die eben zitierten Charakterisierungen seiner Reisegefährten stammen. Von sich selbst sagt der Soziologe, er habe zu Beginn des Unternehmens hinsichtlich des weiblichen Geschlechts „die mittlere Position“ zwischen seinen beiden Kameraden vertreten und „gelehrt über die physiologischen Beschränktheiten des weiblichen Geschlechts zu dozieren“ gepflegt; „höchst wissenschaftlich natürlich“, wie er im Rückblick selbstironisch anmerkt. Jedenfalls sei keiner von ihnen bezüglich der „Frauenfrage“ damals „auch nur im geringsten ‚progressiv‘“ gewesen.

Wie man sich leicht denken kann, konnten die drei Abenteurer zunächst gar nicht so recht glauben, in Herland mit einer reinen Frauengesellschaft konfrontiert zu sein. Zum einen schon mal aus biologischen Gründen der Fortpflanzung. Mindestens ebenso undenkbar schien es ihnen allerdings zu sein, dass Frauen in der Lage sein sollten, eine derart kultivierte Gesellschaft wie die Herlands zu gründen. Das aber sind die Bewohnerinnen ohne weiteres. Überhaupt sind die Frauen Herlands „auf recht unangenehme Weise vernunftbegabt“, wie der Ich-Erzähler findet. Und was die Fortpflanzung betrifft, so entwickelte die Urmutter des Stammes vor langer Zeit spontan die Fähigkeit der Parthenogenese, die sie auf alle ihre Kinder, die ausschließlich weiblichen Geschlechts waren, vererbte. So verehren die Herlanderinnen denn auch keine Eigenschaft so sehr wie Mütterlichkeit. Die ist ihnen allerdings nicht an biologische Mutterschaft gebunden, sondern wird sozial verstanden. Ebenso wie ihnen „wirkliche Charakterbildung“ nicht als erblich oder biologische begründet gilt, sondern als „durch Erziehung“ erfolgte.

Perkins Gilmans ideale Frauengesellschaft besticht noch heute in vielerlei Hinsicht, nicht zuletzt aber dadurch, dass sich die Autorin keine zur Weiterentwicklung unfähige, abgeschlossen Utopie ausgedacht hat. Vielmehr erwarten die Frauen, dass sich ihre Kinder „über uns hinausentwickeln“ werden, so wie sie sich selbst über ihre Mütter und Vormütter hinausentwickelt haben. Einige Jahrzehnte später zeigte die feministische Politologin Barbara Holland-Cunz, dass eben dies ein Charakteristikum feministischer Utopien ist, die sie zwar nicht von allen, aber doch von den allermeisten Männerutopien unterscheidet.

Von einigen feministischen Utopien der Neuen Frauenbewegung wie etwa Sally Miller Gearharts „The Wanderground“ unterscheidet sich Herlands Utopie wiederum dadurch, dass sie alles andere als männerfeindlich ist, wie sich nach Ankunft der drei ‚Helden‘ alsbald herausstellt. Es kommt sogar zu drei Hochzeiten. Doch schließlich müssen der Ich-Erzähler und seine beiden Kumpane nach einem Vergewaltigungsversuch verbannt werden.

Zumindest in feministischen Kreisen ist Perkins Gilman noch heute als Autorin von „Herland“ berühmt, wenn sie auch nicht von allen Frauen für das Werk gerühmt wird. Ihr „Modell wohltemperierter Geschlechterbeziehungen“, ähnele „fatal dem Dogma aus der päpstlichen Enzyklika“, moniert etwa die Literaturwissenschaftlerin Hiltrud Gnüg.

Nur wenigen FeministInnen ist allerdings bekannt, dass Perkins Gilman eine Fortsetzung ihrer Utopie schrieb, die sie bereits ein Jahr später publizierte. Bei ihr handelt es sich jedoch nicht um eine Utopie, nicht einmal um eine negative. Vielmehr berichtet Perkins Gilman, wie der Ich-Erzähler von „Herland“ nach seiner Rückkehr in seine Heimat gemeinsam mit Ellador, der Frau, in die er sich in Herland verliebte und die er heiratete, durch die USA reist, was Perkins Gilman Gelegenheit bietet, allerlei berechtigte Kritik an den sozialen Zuständen ihres Heimatlandes zu üben.

Tatsächlich aber hat Perkins Gilman sehr wohl eine weitere Utopie verfasst. Dies allerdings nicht nach, sondern schon vor „Herland“. Bereits 1910 erschien „Moving the Mountain“, eine Nahzeit-Utopie, die in den damals noch zukünftigen 1940er-Jahre der USA handelt. Auch diese Utopie ist weithin vergessen.

Nicht vergessen ist hingegen ein anderes Werk Perkins Gilmans: „Die gelbe Tapete“. Vermutlich ist es sogar noch bekannter als „Herland“. Eine Utopie ist es jedoch nicht. Überhaupt dürfte sich die Erzählung schwerlich einem Genre zuordnen lassen. H. P. Lovecraft hat sie zwar als „eine der großen amerikanischen Gespenstergeschichten“ gewürdigt, was aus dem Munde des frühen Großmeisters literarischen Grauens sicher schmeichelhaft ist. Doch ist sein Lob bestenfalls eindimensional. Wenn das Werk denn überhaupt diesem Genre zugeschlagen werden kann, ist es doch sehr viel mehr als nur eine Gespenstergeschichte, nämlich vor allem die Geschichte der Tyrannei, die ein Ehemann unter dem Mantel des besorgten Wohlwollens eines klugen und verständigen Mannes seiner (für) unmündig gehaltenen Frau gegenüber begeht, die ihre Tage nicht von ungefähr in einem ehemaligen Kinderzimmer verbringen muss, dessen Fenster zudem vergittert sind. Unterstützt wird sein Vernichtungswerk durch seine natürlich ebenfalls sehr wohlwollende Schwester, „eine[r] erstklassige[n], leidenschaftliche[n] Hausfrau“. Die Ich-Erzählerin glaubt schon bald hinter der titelstiftenden Tapete ihres Kerkers eine etwas unheimliche Frau zu erkennen. So wie sie selbst im Kinderzimmer scheint diese Frau hinter der „scheußliche[n] Tapete“ gefangen zu sein. Im Laufe der Tage verbündet sich die Ich-Erzählerin mit ihr und verhilft ihr zur Freiheit. Allerdings nur, um sie sogleich selbst an die Kette zu legen. Schließlich verschmelzen beide Figuren miteinander, so dass sich die Ich-Erzählerin in den Irrsinn zwar nicht gerade befreit, aber doch in ihn flüchtet. Denn die Frau hinter der Tapete dürfte den wahnsinnigen Anteil der Erzählerin personifizieren, die sich als Wahnsinnige nun zwar immer noch nicht über ihren nunmehr als un- beziehungsweise ohnmächtig wahrgenommenen Mann hinwegsetzen, aber doch immerhin über ihn hinwegkriechen kann, ein ums andere Mal.

Perkins Gilman erzählt diese wahrhaft grauenvolle Geschichte nicht ohne ironisierenden Zungenschlag. Dass der Haustyrann seiner Frau „alle Sorgen ab[nehme]“, sie sich „ohne seine besondere Anweisung“ sogar „kaum rühren“ dürfe, versichert sich die Ich-Erzählerin etwa, belege doch, wie „besorgt und liebevoll“ er sei. Wie so viele fiktionale Werke von Frauen entging auch diese kunstvoll gestaltete Erzählung Perkins Gilmans nicht dem absurden Schicksal, als autobiografischer Text gelesen zu werden.

Gut zwanzig Jahre nach der Erstveröffentlichung 1891 äußerte sich Perkins Gilman in der von ihr herausgegebenen Zeitschrift „Forerunner“ über die Reaktionen auf ihre Erzählung und berichtet, dass ihr ein Bostoner Arzt in einer Zeitschrift erklärt habe, eine solche Geschichte „dürfe überhaupt nicht geschrieben werden“, denn „da könne man ja vom bloßen Lesen verrückt werden.“ Ein anderer Arzt war hingegen voller Lob und versicherte ihr in einem Brief, „das sei die beste Beschreibung eines beginnenden Wahnsinns, die er jemals gelesen habe“. Ihr früherer Nervenarzt, Dr. S. Weir Mitchell, dem sie die Geschichte zugesandt hatte, bestätigte ihr hingegen nicht einmal den Empfang. Doch erklärt sie nicht ohne Genugtuung, sie habe erfahren, dass er nach der Lektüre, die an ihr praktizierte Ruhe‚therapie‘ „änderte“. Ihre Absicht, mit der Erzählung „Menschen vor dem Irrsinn zu retten“ sei ihr „in einigen Fällen auch gelungen“, resümiert sie.

Als „Die gelbe Tapete“ Anfang der 1890er-Jahre erschien, war Perkins Gilman schon seit einem guten Jahrzehnt publizistisch tätig. Erste kleine Veröffentlichungen waren 1880 in der Zeitschrift „The Alpha“ erschienen. Und zahlreiche weitere sollten über die Jahrzehnte hinweg folgen. In der Kurzgeschichte „Als ich hexen konnte…“ erlebt eine Frau eine ganz eigene Variante des berühmten Märchens der Wünsche, die in Erfüllung gehen, und in „Wenn ich ein Mann wäre“ erfährt die Heldin, welche erstaunlichen Erkenntnisse und Einblicke eine ganz spontane Geschlechtsumwandlung mit sich bringen. Oft umweht diese Erzählungen mehr als nur ein Hauch Satire.

Die oft vernommene Ansicht, alle ihre Geschichten gingen gut aus, trifft hingegen nicht so ganz zu. Das zeigt nicht nur ihre prominenteste, „Die gelbe Tapete“, sondern auch die eine oder andere weit weniger bekannte wie etwa „Die unnatürliche Mutter“. Befremden ruft die Erzählung „Der kritische Punkt“ hervor, die von Perkins Gilman als „Zeitstück mit feministischem Anliegen“ angekündigt wird. Befremdlich ist nicht nur, dass sie sich zunächst wie ein bloßes Exposé liest, sondern vor allem ihre nicht eben emanzipatorische Botschaft: „Ehe ist Mutterschaft.“ Das sei „ihr eigentlicher Sinn.“

Ganz anders hingegen „Benigna Machiavelli“ (1914), deren titelstiftende Ich-Erzählerin ein äußerst kluges Mädchen ist, von dem die Geschlechtsgenossinnen nicht nur der Handlungszeit einiges lernen können. „[E]inen Fußtritt verpassen, einen kräftigen Tritt, präzis an die richtig Stelle“, so weiß Benigna etwa, sei „vielleicht nicht ‚damenhaft‘, aber weniger bedauerlich“, als vergewaltigt zu werden. Und selbstverständlich kennt sie sich mit den göttlichen Vorschriften aus: „Natürlich kenne ich das vierte Gebot: ‚Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren‘ (Rezept für Langlebigkeit), aber du lieber Gott! Wenn der Vater säuft, zu nichts auf der Welt von Nutzen ist und die Mutter dauernd beschimpft – was soll man da ehren? Ich jedenfalls brachte das nicht fertig, und wenn ich deswegen früher sterben muß – na schön.“ Gelegentlich steigert sich Benigna sogar zu aphoristischer Form: „Die Anziehungskraft der Frauen ist wirklich wie bei Honig – sie haben weiter nichts davon, als daß sie schließlich aufgefressen werden.“

All diese Erzählungen wurden in Perkins Gilmans von 1909 bis 1916 erscheinender Monatsschrift „Forerunner“ publiziert, die sie nicht nur herausgab, sondern deren Umfang von 32 Seiten sie auch ganz alleine füllte. Man kann sich gut vorstellen, dass einige der 3.000 AbonnentInnen die Zeitschrift schon alleine wegen der Kurzgeschichten und Fortsetzungsromane hielten, auch wenn es noch tausend andere ebenso gute Gründe gab. Denn Perkins Gilman war eine Autorin von ganz außergewöhnlicher Vielfalt. Im „Forerunner“ und andernorts trat sie als Journalistin, Rezensentin, Novellistin, Autorin von Romanen und Gedichten, als ökonomische/feministische Theoretikerin – und als Verfasserin einer Autobiografie an die Öffentlichkeit.

Selbst ein Kriminalroman zählt zu ihrem Œuvre. Sein Titel „Unpunished“. Bereits 1929 entstanden, sollten fast siebzig Jahre vergehen, bis er erstmals vollständig veröffentlicht wurde. 1997 erschien die englische Originalausgabe und im darauffolgenden Jahr eine deutsche Übersetzung mit dem Titel „Mr. Vaughns Ende“. Ein Krimi, der wahrhaftig „Morde genug“ zu bieten hat. Das besagte Ende von Mr. Vaughn erfüllt ganz offenbar einen Straftatbestand, denn der gute, beziehungsweise schlechte Mr. Vaughns fand ein gewaltsames Ende. Er wurde erschossen, erstochen, erdrosselt, erschlagen und vergiftet. Verdient hat er das alles allemal, war er doch „schlimmer als Jack the Ripper“. Dieser Mordserie geht der Detektiv Jim Hunt mit Hilfe seiner Frau Bessie nach. Aus der Sicht des Paares werden die Ermittlungen denn auch weitgehend geschildert. Ganz so, wie es sich für eine gute Detektivgeschichte gehört. Sonst aber folgt der Roman kaum den Krimikonventionen. Überhaupt ist die Geschichte fast so etwas wie eine Rahmenhandlung für das eigentlich wichtige, in einem Tagebuch geschilderte Geschehen. Aber zugleich ist sie auch mehr, nämlich die notwendige Konsequenz aus diesem. Wie so oft spielt die Autorin auch in diesem Roman mit Geschlechterklischees. Diesmal allerdings nicht immer sonderlich subtil, wie auch das ganze Werk nicht wirklich durchkomponiert erscheint. Dies tut dem überraschenden Ende allerdings keinen Abbruch.

In ihrem zweiten großen Tätigkeitsfeld, ihren theoretischen Schriften, befasste sich Perkins Gilman mit verschiedenen geschlechterpolitischen Fragen, die meist die Sphäre der Arbeitswelt und der Ökonomie betreffen. So publizierte sie 1898 ein Buch mit dem Titel „Women and Economics. The Economic Relation Between Men and Women as a Factor of Social Evolution”. Kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs erschien das Werk auf Deutsch. Übersetzt hatte es die damals bekannte Feministin Marie Stritt. 1903 folgte „The Home. Its Work and Influence” und ein weiteres Jahr später „Human Work“. Ein Text „Concerning Children“ erschien ebenfalls zu Beginn des 20. Jahrhunderts und 1911 befasste sie sich in „The Man-Made-World“ mit der androzentrischen Kultur. Mit „His Religion and Hers“ publizierte sie 1923 eine religionsphilosophische Schrift zur Geschlechterdifferenz. „Die ganze weibliche Einstellung gegenüber dem Leben“ erklärt Perkins Gilman hier, sei „wesentlich anders als die männliche“. Dies allerdings nicht etwa allein aus rein biologischen Gründen – Perkins Gilman spricht von „natürlichen Impulsen“ –, sondern auch aufgrund der „überlegenen Anpassung“ der Frau „an den Dienst für andere und ihrem reichlichen Fundus von überschüssiger Energie für diesen Dienst“. Aus diesem Unterschied leitet die Autorin ab, dass sich weibliche Philosophie und Religion ebenfalls von der männlichen unterscheiden müssten. Perkins Gilman ist überzeugt, dass das „durch die Philosophie gerechtfertigt[e] und durch die Religion geadelt[e]“ Wirken der Frauen die „Volkswirtschaft in ihren Grundfesten verändern“ werde.

Ebenso wie für die Frauen von Herland spielt Mutterschaft in Perkins Gilmans theoretischen Schriften eine große Rolle. Auch hier wird sie allerdings durchaus als soziale verstanden. Als „menschliches Wesen“ habe die Mutter „den kollektiven Instinkt und die kollektive Macht, im voraus Vorkehrungen für die rechte Geburt und Pflege aller Menschenkinder zu treffen“, schreibt Perkins Gilman in „His Religion and Hers“. Die „ganze schwarze Wolke des Bösen in der Beziehung der Geschlechter“ werde „immer kleiner, wenn die natürliche überragende Bedeutung und Freiheit der Mutter erkannt und ihre auswählende Macht richtig ausgeübt wird“. Und wenn „eine internationale Mutterschaft“ endlich begänne, „die Kinder der Welt“ so gut als möglich zu schützen, sei auch die Zeit der Kriege vorbei.

Ein beeindruckendes Œuvre. Wer aber war die Frau, die es schuf? Und wie war sie zu ihr geworden? Fredrick Beecher Perkins, ihr Vater, hatte Frau und Tochter schon bald nach der Geburt des auf die Namen Charlotte Anna getauften Mädchens verlassen, ohne sich fortan um deren Versorgung zu kümmern. So musste die Heranwachsende früh zum eigenen Unterhalt und dem der Mutter beitragen, indem sie als Kindermädchen arbeitete. Dass sie vorübergehend Kunstgeschichte studiert hatte, mag ihr dabei förderlich gewesen sein, auch mit Zeichenunterricht und Postkartenentwürfen etwas Geld zu verdienen.

„Freiheit“, notierte sie als 21-jährige in ihr diary, bedeute ihr mehr „als alles andere“. Und diese Freiheit hat für sie Eigen- und Selbstständigkeit zur Voraussetzung. „In allen Lebensumständen möchte ich ohne fremde Hilfe meinem eigenen Willen folgen […] In jeder Hinsicht möchte ich meine eigene Wahl treffen, für mich selbst sorgen“.

Dieses Credo hielt sie jedoch nicht davon ab, drei Jahre später (nach allerdings langem Zögern) den Maler Charles Walter Stetson (1858-1911) zu heiraten, der die Auffassung verfocht, „[a]lles, was eine Frau davon ablenkt, ihr Heim zu verschönern und zu heiligen und Kinder zu gebären“, sei „mit Sicherheit Sünde“. Dementsprechend tyrannisierte er seine junge Frau und trieb sie in ein tiefe Depression, die bereits in der Verlobungszeit ihren Anfang nahm. Der herangezogene Nervenarzt Dr. S. Weir Mitchell kam auf die ‚kluge‘ Idee, seiner Patientin absolute Ruhe zu verordnen. Mit anderen Worten, er verbot ihr alles, was ihr Freude bereitete: lesen, schreiben und malen. Eine Methode, mit der später auch Virginia Woolf mehrmals ‚therapiert‘ werden sollte.

Anders als ihre Protagonistin in „Die gelbe Tapete“ konnte sich Perkins Gilman allerdings aus Ehe, Depression und Tyrannei befreien. Sie entzog sich Ehemann und Arzt und ließ sich nach drei Ehejahren scheiden. Nach der Trennung unterrichtete sie zunächst wieder, führte vorübergehend eine Pension und hielt sich schließlich mit Vorträgen finanziell über Wasser. Trotz der üblen Erfahrung mit Stetson heiratete sie drei Jahre nach der Scheidung ein zweites Mal. Diesmal ihren Cousin George Houghten Gilman. Ganz anders als ihr erster Ehemann unterstützt er sie in ihren schriftstellerischen und emanzipatorischen Bestrebungen. So erschienen die von ihr herausgegebene Zeitschrift „The Forerunner“ ebenso wie vier ihrer Bücher im Verlag der Eheleute. Wie sehr sie diesen als ihr gemeinsames Projekt verstanden, drückt bereits sein Name aus: „Charlton“, in dem Charlotte und Houghton eins werden.

Auch ihre Vortragtätigkeit behielt Perkins Gilman während ihrer zweiten Ehe bei. Einen Ruf auf einen Lehrstuhl am Kansas Agricultural College lehnte sie hingegen ab. Lieber reiste sie im Rahmen ihres feministischen Engagements nach Europa und nahm beispielsweise 1904 am Internationalen Frauenkongress in Berlin teil. Auch war sie mehrfach in England, wo sie nicht nur G.B Shaw kennen lernte, sondern während einer Friedensdemonstration im Rahmen des „International Socialist and Labor Congress“ von 1896 vom Wagen August Bebels herab eine Rede hielt. Allerdings stand sie der marxistischen Ideologie kritisch, um nicht zu sagen ablehnend, gegenüber und hielt es lieber mit der Fabian Society. 1898 trat sie wieder vor die Londoner Öffentlichkeit. Diesmal auf einem Kongress des „International Council for Women“.

In den USA leuchtete ihr feministischer Stern ebenfalls hell. So gab Perkins Gilman ab 1894 zusammen mit Helen Campell die feministische Zeitschrift „The Impress. A Journal oft the Coast Woman’s Press Organisation“ heraus. Im gleich Jahr begann ihre Mitarbeit beim „American Fabian“.

Natürlich war auch Perkins Gilman trotz ihrer beeindruckenden Karriere als Feministin und Autorin nicht ohne Fehl. So machten Swantje Koch-Kanz und Luise F. Pusch in einem Portrait darauf aufmerksam, dass sie „nicht frei von Rassevorurteilen“ war. Sie treten etwa in einigen Passagen ihres Romans „With Her in Ourland“ zutage.

1935 beendete Charlotte Perkins Gilman ihr letztes Werk, die leider noch immer nicht ins Deutsche übersetzte Autobiografie „The Living of Charlotte Perkins Gilman”, entschied, mit welchem Schutzumschlag das Buch erscheinen sollte, und nahm sich 75-jährig das Leben. Damals wusste sie bereits seit längerem, dass sie unheilbar an Krebs erkrankt war. In ihren nachgelassenen Papieren fand sich ein Abschiedsbrief, der noch einmal die beeindruckende Wesensart dieser Frau unterstreicht: „Kein Schmerz, kein Unglück oder ‚gebrochenes Herz‘ berechtigt einen dazu, sein Leben zu beenden, solange man noch die Kraft zum Dienst an der Gemeinschaft besitzt. Doch wenn jegliche Nützlichkeit hinter einem liegt, wenn man sicher ist, daß der Tod unausweichlich bevorsteht, gehört es zu den simpelsten Rechten des Menschen, einen schnellen, leichten Tod an Stelle eines furchtbaren und langsamen zu wählen.“

Am 3. Juli würde die 1860 im US-amerikanischen Bundesstaat Connecticut geborene Autorin, Feministin und Fabianerin 150 Jahre alt.