Vielseitiges Grauen

Laurie Ruth Johnson erzählt in „Aesthetic Anxiety“ eine Kulturgeschichte des Unheimlichen

Von Jutta LadwigRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jutta Ladwig

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Das 19. Jahrhundert war geprägt von gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Veränderungen, die nicht nur positiv aufgenommen wurden. Gegensätze trafen aufeinander: Der Rationalität der Aufklärung wurde die verklärende Schwärmerei der Romantik entgegengesetzt, diese hingegen traf auf den rapiden technologischen Fortschritt der Moderne. Dies spiegelte sich auch in philosophischen Diskursen wie unter anderem über Ästhetik, das Sublime und die Spiritualität wider, welche sich auf das gesellschaftliche und kulturelle Bild dieser Zeit auswirkten.

Besonders die deutsche Romantik, so Laurie Ruth Johnson, Professorin der Germanistik und vergleichenden Literaturwissenschaft an der Universität Illinois, hatte großen Einfluss auf Philosophie, Literatur und Ästhetik. Als Gegenbewegung zur Aufklärung versuchte die Romantik das Rationale, den Fortschritt und das Moderne zu unterdrücken. Die ersten Dampfzüge oder auch Dampfschiffe erleichterten zwar das Reisen, in Fabriken wurden dampfbetriebene Maschinen eingesetzt – doch den Menschen fiel es schwer, sich mit diesen Entwicklungen zu arrangieren. Sie reagierten mit Skepsis und Angst vor dem Unbekannten. So entstand ein Konflikt zwischen Fortschritt und Rückständigkeit, der in der Literatur Ausdruck in Motiven wie der Hysterie oder der Nervosität Ausdruck findet.

Da eine allgemeine Terminierung für psychologische Aufzeichnungen noch nicht existierte, orientierten sich Psychologen an literarischen Autoren. Ihre Aufsätze über Geisteskrankheiten und mentale Störungen weisen strukturelle Parallelen zu Abhandlungen über Ästhetik und anderen philosophischen Diskursen auf. Daher ist es nicht verwunderlich, dass medizinische Aufzeichnungen aus dem späten 18. und 19. Jahrhundert literarischen Texten ähneln, wie die von Johnson vorgestellten Fallstudien aus Karl Philipp Moritz’ „Magazin zur Erfahrungsseelenkunde als ein Lesebuch für Gelehrte und Ungelehrte“ (1783 – 1793) belegen.

Mentale Störungen, Hysterie, Nervosität und Ohnmachtsanfälle – in Moritz’ Fallstudien sind das keine Einzelfälle. Doch was sagen diese Beobachtungen der „Seelenzeichenkunde“, wie es in diesen Texten heißt, über den Geisteszustand oder gar das Unterbewusste des Patienten aus? Hier bringt die Autorin Sigmund Freuds Theorien des Unheimlichen ins Spiel. Der Begründer der Psychoanalyse stellte in seinem Aufsatz „Das Unheimliche“ von 1919 die Theorie auf, dass sich infantil Verdrängtes mit dem Gefühl des Unheimlichen äußert oder durch eine Krankheit hervorbricht. Er belegt dies anhand E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“. Diese erschien 1817 in Hoffmanns „Nachtstücken“, mehr als 100 Jahre bevor Freud sich der Untersuchung des menschlichen Unbewussten widmete.

Johnson beobachtet, dass bereits auch in Texten des späten 18. Jahrhunderts und bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein das Unheimliche als wiederkehrendes Symptom des Verdrängten, im Gewand von „sick moments“, hervortritt. In „Aesthetic Anxiety. Uncanny Symptoms in German Literature and Culture“ untersucht sie ausgewählte Texte von Immanuel Kant bis Rainer Maria Rilke auf unheimliche Wiederholungen („uncanny repetition“) oder körperliche und geistige Symptome, die sich auf eine grauenerregende Beklemmung zurückführen lassen. Dabei geht Johnson stets von Freuds Theorien aus und berücksichtigt dabei die zeitgenössische Psychologie und Philosophie.

Eine „philosophische Psychologie“ stellt Johnson in Kants „Träume eines Geistersehers“ und Friedrich Schellings „Clara“ fest. Beide Werke bringen nicht nur Themen, denen sie bereits in ihren philosophischen Schriften nachgingen zur Sprache, sondern widmen sich auch dem Okkulten, wie Geistererscheinungen oder Hypnose. Dass okkulte Elemente in der empirischen Psychologie und Medizin berücksichtigt werden, ist nicht verwunderlich, ging man doch zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch davon aus, dass mit Magnetismus oder Hypnose mentale Störungen behoben werden konnten, wie zum Beispiel Hysterie – eine Krankheit, von der größtenteils Frauen betroffen waren. Das meinte jedenfalls die zeitgenössische Medizin. In „Geheimbundromanen“ wie Friedrich Schillers „Die Geisterseher“ und Ludwig Tiecks „William Lovell“ sind es jedoch gerade die Männer, die hysterisch gebärden, erläutert Johnson.

Verstärkte psychologische Auswirkungen des rapiden technologischen und industriellen Fortschritts, deckt Johnson als unheimliche Symptome in Werken Hoffmanns („Der Sandmann“) und Heinrich von Kleists („Die Familie Schroffenstein“) auf. Die oft phantastische Mischung von Technologie, Spirituellem und Blutsverwandtschaft wie, zum Beispiel ein gestörtes Vater- Sohn-Verhältnis repräsentieren eine unheimliche Beklemmung, die den Leser in einem Bewusstsein von Entfremdung und Verlust einfängt. Belebte Puppen, Geistertererscheinungen oder das immer wiederkehrende Auftauchen einer geliebten oder gefürchteten Person, sind nur einige Beispiele für eine wiederholte unheimliche Beklemmung. Doch auch Liebe, Tod und Verlust können diese Gefühle hervorrufen. Hinzu kommen Instabilität und Unzuverlässigkeit des Gedächtnisses. Auch Ereignisse, die einem zwar grob präsent sind, an die man sich jedoch nur verschwommen oder lückenhaft erinnern kann, lösen ein unbehagliches Gefühl aus, wie Johnson anhand von Fritz Langs Film „Metropolis“ oder der „Traumnovelle“ von Arthur Schnitzler aufzeigt, um das Unheimliche in der Literatur und dem Film des beginnenden 20. Jahrhunderts darzustellen.

Das Unheimliche zeigt sich vielseitig. Johnson nimmt den Leser mit auf eine heuristische Reise durch das 19. Jahrhundert auf den Spuren des Unheimlichen, bevor Sigmund Freud seine Theorien zu Blatt brachte. Die ausgewählten Texte stellt sie ausführlich vor und analysiert sie vor dem Hintergrund zeitgenössischer literarischer und philosophischer Diskurse, um eine Kultur- und Literaturgeschichte des Unheimlichen zu schreiben.

Die von ihr ausgewählten Texte von Kant bis Rilke stellt sie ausführlich vor, so dass der Leser ihren Ausführungen mühelos folgen kann. Mit zahlreichen Zitaten und akribischer Textarbeit festigt sie ihre Argumente und legt ihre Ergebnisse verständlich dar.

Johnson präsentiert fundiert und spannend ästhetische Konzepte der Aufklärung und Romantik, geht der Frage nach, warum das Okkulte einst Bestandteil der empirischen Medizin war und wie stark Literatur mit der frühen Entwicklung von Psychologie und Psychiatrie verbunden ist. So zeichnet die Autorin auch ein faszinierendes Kulturgemälde der Gesellschaft von 1780-1930, welches ihre Thesen und Erläuterungen sowohl ergänzt als auch zusätzlich nachvollziehbar macht.

Allerdings stößt man in den einzelnen Kapiteln auf häufige Wiederholungen bereits erläuterter Aspekte. Dies stört bei einer vollständigen Lektüre des Texts, da diese Reprise teilweise sehr ausführlich gehalten ist. Gleichermaßen erleichtert dies aber auch das Textverständnis, da somit die einzelnen Kapitel für sich allein betrachtet werden können, ohne dass der Leser den Anschluss verliert und Kenntnisse des Vorgängerkapitels erforderlich werden.

Laurie Ruth Johnson ist eine spannende Kultur- und Literaturgeschichte des Unheimlichen gelungen, die neue Interpretationswege von der Geschichte und der Literatur der Aufklärung, Romantik und Moderne eröffnet.

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Laurie R. Johnson: Aesthetic Anxiety. Uncanny Symptoms in German Literature and Culture.
Rodopi Verlag, Amsterdam 2010.
266 Seiten, 53,00 EUR.
ISBN-13: 9789042031135

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