Stoffreiches Kompendium

Über Hans Ulrich Recks „Traum Enyzklopädie“

Von Waldemar FrommRSS-Newsfeed neuer Artikel von Waldemar Fromm

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

An der vorliegenden „Traum Enzyklopädie“ muss man zunächst den Versuch eines einzelnen Wissenschaftlers bewundern, über Fächergrenzen und Fachkulturen hinweg eine derart umfassende Darstellung anzustreben. Der Autor Hans Ulrich Reck bedankt sich im Vorwort bei nicht wenigen Kollegen für die Unterstützung, beschreibt, an welcher Stelle wer hilfreich zur Seite gestanden hat, legt redlich die Bedingungen offen, unter denen das Buch entstanden ist, und erwähnt, was nicht aufgenommen werden konnte. Er verwebt das Buch intermedial mit Audiolectures, die man im Internet abrufen kann, und sorgt hinreichend dafür, dem Leser einleitend die Grenzen des Ansatzes kenntlich zu machen.

Die Breite der Darstellung zeigt zugleich ein Problem auf. Auch Kulturwissenschaftler stoßen – auch wenn sie interdisziplinär arbeiten – an Grenzen. Es wirken Vergangenheiten und Gegenwart, Sprach- und Kulturbarrieren, Sympathien für und Antipathien gegen bestimmte methodische Ansätze, ein durch die Biografie geprägter Lektürekanon und vieles mehr. Das bemerkt man bei der Darstellung naturwissenschaftlicher Ansätze, deren methodisches Vorgehen und insbesondere deren methodische Probleme nicht konstruktiv in den Blick genommen werden. Die Schelte an empirisch arbeitenden Disziplinen ist nicht neu, dafür aber fehlt ihr die produktive Seite mit Aussagen zu besseren Untersuchungsmethoden und -designs.

Das Versprechen auf der Website des Autors: „Alles, was Sie über den Traum wissen müssen. Eine einzigartige Enzyklopädie“ muss nicht eingelöst sein, denn die „Traum Enzyklopädie“ ist auch diesseits davon ein stoffreiches Kompendium mit interessanten Perspektiven auf die Gegenstände nicht nur aus philosophischer, kunstwissenschaftlicher, komparatistischer, ethnologischer, psychologischer, medizinischer oder gehirnphysiologischer Sicht. Dem Leser sei geraten, die Publikation als ein über 400seitiges Wörterbuch zu lesen, dem eine über 300seitige Problematisierung des Gegenstandes vorhergeht. Und wie es bei einbändigen Wörterbüchern die Regel ist: Sie definieren sich auch über blinde Flecken, weiße Flächen, unbetretenes Gelände.

Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht bei Reck eine Ästhetik des Traums. Er fokussiert auf die Fähigkeit des Menschen, Bilder zu generieren. Aus der Sicht der historischen Anthropologie beschäftigt er sich mit mentalen Bildern (sensu Piaget), Visionen, Tagträumen, Halluzinationen, Bildern in Kunst, Film und Literaur. Um die Ästhetik zu erkunden, wird das Feld des Onirischen insgesamt geöffnet. In dieser breiten Anlage ist die Enzyklopädie ein Versuch, das Träumen über Freuds Traumtheorie hinaus als eine ästhetische Fähigkeit des Menschen zu verstehen und sie diskursanalytisch einzuholen.

Die referierten Forschungsperspektiven und -ergebnisse werden mehr oder weniger eng auf den ästhetischen Aspekt bezogen. Dabei kollidieren zwei Absichten: Faktenwissen mitzuteilen und in dieses Wissen hinein eine eigene Traumtheorie einzuschreiben, die nicht von der Integrität des Subjekts ausgeht, sondern das Subjekt als einen hermeneutischen Effekt, wie zum Beispiel die Psychoanalyse, versteht. Mit Blick auf die Forschungsliteratur ließe sich sagen, Reck greife Elisabeth Lenks Buch „Die unbewußte Gesellschaft“ aus dem Jahr 1983, indem das Onirische als poetisches Vermögen beschrieben wurde, mit medientheoretischen Ansätzen auf. Vor allem die These, der Traum sei Form, ist von Lenk übernommen und wird auf mentale Bilder angewandt. Auch der Gedanke, das Traumvermögen sei autosymbolisch und autopoetisch, findet sich bei Lenk. Der Traum ist für Reck epiphänomenal. In der medientheoretischen Erweiterung wird der Traum zu einer „Residualkategorie“, der auch einer technischen Modellierung unterliegt.

Eine Ästhetik des Traums über Freud hinaus zu entwerfen wird bei Reck mit der Geschichte des Bildes verbunden. Kunst und Film sind mithin paradigmatische Gebiete des Traums. Gesucht wird eine Epistemologie des Bildes, die über Freuds „Bilderfeindlichkeit“ hinaus die Eigenständigkeit auch der mentalen Bilder vor allen Versprachlichungen behauptet. Die Absicht des Autors ist jedoch in Gefahr, vom Vorgehen her unterlaufen zu werden. In der Konzentration auf das Bild wird die Frage zurückgestellt, wie wichtig Sprache für das Denken ist. Der Aufwertung einer bildlichen Erkenntnisweise droht durch die Umgehung semantischer Aspekte konzeptionell ein Nischendasein als Restkategorie, als verwirrende Größe der Rationalität. Eine solche unterschwellige Umkehrung des Erkenntnisinteresses ließe sich auch in Recks Versuch nachzeichnen, Typen mentaler Bilder aufeinander zu beziehen und sie wie Geschwister einer produktiven Einbildungskraft zu behandeln. Die Onirik untergräbt potentiell die Differenz etwa zwischen Halluzination und Traumbild (man könnte auch sagen: zwischen Psychose und potentieller Neurose). Die Verwandtschaft eidetischer Bilder mit Halluzinationen oder gar Kinobildern wird heuristisch angenommen, jedoch nicht plausibel belegt.

Reck beobachtet solche Probleme des methodischen Vorgehens und bindet die kritische Reflexion der Reichweite nicht nur seines Ansatzes immer wieder ein. Es sind dies die vielleicht stärksten Passagen des Buches, wenn das Motto „alles, was man über den Traum wissen muss“ in den methodologischen Zweifel des „alles, was man nicht wissen kann“ umschlägt. Zwei Beispiele können im Detail anzeigen, was damit gemeint ist: An der Schnittstelle zwischen neurophysiologischer und kulturwissenschaftlicher Forschung stellt Reck den wiederholten Einsatz von Metaphern und Analogien zur Erklärung empirischer Forschungsergebnisse fest. Seine Kritik des naiven Einsatzes solcher forschungsleitender Metaphern in den Naturwissenschaften bleibt sich bewusst, wie wenig sie an die Stelle der Metapher setzen kann. Die Auslotung der Grenze metaphorischer Erkenntnisweisen bringt die Stärken kulturwissenschaftlicher Ansätze zur Geltung. Mithin sind solche Metaphern nur bis zu einem bestimmten Punkt erkenntnisleitend, dann aber ist mehr Erkenntnisgewinn zu erwarten, wenn man sie wieder verlässt. Ein zweites Beispiel: Für Reck ist das Kino „die gegenständlich gewordene Funktion des Träumens“. In den lexikalischen Einträgen aber wird daneben die Frage vertieft, ob aus einer Analogie zwischen Kino und Traum eine Strukturanalogie abgeleitet werden kann.

Ein weiterer Schwerpunkt der „Traum Enzyklopädie“ liegt auf der Darstellung der historischen Entwicklung des Traumdenkens. Da die geschichtliche Perspektive der systematischen insbesondere bei alten oder älteren Ansätzen entgegen steht, subsumieren die Einträge von der Antike bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts möglichst viele Phänomene unter ein Stichwort. So findet der Leser Ansätze der Spätaufklärung unter dem Lemma „Romantik“, in systematischer Hinsicht aber ein eigenes zu Descartes. Diese Überschneidung von raffender geschichtlicher Darstellung und theoretischem Interesse wird erst für die Zeit des 20. Jahrhunderts aufgegeben. Für diese Zeit finden sich Einträge zu einzelnen Philosophen, Autoren, Künstlern oder Regisseuren sowie Diskursen, die jeweils als Material für Recks Traumtheorie gelten können. Zwischen den vorhandenen Einträgen ließe sich leicht auf Lücken hinweisen, insbesondere wenn man bis zum Einzelfall ausdifferenziert. Angesichts des Umfangs des Bandes würde sich eine Kritik allerdings schnell in Haarspalterei verlieren. Reck kennt die Lücken wohl. Wie sehr die „Traum Enzyklopädie“ als „work in progress“ zu verstehen ist, zeigt der Eintrag „Formale Gliederungen“, in dem der Autor den Zusammenhang onirischer Phänomene in Listen wiedergibt, die unkommentiert bleiben und ohne Hinweise, ob und wo sie in der Enzyklopädie abgearbeitet werden.

So bleiben es nicht mehr als Marginalien, wenn man sich eine prägnantere Einordnung der Traumvorstellungen in die Wissensbereiche der jeweiligen Zeitalter und differenziertere historische Detailanalysen wünschen würde, weniger Überschneidungen und nur ein Literaturverzeichnis.

Titelbild

Hans Ulrich Reck: Traum Enzyklopädie.
Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2010.
760 Seiten, 39,90 EUR.
ISBN-13: 9783770543960

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