Das Gedächtnis der Städte

Moritz Csáky stellt das homogenisierende nationale Narrativ in Frage, indem er die Dichte der kulturellen Verflechtungen in den urbanen Milieus Zentraleuropas rekonstruiert

Von Kornelia Konczal

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

In vielen westeuropäischen Ländern gehören Migration und Mobilität von Personen und gesellschaftlichen Gruppen zu den zentralen Themen öffentlicher Debatten. Die Zuwanderung und die mit ihr verbundenen Verunsicherungen sind allerdings kein neues Phänomen – bereits vor über hundert Jahren waren Migrationen und Mobilitäten ein konstituierendes Merkmal Zentraleuropas: „Ein besonders hervortretendes Kennzeichen der zentraleuropäischen Region war schon immer die Dichte von ‚Fremdheiten‘, das heißt von Völkern, Sprachen, Kulturen und Regionen, die sich hier vorfand.“ – schreibt in seinem neuesten Buch der 1936 in Levoca, Slowakei, geborene österreichische Historiker und Kulturwissenschaftler Moritz Csáky. Infolge der beiden Weltkriege des vergangenen Jahrhunderts und der auf sie folgenden Grenzverschiebungen, die zur Homogenisierung der Gesellschaften führten, wurde die gelebte Multikulturalität in vielen zentraleuropäischen Regionen und urbanen Milieus zerstört. In die „Gedächtnisse der Städte“ sind aber bis heute mehrfache Identitätskonstruktionen und unterschiedliche Erinnerungen eingeschrieben.

Spätestens an dieser Stelle müsste dem Leser auffallen, dass der Autor in der vor wenigen Monaten bei Böhlau erschienenen Monografie auf den politisch und ideologisch belasteten Terminus „Mitteleuropa“ verzichtet, um sich konsequent des weniger aggressiven Begriffs „Zentraleuropa“ zu bedienen. Csáky versteht Zentraleuropa als einen dynamischen Prozess, einen entgrenzten und „relationalen Raum“, der kontinuierlich von „Verflechtungen, Vernetzungen, Wechselwirkungen, Krisen und Konflikten“ geprägt war.

Im Zentrum des Bandes steht die Hauptstadt der k. u. k. Doppelmonarchie in den Jahrzehnten um 1900 und die auf Hugo von Hofmannsthal zurückgehende metaphorische Denkfigur „porta orientis“. Einerseits ist damit die Mittlerfunktion Wiens zwischen West und Ost gemeint, andererseits wird in dieser Metapher die besonders intensive Verbindung der Stadt zu Südosteuropa und zum Orient ausgedrückt. Tatsächlich ist die Verdreifachung der Bevölkerung Wiens zwischen 1869 und 1900 nicht nur auf die Eingemeindungen von Vororten, sondern vor allem der Zuwanderung aus der Monarchie zurück zu führen: 1900 war knapp die Hälfte der Wiener Bevölkerung in der Stadt geboren. Unter den Zugezogenen dominierten Zuwanderer aus Böhmen und Mähren – im Jahre 1900 bildeten sie über 25 Prozent der Stadtbevölkerung.

Csáky rekonstruiert verschiedene Facetten der Habsburger Monarchie, die sich in Wien verdichteten: Die einzelnen Kapitel der Studie sind dem tschechischen, ungarischen, slowenischen und jüdischen Wien gewidmet. In einem weiteren Teil des Bandes erweitert er die Perspektive, indem er den multikulturellen Mikrokosmos anderer zentraleuropäischer Städte unter die Lupe nimmt: Budapest, Bratislava, Czernowitz, Triest, Breslau, Leutschau und Prag.

Um sich der interkulturellen Kommunikation in diesen Städten um die Jahrhundertwende anzunähern, schöpft der Autor aus einem reichen Quellenkorpus, der unter anderem schöngeistige Literatur, autobiografische und publizistische Texte, Reiseführer und statistische Angaben umfasst. Der Historiker interessiert sich für „die polyglotte Ornamentik des Wienerischen“, musikalische Werke und Kulinarien, in denen sich verschiedene kulturelle Einflüsse beobachten lassen, sowie die gelebte Polyglossie der Stadtbewohner. Viele Passagen sind verschiedenen multilingualen Mittlerfiguren gewidmet: Ivan Cankar, Marko Ceremsyna, Lajos beziehungsweise Ludwig Dóczy, Ivan Franko, Siegried Salomo Lipiner, Josef Svatopluk Machar, Scipio Slapater, Tadeusz Rittner oder Josef Wenzig. An zahlreichen Schnittstellen, wie Kaffeehäusern, Redaktionen von Zeitungen und Zeitschriften, Theatern, dem Wiener Prater, der Secession, Schulen und Universitäten oder Wiener Slawen-Bälle und private Salons, rekonstruiert der Autor die Intensität der interkulturellen Transferprozesse.

In Analogie zum Diktum von Walter Benjamin, der Paris als die Hauptstadt des 19. Jahrhunderts bezeichnet hatte, was der Konstanzer Romanist Karlheinz Stierle in seiner Studie über den „Mythos von Paris“ ausdrücklich belegte, könnte man Wien als die Hauptstadt der kulturellen Verflechtungen bezeichnen.

Csáky neigt jedoch nicht dazu, zentraleuropäische Städte zu verklären: Mit zahlreichen Beispielen belegt der Historiker, dass die sich überlappenden kulturellen Räume in den urbanen Milieus nicht frei von Krisen und Konflikten waren. Die bis heute gültige Aktualität des folgenden Kommentars ist nicht zu übersehen: „Wo nationale Identitäten abhandenzukommen beginnen, werden, zumindest im politischen Diskurs, anscheinend neue Differenzen vor allem mithilfe der Repräsentation von sogenannten Minderheiten aufgebaut, die, im Sinne der Erhaltung alter oder der Schaffung neuer hegemonialer Positionen, auf einer Neukonstruktion von differenzierenden Merkmalen beruhen, ob das nun die Hervorkehrung der Hautfarbe, des sozialen Status, der Religion, der ‚ethnischen‘ Zugehörigkeit oder der vermeintlich unterschiedlichen Lebenswelten, zum Beispiel ‚zivilisiert‘ versus ‚primitiv‘, ist“. Der vonseiten der jeweiligen Stadtverwaltungen auf die Zugezogenen ausgeübte Assimilationsdruck, zahlreiche Vorurteile und Stereotype, die die gegenseitige Wahrnehmung verschiedener Sprachgruppen prägten, werden in der umfangreichen Studie in unterschiedlichen Konstellationen thematisiert.

Die oben angeführte Passage aus Csákys Monografie ist übrigens typisch für den Sprachduktus des Autors: Raffinierte Leser werden „Das Gedächtnis der Städte“ als ein Meisterstück wissenschaftlicher Prosa wahrnehmen. Bei künftigen fremdsprachigen Ausgaben, die man dem Band herzlich wünschen kann, werden die Übersetzer allerdings eine nicht immer leicht zu lösende Aufgabe bekommen.

Wenn – wie der Autor behauptet – Wien-Monografien bis heute „das Bild einer sprachlich und kulturell überwiegend homogenen Stadt“ vermitteln, dann kommt Csákys Buch tatsächlich der Verdienst zu, eine neue Wien-Narration anzubieten. Denn das Ziel des Autors, „Bilder einer Vergangenheit freizulegen, die in den von nationalen Vorgaben beeinflussten geschichtlichen Darstellungen in der Regel mehr oder weniger bewusst ausgespart bleiben, vergessen oder verdrängt oder zumindest marginalisiert werden“, wurde brillant erreicht. Der österreichische Historiker arbeitete die heterogene Verfasstheit ausgewählter zentraleuropäischer Städte heraus und konnte auf diese Weise den dominanten nationalen Diskurs und das essentialistische Konzept einer Nationalkultur überzeugend dekonstruieren.

Zu schreiben wäre jetzt eine neue Geschichte der Wiener Literatur: „In der Realität freilich war Wien in den Jahrzehnten um 1900 eine Stadt, in der sich die Vielsprachigkeit der zentraleuropäischen Region widerspiegelte. Auch die literarische Produktion erfolgte hier in verschiedenen Sprachen, eine Tatsache, die von der Literatur- und Kulturgeschichte kaum wahrgenommen und gewürdigt wird, weil die jeweiligen literarischen Werke entsprechend dem nationalen Postulat, das die sogenannte Nationalsprache als das primäre Kriterium für (National-)Kultur und (National-)Literatur ausgab, mit Erfolg ausschließlich in die jeweiligen, voneinander separierten Nationalliteraturen eingegliedert wurden“. Der österreichische Historiker protestiert gegen die gängige Attitüde, die sprachlich unterschiedlichen Literaturen, die in Wien entstanden, aus ihrem ursprünglichen städtischen Kontext herauszureißen, um sie zu „nationalisieren“. Csákys dichte Beschreibung der kulturellen Gedächtnisse zentraleuropäischer Städte kann somit in erster Linie als ein ausdrückliches Plädoyer für einen entnationalisierten Blick auf die Literatur-Geschichte gedeutet werden.

Titelbild

Moritz Csaky: Das Gedächtnis der Städte. kulturelle Verflechtungen - Wien und die urbanen Milieus in Zentraleuropa.
Böhlau Verlag Wien, Wien 2010.
417 Seiten, 39,00 EUR.
ISBN-13: 9783205785439

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