Rasse gibt es nicht

Der Band „Gemachte Differenz“ ist ein wichtiger Beitrag gegen aktuelle Rassismen in biologischer und medizinischer Forschung

Von Heinz-Jürgen VoßRSS-Newsfeed neuer Artikel von Heinz-Jürgen Voß

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Einordnung und Würdigung des Bandes

Der Band „Gemachte Differenz“ muss unbedingter Bestandteil jedes sozial- und kulturwissenschaftlichen sowie biologischen und medizinischen Studiums werden. Historisch, sozialwissenschaftlich und biologisch gleichermaßen fundiert, werden in dem Buch Kontinuität und Neuetablierung rassistischer Konzepte in Biologie und Medizin in den Blick gerückt. Auch BiologInnen und MedizinerInnen werden sich den Kritiken auf Grund der auch biologisch und medizinisch fachlich sehr guten Qualität der Beiträge in Zukunft nicht entziehen können.

Historisch werden beginnend ab etwa dem 18. Jahrhundert erstarkende rassistische Theorien in den sich etablierenden wissenschaftlichen Disziplinen Biologie und Medizin ausgemacht (Teil 2, „Rückblicke“). Hierzu wird in den Beiträgen von Christine Hanke, Timm Ebner, Kien Nghi Ha, Kerstin Palm und Christiane Hutson ein Überblick über rassistische Forschungen in Biologie und Medizin seit dem 19. Jahrhundert gegeben. Auch die Beiträge von Anne Fausto-Sterling und von Thomas Brückmann, Franziska Maetzky sowie Tino Plümecke sind als Darstellungen historischer Konzepte zu lesen. Mit dem Beitrag von Kerstin Palm werden rassistische Kontinuitäten in der Biologie nach 1945 in den Blick gerückt; Timo Wandert schließlich vollzieht rassistische Betrachtungen in der Psychologie historisch und aktuell nach.

Es ist derzeit gesellschaftlich Usus, sich gegen historische rassistische Forschungen auszusprechen. In diesem Sinne sind die vorgenannten Beiträge gerade für ihre prägnante zusammenfassende Betrachtung solcher rassistischen Konzepte zu würdigen. Die Stärke des Bandes – und der Ausgangspunkt, weshalb er erstellt wurde – ist es nun, hier nicht stehenzubleiben. Das zeigt sich auch in den historischen Beiträgen. In Teil 1 („Überblicke“) und 3 („Einblicke“) wird zudem explizit die Frage gestellt, wie an die Tradition dieser rassistischen Forschungen auch heute angeknüpft wird und wie aktuell neue rassistische Theorien etabliert werden.

Populär am breitesten wahrgenommen wurde das Comeback rassistischer Forschung über das Medikament „Bidil“, dass, nachdem es wegen Unwirksamkeit keine umfassende Zulassung auf dem us-amerikanischen Markt erhielt, schließlich als wirksam nur bei „Afroamerikanern“ für diese Gruppe zugelassen wurde. In einigen Beiträgen in „Gemachte Differenz“ kurz angerissen, werden rassistisch unterscheidende Medikamentet – unter anderem „Bidil“ – in dem Beitrag Monika Feuerleins und Carsten Junkers in den Blick gerückt.

Auch in der Humangenetik erleben rassistische Theorien derzeit ein Comeback. Hier sind insbesondere die Beiträge von Thomas Brückmann, Franziska Maetzky und Tino Plümecke, von Troy Duster sowie der aus dem Englischen übersetzte Beitrag von Anne Fausto-Sterling lesenswert. Diese Texte sowie auch der Beitrag von Susanne Bauer leisten es, zu erklären, wie solche rassistischen Forschungen vermieden werden können. Das kann insbesondere dadurch geschehen, dass festgestellte Differenzen nicht als „natürlich“ angenommen werden, sondern als Resultat von Lebensbedingungen und sozialökonomischen Lebensgrundlagen von Menschen verstanden werden. Fausto-Sterling führte dies verschiedentlich als „Embodiment“ aus: Erziehung, Lebensweise und sozial-ökonomische Stellungen prägen sich im menschlichen Körper aus, betreffen dessen Entwicklung und ebenso die Verhaltensweisen des Menschen.

Der Artikel von Grada Kilomba, schildert , wie nachwievor, spezifisch „schwarzes Wissen“ aus den Wissenschaften ausgeschlossen wird und dagegen die Traditionen „weißer, androzentrischer Wissenschaft“ weiterhin wirksam sind. Wichtig und auch für Folgearbeiten bedeutsam ist die im Band stets erfolgende gesellschaftlich-politische Einordnung solcher Befunde.

Mit dem Buch „Gemachte Differenz“ kann es, in Verbindung mit den neueren Arbeiten Jin Haritaworns und dem hervorragenden Band „Postkoloniale Theorie: Eine kritische Einführung“ von María do Mar Castro Varela und Nikita Dhawan im deutschsprachigen Raum gelingen, endlich an die intensiver geführten postkolonialen englischsprachigen Debatten anzuschließen. Der Band „Gemachte Differenz“ bringt in die erst noch zu führenden Diskussionen eine fundierte Perspektive ein.

Im Folgenden schließen sich einige Anmerkungen an, die Grundannahmen betreffen, die bei sich anschließenden Forschungsarbeiten gegebenenfalls revidiert, zumindest hinterfragt werden sollten. Sie betreffen Setzungen, die in aktueller Forschung als selbstverständlich gelten und so auch in „Gemachte Differenz“ gut in den Blick genommen werden können.

Das Problem der „Gleichheit“

„Die ‚Gleichheit‘ ist nicht nur eine kühne, sie ist auch eine schwierige Losung. Immer wieder haben sich die Konservativen – vor 200 so gut wie vor 100 Jahren und wie heute – unter Hinweis auf schädliche oder vergebliche ‚Gleichmacherei‘ gegen die ‚Gleichheit‘ als ‚gleiches Recht‘ und ‚gleiche Chance‘ gestemmt. Daß die Individuen und die Geschlechter verschieden seien, könne man überall mit Augen sehen – also müsse eine Gleichheitspolitik scheitern. Gegen diesen primitiven Vorbehalt, der an eine äußerst rohe Abart des gesunden Menschenverstands appelliert, mußten die Aufklärer, mußte auch Mary Wollstonecraft ihre ganze Beredsamkeit ins Feld führen.“ Was Barbara Sichtermann hier so plastisch für Geschlechterbetrachtungen zuspitzt, kann auch für die Auseinandersetzung mit rassistischen Theorien hilfreich sein. „Gleichheit“ wird offenbar in einer Gesellschaftsordnung, die sich als individuell und liberal versteht, als etwas Undenkbares angesehen.

So offensichtlich sind die Merkmale, die heute als different angesehen werden indes nicht. Es ist aber auch im besprochenen Band nicht korrekt, stets und kurz auf antike Gesellschaften zu verweisen, um eine gewisse Kontinuität von Ungleichbehandlungen von „Ansässigen“ und „Fremden“ zu belegen. Sicherlich kann man hier eine Kontinuität finden, wenn man sie sucht – aber man kann auch genau das Gegenteil beobachten. Stellen beispielsweise AutorInnen in „Gemachte Differenz“ heraus, dass ab der Aufklärung und auch in den neuen sich etablierenden Rassismen in biologischen und medizinischen Wissenschaften die Hautfarbe eine bedeutsame Rolle spielte, so ist auffällig, dass gerade von dieser Hautfarbe in antiken medizinischen Texten gar nicht oder wenn überhaupt, dann nur randständig in Bezug auf Lebensweise, die Rede war. Diese „Nicht-Thematisierung“ ist spannend, sollte noch einmal stärker untersucht werden und führt besonders plastisch vor Augen, dass es sich auch bei vermeintlich offensichtlichen Unterscheidungen von Menschen um gesellschaftliche Entscheidungen handelt.

Die „Gleichheit“ ist auch aus anderer Perspektive spannend und wird diesbezüglich in „Gemachte Differenz“ vergessen. So stoßen wir in dem Zitat von Barbara Sichtermann auf die für Emanzipation von Frauen streitende Mary Wollstonecraft. Wollstonecraft stritt aber auch intensiv gegen Sklaverei und gegen die Ungleichbehandlung von Menschen unterschiedlicher „Schichten“. So treten gleich mehrere übersehene Punkte des Bandes vor Augen: Eine sich liberal ausgestaltende Gesellschaft brachte in der Geschichte nicht nur Differenzbeschreibungen hervor. Vielmehr fanden sich auch zahlreiche Streitende für die „Gleichheit“ von allen Menschen (und nicht nur die „Gleichheit“ von weißen, europäischen Männern besserer Schichten). Gerade diese für die gleichen Rechte und Chancen aller Menschen Streitenden sind für heutige emanzipatorische Betrachtungen interessant. Auch ist nicht der Wissenschaft vorzuwerfen, dass sie nun an Rassismus und Sexismus „schuld sei“. Sie hat daran starken Anteil, aber gerade auch deshalb, weil sie ein Teil der Gesellschaft war und ist. So ist bei den tätigen Wissenschaftlern des 18. und 19. Jahrhunderts festzustellen, dass sie fast ausschließlich materiell besser gestellten, privilegierten Schichten entstammten. Das Gesellschaftsbild dieser Schichten war bedeutsam, und so waren eben oft auch vermeintlich vorgegebene und unabänderliche (sei es von „Gott gewollte“ oder „natürliche“) Unterschiede bedeutsam, die sie rechtmäßig auf einen privilegierten Platz in der Gesellschaft setzen würden, während andere Menschen ebenso unabänderlich einen niedrigen gesellschaftlichen Rang, schlechte Lebensbedingungen hatten und täglich gegen das Verhungern und gegen Krankheiten kämpfen mussten.

Was für das 18. bis ins 20. Jahrhundert unbedingt gilt, hat auch heute noch Relevanz: Auch heute haben in westlichen Ländern Menschen aus privilegierten Schichten ohne eigenes Zutun einen weit besseren Zugang zu Bildung und so auch zu den Wissenschaften, als es Menschen haben, die aus materiell schlecht gestellten Elternhäusern stammen. Auch die Konfrontation „religiösen Wissens“ mit der „objektiven, rationalen Wissenschaft“ ist für die Zeit seit der „Aufklärung“ nicht legitim, zumindest nicht in dem Maße wie es oft geschieht und wie es auch in „Gemachte Differenz“ nachzulesen ist.

Auch die Entgegenstellung „religiöses Wissens“ gegen „objektive, rationale Wissenschaft“ ist für die Zeit seit der „Aufklärung“ nicht legitim, zumindest nicht in dem Maße wie es oft geschieht und wie es auch aus „Gemachte Differenz“ hervorscheint. Die meisten Wissenschaftler, die im 18. und 19. Jahrhundert tätig waren, hatten eine tiefe religiöse Überzeugung. Insofern kann gerade ein Blick auf das Zusammenwirken von Religion und Wissenschaft den Blick auf die Zeit seit der europäischen Aufklärung erhellen. So musste gerade vor einem christlichen Menschenbild gerechtfertigt werden, warum Menschen in eroberten Gebieten und in Kolonien nicht als gleichberechtigte Menschen zu behandeln seien. Dass konnte auch über die – sagen wir zugespitzt – „Hilfsreligion Wissenschaft“ gelingen, mit der unüberbrückbare Differenzen behauptet werden konnten. Wie schon ausgeführt, wurde aber solchen Differenzbehauptungen von emanzipatorischer Seite entgegnet.

„Rasse“ und „Geschlecht“

Dass, was für rassistische Betrachtungen in dem besprochenen Band deutlich ausgeführt wird – dass das stete Gruppieren von Menschen entlang von Kategorien problematisch ist und an der Etablierung rassistischer Theorien in aktueller Forschung mitträgt, sollte auch für die Kategorie „Geschlecht“ angewendet werden. Querbezüge zwischen rassistischen und geschlechtlichen Differenzbeschreibungen werden im Band auch verschiedentlich hergestellt. Das ist begrüßenswert: Aktuell erfreut sich nämlich die „Gender-Medizin“ einer immer größer werdenden Beliebtheit – während ihr auch aus der Geschlechterforschung noch nicht vehement genug widersprochen wird. In dieser neuen „Gender-Medizin“ werden Differenzen zwischen „Mann“ und „Frau“ postuliert, als „natürlich“ also vorgegeben und unabänderlich ausgeführt und vor diesem Hintergrund unterschiedliche medizinische Behandlungen von „Frauen“ und „Männern“ gefordert. Die aus dem 19. Jahrhundert stammenden Differenzbeschreibungen von „Frau“ und „Mann“ werden hier fortgeführt und als anschlussfähig für emanzipatorische Geschlechterforschung beschrieben. Dass sind sie nicht: Vielmehr erscheint die „Gretchenfrage“ heute wie vor einigen hundert Jahren, ob Differenzen als „natürlich“ beschrieben werden oder ob sie als erworben (gesellschaftlich bedingt) herausgestellt werden. Es schließt sich dann die zweite wichtige Frage an: Sind Unterschiede von Menschen gruppierbar oder sind sie stets individuell (und nicht gruppierbar).

Dass Unterschiede zwischen Menschen ein Resultat der Gesellschaft sind (also nicht „natürlich“), dass sie stets individuell sind (also nicht gruppierbar) zeigt dieser Band jedenfalls eindrucksvoll für Merkmale, die in Biologie und Medizin oftmals zur rassistischen Einteilung und Herabwürdigung von Menschen genutzt wurden.

Titelbild

Gemachte Differenz. Kontinuitäten biologischer "Rasse"-Konzepte.
Herausgegeben von der AG gegen Rassismus in den Lebenswissenschaften.
Unrast Verlag, Münster 2009.
376 Seiten, 19,80 EUR.
ISBN-13: 9783897714755

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