König Frank

Dieter Schenk erzählt in seiner Studie über die „Krakauer Burg“ die Geschichte des deutschen NS-Terrors in Polen

Von Stefan DiebitzRSS-Newsfeed neuer Artikel von Stefan Diebitz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Spätestens seit der Beerdigung des umstrittenen polnischen Präsidenten Lech Kaczynski im April diesen Jahres ist die Grablege der polnischen Könige auf dem „Wawel“ genannten Burghügel in Krakau jedem politisch Interessierten ein Begriff. In welcher Weise die alte Burg mit der Besetzung Polens durch die Deutschen verquickt ist, wurde allerdings höchstens beiläufig erwähnt, und diese Geschichte zu erzählen bleibt deshalb Dieter Schenk vorbehalten, der seine Aufgabe in dankenswert sachlicher Weise erledigt.

1939 gelangte mit Hans Frank in Polen ein Mann an die Macht, der selbst für die Verhältnisse der Nationalsozialisten außergewöhnlich korrupt war. Er war dermaßen raffgierig und bestechlich, dass es sogar einem Heinrich Himmler zuviel wurde. Weniger Anstoß bei Himmler und anderen seiner Berliner Kollegen erregte Frank mit der gezielten Ermordung und Terrorisierung der Bevölkerung.

Das Generalgouvernement Polen, im Nazi-Jargon als „Reichsnebenland“ bezeichnet, wurde von Krakau und nicht etwa von Warschau aus verwaltet. Es wurde rücksichtslos ausgeplündert, und Hans Frank, der sich in der alten Königsburg fürstlich einrichtete, fühlte sich offensichtlich als König von Polen. Schenk beschreibt ausführlich, wie er sich die große Burganlage auf dem Wawel zur Wohnung und zum Verwaltungszentrum um- und ausbaute, wobei es gelegentlich zu wandalischen Aktionen kam: So ließ er den prachtvollen Senatorensaal im Königsschloss in ein Kino umbauen. Vor allem aber war Frank wie andere Nazigrößen auch ein Kunsträuber allergrößten Stils. Mit der Phrase von der „Hitlerbarbarei“ wird man seinem Wirken deshalb kaum gerecht, denn wie so viele andere prominente Nationalsozialisten zeigte er sich sehr wohl um Kultur besorgt – nur eben keinesfalls um polnische.

Um die Ausrottung der polnischen Intelligenz hatte sich schon vor seiner Ankunft in Krakau die Gestapo bemüht: Erst rief deren Leiter die Hochschullehrer der Jagiellonen-Universität unter einem Vorwand zusammen, dann ließ er sie ins Lager abtransportieren. Dank internationaler Proteste kamen die meisten schon bald wieder frei, aber trotz der kurzen Zeit in Gefangenschaft starben zwölf Professoren noch in der Haft oder unmittelbar darauf an deren Folgen.

Hans Frank war ein gebildeter (vielleicht sogar hochgebildeter) Intellektueller und in jedem Fall kunstsinnig genug, bis kurz vor dem Zusammenbruch 1945 deutsche Hochkultur in Krakau zu organisieren – große sinfonische Konzerte, Lesungen Heinrich Georges, Schachturniere und Kunstausstellungen. Seine Intelligenz wurde auch vor und von dem Nürnberger Gericht gewürdigt, aber geholfen hat ihm das nicht, denn er wurde schließlich gehängt.

Der weitaus größte und gewichtigste Teil des Buches ist der sechsjährigen Herrschaft Hans Franks gewidmet. Frank, 1900 geboren, war der persönliche Rechtsanwalt Hitlers, und allein dieser Tatsache verdankte er sein hohes Amt, denn seine berufliche Karriere vor dem Krieg war nicht ganz so glorios: „In den 20er und 30er Jahren bewegte sich seine Münchner Anwaltskanzlei ständig am Rande des Konkurses, weil er als desorganisiert und unzuverlässig galt, Termine nicht einhielt und Mandanten betrog. Er wurde von Mandanten angeklagt, erhielt Zahlungsbefehle und stand im Verdacht des Heiratsschwindels. Frank scheute zielgerichtetes und gewissenhaftes Arbeiten.“

Entsprechend sah seine Regierungspraxis in Krakau aus – sie war gekennzeichnet von der im Grunde lächerlichen Diskrepanz zwischen Franks Anspruch, ein gerechter Verwalter der Gouvernements zu sein, und der Realität, die für die große Mehrheit der Bevölkerung in auswegslosem Elend und beispiellosem Terror bestand. Wie stellt man das Leben und Schaffen eines derartigen Verbrechers dar? Als der Krakauer Erzbischof Sapieha Frank eine Liste mit 124 Mordfällen vorlegte, fügte er hinzu: „ein Kommentar zu dieser nüchternen Zusammenstellung ist überflüssig“. Wohl wahr, und das sollte eigentlich auch das Prinzip einer historischen Darstellung derartiger Verbrechen sein. Schenk hält sich nicht ganz, aber doch weitgehend zurück, aber im Grunde sind selbst gelegentlich vorkommende Vokabeln wie „hämisch“, „zynisch“ und dergleichen vollkommen überflüssig, weil die Fakten tatsächlich für sich selbst sprechen und weil jede moralische Verurteilung angesichts der Ungeheuerlichkeit der Verbrechen zu schwach bleibt.

In weiten Teilen stellt Schenks Buch weniger eine Geschichte der Burg von Krakau als vielmehr eine Dokumentation der nationalsozialistischen Verbrechen dar. Ungefähr die Hälfte der Seiten machen meist kleinformatige Schwarzweißfotos aus. Der Autor verzichtet ganz auf Anekdoten und Details und konzentriert sich in seiner sehr nüchternen, manchmal etwas steifen Darstellung auf die große Linie; das gilt sowohl für ökonomische und verwaltungstechnische Aspekte wie auch für die Verfolgung der Juden und den Terror, den die polnische Bevölkerung erdulden musste. Die Burg gibt dem Buch aber zu Recht den Titel, denn sie gilt als eines der nationalen Symbole Polens, und so konnte (und sollte wohl auch) ihre Okkupation und der Umgang mit ihr selbst als ein Symbol gelten. Man tut gut daran, diese Geschehnisse im Gedächtnis zu behalten, wenn man über das deutsch-polnische Verhältnis nachdenkt.

Titelbild

Dieter Schenk: Krakauer Burg. Die Machtzentrale des Generalgouverneurs Hans Frank 1939-1945.
Ch. Links Verlag, Berlin 2010.
207 Seiten, 29,90 EUR.
ISBN-13: 9783861535751

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