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„Grüß Gott, mein Bayernland“ versammelt erstmals alle Lieder und Musikstücke der Biermösl Blosn

Von André SchwarzRSS-Newsfeed neuer Artikel von André Schwarz

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Seit nunmehr 34 Jahren treten die Biermösl Blosn, bestehend aus den Brüdern Hans, Michael und Christoph Well, den Beweis an, dass die – richtige – bayrische Volksmusik mehr ist als traditionelles und per se konservatives „hmpf-ta-ta“ und endlos wiederholtes „Prosit der Gemütlichkeit“. Mit der im Fernsehen unter dem Etikett „Volksmusik“ präsentierten Kommerzmusik, die eher als „volkstümliche Musik“ zu bezeichnen wäre, haben die Well-Brüder rein gar nichts zu tun.

Und wenn man sich die Texte der Biermösl Blosn anschaut, so erkennt man auch, wieso die Herren von der bayrischen Staatspartei CSU, deren Credo Gerhard Polt in seinem „Grußwort“ so treffend mit dem Satz „I brauch koa Opposition, weil i bin scho a Demokrat“ vorstellt, mit der Band lieber nichts zu tun haben möchten. Ihre alternative Bayern-Hymne „Gott mit dir, du Land der BayWa“ sorgte für heftige Entrüstungsstürme in der Staatskanzlei. Ein Schulbuch, welches das Lied abdruckte, wurde auf Geheiß des bayrischen Kultusministeriums unverzüglich eingestampft.

Ein Blatt vor den Mund nahmen die Musiker seit 1976 nie, jeder der „Großkopferten“ und einige der ganz „normalen“ Spießbürger bekamen von ihnen ihr Fett weg. „Mir wissn genau, wer über uns alle lacht / Mir wissn genau, wia ma so oan katholisch macht“, heißt es über die Rachefantasien der „Anständigen“ in „De Schand vom Oberland“. Auch der alltägliche und tief verwurzelte Rassismus im Freistaat wird thematisiert und satirisch der angeblichen bayrischen liberalitas gegenübergestellt: „Z’ Altötting drunt – oh welch ein Graus! – / hängt am Kirchenturm da Halbmond raus / In Oberammergau – du großer Gott! – / spuit an Gottessohn ein Hottentott […] / Passau is jetz aa verlorn / da is a Sinti Bürgermeister worn“, so heißt es etwa in „Asylantenschwemme“ – ein Begriff übrigens, den ein CSU-Politiker einst in einer berüchtigten Bierzelt-Rede benutzte.

Dem glücktaumelnden „Wir sind Papst“-Gefühl setzen die Biermösl Blosn die Geschichte vom „Alpen-Ayatollah“ Joseph Ratzinger entgegen, der in „Kreuzzug“ die Gläubigen mit Hilfe der „Gebirgsschützen-Hisbollah“ gegen den „Antichrist in Karlsruhe“ ins Feld führt, welcher die Kruzifixe aus den Schulen verbannen möchte: „da Gauweiler, da Haider – ois’ marschiert in Trachtenjackn. / Gar manches Kreuz, des mittragn wird, des hat an kloana Hackn!“ Der bayrische Rundfunk hingegen war von solchen „Nestbeschmutzern“ gar nicht begeistert und belegte die Band wiederholt mit einem Sendeboykott. Erst nach beinahe 30 Jahren Biermösl Blosn sendete der BR erstmals ein längeres Portrait.

Die Texte und die Noten aller Lieder – auch der Instrumentalstücke – sind nun in einem Band versammelt, der kürzlich im Hausverlag von Gerhard Polt (der seit 1979 regelmäßig mit den Blosn tourt), Kein & Aber, erschienen ist. Abgerundet wird das Buch mit einigen Fotos aus drei Jahrzehnten Bandgeschichte, einer knappen Biografie und einer ausführlichen Diskografie. So kann sich nun auch die Welt außerhalb Bayerns ein genaues Bild von der subversiven Kraft der Well-Brüder machen.

Titelbild

Biermösl Blosn: Grüss Gott, mein Bayernland. Alle Lieder und Musikstücke.
Kein & Aber Verlag, Zürich 2010.
448 Seiten, 29,90 EUR.
ISBN-13: 9783036952529

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