Solange Dir, mein Freund, im Sinn liegt Ort und Zeit…

Mit dem Metzler-Handbuch „Raum“ ist Stephan Günzel ein fundiertes Überblickswerk gelungen, das Systematik und Orientierung bei gleichzeitiger Perspektivenvielfalt bietet

Von Julia Ilgner

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„… so faßt du nicht“, ist man versucht zu ergänzen angesichts des thematisch weiten Feldes, das der von Stephan Günzel herausgegebene Band „Raum. Ein interdisziplinäres Handbuch“ öffnet. Die Vielzahl der „Raumkehren“, die seit den 1990er-Jahren vor allem die Kulturwissenschaften als spatial turn, topographical turn, topological turn oder geographical turn durchzogen haben, sind Anlass genug für eine systematisierende Bilanz.

Dass diese nicht als Einzelunternehmung, sondern allein im Forschungskollektiv zu leisten ist, liegt in der Natur der Sache: „Raum“ wird als universelles Konzept, als hermeneutischer Grundbegriff des traditionellen Fächerkanons verstanden, der mithin distinktiv perspektiviert und im jeweiligen Kontext genuin bestimmt werden muss. Entsprechend hat Stephan Günzel, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Künste und Medien der Universität Potsdam und selbst im transdisziplinären Spagat geübt (ein Habilitationsprojekt über die Bildräumlichkeit von Computerspielen sowie Forschungen zu Themen der Ästhetik, Medientheorie, Philosophie und Wissensgeschichte wären zu nennen), renommierte Beiträgerinnen und Beiträger fachlich unterschiedlicher Provenienz gewonnen.

So führt die Sozial- und Wirtschaftshistorikerin Ute Schneider anhand von Kartografie und Geodäsie in die Geschichte der Geowissenschaften ein, verhandelt Markus Schroer das Phänomen der Verräumlichung aus soziologischer Sicht und zeichnet Michaela Ott, Professorin für Ästhetische Theorien, raumtheoretische Grundlagen der bildenden und darstellenden Künste nach. Dabei löst das Zusammenspiel von Geologen, Historikern, Soziologen, Ethnologen, Philosophen, Philologen und Kunstwissenschaftler ein, was die verlegerische Konzeption vorsieht: Die unter dem Titel „Interdisziplinäre Handbücher“ geführte junge Reihe des Metzler Verlags sucht einen dezidiert fächerübergreifenden Zugang zu Leitthemen der abendländischen Geschichte wie „Glück“, „Tod und Sterben“, „Gedächtnis und Erinnerung“. Sie verfolgt Fragestellungen, die für mehrere Disziplinen relevant sind, ohne sich in Details zu verlieren, sucht den Sachgegenstand zu historisieren und ist gleichzeitig um eine Festschreibung des Forschungsstands bemüht.

Dass dem „Handbuch Raum“ nicht allein an einer Sicherung des forschungsgeschichtlichen status quo gelegen ist, indiziert die konzeptionelle Anlage des Projekts. Diese sind gemäß Vorwort doppelter Natur: Neben einer bewusst reduktionistischen Dokumentation der Geschichte des spatial turn als interdisziplinärem Paradigmenwechsel stehen die sich daraus ergebenden Forschungsperspektiven der einzelnen Fächer im Zentrum. Damit leistet der Band in der Rückschau einerseits einen Beitrag zur jüngeren Wissenschaftsgeschichte, indem er die Raumkehren der jeweiligen Disziplinen annäherungsweise segmentiert; zum anderen unterzieht er den gegenwärtigen Forschungsstand einer Analyse, problematisiert bestehende Positionen und weist auf methodisch-theoretisch Unvollendetes hin.

Strukturell erfolgt dies in einem Dreischritt, der sowohl die linear-durchgängige Lektüre als auch den sequenziellen Zugriff erlaubt. Auf ein Einführungskapitel, das propädeutisch die „Grundlagen“ der drei Bereiche Naturwissenschaften, Geowissenschaften und Bildende beziehungsweise darstellende Künste erläutert, folgt unter dem Titel der „Raumkehren“ die deskriptive Erfassung und Abgrenzung der einzelnen Wenden, wobei die Scheidung des spatial turn vom häufig analog geführten topographical turn von wohltuender Präzision und Verständlichkeit und damit eigens hervorzuheben ist.

Schließlich präsentiert das dritte Kapitel, das auch begrifflich Offenheit suggeriert, ein Panorama konkurrierender Raum-Konzeptionen. Insgesamt 14 fachlich divergierende Ansätze werden unter der Sektion „Themen und Perspektiven“ gebündelt und – unter gemeinsamer Bezugnahme auf die einführenden Grundlagen – der historische Raum vom politischen, sozialen, kognitiven oder poetischen separiert. Überzeugend mutet dabei insbesondere die Anschlussfähigkeit der Raumtheorie an bereits bestehende, elaborierte Wissenschaftstheorien an, etwas im Falle des „archivalischen Orts“ im kulturellen Gedächtnis, der an Auffassungen Maurice Halbwachs’, Pierre Noras oder Jan Assmanns anknüpft. Ein Appendix, einschließlich einer umfassenden, gut recherchierten Bibliografie, die auch die internationale Forschung berücksichtigt, beschließt den Band. Hilfreich sind fernerhin die regelmäßigen Literaturhinweise im Fließtext sowie die Erfassung zentraler Titel im Anschluss an die einzelnen Kapitel, die sich dank der Gesamtbibliographie leicht auflösen lassen.

Die kooperative Anlage des Bandes als Gemeinschaftswerk hat allerdings zur Folge, dass die Themenblöcke in ihrer Darstellung divergieren. Auch inhaltliche Überschneidungen und terminologische Varietäten ließen sich nicht ganz vermeiden, sind jedoch angesichts der enormen Informationsdichte, dem durchgängig hohen Sachniveau und dem daraus entstandenen Nutzungswert verzeihlich. Auch sprachlich präsentieren die Artikel einen weitgehend dem Sujet angemessenen Stil, den ein umsichtiges Lektorat angeglichen hat. Analog dazu verhält es sich mit den zu vermittelnden Inhalten und, was sich als prekärer erweist, den Voraussetzungen derselben.

Der Gegenstand bringt es mit sich, dass bereits im Einführungskapitel Explikationen und Bedeutungszuschreibungen vorgenommen werden, die auf Wissenshorizonte eines (postmodernen, oder besser: poststrukturalistischen) Lesers aus universitärem Kontext rekurrieren. In der Konsequenz ist das Handbuch damit für Studienanfänger, die der Metzler Verlag traditionell immer auch im Blick hat, lediglich bedingt geeignet. Oftmals sind geistes- sowie ideengeschichtliche und immer wieder auch philosophische Vorkenntnisse vonnöten, wenn beispielsweise mit Blick auf Kant konstatiert wird, dass sich „die Interpretation vom euklidischen Raum als Apriori der Anschauung“ durchgesetzt habe, oder, der hypertrophen Toposwelt der Strukturalisten eingedenk, wie selbstverständlich Michael Foucaults „Heterotopie“ oder Michail Bachtins „Chronotopoi“ vorausgesetzt werden. Regelmäßige Vor- und Rückverweise, vor allem jedoch ein Glossar, das die wesentlichen Grundbegriffe zum Thema (wie „Perspektive“, „Raumzeit“, „Topographie“, „Performativität“) im Anhang konzis und bündig erklärt, wäre wünschenswert.

Dem theoretisch zuweilen verunsicherten Leser sei daher das „Lexikon der Literatur- und Kulturtheorie“ aus demselben Hause zur Parallellektüre anempfohlen. Schließlich hat die inventarisierenden Begriffs- und Informationsfülle doch auch Ihr Gutes. So kann sich der Benutzer, wie selten sonst, sicher sein, ein hinreichend zeitgemäßes Nachschlagewerk zur Hand zu haben. Indem jüngere wie jüngste Ansätze, wie die Arbeiten des Konstanzer Historikers Karl Schlögel oder der Soziologin Martina Löw Berücksichtigung finden, wird Orientierung auf der Höhe der Forschung geboten, was mit der Erstauflage von Anfang 2010 derzeit uneingeschränkt gewährleistet ist.

Um diese Nutzbarkeit auch künftig zu garantieren, wird freilich eine regelmäßige Aktualisierung, spätestens alle vier bis fünf Jahre, erforderlich sein, die sich nicht nur auf eine Ergänzung der bibliografischen Angaben beschränkt. Der Gefahr einer hermetischen Gesamtschau, die dem Anspruch auf summarischen Überblick zwangsläufig innewohnt, wird versucht, durch ergänzende Unterkapitel zu entgehen. In den Abschnitten „Offene Fragen und Kontroversen“ sensibilisieren die Fachautoren dafür, dass auch im Theoriekosmos der Wissenschaft nicht alle Maximen passgenau aufgehen, sondern dass folgelogische Brüche, theoretische Unvereinbarkeiten und ungelöste Fragen mitunter bestehen bleiben, vielmehr bleiben müssen, sofern es Impulse für eine weiterführende Beschäftigung mit der Materie geben soll.

Bilanzierend ist festzuhalten, dass unter der Federführung Stephan Günzels ein hochgradig ambitioniertes, thematisch innovatives und inhaltlich informatives wie reflektiertes Vademekum entstanden ist. Dass der Akzent des Titels dabei, wie man monieren könnte, ein dezidiert kulturwissenschaftlicher ist und mithin für einen primär naturwissenschaftlichen beziehungsweise materialorientierten Zugang nur bedingt von Nutzen, kommt dem Dialog der beteiligten Disziplinen zugute, deren Bezugsrahmen und Referenzen noch annährend vergleichbar sind. Auch ist dies letztlich dem Adressatenkreis des Metzler Verlags geschuldet, der sich bevorzugt an eine geisteswissenschaftliche Leserschaft richtet. Allein die sperrige, weil nicht konsequent voraussetzungsfreie Ausrichtung wird dem Studienanfänger die Lektüre des Handbuchs mitunter verleiden. Doch auch dafür mag Metzler künftig Sorge tragen, sind doch Einführungen ein fest etabliertes Metier im Verlagsprogramm.

Titelbild

Stephan Günzel (Hg.): Raum. Ein interdisziplinäres Handbuch.
J. B. Metzler Verlag, Stuttgart 2010.
372 Seiten, 64,95 EUR.
ISBN-13: 9783476023025

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