Mentale Mobilisation

Gerd Krumeichs Band zeigt, wie der Nationalsozialismus den Ersten Weltkrieg interpretierte, um noch einmal die alten Schlachten auszufechten

Von Klaus-Jürgen Bremm

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Dass die Ideologie der Nationalsozialisten aus einer eigentümlichen Brechung kollektiver Erfahrungen des Ersten Weltkriegs hervorging, ist nicht unbedingt eine neue Erkenntnis und klingt sogar beinahe schon wie eine Binsenweisheit. Gleichwohl und vielleicht gerade deshalb hat sich die historische Forschung bisher kaum der Mühe unterzogen, die zahllosen Prägungen des nationalsozialistischen Weltbildes durch diesen Krieg, die plötzliche Niederlage Deutschlands und die Novemberevolution vom 1918 im Einzelnen zu rekonstruieren.

Für den Weltkriegsgefreiten Adolf Hitler waren der Kriegsausbruch von 1914 und die Fronterfahrung die zentralen Ereignisse seiner Biografie. Aus ihnen speiste sich das absurde politische Credo des sektiererischen Parteichefs ebenso wie das spätere Bemühen der Nationalsozialisten, die Euphorie des Augusterlebnisses als permanente Befindlichkeit der Massen zu reproduzieren. Aus den millionenfachen Verlusten des Weltkrieges, aus massenhafter Invalidität und der zermürbenden Erfahrung jahrelangen Hungers in breiten Schichten des Volkes zogen Hitler und seine Anhänger keineswegs die eigentlich nahe liegende Konsequenz, dass ein neuer Krieg gegen die Großmächte auf jeden Fall vermieden werden müsse. Auch die persönlichen Fronterlebnisse und das Überleben in Gasangriffen und Trommelfeuer nahm der Diktator nicht zum Anlass, den Krieg zu verdammen und ein für allemal als Mittel der Politik auszuschließen. Vielmehr zog er daraus die moralische Rechtfertigung, auch von der kommenden Generation vergleichbare und sogar noch größere Opfer zu verlangen. Nie wieder durfte sich, so seine zentrale Botschaft, die Schmach des Novembers 1918 wiederholen.

Hinter der Idee der Volksgemeinschaft stand fraglos, so Gerd Krumeich, Militärhistoriker an der Düsseldorfer Heinrich Heine Universität, die mythisch verklärte Schützengrabensolidarität. Stärker als jede andere politische oder militärische Organisation nach 1918 hielt daher die Partei die Erinnerung und das Gedenken an den Weltkrieg am Leben und setzte sich dabei auch gegen konkurrierende Verbände wie etwa den Stahlhelm durch.

Wie nun Hitler und der Nationalsozialismus die Ereignisse des Ersten Weltkrieges in ihrem kruden Weltbild transformierten und instrumentalisierten, war Thema einer Tagung, die im März 2009 an der Universität Düsseldorf statt gefunden hat und deren begleitender Band nunmehr vorliegt. Die darin versammelten 25 Autoren widmen sich aus drei Perspektiven der leitenden Frage, wie sich die Erfahrungen von Krieg und Niederlage konkret auf die verschiedenen Ansatzpunkte nationalsozialistischer Politik ausgewirkt haben.

Der erste Hauptabschnitt des Bandes erörtert, auf welchen Feldern die nationalsozialistische Propaganda die mentale Mobilmachung einer durch Krieg und Niederlage traumatisierten Nation zu betreiben versuchte. In einzelnen Beiträgen befassen sich die Autoren unter anderem mit dem nationalsozialistischen Bild des Krieges in Hitlers Reden sowie in der Propaganda von Joseph Goebbels, der selbst noch die vernichtenden Niederlagen der letzten Kriegsjahre im Hinblick auf 1918 zu Prüfsteinen der Bewährung stilisierte. Ein Schwerpunkt bildet in diesem Abschnitt die filmische Weltkriegsinszenierung im Nationalsozialismus mit den beiden Propagandaproduktionen „Stoßtrupp 1917“ und „Unternehmen Michael“.

Nicht Tod, Verstümmlung und Verstörung waren darin die großen Themen, sondern die kämpferische Bewährung, welche die Sinnlosigkeit des Massenschlachtens völlig in den Hintergrund treten ließ. Ganz nebenbei schufen sie damit auch, wie der Filmhistoriker Rainer Rother herausarbeiten kann, den Gründungsmythos der Partei, deren Protoanhänger sich angeblich schon als unerschütterliche Stoßtruppkämpfer in den „Stahlgewittern“ des Ersten Weltkrieges bewährt hatten.

Im zweiten Abschnitt des Bands geht es dann um die nationalsozialistischen Strategien zur Gewinnung der Deutungshoheit des Weltkriegsgeschehens gegenüber anderen Gruppierungen der Kriegsgeneration, wie etwa den Soldatenverbänden, den Kriegsinvaliden oder auch der Generation jener jungen Offiziere, die später als Hitlers Heerführer an der Spitze ihrer Armeekorps und Heeresgruppen den nationalsozialistischen Eroberungskrieg führten. Der Münchner Historiker Johannes Hürter kann hierbei aufzeigen, dass jedoch gerade die Militärelite des „Dritten Reiches“ den Ersten Weltkrieg in einem völlig anderen Erfahrungskontext verarbeitete als der Frontkämpfer Adolf Hitler. Es waren dann auch mehr das erschütternde Erlebnis von Revolution und Umsturz sowie ihre politische Frontstellung gegen den Bolschewismus, die gerade diese Gruppe, abgesehen von ihren Karriereambitionen, unter die Fahnen des nationalsozialistischen Staates brachten.

Im letzten Teil geht es um die strategischen Lehren, welche die Partei, aber auch die Eliten in Militär und Wirtschaft aus der nie akzeptierten Niederlage von 1918 ziehen zu können glaubte. Zu ihren wesentlichen Ursachen zählten die Nationalsozialisten vor allem die Allgegenwärtigkeit der alliierten Propaganda, die angeblich den Durchhaltewillen der Deutschen entscheidend untergraben habe. Schon der erste Abschnitt hatte gezeigt, wie sehr Hitler und der Nationalsozialismus vor allem mentale Faktoren zur Erklärung des deutschen Scheiterns im Ersten Weltkrieg heranzogen. Nicht die erdrückende numerische und materielle Überlegenheit der Alliierten habe somit im Herbst 1918 zum Zusammenbruch des Kaiserreiches geführt, sondern der jüdisch-bolschewistische Umsturz im Reich und der mangelnde Widerstandswille an der so genannten Heimatfront.

Die Propaganda gegen Juden und Bolschewisten waren dann auch die von den Nationalsozialisten am konsequentesten betriebenen Politikfelder. Dagegen wurden die strategischen Ursachen der Niederlage von 1918 und vor allem Fragen der Rüstungspolitik nie mit letzter Konsequenz aufgearbeitet. Erneut scheiterte die Reichsführung – anders als die westlichen Demokratien – an der Aufgabe, die eigene Wirtschaft mit Blick auf die Kriegsanforderungen effektiv zu kontrollieren. Dass es bis in die Endphase des Zweiten Weltkrieges nicht zu dramatischen Versorgungsengpässen wie 1914-18 kam, lag nach Ansicht des Berliner Wirtschaftshistorikers Kim Christian Priemel nicht an einer vermeintlich besseren Vorbereitung, sondern allein an der rücksichtslosen Ausbeutung der besetzten Gebiete und ihrer Bevölkerung.

Gerade in diesem dritten Abschnitt des Bandes, der mit „Lektionen des Krieges“ überschrieben ist, wird klar, dass Hitler und die Eliten des „Dritten Reiches“ den Krieg von 1914 noch einmal, allerdings unter anderen Vorzeichen, führen wollten. Nicht die Konzepte und Kriegsziele seien falsch gewesen, sondern allein der fehlende Wille, sie wirklich durchzusetzen. Erneut setzten der Diktator und seine Generalität im Bewusstsein, dass ein längerer Konflikt gegen eine Koalition der europäischen Großmächte nicht durchzustehen sei, auf die Karte der schnellen Kriegsentscheidung. Als der erhoffte rasche Sieg jedoch durch den fortgesetzten Widerstand der Briten im Spätsommer 1940 in weite Ferne rückte, beschritt Hitler die gleichen Wege wie schon die deutsche Heeresleitung im Frühjahr 1918 und versuchte, durch Eroberungen im Osten die fehlende ökonomische Grundlage zu improvisieren.

Es war somit auch die Befangenheit der nationalsozialistischen Kriegsführung in den Vorstellungen des Ersten Weltkrieges, die 1939-45 andere und möglicherweise erfolgreichere Kriegsstrategien verhinderte. Die wirklichen Defizite des Reiches, seine zentrale geografische Lage sowie der Mangel an starken Bündnispartnern, aber auch die chaotisch ablaufenden Entscheidungsprozesse auf höchster Ebene vermochten Hitler und seine Paladine trotz aller vermeintlichen Einsichten im Detail nie auszugleichen.

Der beim Essener Klartext Verlag erschienene Sammelband bietet eine breite und zweckmäßig gegliederte Auswahl von Themen, in der sämtliche wichtigen Felder nationalsozialistischer Politik durch ihre mentalen Verwurzelung im Ersten Weltkrieg gedeutet werden. Der so gewählte Ansatz erweist sich als außerordentlich fruchtbar und erhärtet noch einmal die wiederholt in der Forschung vertretene Auffassung, dass gerade die Parole: „Nie wieder 1918!“ den Kern der nationalsozialistischen Ideologie ausmachte. Erfreulich ist auch, dass die meisten Beiträge sich nicht darauf beschränken, nur Forschungsprogramme zu skizzieren, sondern inhaltlich fundiert konzise Zusammenfassungen des jeweils schon vorliegenden Kenntnisstandes präsentieren. Damit ist die Publikation auch für Nichtfachleute interessant und kann ohne Einschränkungen zur Lektüre empfohlen werden.

Titelbild

Gerd Krumeich (Hg.): Nationalsozialismus und Erster Weltkrieg.
Klartext Verlagsgesellschaft, Essen 2010.
416 Seiten, 29,95 EUR.
ISBN-13: 9783837501957

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