„Humanitärer“ Bellizismus

Kurt Gritsch unterzieht die mediale Legitimation des „Kosovo-Kriegs“ einer skeptischen Revision

Von Franz SiepeRSS-Newsfeed neuer Artikel von Franz Siepe

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Mehr noch als sonst empfiehlt es sich bei der Hildesheimer Dissertation des Zeithistorikers Kurt Gritsch, das Vorwort nicht zu überblättern, weil sich dort erklärt findet, was sonst vielleicht unverständlich bleiben würde: die Lust an der Kontamination von wissenschaftlicher Argumentationsstrenge mit aufklärerischer Polemik.

Der Leser, sofern er nicht vom akademischen Pathos der Pathoslosigkeit beseelt ist, wird dem Autor kaum verargen, dass er in diesem Buch, das am Beispiel der breiten Zustimmung der Medienöffentlichkeit zum NATO-Angriff auf Serbien (Jugoslawien) von 1999 die Verführbarkeit der deutschen Intelligenz dokumentiert, bisweilen die Zügel schießen lässt. Gritsch mahnt unter Berufung auf die Historikerin Martina Winkler an: „Der Intellektuelle ist skeptisch und kritisch, er stellt die herrschende Ordnung in Frage, er problematisiert und greift an.“ Emile Zolas „J’accuse“ ist eines der publizistisch-interventionistischen Vorbilder Gritschs.

Dem Autor war es wie so manchem ergangen: „Als damals 23jähriger Student diskutierte ich an der Universität mit vielen anderen über die Ereignisse im Kosovo. Das moralische Argument der Befürworter, ‚ein zweites Auschwitz zu verhindern‘, forderte mich zu intensiverer Beschäftigung mit der Frage der Rechtmäßigkeit des Angriffs heraus, denn es suggerierte, dass Kriegsgegner moralisch gleichbedeutend mit Indifferenten, Zynikern oder gar Leugnern der Shoa sein sollten. Hinzu kam, dass Minderheitenfragen auch auf Grund meiner Südtiroler Herkunft schon früh mein Interesse geweckt hatten.“

Ein Wissenschaftler, der mit derart offenem Visier und durchaus nicht sine ira et studio in die Diskursarena steigt, nötigt gewiss Achtung ab. Doch wenn er sich dabei wie Kurt Gritsch zugleich auf Max Webers „Wissenschaft als Beruf“ stützt, ist das schon ein Ausrufezeichen wert. Dies nicht etwa deshalb, weil dem Autor ein Mangel an „schlichter intellektueller Rechtschaffenheit“ vorzuwerfen wäre; im Gegenteil: Gerade die Bemühung um Forschungsredlichkeit führt hier wie so oft nolens volens zur Ideologiekritik. Dann nämlich, wenn das zur Untersuchung stehende historische Gebilde sich dem sehenden Auge als pure Ideologie – Ideologie im Sinne von interessiertem falschen Bewusstsein – darbietet.

Im vorliegenden Fall handelt es sich um das Ideologem des „traditionalistischen Geschichtsbildes“, welches, so Gritsch, die Geschichte Jugoslawiens und seiner „Zerfalls“-Produkte so interpretiert, dass die völkerrechtswidrige NATO-Bombardierung Serbiens (35.000 Luftangriffe mit katastrophalen Schäden und sprichwörtlich gewordenen „Kollateralschäden“) als moralisch gerechtfertigt erscheint: „Für die Vertreter dieser Auffassung war der Krieg die Konsequenz serbischer Aggression unter ‚großserbischen‘ Vorzeichen. Sprachliche Kategorien des Konflikts sind jene der ‚ethnischen Säuberung‘, des ‚Genozids’ und ‚Völkermords‘, der ‚Konzentrationslager‘ sowie der Gleichsetzung ‚Serben = Nazis‘“.

Und weil man es nicht klarer und pointierter sagen kann als der Autor in einem seiner Fazits, die nie an urteilender Drastik sparen, hier eine Kurzcharakteristik der von ihm so genannten „traditionalistischen Darstellung“ des Kosovo-Konflikts: „Sie zeichnet sich durch Auslassung von Indizien aus, die das evozierte Bild stören. So beschäftigt sie sich auch nicht mit […] realistischen Friedensalternativen, sondern verweist ebenso unintellektuell wie konsequent auf ein angebliches ‚tertium non datur‘. Der Traditionalismus dient damit schlussendlich weniger der wissenschaftlichen Erkenntnissuche denn der postumen Rechtfertigung der westlichen Politik, insbesondere jener Deutschlands und der NATO.“

Gritsch erinnert daran, dass es die rot-grüne Regierung mit den Hauptagitatoren Gerhard Schröder, Joschka Fischer und Rudolf Scharping war, die uns in die, so Gritsch, „Auschwitzfalle“ tappen ließ. Gegner des NATO-Angriffs („Pazifisten, Sozialisten und Linksliberale“) „mussten sich“, so wieder der Autor, „der moralischen Überlegenheit jener, die sich auf die Shoa beriefen, beugen, weil in einer ‚faktenresistenten‘ und ideologisch argumentierenden Gesellschaft immer derjenige Recht hat, der sich argumentativ zuerst auf ‚Auschwitz‘ beruft.“

Dabei konnten die damaligen – um in Gritschs Metaphorik zu bleiben – Auschwitz-Fallensteller erschreckenderweise mit einem immens peinlichen Aufklärungsdefizit in der deutschen Öffentlichkeit kalkulieren: „Tatsächlich haben viele Menschen aber nur sehr wenig Wissen über Auschwitz und die Shoa. Die meisten haben nur begriffen, dass ein medialer Konsens existiert, demzufolge die NS-Verbrechen als schrecklich abzulehnen sind. Führt man Auschwitz als Argument in eine Diskussion ein, setzt man sich meist durch, weil man dem anderen moralisch überlegen ist.“

Leicht ist also zu erkennen, dass Gritsch die „traditionalistische“ Sicht keineswegs teilt. Folglich schlägt er sich auf die Seite der „revisionistischen“ Interpretation, welche die Ereignisse um den Kosovo-Krieg in einen größeren historischen Kontext stellen, die Rolle Serbiens nicht dämonisieren und die der UÇK nicht verharmlosen möchte, einiges Verständnis für die Außenseiterhaltung Peter Handkes aufbringt sowie insgesamt den Untergang Jugoslawiens als von außen „unterstützt“ begreift. Erkenntnisleitend ist die Cui-bono-Frage, die in die Aufdeckung der tatsächlichen Kriegsziele mündet: „Die Berufung auf die Menschenrechte diente zur Verschleierung der ökonomischen, geostrategischen, militärischen und politischen Interessen.“

Freilich widersprechen die „revisionistischen“ Geschichtsdeutungen Gritschs der seinerzeit in den Medien mehrheitlich verbreiteten Auffassung. Fünf Presseorgane („FAZ“, „SZ“, „taz“, „Die Zeit“ und „Der Spiegel“) unterzieht er einer rückblickenden statistischen Analyse mit dem Ergebnis, dass Kriegsgegner und -skeptiker massiv unterrepräsentiert waren: „Es gibt einen Zusammenhang zwischen NATO-Propaganda und veröffentlichtem Bild der intellektuellen Diskussion. Letzteres stimmte mit Ausnahme der ‚taz‘ bei keiner Zeitung mit der tatsächlichen Meinungsverteilung unter den Intellektuellen überein, was auf eine gesteuerte Debatte schließen lässt.“

Die formale Qualität dieser Aussage („schließen lässt“) dürfte nach den Kriterien eines puristisch-faktenverpflichteten Wissenschaftsbegriffs wohl einigermaßen problematisch sein. Gritsch hat sich aber nun einmal entschlossen, Plausibilitäten als Erkenntnismittel gelten zu lassen, wo solide Tatsachen nicht zu haben sind. Er sichert diese methodologische Entscheidung ab mit dem Rekurs auf die „Tradition der ‚erzählerischen Geschichtsschreibung‘“ nach dem Vorbild Christian Meiers, der sich als Althistoriker oftmals damit abzufinden hat, „eher Wahrscheinlichkeiten als Tatsachen“ verhandeln zu müssen. Der Befund indes, dass selbst die hier unter die Lupe genommenen Vorkommnisse der jüngsten Zeitgeschichte so umnebelt zu sein scheinen, dass mehr vermutet werden muss, als gewusst werden kann, ist geeignet, auch in dem Leser, der ansonsten Verschwörungstheorien mindestens ebenso misstrauisch begegnet wie herrschenden Mainstream-Lehren, dunkelste Befürchtungen zu nähren: Was darf ich eigentlich wissen? Welche Information wird mir von wem vorenthalten? Was ist eine Demokratie wert, die Intransparenz der Entscheidunsprozeduren zur Basis hat, und zwar gerade auch in Situationen, in denen es buchstäblich um Leben und Tod geht?

Laut Klappentext liegt mit dem besprochenen Band „auf wissenschaftlichem Gebiet erstmals eine umfassende und kritische Gesamtdarstellung des öffentlichen Diskurses über den ‚Kosovo-Krieg‘ in Deutschland“ vor. Auch wenn man nicht jede der vom Autor in investigativ-aufklärerischer Absicht entwickelten Thesen unterschreiben mag, ist das Buch unbedingt zu empfehlen. Indem es medien- und demagogiekritisch über die Umstände der schleusenöffnenden erstmaligen Beteiligung von Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr an einem kriegerischen „Out of Area“-Einsatz unterrichtet, führt es zugleich Klage gegen das Skandalon der Abhängigkeit der veröffentlichten Meinung vom Machtkalkül der Herrschenden.

Titelbild

Kurt Gritsch: Inszenierung eines gerechten Krieges? Intellektuelle, Medien und der "Kosovo-Krieg" 1999.
Georg Olms Verlag, Hildesheim 2010.
533 Seiten, 58,00 EUR.
ISBN-13: 9783487143552

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