Faszinierende Fundgrube

Elke Stein-Hölkeskamp und Karl-Joachim Hölkeskamp über „Erinnerungsorte der Antike“

Von Ursula HomannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Ursula Homann

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der von Elke Stein-Hölkeskamp und Karl-Joachim Hölkeskamp herausgegebene Sammelband über „Die griechische Welt“ mit über 30 Beiträgen von namhaften Fachwissenschaftlern ist der zweite Band über „Erinnerungsorte der Antike“. Der erste über die römische Welt erschien bereits 2006 und wurde bei „literaturkritik.de“ im August-Heft 2007 von Thomas Neumann vorgestellt.

Auch dieser Band bietet dem Leser keine geschlossene und ausführliche Gesamtdarstellung der antiken Welt, sondern eher ein Panorama einer fernen Zeit, der wir uns selbst heute oft noch nahe fühlen, und in dem sich die Beiträge wie Mosaikstücke zusammenfügen.

Geografisch erstreckte sich die Antike nicht nur auf das griechische Mutterland, sondern auch auf Länder und Regionen vom westlichen Mittelmeer über Nordafrika bis zum östlichen Schwarzmeergebiet. Griechen besiedelten nur einen kleinen Teil der Erde, der sich aber immerhin, nach Aussage des platonischen Sokrates, „von den Säulen des Herakles (also von der Straße von Gibraltar im Westen) bis zum Phasis (einem in das Schwarze Meer mündenden Fluss in Kleinasien im Osten) erstreckte, sie wohnten rings um das Meer wie Frösche um einen Sumpf“. Sie alle fühlten sich als Griechen, denn sie teilten Sprache und Schrift und verehrten die gleichen Götter, trafen sich regelmäßig in den Heiligtümern von Delphi und Olympia und verfügten über „einen gemeinsamen kulturellen Code von Orientierungswissen, Sinn- und Werthorizonten“.

Die Beiträge sind in sechs große Abschnitte gegliedert. Zunächst geht es um konkrete Orte mit mythischem Klang wie Knossos, dem vielleicht wichtigsten Zentrum der minoischen Welt, bei dem man sofort an Minotaurus und das Labyrinth auf Kreta denkt, während einem bei Mykene gewichtige Namen wie Atreus, Agamemnon, Klytemnestra und Orest einfallen. Aber natürlich tau­chen auch die Städte Athen, Alexandria und Byzanz auf, obwohl Byzanz für viele Gelehrte der Aufklärung und auch noch für Sulpiz Boisseré und Jo­hann Wolfgang Goethe nur der mittelalterliche Ausläufer des niedergehenden Imperium Romanum war, da die eigentliche Wiederentdeckung erst im 19. Jahrhundert geschah.

Paestum in Süditalien verkörpert dagegen vor allem die Baukunst der Griechen. Dieser Stadt hat Goethe in seiner „Italienischen Reise“ einen längeren Absatz gewidmet, in dem er sein Befremden angesichts der Proportionen dieser Architektur zum Ausdruck brachte. Ferner werden die großen religiösen Zentren wie Olympia und Delphi gewürdigt, ebenso die Schlachtfelder Thermopylen – „Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest uns hier liegen gesehn, wie das Gesetz es befahl“, dichtete einst Friedrich Schiller – und Marathon. Aber auch modern gestaltete Schauplätze musealer Art wie die Glyptothek in München fehlen nicht – also Erinnerungsorte, die die Antike, das Griechentum und das Klassische bewahren. Daneben werden verschiedene monumentale Zeugnisse erwähnt wie der Parthenonfries und der Pergamonaltar,der laut Wulf Raeck ein hellenistischer Erinnerungsort zwischen Wissenschaft und Politik ist.

Troia, die Stadt des Priamos, könne ein lebendiger Gedächtnisort nur so lange sein, stellt Justus Cobet fest, wie Dichter und Theater den antiken Stoff reflektieren, zum Beispiel Jean Giradoux in seinem Drama „Der trojanische Krieg findet nicht statt“ (1935), Christa Wolf in ihrem Roman „Kassandra“ (1983), Kurt Steinmann in seiner Übersetzung der „Odyssee“ (2007), Raoul Schrott in seiner „Ilias“ (2008), und solange das Kino uns Troja immer wieder von neuem präsentiert.

Im Hinblick auf die Orestie des Aischylos , gleichfalls ein wichtiger Erinnerungsort der Antike, erinnert Martin Hose an die triumphale Aufführung in der Inszenierung Peter Steins an der Berliner Schaubühne wie in Moskau. Georg Wilhelm Friedrich Hegel sah in der Orestie sogar ein Modell für die Überwindung eines zivilisatorisch primitiveren Zustandes durch einen höherstehenden.

Delphi wiederum strahlt eine eigene unvergleichliche Atmosphäre aus. Hier kann man den Gegensatz des Apollinischen und Dionysischen, der auch in der Philosophie Friedrich Nietzsches eine Rolle spielt, bewundern als „Manifestationen“, bemerkt Michael Maass, „einer höchsten ungeteilten Göttlichkeit“. Hier werde eine doppelte Religion zugelassen, eine polytheistische Volksreligion mit dem „Wesenszug einer offenen und toleranten Religiosität, die mit dem Sieg des Christentums als Staatsreligion ihr Ende fand.“

Grabungen durch Heinrich Schliemann und später durch Arthur Evans, und andere archäologischen Forschungen haben seit den 1980er-Jahren die große Reichweite der mykenischen Beziehungen in den Osten und den Westen des Mittelmeeres aufgehellt.

Metaphorische Erinnerungsorte sind hingegen literarische Texte, wie die Epen Homers – seine „Ilias“ steht am Anfang der griechischen und gemeinsam mit dem Alten Testament auch am Anfang unserer Literaturgeschichte –, außerdem die Entwürfe einer Geschichtsschreibung durch Herodot und Thukydides, die Komödien eines Aristophanes. Zu anderen Erinnerungsorten zählen die Autoren kulturelle Praktiken, religiöse Rituale, Feste sowie Orakel, Olympiaden und historische Gestalten, die zum Mythos wurden, wie Alexander der Große. Die als genuin griechisch geltenden Ideen und Ideale, die die Gründerväter, Platon und Aristoteles in ihren politischen Philosophien und Staatstheorien entwickelt haben, werden von den Autoren ebenso wenig übersehen wie die zu jener Zeit entstandenen Begriffe „Demokratie“, „Bürgerschaft“, „Bürgersein“ und „Emanzipation“ in Sachen Politik.

Einen Platz in der Mitte der Erinnerungsorte beanspruchen zudem die Kunst, das Recht der freien Rede, des Dialogs und des Disputs in und vor einer politischen Öffentlichkeit. Das politische Denken der Griechen, meint Otfried Höffe, sei zur Zeit der großen Philosophen, „weit demokratischer gewesen als dasjenige aller Nachfolger“. Platon sei bedeutsam geworden in den von ihm inspirierten Utopien der frühen Neuzeit, in Tho­mas Morus‘ „Utopia“ (1516) und in Campanellas „Civitas solis“ (1623). Karl Popper habe zwar später in „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ (1945) Platon zum Vorläufer der totalitaristischen Ideologien des 20. Jahrhunderts erklärt, doch sei vieles an seiner Plato-Kritik, befindet Höffe, „schlicht falsch“.

Die neuzeitlichen Erinnerungsorte reichen von Johann Joachim Winckelmanns Entwurf des Ewig Klassischen über George Grotes Geschichte Griechenlands als Manifest der Liberalität bis zu Jakob Burckhardts „Griechischer Kulturgeschichte“.

Der Antikenkenner Winkelmann, berühmt geworden durch seinen Satz „edle Einfalt, stille Größe“, wurde lange als Apostel einer besonderen Wesensverwandtschaft von Griechen und Deutschen verehrt. Doch wissen wir heute, dass vieles in seinem idealistischen Griechen-Bild gefehlt hat: Krieg, Sklaverei, Männergesellschaft, irrationale Leidenschaften in Politik und Religion, tiefer Pessimismus. Wir teilen daher nur noch bedingt seine Bewunderung der griechischen Klassik. Geirrt hat sich auch Jacob Burckhardt und mit ihm Nietzsche und viele andere, die in den Griechen die freiesten Menschen der antiken Welt gesehen haben. Ging doch die damalige eurozentrische Ethnographie von einem kulturellen und zivilisatorischen Vorrang der Griechen als Vorläufer der modernen Zivilisation vor anderen zeitgenössischen Völkern aus.

Aber warum sollen wir uns das Pathos der Schönheit gänzlich austreiben lassen? fragt Johann Schloemann, und Hans-Joachim Gehrke schlägt vor, die Griechen, die uns vielleicht noch Vieles und Wichtiges zu sagen haben, auf zwei unterschiedliche Weisen zu lesen „als Meister Ihrer Zeit und als zeitlose Meister“.

Insgesamt haben wir es hier mit einem gut lesbaren, aufschlussreichen, voluminösen Lesebuch auf hohem Niveau zu tun und zugleich mit einer faszinierenden Fundgrube, die man so schnell nicht ausschöpft.

Titelbild

Elke Stein-Hölkeskamp / Karl Hölkeskamp (Hg.): Die griechische Welt. Erinnerungsorte der Antike.
Verlag C. H. Beck, München 2010.
683 Seiten, 38,00 EUR.
ISBN-13: 9783406604966

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