Von der DDR zur Lesbian Nation

Ulla Wischermann, Susanne Rauscher und Ute Gerhard legen den zweiten Band mit Quellentexten von Klassikerinnen feministischer Theorie vor

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Vor gerade mal zwei Jahren erschien der erste einer auf drei Bände konzipierten Reihe mit Texten von „Klassikerinnen feministischer Theorie“. Er deckt den Zeitraum von 1789 bis 1919 ab. Nun liegt bereits der Folgeband vor. Er bietet feministische Quellentexte aus den Jahren 1920 bis 1985, umfasst also den Zeitraum vom trotz aller Kämpfe mit dem Ende des Kaiserreiches und der Ausrufung der Republik den Frauen doch eher in den Schoß gefallenen als errungenen Stimmrecht bis zur ausklingenden zweiten Welle der Frauenbewegung.

Auch mit dem vorliegenden zweiten Band wollten die Herausgeberinnen Ulla Wischermann und Ute Gerhard, denen sich diesmal nicht Petra Pomeranze, sondern Susanne Rauscher beigesellt hat, nicht etwa anhand der Quellen „die Geschichte der Frauenbewegung erzählen“, sondern die oftmals durchaus auch heute noch aktuellen „Diskurse, Debatten und Theorien“ aus dem einschlägigen Zeitraum anhand „klassisch gewordener Texte“ vorstellen und somit „Studierende und Interessierte an feministische Theorien heranführen“. Als „klassisch geworden“ gelten ihnen Texte, „in denen Gedanken geäußert wurden, die zentrale Probleme der Frauen in der Gesellschaft auf überzeugende Weise aufgegriffen haben und sie als wissenschaftliche und politische Fehlstellen zu behandeln wussten“.

Der vorliegende Band ist in neun Abschnitte unterteilt, deren erster – der allerdings nicht, wie in der Einleitung mehrfach gesagt, unter dem Titel „Brückenzeit“ firmiert, sondern vielleicht ein wenig schlichter „Zwischen altem und neuem Feminismus“ heißt – Texte einiger feministischer Theoretikerinnen in der historischen Abfolge ihres Wirkens vorstellt, gezwungenermaßen oft nur auszugsweise. Darunter Virginia Woolfs „Ein Zimmer für sich allein“ (1929), einige Passagen aus Simone de Beauvoirs monumentalem Werk „Das andere Geschlecht“ (1949) und Betty Friedans „Der Weiblichkeitswahn“ (1963). Die anschließenden acht Kapitel stehen unter thematischen Schwerpunkten wie „Sexualpolitik“ (darin Sulamith Firestones „Frauenbefreiung und sexuelle Revolution“ von 1970), „Sozialismus – Feminismus“ (mit Juliet Mitchells „Frauenbewegung – Frauenbefreiung“ aus dem Jahr 1971), „Lesbischer Feminismus“ (mit Abschnitten aus dem 1973 auf deutsch erschienen Buch „Nationalität Lesbisch“ der jüngst verstorbenen amerikanischen Feministin Jill Johnston) „Differenzfeminismus“ (mit Texten von Luce Irigaray, Carol Gilligan und der Philosophinnengruppe Diotima). Die letzten beiden Abschnitte des Bandes werfen einen „feministischen Blick auf die Literatur“ und noch einmal einen gesonderten auf den „literarischen Feminismus in der DDR“. Wie bereits im Vorgängerband ist jedem der neun Abschnitte eine erläuternde Einführung vorangestellt, die den Zugang zu den Quellen erleichtert.

Angesichts der gelungen Bände I und II ist die Vorfreude auf den noch ausstehenden dritten Band berechtigt. Möge er nicht allzu lange auf sich warten lassen.

Titelbild

Ute Gerhard / Ulla Wischermann / Susanne Rauscher (Hg.): Klassikerinnen feministischer Theorie. Grundlagentexte Band 2 (1920-1985).
Ulrike Helmer Verlag, Sulzbach (Taunus) 2010.
351 Seiten, 29,95 EUR.
ISBN-13: 9783897413009

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