Judit – von der biblischen Heldin zur Femme fatale

Anna Maja Misiak führt mit leichter Hand durch eine wechselvolle Geschichte

Von Dorothée LeidigRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dorothée Leidig

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Ruth, Esther und Judit sind die einzigen Frauen, deren Namen in den Titeln der alttestamentarischen Bücher genannt werden. Im Gegensatz zu Ruth und Esther wird Judit durch ganz bewusst angewandte Gewalt zur unbefleckten Heldin: Sie enthauptet den schlafenden und damit wehrlosen assyrischen Heerführer Holofernes durch zwei Schwerthiebe. Die Germanistin und Kunsthistorikerin Anna Maja Misiak hat die Entwicklung der Figur Judit mit ihren Wendungen und Verfremdungen von den Ursprüngen der biblischen Gestalt bis in die Gegenwart gründlich untersucht. Ihre Ergebnisse hat sie kürzlich in einem über weite Strecken spannend zu lesenden Buch veröffentlicht.

Bevor Anna Maja Misiak die Rezeptions- und Verfremdungsgeschichte Judits in Literatur, Oper und bildender Kunst aufrollt, analysiert sie den Bibeltext im Hinblick auf die gesellschaftliche Realität seiner Entstehungszeit. In ihrer Schlussfolgerung, Judit müsse in ihrem Stamm als eine Frau von hoher Bildung und unumstrittener Autorität anerkannt gewesen sein, ist sie dabei zurückhaltender als die Theologin Barbara Schmitz, die Judit als schriftgelehrte Theologin bezeichnet und dies auch schlüssig belegt. Das überaus positive Bild der biblischen Gestalt lebt unbeschadet bis ins Mittelalter fort, das Judit als mariengleiche Heilige verehrt. Bis ins 16. Jahrhundert hinein wird sie zum Kanon der neun guten Heiligen gezählt. Auch die bildende Kunst zeigt sie noch als verehrungswürdige Heldin, bei Botticelli und Donatello etwa erscheint Judit als Symbol der politischen Freiheit.

Doch zugleich bekommt dieses Bild erste Risse. Bereits im 15. Jahrhundert machen die Dichter Frauenlob und Petrarca aus der positiven Heldin eine Frau, unter deren verhängnisvollem Einfluss die Männer leiden. Die Geschichte Judits wird in den „Graubereich doppeldeutiger Interpretation“ verschoben, ihre Umdeutung ist nicht mehr aufzuhalten. An den didaktisch ausgerichteten Theaterstücken des 16. und 17. Jahrhunderts zeichnet Anna Maja Misiak nach, wie aus der Hauptfigur eine Nebenrolle wird, deren Körperlichkeit an Bedeutung zunimmt. In der bildenden Kunst beobachtet die Autorin ebenfalls eine Fokussierung auf den Körper, denn Judit tritt häufig nackt oder nur leicht bekleidet auf. Gleichzeitig gelangt sowohl in der Literatur als auch in der Malerei das Gewaltmoment aus dem bislang verborgenen in den sichtbaren Bereich. Der Akt der Enthauptung wird nun mit aller Drastik vorgeführt.

Im 18. Jahrhundert wird es künstlerisch recht still um Judit, doch im 19. Jahrhundert erwacht das Interesse wieder an ihr. Durch die Einflüsse der Romantik mit ihrem Interesse an der Psyche wird die Figur nach und nach in den privaten Rahmen versetzt. In Johann Peter Hebbels Drama „Judith“ etwa verkörpert sie als unbefriedigte jugendliche Witwe die zeitgenössische Moral. Mit der strahlenden biblischen Heldin hat sie nicht mehr viel zu tun. Zwei extreme Fantasievorstellungen prägen das Frauenbild am Ende des vorletzten Jahrhunderts: der reine, unnahbare Engel auf der einen und das raubtierhaft sinnliche, feindliche Wesen auf der anderen Seite. In diese Zeit fällt die Verschmelzung Judits mit Salomé, die der Legende nach Johannes den Täufer aus niedrigen Gründen ermorden ließ (als Folge werden die beiden biblischen Frauenfiguren bis heute häufig verwechselt). Die Figur der Judit wird zunehmend sexualisiert und dämonisiert, sie wird zur Femme fatale, in der sich der Antifeminismus und Antisemitismus des beginnenden 20. Jahrhunderts widerspiegeln. Zwei Weltkriege und 50 Jahre später wird sie zum Sinnbild für den Aufstand gegen jede Form von Totalitarismus und – im Zuge der feministischen Bewegung – zur Heldin und Vorkämpferin für Frauenrechte, die von Künstlerinnen wie Judy Chicago und Heidrun Hegewald neu in Szene gesetzt wird.

Anna Maja Misiak führt mit leichter Feder und klar strukturiert durch diese wechselvolle Geschichte. In ihrer fundierten, detailreichen Studie bettet sie die Kunstwerke stets in den gesellschaftlichen und historischen Hintergrund ein. Der Prozess der Veränderung lässt sich dadurch leicht nachvollziehen und einprägen. Anhand zuweilen überraschender Verbindungen zwischen den Werken verschiedener Epochen führt die Autorin aber auch vor Augen, dass man die schwach ausgebildeten Kontinuitäten nicht übersehen darf. Ihre erhellenden und kurzweiligen Bildbeschreibungen zu lesen, bereitet Vergnügen; langatmig und mühsam kommen dagegen einige ihrer interpretierenden Wiedergaben literarischer Werke daher. Eine besondere Erwähnung verdient die konsequent geschlechtsneutrale Sprache, die Misiak geschickt zu verwenden weiß. Umfangreiche Verzeichnisse über Judit in den bildenden Künsten und der Literatur, eine 30-seitige Bibliografie und mehrere Register machen das Werk zu einem hilfreichen Arbeitsmittel.

Das Buch ist insgesamt sehr sorgfältig lektoriert und gestaltet, an einigen Stellen jedoch etwas zu spartanisch ausgestattet. Längere italienische und französische Originalzitate sind weder übersetzt noch sinngemäß wiedergegeben und die Bildunterschriften bestehen lediglich aus einer fortlaufenden Nummerierung, Titel und Künstler beziehungsweise Künstlerin muss man sich aus dem nebenstehenden Text heraussuchen. Das ist unkomfortabel, kann aber den Gewinn nicht beeinträchtigen, den man durch die Lektüre des Buches hat. Es wäre diesem Werk zu wünschen gewesen, dass mehr Geld für die Produktion zur Verfügung gestanden hätte, um die zahlreichen Abbildungen in einer dem Text entsprechenden Qualität präsentieren zu können.

Titelbild

Anna Maja Misiak: Judit. Gestalt ohne Grenzen.
Aisthesis Verlag, Bielefeld 2010.
356 Seiten, 38,00 EUR.
ISBN-13: 9783895287572

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